Kultur

Gender Studies | 21.08.2009 15:00 | Germaine Greer, The Guardian

Wann ist eine Frau eine Frau?

Bei der südafrikanischen 800-Meter-Weltmeisterin Caster Semenya interessiert sich plötzlich alle Welt für das Geschlecht. Im Sport ist sexuelle Diskriminierung die Regel

Was macht eine Frau zur Frau? Sind Frauen gemacht? Die feministische Orthodoxie bejaht dies. Feministische Fundamentalisten sind der Ansicht, die Biologie sei eine kulturelle Konstruktion. Man versteht, was gemeint ist. Die Biologie hat traditionell das männliche Tier untersucht und das weibliche als körperlose Ansammlung reproduktiver Organe betrachtet.

Obwohl wir wissen, dass ein Y-Chromosom nur ein X-Chromosom ist, das ein Bein verloren hat, denken wir immer noch in den Kategorien: männlich = perfekt, weiblich = mangelhaft. Man könnte die akademischen Feministinnen einfacher ausgedrückt auch so verstehen – a) Du bist eine Frau, wenn du dich für eine hältst b) Du bist eine Frau, wenn andere dich für eine halten. Unglücklicherweise folgt aus a) nicht zwangsläufig b).

Heutzutage kann jeder von uns auf Leute treffen, die sich für Frauen halten, weibliche Namen, Kleider und jede Menge Lidschatten tragen. Sie mögen uns als entsetzliche Parodien erscheinen, auch wenn es nicht höflich ist, so etwas zu sagen. Wir tun so, als seien alle Menschen, die als Frauen gelten, auch welche. Andere Selbsttäuschungen werden unter Umständen in Frage gestellt, die eines Mannes, der sich für eine Frau hält, aber nicht.

Es sei denn, es geht um Sport. Im Sport ist die andernorts überall verbotene sexuelle Diskriminierung die Regel. In der schlechten alten Zeit bedurfte es lediglich eines einzigen Tests des SRY-Gens, um das Geschlecht eines Menschen zu bestimmen, der als Frau galt. Bei den Olympischen Spielen von 1992 und 1996 war der SRY-Test für alle weiblichen Teilnehmer obligatorisch. Nach mehr als 6.000 Tests gab es keinen einzigen Fall, in dem ein männlicher Athlet sein wahres Geschlecht wissentlich falsch angegeben hätte, um sich dadurch einen Vorteil zu verschaffen. Stattdessen wurden durch die Tests bei einigen Frauen sexuelle Entwicklungsstörungen nachgewiesen, die davon gar nichts wussten. Die intersexuellen Frauen waren weder in ihrer Erscheinung noch in ihrer Leistung von anderen XX-Athletinnen zu unterscheiden. Die ganze Kontrolliererei führte also lediglich dazu, dass eine kleine Gruppe von Athletinnen beschämt wurde und in wenigstens einem Fall zu einem ungerechten Ausschluss vom Wettbewerb, weshalb man wieder von ihr Abstand nahm.

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Und dann kam Caster Semenya: Groß, burschikos und verdammt schnell – ist es möglich, dass sie ein Mädchen ist? Kein einfacher Chromosomen-Test wird dies entscheiden können. Zur Bestimmung ihres Geschlechts braucht es einen Endokrinologen, einen Gynäkologen, einen Gender-Experten und einen Psychologen. Für diejenigen von uns, die nie daran zweifeln durften, ob sie weiblich sind, mag dies seltsam anmuten. Wir wissen nicht, ob wir wie Frauen denken. Wir denken einfach. Es dürfte wohl keinen seriösen Psychologen geben, der es wagen würde, einen Gedankengang als weiblich oder als männlich zu klassifizieren.

Einmal angenommen, die Geschlechtspolizei käme zu dem Ergebnis, dass Semenya sich zwar als Frau fühlt, körperlich aber ein Mann ist und man sie trotzdem weiter als Frau an den Start gehen ließe – was würde es für die anderen Frauen bedeuten, wenn sie mit einem solch ungerechten biologischen Vorteil antreten dürfte? Menschen, die nicht ovulieren oder menstruieren, sind körperlich wahrscheinlich immer im Vorteil gegenüber denjenigen, die dies tun. Ist es dann aber nicht so, dass jeder auf Wettbewerb beruhende Sport die Ausbeutung eines genetischen Vorteils verherrlicht? Wer hat gesagt, das Leben sei gerecht.

Übersetzung: Helga Hase
 
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Kommentare
merdeister schrieb am 21.08.2009 um 16:48
Wirr.
Nelly schrieb am 21.08.2009 um 17:22
Danke. Dachte zuerst, es läge vielleicht an mir.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 21.08.2009 um 17:40
merdeister, Du meinst doch nicht, es sei 'wirr' geschrieben, sondern, dass es ein 'wirres', sprich 'komplexes' Problem ist, oder?
Lago schrieb am 21.08.2009 um 18:39
Natürlich diskriminiert der Sport Frauen. Sonst gäbe es ja keine weiblichen Spitzensportler, außerhalb von Curling und Reitsport.

Noch schlimmer diskriminiert der Sport Behinderte, indem er Paralympics austragen lässt ...
Janusz schrieb am 24.08.2009 um 13:30
Was soll das denn heißen?

Oder ist etwa mein Ironie-Filter ausgefallen? Bitte präzisieren Sie!
oranier schrieb am 22.08.2009 um 11:38
Natürlich ist der Artikel wirr. Wer von "feministischer Orthodoxie" und "feministischen Fundamentalisten" redet, macht durch die Begrifflichkeit aus der feministischen Theorie und sozialen und politischen Bewegung umstandslos eine Religion mit mehr oder weniger fanatischen Gläubiginnen, was die Gegner bestimmt dankbar aufgreifen werden.

