Kultur

Tatort | 10.01.2010 21:45 | Matthias Dell

Ich will mein Leben zurück!

Nachdem Schweighöfer-Overkill: Zurück zur Normalität mit dem Kölner Kommissar Ballauf, der weiterhin mit seiner Einsamkeit und mangelhafter Ernährung konfrontiert wird

Nach dem turbulenten Tatort von letzter Woche, dessen wahre Größe zu schauen durchaus einige Zeit in Anspruch nahm und noch nehmen wird, geht's diese Woche zurück zum Alltag. Klassentreffen aus Köln ist ein Tatort, wie ihn Autor und Abteilungsleiter zu schätzen wissen: Keine Lehrveranstaltung der Bundeszentrale für politische Bildung, sondern ein Krimi, der vor allem aufs die Interaktion der Beteiligten, wenn nicht das "Milieu" (Abteilungsleiter) setzt. Dass dabei die Opfer-Täter-Ermittler-Nähe wieder aufs Privateste enggeführt wird, ist dann nach all den Jahren fast nicht mehr beklagenswert.
Am interessantesten wohl: die fortschreitende Pathologisierung der Kommissar-Ballauf-Figur. Schon in der letzten Kölner Folge Platt gemacht ging es um Alkoholismus und Devianz vom bürgerlichen Leben. Darauf wird auch hier weiter herumgeritten, wobei man nicht sicher ist, ob es von Vorteil ist, dass die Figur eben über die einzelne Episode charakterisiert und damit glaubwürdig gemacht wird. Oder etwas gemein, denn Kommissar Ballauf (Klaus J. Behrendt) ist uns mindestens so sympathisch wie Kollege Schenk (Dietmar Bär), der aufgrund seiner eindrucksvollen Leibesfülle immer so herrlich rollend läuft.
Ballauf hat nichts außer der Arbeit, deshalb treibt er sich am Anfang am Mordschauplatz des erhängten Kölner Bauunternehmers Tarrach rum, obwohl er doch eigentlich Urlaub hat und zum Titel gebenden Klassentreffen soll. Da aber wird dem Unglück, das das eigene Leben in Einsamkeit ist, noch viel bohrender ins Auge geschaut. Zumal wenn man so sympathische Klassenkameraden hat wie diesen Klassentreffen-Organisator Stefan (Oliver Stritzel), der auch nach 30 Jahren noch alle zur Schnecke machen muss. Komischer Ansatz, sich für solch eine miese Show das Klassentreffen rauszusuchen. Und irgendwie zwangsläufig, dass Stefan dann der zweite Tote in diesem Tatort ist, der Kommissar Ballauf aus seinem Dilemma befreit, Urlaub zu haben, wo doch gearbeitet werden will. Etwas absurd: wie im Nachhinein alle so gut über den Stefan reden ("Stefan konnte reden, der konnte Leute begeistern"), der ja, wie dem Zuschauer rasch klar wird, im Grunde seines Herzens eine Totalkatastrophe ist.

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Kalte Augen, tote Stimme

Gut gefällt die Essener Kommissarin Vossbeck (Angelika Bartsch), die mit kältesten Augen und gefühllosester Stimme ihr Programm durchzieht: "Unsere Ermittlungen stehen noch am Anfang, für Spekulationen ist es zu früh." Buch (Jürgen Werner) und Inszenierung (Regie: Kaspar Heidelbach) enttäuschen die Erwartung des in Fernsehfilmen geübten Zuschauers selten: Wenn Ballauf nach dem Klassentreffen in seinem Hotelzimmer steht und ein Bier öffnet, und man denkt, es könnte doch einmal jemand klopfen, klopft jemand. Katja (Karoline Eichhorn, die im Laufe des Films immer weiter runtergeschminkt wird), die alte Liebe und jetzige, angeblich glückliche Frau von Stefan steht vor der Tür, und nennt als Grund für ihr Erscheinen, da man denkt, dass sie sich mit ihrem Stefan gestritten haben muss: "Wir haben uns gestritten."
Baustellenverfolgungsjagden machen nicht so viel her, aber die Suche nach dem Täter des Mords an Fiesling Stefan ist doch einigermaßen spannend: Am Ende war's die Assistentin (Jasmin Schwiers), die doch nur an ihrer Karriere gearbeitet hat – ein Motiv, das eine gewisse Glaubwürdigkeit hat im Gegensatz zu der Tatsache, dass sie tatsächlich nachts in das Klassentreffen-Hotel fährt, um Stefan zu sagen, dass es aus ist. Dafür gibt es doch heutzutage Mobiltelefone. Von mir aus auch Twitter.

