Kultur

Kino | 12.11.2009 16:00 | Simon Rothöhler

Der katholische Faktor

Michael Moores neuer Film enttäuscht über weite Strecken. Aber immerhin zeigt „Capitalism: A love story“ den weltanschaulichen Background des Filmemachers

Am 11. Januar 1944 nutzte US-Präsident Franklin D. Roosevelt seine vorletzte "State of the Union-Rede", um vorzuschlagen, die ersten zehn Zusatzartikel der Verfassung der Vereinigten Staaten um eine zweite Bill of Rights zu erweitern. Die politischen Grundrechte sollten durch ökonomische komplettiert und gestützt werden: Das Recht auf Arbeit und Lebensunterhalt, Wohnraum, medizinische Versorgung, Bildung und Freizeit.

Roosevelts Diagnose hielt mit großer Klarheit fest, dass die Vertiefung ökonomischer Ungleichheit die Gleichheitsgrundsätze der ersten Bill of Rights unterminiert. Der Chicagoer Rechtstheoretiker Cass Sunstein hat über die Aktualität dieser nur rudimentär umgesetzten Vision ein lesenswertes Buch geschrieben (The Second Bill of Rights – FDR’s Unfinished Revolution and Why We Need it More Than Ever).

Michael Moores neue Agitprop-Arbeit Capitalism: A Love Story ist in vielerlei Hinsicht ein Film, den man sich schenken kann. Seinem Rechercheteam kommt allerdings das historiografische Verdienst zu, das verschollen geglaubte und nie veröffentlichte Filmmaterial der Roosevelt-Rede wiederentdeckt zu haben. Die Rede war damals nur im Radio übertragen worden, weil Roosevelt bereits von Krankheit gezeichnet war.

Capitalism: A Love Story reiht im bekannten Modus des routinierten Moore-Populismus eine ganze Reihe von Phänomenen aneinander, die nur dann etwas miteinander zu tun haben, wenn man den Bezugsrahmen so weit aufspannt, dass als Adressat nur noch „der Kapitalismus“ in Frage kommt. Neu ist, dass Moore recht offen den weltanschaulichen Kern seiner politischen Intervention ausweist: seinen katholischen Hintergrund.

Was würde Jesus sagen?

Praktischerweise liefert dieser dann auch gleich ein Narrativ für die jüngsten ökonomischen Entwicklungen als Werk des Teufels. Der Kapitalismus ist nicht nur falsch und ungerecht, sondern eine „Sünde“ und das „radikal Böse“, wie Moore ihm auch privat nahe stehende Priester in die Kamera sprechen lässt. Weniger sicher ist sich der Film, wie er es mit Obama halten soll: Ist er der Erlöser oder doch nur ein weiterer Bösewicht, der sich mit bekannten wall street devils wie Larry Summers umgibt?

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Auch wenn der Film als analytische Richtschnur explizit die Frage „What would Jesus say?“ benennt, und die Rechercheergebnisse von entsprechender Unterkomplexität sind, hat er natürlich Recht im Entsetzen über Firmen, die auf ihre Angestellten Lebensversicherungen abschließen und in internen Kalkulationen nicht erreichte Sterblichkeitsquoten monieren. Unschön auch feiste Immobilienhändler, die sich auf Zwangsversteigerungen spezialisieren. Oder der Skandal rund um eine privatisierte Jugendstrafvollzugsanstalt, die sich von korrupten Richtern volle Auslastung garantieren ließ, als ginge es um Hotelbetten.

Wie gehabt enervierend an Moores Methode ist nicht nur, dass sie ausschließlich in Überschriften denkt, sondern auch die Eitelkeit des Regisseurs als Hauptdarsteller seiner eigenen Filme. Bei jedem Gespräch lauert sein Gesicht im Gegenschuss, ohne dass es wirklich um einen Dialog ginge. Moore inszeniert sich als Anwalt der kleinen Leute, merkt aber offenbar nicht, dass es peinlich ist, wenn er sich bei seinen klamaukigen Versuchen, mit den Bossen zu sprechen, immer nur am Wachpersonal aufreibt. Da hat er die working class direkt vor sich, und sieht sie nicht.

 
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