Kultur

Schweinegrippe | 28.04.2009 12:05 | The Guardian

Vertrauen ist gut, Kontrolle nicht vorhanden

Die hochansteckende Schweinegrippe ist nun auch in Europa angekommen. Über das Virus weiß man viel, nur nicht, ob ausreichend Medizin vorhanden ist

Die Schweinegrippe ist eine hochansteckende Viruskrankheit, die die Atemwegsorgane von Borstentieren befällt. Sie tritt meist im Spätherbst und Winter auf und tötet ungefähr ein bis vier Prozent der infizierten Tiere.

Verursacht wird die Krankheit von einem Typ-A-Grippevirus. Der neue, jetzt in Mexiko aufgetauchte Stamm gehört zur am weitesten verbreiteten Untergruppe, die als H1N1 bekannt ist. Viren, die sich von Schweinen auf Menschen übertragen, sind nach Meinung von Experten besonders besorgniserregend, weil die Tiere schon mehrere Arten von Viren gleichzeitig beherbergen, die dann untereinander ihre Gene austauschen. Auf diese Weise entstehen besonders ansteckende Formen der Krankheit.

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Grippeviren bestehen aus nur acht Genen. Der neue Stamm hat sechs Gene eines in Nordamerika verbreiteten Schweine­grippe-Virus, der selbst schon durch die Mischung der Viren von Menschen-, Schweine- und Vogelgrippe entstanden ist. Die anderen beiden Gene stammen von einem Schweinevirus, das bei europäischen und asiatischen Schweinen vorkommt.

Schweinefleisch ist ungefährlich

Menschen infizieren sich nur selten mit Schweineviren. In der Vergangenheit gab es sporadische Ausbrüche, die zwar zu Unwohlsein, aber nicht zu tatsächlich bedrohlichen Erkrankungen führte. 1976 erkrankten im nordamerikanischen Bundesstaat New Jersey über 200 Menschen schwer, einer kam dabei zu Tode. Man geht davon aus, dass das Virus ungefähr einen Monat lang kursierte, bevor es wieder verschwand. 1988 starb in Wisconsin eine 32-jährige schwangere Frau, nachdem sie sich mit dem Virus infiziert hatte. Zwischen 2005 und 2009 kam es in Amerika zu 12 Fällen menschlicher Schweinegrippe-Infektionen, von denen aber keine tödlich verlief. Die Ansteckung erfolgt entweder durch direkten Kontakt mit Schweinen, in der Umgebung, in der sie sich aufgehalten hatten oder durch den Kontakt mit einer infizierten Person. Die Infektion kann nicht durch den Verzehr von Schweinefleisch oder Produkten, die Schweinefleisch enthalten, übertragen werden.

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Die Symptome der Schweinegrippe sind identisch mit denen der normalen Grippe. Der Krankheitsverlauf ist unterschiedlich schwer; in den schlimmsten Fällen kann sie zu einer tödlichen Lungenentzündung führen. Der neue Stamm scheint vor allem für 25- bis 45-Jährige lebensgefährlich zu sein – ein schlechtes Zeichen, denn dies zeichnete auch die Spanische Grippe von 1918 aus, die weltweit Abermillionen Menschen das Leben kostete.

Sollte die Grippe Deutschland erreichen, könnten Betroffene auch hier mit dem Grippemittel Tamiflu behandelt werden. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt seit Jahren, eine solche Mengen von Vorräten einzulagern, die für die Versorgung von 20 Prozent der Bevölkerung ausreichen. Wie es um die Vorräte in Deutschland tatsächlich bestellt ist, bleibt allerdings auch heute noch nebulös: Das Bundesministerium für Gesundheit verweist darauf, dass Katastrophenschutz in Deutschland Ländersache ist, weshalb in Berlin voll und ganz auf die Kompetenz der Länder vertraut wird. Ob das so klug ist, muss man bezweifeln: Auf Nachfrage des Freitag erklärte zum Beispiel das baden-württembergische Sozialministerium, es lagere Vorräte ein, die für 14 Prozent der Bevölkerung ausreichen. Anlass zur Sorge sieht das Landesministerium nicht: Man wisse, dass auch einzelne Städte und Firmen Vorräte besäßen. Wie umfangreich diese sind, ist allerdings weder der Landesregierung in Stuttgart noch dem Bundesministerium für Gesundheit bekannt.

Die saisonale Grippeimpfung hilft gut gegen die menschlichen Grippeviren, Schweinegrippe unterscheidet sich von dieser aber so sehr, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass der Impfstoff dagegen wirksam ist. Die Entscheidung darüber, ob für die Schweinegrippe neuer Impfstoff hergestellt wird, liegt bei der Weltgesundheitsorganisation. Zwischen der Entwicklung des Impfstoffs und einer flächendeckenden Impfung der Bevölkerung liegen nach Auskunft des Bundesgesundheitsministeriums sechs Monate.

 

 
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