Kultur

Kino | 30.01.2010 16:37 | Matthias Dell

Reise rückwärts durch das Leben

Volker Koepp unternimmt in dem Dokumentarfilm "Berlin-Stettin" eine Reise durch die Landschaften seines Lebens. Und stößt auf Erinnerungen, die in die Gegenwart führen

"Warum hastn heute bessere Fragen gestellt wie sonst immer“, will Renate von Volker Koepp wissen, als er das Gespräch beendet, Renate aber gern noch weiter sprechen möchte. Die Frage von Renate zielt in die Mitte von Koepps Arbeiten, in dem sein neuester Dokumentarfilm, Berlin-Stettin, einen besonderen Platz behauptet. Die Kunst zu fragen sei bei ihm eine Kunst des Schweigens, hieß es in einem Interview mit der Filmzeitschrift Revolver einmal treffend, woraufhin Koepp erklärte, dass er eigentlich nicht gern rede.

Vielleicht kann man nur mit so einer Methode, die keine Methode sein will, das Vertrauen von Menschen wie Renate gewinnen, einer ehemaligen Meisterin in einem volkseigenen Betrieb in Brandenburg, die den jungen Dokumentarfilmer damals für einen schwulen Schnösel aus der Hauptstadt hielt. Eine Frau, der das Leben einen trinkenden, gewalttätigen Mann zugemutet, deren Stimme das Rauchen geformt hat, eine Frau, die nie putzen wollte nach der Wende, und es schließlich gern gemacht hat. Eine Frau, für die es in der Wirklichkeit von heute nicht diese spezifische Form von Aufmerksamkeit und Wertschätzung gäbe, die sie hier bekommt: für ein Leben, das sich nicht verteidigen muss gegen die Raster, in denen eine hierarchisierte Gesellschaft denkt.

So rasch findet man in die Geschichten, die Volker Koepp in Berlin-Stettin mehr andeutet als erzählt, die er aufliest auf seiner Reise rückwärts durch das eigene Leben. In Stettin wurde Koepp 1944 geboren, in Berlin lebt er, im Raum dazwischen hat er gearbeitet. Koepp ist ein Landschaftsfilmer, die Himmel hängen nicht nur über der Uckermark tief in die Bilder von Kameramann Thomas Plenert. „Mir gefielen die kargen Hügel aus der Eiszeit, die nur Felssteine hergaben, aus Ton und Lehm musste man sich hier Backsteine formen, um die großen Dome und Stadtmauern zu errichten. Auch der Backstein trennte Deutschland seit jeher in zwei verschiedene Bereiche“, erzählt Koepp, der hier erstmals von sich spricht, und häufiger als in früheren Filmen Archivmaterial einsetzt.

Berlin-Stettin zeigt, wie Landschaft und Gesellschaft zusammenhängen: Die Naturaufnahmen malen keine regressiven Idyllen, der politische Diskurs hält sich fern jeder ideologischen Beschwerung. „Es hat sich so ergeben“, sagt Koepp mehrfach, wenn er über sein Leben spricht, und auf diese lakonische Art ergibt sich in Berlin-Stettin eine Mischung aus Themen, die anderswo Furore machen würden: Entvölkerung und Enttäuschung, Vertreibung und Vergewaltigung am Beispiel der eigenen Mutter, 1953, 1968, 1989, Stalins Tod, dazwischen Kinderspiele, Feierabendwitze.

ANZEIGE

Koepps Film ist ein Erinnerungsfilm, in dem es nicht ums Abklopfen einer Vergangenheit geht, sondern darum aufzuzeichnen, wie sich Veränderung sedimentiert. Deshalb gehören zu Berlin-Stettin nicht nur die alten Bekannten, sondern auch Menschen wie der Don Quichotte in der Uckermark, der gegen die Windräder kämpft, der neuseeländische Hochschullehrer, die polnische Studentin, die am Ende mit ihrer Familie in Stettin feiert.

Volker Koepps Film bleibt offen in viele Richtungen, das macht ihn eindrucksvoll. Das schönste Bild dafür ist das Nachbarsmädchen aus Köpenick von einst, eine Dame mit herrlichem Berliner Dialekt, die beim Versuch, das Kinderspiel, die „Hopse“ namens Berlin-Stettin, vorzuführen, übermütig feststellen muss: „Jetzt bin ich natürlich aus dem Bild raus.“

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
David Foster Wallace Das hier ist Wasser Kiepenheuer & Witsch 2012

64 Seiten. Kartoniert.

4,99
 
David Foster Wallace wurde 2005 darum gebeten, vor Absolventen des Kenyon College eine Abschlussrede zu halten. Diese berühmt gewordene Rede gilt in den USA mittlerweile als Klassiker und Pflichtlektüre für alle Abschlussklassen – eine kleine Anleitung für das Leben, die man jedem mit auf den Weg geben möchte >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Die grüne Guerilla

Ausgabe 22/2012
31.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Tubuk

portlet_Tubuk.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Das Schema
Michael Rutschky, Kathrin Passig u. a.

nachtkritik.de
Unentbehrlich für Theaterliebhaber

Umblätterer.de
Feuilletonbeobachtung. Intelligent und ironisch

Matthias Matusseks Video-Blog
Das deutsche Videoblog von Weltformat.

herthabsc.blogspot.com
Marxelinhos Blog über Hertha und Arsenal

flasher.com
Künstler über Künstler. Auf Englisch

The New Republic
Das US-Magazin

readme.cc
Die virtuelle Bibliothek

Kulturministerium.ch
Wahlrecht für die Schweiz

Parallelfilm
Notizbuch Christoph Hochhäusler

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG