Politik

Wende 89: Wismar | 04.05.2009 11:00 | Julian Heißler

Sammelstelle der Opposition

Das Engagement im Neuen Forum bedeutete für viele Oppositionelle den Einstieg in die Politik. Einer wurde gar Ministerpräsident – da war er allerdings schon in der CDU.

Es ist ein lauer Frühlingsabend in Wismar. Ein paar Menschen spazieren noch durch die Straßen, doch viel bewegt sich nicht in dem Städtchen an der Ostsee. Auch der Platz vor der großen Nikolaikirche ist fast menschenleer. Nur ein paar Jugendliche sitzen auf einer der hölzernen Parkbänke und drehen Zigaretten.

Vor 20 Jahren sah es hier dagegen ganz anders aus. Gut 50 000 Menschen waren damals, am 31. Oktober 1989 rund um die Kirche unterwegs. Es war die größte Veranstaltung des Neuen Forums in Wismar. Neun Tage später fiel die Mauer.

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Einer der Organisatoren von damals sitzt nun im Ausstellungsraum eines kleinen Wismaer Museums, gleich gegenüber der Nikoalikirche, und beantwortet die Fragen von Freitag-Verleger Jakob Augstein. „In einer Rede vor 20 Jahren habe ich meine Träume für eine andere Gesellschaft formuliert“, sagt Thomas Beyer. Nach kurzem zögern fügt er hinzu: „Die haben sich erfüllt.“

 

Eigentlich wollte Beyer Pastor werden. Seine ganze Familie war kirchlich geprägt. Das erschwerte ihm den Weg. Abitur durfte er regulär nicht machen, doch über Umwege schaffte er es schließlich doch bis zum Theologiestudium. Dann kam allerdings die Wende dazwischen. Seine schon begonnene Dissertation über „Politische Predigten“ blieb unvollendet. Denn statt zu forschen, engagierte er sich 1989 im Neuen Forum, auch wenn er zunächst kritisch war: „Es gab immer die Frage, wie weit wir gehen können“, sagt Beyer heute.

Darüber seien die Meinungen im Neuen Forum auch weit auseinander gegangen. Einige wollten die DDR reformieren, andere sofort die deutsche Einheit. „Wir waren absolut unterschiedliche Typen“, erinnert sich Beyer, „deshalb haben wir uns wohl auch teilweise heftig gestritten“. Geeint habe sie schließlich der gemeinsame „Feind“ – oder zumindest die Überzeugung, dass es „so nicht weiter gehen konnte“.

Problematischer sei es geworden, als das SED-Regime zusammen gebrochen war. Plötzlich wurden die großen Unterschiede zwischen den Richtungen deutlich. Vielleicht deshalb ist das Neue Forum in Wismar dann auch bei den freien Volkskammerwahlen im März 1990 „abgewatscht“ worden. Besser lief es zwei Monate später. „Bei den Kommunalwahlen im Mai haben wir dann 8,44 Prozent bekommen. Da waren wir schon stolz“, so Beyer.

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In den nächsten Jahren sei das Neue Forum dann allerdings auseinander gebrochen. Als 1994 die nächsten Kommunalwahlen anstanden, hatten die meisten schon keine Lust mehr, weiter zu machen. Beyer schon, allerdings nicht mehr für die gleiche Plattform. Schon in den Jahren zuvor war er in die SPD eingetreten, ist mittlerweile Kreisvorsitzender. Außerdem sitzt er als Senator in der Regierung der Hansestadt Wismar.

„Das Neue Forum hatte eine bestimmte Funktion“, erklärt Beyer dessen Abstieg, „es war eine Sammelstelle für die Bürgerbewegungen – der Geburtshelfer für die Parteien“. Viele ehemalige Mitglieder seien später in die klassischen Parteien eingetreten. Manche mit ihm in die SPD, andere auch in die CDU. Beyer findet das nicht untypisch: Schließlich war auch Berndt Seite, der ehemalige CDU-Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, zur Zeit der Wende im Neuen Forum aktiv.

Beyer scheint mit den Erfolgen der Wendezeit zufrieden zu sein – auch mit der Einheit. „Sie kam schnell – für manche vielleicht zu schnell – aber wir haben uns darauf besonnen, wo wir hergekommen sind“, sagt er. Allerdings habe er die Möglichkeit einer Wiedervereinigung zu Beginn seiner Arbeit im Neuen Forum gar nicht im Kopf gehabt: „Die Älteren hatten sich mit der Teilung abgefunden und wir Jüngeren sahen das gar nicht als wirkliche Option“, so Beyer. Heute scheint er glücklich über den Verlauf von damals: „Ich habe nach 1990 viel über das Land gelernt, in dem ich früher gelebt habe. Auch wenn wir jetzt in einer Krise stecken – das alte System ist doch keine Alternative“, sagt er.
 

 
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Kommentare
marsborn schrieb am 06.05.2009 um 12:11
Beyer hat Recht mit seiner Einschätzung. Aber man darf nicht vergessen: Die Wortführer des Neuen Forums sahen 1989 das Ziel ihres Wirkens allein in Veränderungen der DDR, sie strebten kein kapitalistisches Gesellschaftssystem an und gingen strikt von der Zweistaatlichkeit Deutschlands aus. Noch mitten in der Revolution 1989, als die Demonstranten längst die Einheit forderten, erklärten Vertreter des Neues Forums apodiktisch die "...Annerkennung der Zweistaatlichkeit Deutschlands als Folge der schuldhaften Vergangenheit"! Im Vorfeld der ersten freien Wahlen in der DDR schließt sich das Neue Forum dann im Februar 1990 mit anderen neuen Oppositionsbewegungen (Demokratie Jetzt, Initiative für Frieden und Menschenrechte und dem Unabhängigen Frauenverband) zum Bündnis 90 zusammen – das zu den Volkskammerwahlen im März '90 jedoch lediglich 2,9% der Stimmen erhält! Man sollte also heute die Bedeutung dieser Vereinigung nicht überschätzen und vor allem nicht vergessen, auch über die übrigen 97,1% politischen Stimmen zu berichten! All diese Heldenlegenden also bitte auch beim "freitag" im entsprechenden Verhältnis darstellen, bitte... Die Aufgabe als Sammelbecken war übererfüllt, die "historische Mission" des Neuen Forums schon nach wenigen Wochen veraltet, vom Bündnis 90 ist heute nur noch der Name als leere Hülle eines längst vergangenen Geschehens übrig - trauriges Anhängsel an den Namen einer kleinen Generationenpartei aus dem Westen, die selbst mit der Überlebheit ihrer politischen Anliegen zu kämpfen hat und sich bis heute nicht wirklich für den Osten interessiert.
Im Rückblick erweist sich das Neue Forum von 1989 als heterogenes Sammelbecken politisch Unzufriedener, dessen Aktivisten schon sehr rasch in die verschiedensten politischen Organisationen überwechselten - von linksradikal über die bürgerlichen Parteien alle Couleur bis hin zur rechtsradikalen DVU! Umso tragischer, dass man Anfang der Neuziger versäumte, das klar zu erkennen und das Neue Forum in Würde aufzulösen. Als bürgerbewegte Splitterpartei existiert das NF so in einigen ostdeutschen Bundesländern bis heute und ist vor allem denjenigen Protagonisten von '89 noch immer ein Zuhause, die in andern politischen Gruppierungen keine neue geistige Heimat finden konnten und sich heute, nicht selten auf hilflose bis peinliche Weise, mit den alten Parolen vergeblich um neuen Einfluss und Aufmerksamkeit bemühen...


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