Politik

STREITER GEGEN DIE SELBSTGEFÄLLIGE AMNESIE DER INTELLEKTUELLEN | 16.02.2001 00:00 | Frieder Otto Wolf

In der Garküche radikaler Kritik

Wolfgang Fritz Haug nimmt Abschied von der FU Berlin

Es war eine geballte Lehrstunde. Nicht nur auf einer Ebene. Die Menschen im überquellenden Hörsaal, darunter auch viele ehemalige StudentInnen aus den Jahrzehnten, die bis zu den legendären ersten "Kapitalkursen" in der Berliner Altensteinstraße zurückgingen, konnten nicht nur über "Philosophie und Marxismus" einiges lernen. Auch Parteien und Intellektuelle hatten die Chance, sich über Wichtiges klar zu werden; und nicht zuletzt die Generation der so genannten '68er, von denen viele nach langen Jahrzehnten "innerhalb der Institutionen" nun in einen noch nicht strukturierten, hoffentlich langjährigen Unruhestand treten.

"Philosophie und Marxismus" - und nicht mehr "Marxismus und Philosophie", wie noch etwa Karl Korsch das Thema gestellt hatte - ist eine noch lange nicht beendete, vermutlich nicht zu beendende Geschichte. Weder gelingt das "Verlassen der Philosophie", auch wenn die Kritik an ihren inzwischen oft harmlos daher kommenden Formen immer wieder neu zu leisten bleibt. Feuerbachs Religionskritik, die Marx zur Herrschafts- und Ideologiekritik radikalisiert hat, kann nicht unter der Hand in einen bloß negativen "Nihilismus" umgedeutet werden, dem gegenüber religiöse Transzendenz dann doch etwas Unverzichtbares einzubringen hätte. "Radikale Kritik" als "praktisch-kritische Tätigkeit", in der sich Aufklärung und Befreiung verbinden, bleibt die Aufgabe philosophisch ausgebildeter Intellektueller - auch wenn sie sich mit dem an diesem Abend neben Gramsci häufig zitierten Brecht darüber klar sein müssen, dass sie selbst, den Marxismus ernst genommen, innerhalb der Philosophie nie wieder so recht etwas werden können.

Damit sind wir bei der Lektion für die Parteien: Haugs Erfahrung mit den selbsternannten real existierenden Parteien des historischen Fortschritts (für die später Gebornen: DKP, SEW und SED, in dieser durchaus hierarchischen Reihenfolge) war selbst historisch. Nicht nur, dass er sehen musste, wie er - ohne jedes Verfahren - aus einer Partei ausgeschlossen wurde, der er gar nicht angehört hatte. Er musste auch eine Auffassung von Parteilichkeit durchleiden, die mit der "kleinen Fälschung" anfing, die Engels in seiner Redaktion der 11. Feuerbachthese - "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern" - vornahm, in dem er "interpretieren" und "verändern" durch Hinzusetzen eines "aber" und Einfügen eines Semikolons in einen ausschließenden Gegensatz, anstatt in ein wechselseitiges Ergänzungsverhältnis brachte.

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In dieser Fassung, wie sie die Staatspartei der DDR ins Foyer der Humboldt-Universität gebracht hat, steht zwar noch nicht, dass die Intellektuellen als Interpreten sich den Parteiführern als Veränderern unterzuordnen hätten. Aber es war ein Schritt in Richtung auf eine Mentalität, die das Selberdenken - in dem doch der einzige point d'honneur von Intellektuellen besteht - als gefährlich und von der Partei zu disziplinieren begriff.

Doch auch Intellektuelle werden daraus lernen müssen. Auch ihre jüngeren Versuche, sich aus der Garküche der Geschichte in allerlei Konfiserien zu verdrücken, haben sie nicht weitergeführt. Auch dort gilt letztlich: Es wird gnadenlos weiter aufgetischt oder weggeworfen - die Frage ist nur, was und wem, oder von wem? Wollen die Intellektuellen nicht zu GlasperlenspielerInnen werden, müssen sie sich selber darum kümmern, für andere relevant zu werden: für historische Veränderung, die ohne Denken nicht geht, triftige Beiträge zu liefern. Dazu gehört es, sich im rücksichtslos kritischen Denken auf soziale Bewegungen und politische Parteien zu beziehen. Gerade, wenn wir uns dem Problem weltweit nähern, wird dies nicht gehen, ohne auch neue, radikal zeitgenössische "Marxismen" zu konstruieren. "Neues Denken" nicht als selbstgefällige Amnesie, sondern als eine zupackende Form des "Erinnerns und Durcharbeitens", die sich selbst in die praktische Verantwortung nimmt.

Hierzu wird das von Haug weitergeführte Projekt des "Historisch-Kritischen Wörterbuchs des Marxismus" dessen 5. Band Ende diesen Jahres erscheinen wird, einen wesentlichen Beitrag leisten - als eine Aufarbeitung des Trümmerfeldes, welches die Marxismen des 20. Jahrhunderts hinterlassen haben, aber auch als eine Arena für neue Anläufe, von Marx her die Kritik der kapitalistischen Produktionsweise und die Politik der Befreiung von ihr und allen anderen Herrschaftsverhältnissen auf der Höhe der Zeit neu durchzuarbeiten. Dass die Freie Universität, wie Dekan Mattenklott in seiner Würdigung des scheidenden Professors erklärte, dieses Projekt institutionell weiter mittragen wird, ist ein ermutigendes Zeichen.

Die praktisch wichtigste Lektion dieser Veranstaltung des Fachschaftsreferates des Asta der FU richtet sich wohl an die Generation der älteren '68er, die jetzt pensioniert wird. Sie war in den Worten von Mikya Heise, Student bei Haug, enthalten, der versprach: "Wir machen weiter - und laden dich dazu ein!" Dieses Angebot muss wahrgenommen werden. Nicht nur von Haug. Eine ganze Generation hat noch einmal die Chance, angesichts der Katastrophen des 21. Jahrhunderts aus der immer problematischer gewordenen Rolle des Lehrers und Übervaters herauszutreten und in die Rolle des "älteren Geschwisters" hinüberzuwechseln, der bei dem, was die Jüngeren tun wollen, hinzugezogen, um Rat und Hilfe gefragt wird. Und dafür, dass diese Chance nicht durch institutionelle Repressionen (und eigenes Ungeschick) zunichte gemacht wird wie in den siebziger Jahren, dafür lohnt es sich zu kämpfen.

Frieder Otto Wolf ist Privatdozent an der FU Berlin und war Abgeordneter der Grünen im Europa-Parlament.

 
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