Kultur

Islamophobie | 03.09.2010 16:30 | Pankaj Mishra

Intellektuelle Hexenjagd

Der Widerstand gegen die Moschee von Ground Zero ist kein Zeichen neuen Hasses. Er ist das Resultat kontinuierlicher Desinformation

In einem Artikel der New York Times über den anti-islamischen Hass, der momentan in den Massendemonstrationen gegen die sogenannte Moschee von Ground Zero zu Tage tritt, stellte Frank Rich in der vergangenen Woche die berechtigte Frage: „Wie will man die Herzen und Köpfe der Muslime in Kandahar gewinnen, wenn man den Muslimen in New York jede nur erdenkliche Beschimpfung und Schmähung angedeihen lässt?“ Amerikaner, die dieser „merkwürdige kollektive Nervenzusammenbruch“(Maureen Dodd) erschüttert, zeigen mit dem Finger auf die üblichen Verdächtigen: Es seien die Rechten, deren „Angstmache und Desinformation“ von dem „giftigen Resonanzraum der modernen Medien verstärkt“ werde. Dabei wurde schon lange vor dem August des Jahres 2010 Gift gegen den Islam versprüht, und das nicht allein von Rechten.

Bestseller-Autoren und Berufs-Ex-Muslime wie Ayaan Hirsi Ali mögen zu den „neuen Helden“ des Kreuzzugs der Republikaner gegen die Muslime avanciert sein, wie Peter Beinart es formulierte, sie dienen der Bigotterie und oft genug der schieren Unwissenheit des Westens über den Islam aber schon lange als Alibi. An diesem Montag übte die Hirsi Ali Deutschlands – die türkischstämmige Autorin Necla Kelek – den Schulterschluss mit Thilo Sarrazin, als dieser seine Auffassung bekräftigte, die Muslime würden die mutmaßlich „arischen“ Deutschen durch höhere Geburtenziffern langfristig zu einer Minderheit machen und alle Juden hätten ein gemeinsames Gen.

Die meisten dieser Renegaten verdienen gut an ihrem Feldzug gegen den Islam und werden von einflussreichen Institutionen und Einzelpersonen in den USA und Europa unterstützt. Hirsi Ali, die gerne der Voltaire des Islam wäre, wird nicht nur von rechtsradikalen Verrückten wie Pamela Geller und Glenn Beck begeistert unterstützt, sondern auch von der Herausgeberin und Journalistin Tina Brown. Gewiss legt Hirsi Alis Lebensgeschichte ein eindringliches Zeugnis von den Erniedrigungen ab, die Frauen in patriarchalen Kulturen zu erleiden haben. Sie soll ruhig behaupten dürfen, Muslime würden darauf programmiert, Ungläubige zu töten und die Körper von Frauen zu verstümmeln, auch wenn dies viele beleidigen mag. Wenn sie aber erklärt, der zivilisierte Westen habe keine andere Wahl als den barbarischen Islam im clash of civilisations auszumerzen, nützen solche Aussagen lediglich ihren neokonservativen Arbeitgebern und deren ideologischen Brüdern in den Höhlen Afghanistans und Pakistans. Und ihre jüngsten Aufforderungen an Muslime, zum Christentum überzutreten, rücken sie eher in die Nähe eines Billy Graham als in die Voltaires.

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Diejenigen, die heute Hirsi Alis Krieg gegen den totalitären Islam unermüdlich Beifall spenden, hatten wenig bis gar nichts zu dem Unwesen zu sagen, das islamistische Fanatiker in Pakistan und Afghanistan während des Dschihad gegen die Sowjetunion in den 1980ern trieben. Erst der schon lange heraufziehende Backlash, der mit dem elften September  schließlich den Westen erreichte, brachte sie  dazu, sich über „den Islam“ zu informieren – was für das Verständnis des Gegners in etwa so zweckdienlich gewesen sein dürfte wie wenn Afghanen, deren Dorf gerade von einer amerikanischen Drone zerstört wurde, sich hinsetzen, um Kants Aufsatz Was ist Aufklärung? zu studieren.

Viele dieser Islam-Beobachter haben sich für die abscheulichen Kriege stark gemacht, die bereits Hunderttausende von Muslimen getötet und unzähligen weiteren das Leben ruiniert haben. Dessen ungeachtet präsentieren sie sich nach wie vor als tapfere, einsame Kämpfer gegen die inneren Feinde der westlichen Zivilisation, die sie entweder in Muslimen erblicken, die sich hartnäckig weigern, sich die Weltsicht wahrer amerikanischer Patrioten zu eigen zu machen, oder in „politisch korrekten“ Linksliberalen, die vor lauter Angst die Wahrheit über den Islam nicht hören wollen, geschweige denn in der Lage sind, ihn auszusprechen. Nun haben Millionen wütender Amerikaner diese wenig erbauliche Debatte in Gang gebracht, in der das Verlangen zum Ausdruck kommt, eine religiöse Minderheit zum Sündenbock für das militärische und wirtschaftliche Scheitern Amerikas verantwortlich zu machen.

Die Stigmatisierung ethnischer und religiöser Bigotterie zählt zu den wenigen gesellschaftlichen Fortschritten der vergangenen 50 Jahre. Dieser Prozess ist allerdings nicht irreversibel und die Hexenjäger können auch heute noch gelegentliche Erfolge feiern. Es sind aber ihre intellektuellen Komplizen, die bei der Nachwelt die größte Verachtung auf sich ziehen werden.
 

Übersetzung der gekürzten Fassung: Holger Hutt
 
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Artikelaktionen
Kommentare
Verwendungszweck schrieb am 04.09.2010 um 10:51
Ist das nicht ein ganz normales Resultat der Kriegspropaganda?