Einsamkeit und Currywürste

An Ballauf werden diesmal nicht nur alle Dienstvergehen seiner Tatort-Karriere (inklusive der early Düsseldorf Years unter Martin Lüttge aka Kommissar Flemming, was eine schöne Reverenz ist) unter die Nase gerieben, sondern vor allem seine Einsamkeit und die ewigen Currywürste. Schon beim letzten Mal bestand die Hoffnung, dass es mit der Therapeuten-Freundin, die ihn vom Alkoholabusus kuriert hatte, was werden könnte. Diesmal läuft nun vieles auf die Jugendliebe, Falsche-Lebensentscheidung-Trefferin und Witwe Katja zu. Eigentlich keine schlechte Ausgangsposition, aber die Liebe ist auch im Tatort ein romantisches Konzept und keine Notdurft, weshalb doch relativ klar ist, dass es mit der final so blassen Katja auch nichts wird. Die Ballauf-Figur bleibt spannend.

Wenn das Herbert Reinecker noch erlebt hätte: Auf die Botschaft, dass der Chef gestern nacht erschossen wurde, nicht mit einer Gegenfrage ("Erschossen?") zu reagieren, sondern der doch recht menschlichen Regung: "Ach, du Scheiße" (durch Martin Brambach als Bauleiter Michalke, den man immer mit Freude sieht)
Mutig, als televisionäre Begleiterscheinung (wenn auch nicht im Sinne Christoph Schlingensiefs) zur Kulturstadtjahr-Eröffnung (Ruhr 2010) Negativschlagzeilen zu riskieren, und seien sie auch nur fiktiv: die Machenschaften der Ruhr-2010-Stiftung im Film

 

 

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Michael Angele schrieb am 10.01.2010 um 21:53
Hervorragende Kritik mit treffender Ballauf-Analyse. Einziger Einwand: "Gut gefällt die Essener Kommissarin Vossbeck (Angelika Bartsch)". Ihr Spiel fand ich affig unterkühlt.
Matthias Dell schrieb am 11.01.2010 um 10:06
die einen sagen so. die anderen so. danke für die freundlichen worte
Ludwig Hasselberg schrieb am 10.01.2010 um 22:17
Konnte ich irgendwie nicht so richtig was mit anfangen. Fazit: nicht durchgehalten.
E H schrieb am 10.01.2010 um 22:26
Ich fand den Krimi eher durchschnittlich. Mich ärgern jedoch immer Krimis, in denen die Polizei mit einem "schmutzigen" Trick den Täter/die Täterin überführt. So auch hier. Mit einem Fake wurde der Rechtsstaat mit Füßen getreten und diese Attitüde, wonach der Zweck irgendwie alle Mittel heiligt, popularisiert ...

So long.
lebowski schrieb am 11.01.2010 um 08:27
Das Kölner Tatort-Team hat schon einige Meisterwerke zustande gebracht (zB Kinder der Gewalt)aber leider noch mehr Folgen in den Sand gesetzt. Die schlechte Folgen sind meistens daran gescheitert, dass sie überambitioniert waren.
Diesen Fehler hat man diesmal nicht gemacht. Das war gutes Handwerk und der Einblick in die ganze Kulturindustrie, bei der er sich in der Hauptsache um knallharte Geschäftemacherei handelt, war auch einigermaßen realistisch.
Und so rutschte man immer tiefer in den Sessel und irgendwann war der Bewegungsapparat so abgeschlafft, dass man nicht mehr rechtzeitig beim Start von "Anne Will" die Flucht ergreifen konnte, So musste man sich eine furchtbare halbe Stunde einen Streit darüber anhören, wie man Menschen auf nicht mehr vorhandene Arbeitsplätze vermittelt. Brrr!
Deaktivierter Nutzer schrieb am 11.01.2010 um 11:48
Hab ich auch so gesehen. Und die Plazierung von Ruhr 2010 war sehr schön. Ich denke aber, ein Essener Tatort sollte dann doch nicht gebastelt werden.
Jetzt geh ich Currywurst Essen ...
Jan Pfaff schrieb am 11.01.2010 um 10:10
So gern ich die Kölner schaue, das war tatsächlich eine der schwächeren Folgen. Was für mich allerdings neu war – dass das Ruhrgebiet eine dermaßen erotisch aufgeladene Gegend ist. Da hatte ja jeder schon mal etwas mit jedem, auch wenn sich nicht alle erinnern konnten.

Ansonsten aber Konstellationen und Dialoge, wie sie sich Drehbuchautoren halt am Schreibtisch ausdenken. Furchtbar konstruiert und plakativ.

Trotzdem: Ballauf kann einfach so schön traurig gucken.
misterl schrieb am 11.01.2010 um 10:11
Mangels Alternative durfte ich mal wieder. Tatort gucken. Mein Glück/Pech, so genau war das im Vorfeld nicht zu klären ein Kölner Tatort. Die Kamera fliegt per Heli mit langem Schwenk über den Rhein, dreht am Schokomuseum bei und sofort ist man mittendrinn. Am hellen frühen Morgen hängt eine Leiche überm Geländer. Fein, es kann also losgehen mit einem schönen Stück Kriminalunterhaltung. Der Ansatz klingt viel versprechend. Wäre da nicht Ballauf mit seinem Klassentreffen. So wird aus dem schönen Mord ein Doppelmord mit Schwerpunkt Beziehungstat und jeder ist persönlich irgendwie mit allen verbandelt.

Grottig.

Dazwischen immer wieder der Schwenk zur Currywurst und einem in die Jahre gekommenen Ballauf, dem seine Currywurst nicht mehr so recht schmeckt.

Recht so. Die frustrierte Currywurst ist in der Tat kein running Gag.

Sie geht mir so langsam (das ist untertrieben) auf den Keks und ich frage mich und Herrn Ballauf von hier aus, wieviel Folgen er noch benötigt, um seine Persönlichkeit abschliessend geändert zu haben. Also aus der frustierten Currywurst ein ordentliches Schnitzel Wiener Art geworden ist.

Die Folgen bis dahin erspare ich mir.
Matthias Dell schrieb am 11.01.2010 um 10:34
verstehe den brass, aber es nimmt doch auch für ballauf, dass seine probleme nicht in einer folge gelöst sind. das wäre gerade das, was wir in münchen neulich nicht mochten: dass der ivo in jeder folge ein neues leben hat. bei ballauf dagegen ändert sich so schnell nicht so viel
misterl schrieb am 11.01.2010 um 11:58
Matthias.

Mir ist das mittlerweile einfach zuviel Wiederholungsinszenierung mit Currysoße. Überall geht es nur noch um wie fühle ich mich heute, wer ist schuld daran und warum beweint mich keiner. Im TV generell, im Tatort speziell, selbst hier - schlicht langweilig.
Magda schrieb am 11.01.2010 um 10:59
Schon von Anfang an grübelte ich, wie sie die hängende Leiche verknüpfen wollten mit dem Klassentreffen, denn dass der Mord in Essen mit der Hängepartie in Köln und so...Naja, aber ich mag den Ballauf gern und auch den Schenk und finde, er sollte zu der netten Tessa Mittelstädt (wie die im Tatort heißt, weiß ich nicht) auch ein bisschen netter sein.

Was mich auch immer rasend stört, ist, wenn Personen einen zu hohen Grad an "Schnödigkeit" demonstrieren müssen, so wie das Essener Mordopfer. Unglaubwürdig. Dass die Karoline Eichhorn den lieben konnte, ein Rätsel, nee nicht der weiblichen Natur, sondern der Drehbuchschreiber.

Die schönen Aufnahmen von Essen aber haben mir gefallen, ich habe an zwei Essener Freunde gedacht, die da wohnen.
Matthias Dell schrieb am 11.01.2010 um 11:26
franziska lüttgenjohann ist der rollenname von tessa mittelstädt, was ziemlich abgefahren ist dafür, dass er fast nie gebraucht wird - im büro sagen alle franziska und raus geht sie, wie wir ja gesehen haben, nur selten. irgendwie faszinierend.
bei karoline eichhorns figur und deren beziehung zum vollidioten würde ich widersprechen: die liebe, oder was immer das dann ist, geht doch mitunter seltsame wege
Michael Angele schrieb am 11.01.2010 um 12:33
ja, die liebe geht seltsame wege, aber da hat magda recht: es ist ein rätsel der drehbuchschreiber – warum man eichhorn derart unsympathisch zeichnen musste, dass sich die frage einfach stellen musste: kann die den wirklich den lieben?
Matthias Dell schrieb am 12.01.2010 um 12:19
wieso wird denn eichhorn unsympatisch gezeichnet? dieser stefan ist doch der problembär, das versteh ich jetzt nicht
Ulrich Voss schrieb am 11.01.2010 um 14:11
Der Tatort war ein Skandal. Die Currywurst in Köln soll besser sein als im Ruhrgebiet. Frechheit ;-)

Ansonsten solider, wenn auch nicht wirklich überzeugender Tatort. Etwas arg auffällige WDR-Promotion für die Kulturhauptstadt, nicht ganz so unlogische Geschichte wie häufig im Tatort. Wobei dieses konspirative Treffen im Gasometer schon bescheuert ist. Wenn da eine Münze fällt, gibt das schon mehrfaches Echos, so eine unglaubliche Akustik hat die größte Tonne der Welt. Leider viel zu selten für Musik benutzt. www.gasometer.de

Liebe Grüße aus der Kultuhauptstadt!
Ehemaliger Nutzer schrieb am 11.01.2010 um 14:27
@Ulrich Voss
Ja, die Curry-Wurst ... die Berliner bilden sich ja auch eine Menge auf ihre in Fett getränkte Wurst ohne Darm ein. Für Ihren nächsten Besuch in Köln empfehle ich den Imbissstand gegenüber vom Mediapark. :)
Blinkfeuer schrieb am 11.01.2010 um 23:29
Apropos Currywurst, damit mal alle Bescheid wissen: Habe mal vor zig Jahren in Norddeich an einer Imbissbude `ne "Syrische Currywurst" gespeist. Das war ein Brühwürstchen mit Curry & Ketchup bekleckert.
Warum das hier steht? Nun, sozial, tolerant und und und, wie der Ruhrie nun mal is(s)t, wurde die Wurstbude NICHT zum Tatort.
Ansonsten isst der Ruhrie ja eher Döner...


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