Wer andererseits der Ansicht ist, die Biologie sei eine kulturelle Konstruktion, hat natürlich Recht, sofern mit Biologie die Wissenschaft gemeint ist, die, wie die anderen Wissenschaften auch, sich kulturgeschichtlich entwickelt hat, meinetwegen auch konstruiert worden ist. Eine Binsenweisheit. Wer jedoch der Überzeugung sein sollte, die signifikanten biologischen Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Exemplaren der Menschengattung seien bloß Produkte von Konstruktionen der Gehirne einiger dieser Exemplare, deren eigenes ist ebenso signifikant gestört.

Eine andere Frage wäre, ob der in Vergessenheit geratene Ernest Bornemann nicht vielleicht Recht hatte mit der These, die vergleichsweise kleineren und zierlicheren Gestalten der Frauen seien ein Zuchtprodukt des Patriarchats, dergestalt, dass die Männer über die Jahrtausende hinweg die Begattung der Zierlichen der der Stämmigen vorgezogen hätten, aus Furcht vor diesen, versteht sich.

Das wäre dann allerdings eine hand- und standfeste praktische Konstruktion des Biologischen. Welche Theorie allerdings heute ohnehin obsolet ist, denn nach neuerem Paradigma sind die Menschen nicht die Subjekte der Gatten- und Begattungswahl, sondern willenlose Vollzugsorgane der Herren Gene, die die Herrschaft über die Natur- wie die Menschheitsgeschichte übernommen haben. So vielfältig sieht es im Reich der sozial konstruierten Wissenschaften aus.

Was die Diskriminierung im Sport betrifft, so kann ich die interessanten Reflexionen im Ergebnis nicht nachvollziehen. Sollen die Frauen und Männer nun getrennt starten oder nicht? Natürlich ja, denn sonst wären die Frauen beim Kugelstoßen und Speerwerfen benachteiligt, ergo diskriminiert. Warum Männer schneller rennen können, versteh' ich ohnehin nicht. Geht da mehr Luft rein, oder was?
Lässt man sie aber getrennt starten, muss man sie doch kontrollieren, oder? Die klammheinmiche Beteiligung von schmalbrüstigen und -hüftigen Männern mit Pferdeschwanz bei Wettkämpfen von Frauen benachteiligt diese doch auch, oder?

Man kann sie aber gar nicht getrennt starten lassen, denn das Männliche und Weibliche kommt in den Körpern und Seelen der Menschen in den vielfältigsten Varianten und Kombinationen zum Ausdruck.

Also soll man sie doch gemeinsam starten lassen, oder? Das ginge aber gerechterweise nur, wenn man vorher die Bornemannsche Zucht umkehren würde und auf absehbare Zeit die Fertilität bloß noch der großen und stämmigen Frauen befördern würde. Da bestünde aber die Gefahr, dass die zierlichen sich zu einer militanten fundamentalistischen Religionsgemeinschaft zusammenschließen und versuchen würden, das Recht auf ununterbrochene Schwangerschaft unter der Losung "Selbstbestimmung über den eigenen Bauch" herbeizubomben.

So oder so: Wie man's macht, isses falsch.
mh schrieb am 22.08.2009 um 12:05
jetzt solls ein twitter äh zwitter sein. sagt man dann er oder sie oder es?

mfg
mh
da5id schrieb am 22.08.2009 um 19:57
Orthodox und fundamentalistisch ist möglicherweise eine linke Wochenzeitung, die kaum Frauen schreiben lässt; und wenn, dann ist es eine Übersetzung aus dem Guardian, in der eine feministische Position, wenn sie denn schon erwähnt werden muss, als orthodox und fundamentalistisch abgewertet wird. Eigentlich ist es unnötig, darauf hinzuweisen, dass die Dekonstruktion des biologischen Geschlechts ab Anfang der 90er Jahre eine neue Position in der feministischen Debatte aufgemacht hat, die sicherlich umstritten war und ist, und der vieles vorgeworfen wurde, ausser ausgerechnet das: orthodox und fundamentalistisch zu sein. Der Vorschlag, Geschlecht vor allem als performance zu denken, hat neue Forschungsstrategien und Debatten hervorgebracht und ist fast 20 Jahre später aus postcolonial, gender, poplinken und anderen studies gar nicht mehr wegzudenken.
Notwendig sind solche Hinweise offensichtlich nur dann, wenn man sich in Kreisen bewegt, die denjenigen, die an althergebrachten Gewissheiten zu rütteln wagen, gerne das vorwerfen, was die eigene Denkweise kennzeichnet, nämlich orthodox und fundamentalistisch zu sein.
verqueert schrieb am 23.08.2009 um 19:01
Titta schrieb am 23.08.2009 um 19:08
@verqueert

Hatte ich schon gelesen, mich aber nicht getraut, dazu was zu sagen.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 16.09.2009 um 20:29
Caster Semenya´s äußeres Erscheinungsbild entspricht nicht unbedingt den Ansprüchen, welche an ein junges Mädchen gestellt werden. Allerdings ist der Körper von Caster Semenya perfekt für den Sport.
Caster Semenya sagt, dass Sie eine Frau ist. Ihre Eltern sagen das auch. Ebenso ihr Trainer.
Und ich sage, sie ist gegenwärtige die beste Läuferin der Welt.


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