So wie die Einen Brunnen bohren und Mädchenschulen beschützen, so köpfen die Anderen und schneiden Nasen ab. Denn nach Abu Graib, Guantanamo, Hubschraubermassakern und Tanklasterbombardierungen sind Demokratie, Freiheit, Aufklärung und Menschenrechte nur noch bedingt glaubwürdig. Aber der Krieg muss weiter gehen, er ist nicht gewonnen aber auch nicht entschieden. Kein Krieg ohne Kriegsgrund. Man stelle sich vor, man würde gefragt und könnte keinen sagen.

Das Islamcenter ein paar Häuserblocks von Ground Zero ist ein gewöhnlicher Begleitschaden. Denken wir an den Aufruhr in Köln wegen des Moscheenbaus oder an das Minarettverbot in der Schweiz. Weder da noch dort war Ground Zero um die Ecke und die Opponentenschar des Mankos wegen umso aufgeregter.

Das ist die Heimatfront.
lebowski schrieb am 04.09.2010 um 20:08
"Erst der schon lange heraufziehende Backlash, der mit dem elften September schließlich den Westen erreichte, brachte sie dazu, sich über „den Islam“ zu informieren –.."

Man liest diesen Quatsch immer wieder. Dadurch wird er aber nicht richtiger. Es war nicht der elfte September, der die Leute dazu brachte, sich über den Islam zu informieren, sondern der Februar 2005.
Für ein paar irre Islamisten, die Hochhäuser in die Luft sprengen, können die meisten Muslime nichts.
Wenn allerdings Hunderttausende von Leuten wegen ein paar harmloser Karikaturen auf die Straßen gehen, Botschaften anzünden und allen "Ungläubigen" mit dem Tod drohen, dann kann man schon den Eindruck gewinnen, wir haben ein grundsätzliches Problem mit der islamischen Welt.
Gold Star For Robot Boy schrieb am 04.09.2010 um 20:31
"Diejenigen, die heute Hirsi Alis Krieg gegen den totalitären Islam unermüdlich Beifall spenden, hatten wenig bis gar nichts zu dem Unwesen zu sagen, das islamistische Fanatiker in Pakistan und Afghanistan während des Dschihad gegen die Sowjetunion in den 1980ern trieben. Erst der schon lange heraufziehende Backlash, der mit dem elften September schließlich den Westen erreichte, brachte sie dazu, sich über „den Islam“ zu informieren..."
Vor allem sagen diese Leute wenig bis gar nichts zu der Unterstützung des islamischen Fundamentalismus durch die USA und Saudi-Arabien, sowie das Wegschauen verantwortlicher Stellen vor 9/11:
"US-Ermittler wussten von geplanten Terroranschlägen, ließen die Verdächtigen aber gewähren. Es mehren sich die Hinweise, dass CIA und FBI den Angriff auf Amerika hätten verhindern können."
www.zeit.de/2002/41/200241_fahndungspannen_xml
"Some staff members and commissioners of the Sept. 11 panel concluded that the Pentagon's initial story of how it reacted to the 2001 terrorist attacks may have been part of a deliberate effort to mislead the commission and the public rather than a reflection of the fog of events on that day, according to sources involved in the debate. "
www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2006/08/01/AR2006080101300.html?sub=new
"After explaining the difference between what she (Sybel Edmonds) does and doesn't know first hand, she went on to explain: "I have information about things that our government has lied to us about. I know. For example, to say that since the fall of the Soviet Union we ceased all of our intimate relationship with Bin Laden and the Taliban - those things can be proven as lies, very easily, based on the information they classified in my case, because we did carry very intimate relationship with these people, and it involves Central Asia, all the way up to September 11." ..."
www.bradblog.com/?p=7332
"Once upon a time, the CIA trained, financed and supported Osama bin Laden and his mujahidin networks in Afghanistan to repel the Soviet invasion of Afghanistan. After the end of the Cold War, bin Laden turned against the West and we no longer had any use for him. His persistent terrorist attacks against us for more than a decade, culminating in 9/11, provoked our own response, in the form of the ‘war on terror.’ This is the official narrative. And it’s false. Not only did Western intelligence services continue to foster Islamist extremist and terrorist groups connected to al-Qaeda after the Cold War; they continued to do so even after 9/11."
www.newint.org/features/2009/10/01/blowback/
ohitika33 schrieb am 05.09.2010 um 11:50
Was ist das denn für ein dummes Gesülze?
Frnk schrieb am 06.09.2010 um 09:54
Der Islam ist wesentlich reaktionärer als die westliche Rechte.
little Louis schrieb am 06.09.2010 um 18:07
Haarscharf richtig, "frnk" und zu "Göld Star usw.":
Mir, weil ich den "Totalitären Islam" bekämpfen möchte, zu unterstellen, ich würde mir über Ihre angeführten Punkte keine
Gedanken machen, ist nicht gerade ein netter Zug von Ihnen.Das gilt unabhängig davon, ob alles oder Teile davon real sind , oder eingebildet. Bevor Sie bellen:Ich kann die Anwendung des Begriffes "Verschwörungstheorie" als Totschlagargument zur Abwehr kritischer Fragen auch nicht leiden. Aber das gilt (nur z. B.) auch für die Bezeichnung "Rassist".
Ehemaliger Nutzer schrieb am 07.09.2010 um 09:05
Nazistisch, selbstverliebe Leutchen verbrennen sich gern die Finger mit ein paar dumpfen anti-islamistischen Testosteron Ausstössen, denn das ist lukrativ. Die Hrisi verdient damit gut. Auch wie es ein SPD Banker erfolgreich zeigt, reicht es ein bischen Skandal zu provozieren, da freut sich nicht nur die DVA sondern auch alle geistigen Mitläufer.


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