Der Freitag: Herr Lafontaine, vor zwei Jahren wurde die Linkspartei gegründet. Vor zwölf Monaten stand die Partei bei 15 Prozent, heute liegt sie ziemlich genau da, wo sie angefangen hat: bei 7,5 Prozent. Ist Ihre Partei in der Krise wieder auf Normalmaß geschrumpft?
Oskar Lafontaine: Nun warten Sie mal ab. Die jüngsten Umfragen sehen uns bei zehn Prozent. Die Krise kommt doch gerade erst im Leben der Menschen an. Noch setzen die Wähler ihre Hoffnungen eher auf FDP und Grüne, die den Finanzhaien den roten Teppich ausgerollt haben. Das müssen wir ändern. Aber wir haben auch ein Vermittlungsproblem. Wir wollen zum Beispiel, dass das Kurzarbeitergeld nicht besteuert und der Überziehungszins auf sechs Prozent begrenzt wird – aber das meldet niemand.
Also sind wieder einmal die Medien an allem schuld?
Nicht nur. Aber sie sind schon wichtig. Die besten Ideen nutzen nichts, wenn sie nicht vermittelt werden. Erst gab es eine Medienblockade. Dann waren wir plötzlich die Partei, die die anderen vor sich hertrieb. Und jetzt hat sich der Wind wieder gedreht.
Vielleicht braucht man sie auch einfach nicht mehr. SPD und CDU besetzen ja zunehmend linke Positionen.
Bei der SPD ist das unglaubwürdig. Das haben die Wähler erkannt. Darum ist die SPD auch die einzige Partei, die in den Umfragen deutlich unter dem Bundestagswahlergebnis liegt. Und die CDU hat bei den Europawahlen deutlich verloren. Wir dagegen liegen nach wie vor über unserem Ergebnis von 2005.
Es gibt Stimmen in der Partei, die sagen, das linke Projekt wird durch ihren monomanischen Vorsitzenden gefährdet.
Einige sehen in mir den Schuldigen, weil sie nicht mehr aufgestellt wurden. Das muss ich hinnehmen. Aber viele Ihrer Kollegen schreiben auch, dass das linke Projekt durch mich erst möglich wurde. Auch das ist übertrieben, weil es ohne viele in PDS und WASG nicht zustandegekommen wäre.
Die Parteiaustritte von Sylvia-Yvonne Kaufmann oder Ronald Weckesser empfinden Sie nicht als Krisenzeichen?
Ich unterscheide bei diesen Vorgängen zwischen persönlicher Enttäuschung und inhaltlichen Gründen. Herr Weckesser hat in Dresden dem Verkauf der öffentlichen Wohnungen zugestimmt. Das ist eine Sachfrage, die man so oder so beantworten kann. Und wenn einer noch heute für die Privatisierung öffentlicher Einrichtungen ist, dann fühlt er sich bei uns nicht mehr zuhause. Das ist verständlich. Andere verlassen uns, weil sie persönlich enttäuscht sind. Bei Frau Kaufmann ist das überdeutlich: Sie hat dreimal kandidiert und wurde vom Parteitag nicht gewählt.
Frau Kaufmann gehörte immerhin mal zum Parteivorstand. Gab es keine inhaltlichen Gründe?
Frau Kaufmann sagt Ja zum Lissabon-Vertrag. Die große Mehrheit unserer Partei lehnt ihn ab, weil er die Staaten zur Aufrüstung verpflichtet, das Austrocknen von Steueroasen verhindert und dem Abbau von Arbeitnehmerrechten Vorschub leistet. Wer in Parteien mitarbeitet, muss damit leben, dass er in Sachfragen in der Partei auch mal in der Minderheit ist.
Ihre politische Konkurrenz argumentiert, wer den Lissabon-Vertrag ablehnt, hat mit Europa nichts am Hut.
Das ist Quatsch. Wir sind die einzige Partei im deutschen Bundestag, die ein europäisch abgestimmtes Konjunkturprogramm gefordert hat. Wir sind klar proeuropäisch.
Aber Herr Lafontaine, es geht bei der Kritik ...
... entschuldigen Sie, dass ich lache – aber ich erfahre solche Kritik fast immer nur aus der Zeitung ...
... um fehlenden Pragmatismus, um zu viel Krawall und um mangelnde Anschlussfähigkeit.
Die Wirklichkeit sieht doch anders aus. Wir wollen mit der SPD auf Landes- und Gemeindeebene zusammenarbeiten. Nicht nur im Saarland kann es dazu kommen.
Mit Ihnen als Ministerpräsident einer rot-roten Koalition?
Deshalb trete ich in meiner Heimat an. Wir wollen eine Regierung bilden – wenn wir den Auftrag dazu erhalten. Aber zurück zu der angeblichen Kritik: Es gibt den wabernden Vorwurf, wir würden nicht auf die Bundes-SPD zugehen. Wer das von der Linkspartei fordert, muss dann auch sagen, was das inhaltlich bedeuten würde: Dass wir Hartz IV mittragen? Und die Rente mit 67? Und den Krieg in Afghanistan? Das sind keine Positionen, die für die Linkspartei in Frage kommen.
Das ist genau, was man Ihnen vorwirft: Kompromisslosigkeit. Kann man so konstruktive Politik machen?
Die SPD kann schon morgen den Kanzler stellen, wenn sie den Mindestlohn beschließt – was ihr Wahlprogramm ja vorsieht – wenn sie Hartz IV aufgibt, wenn sie die Rentenformel wiederherstellt und wenn sie zu Willy Brandts Satz zurückkehrt: Krieg ist nicht die Ultima Ratio sondern die Ultima Irratio. Die SPD muss sich nur zu den Inhalten bekennen, zu denen sie sich jahrzehntelang bekannt hat.
Wie ist es denn um die innere Einheit Ihrer Partei inzwischen bestellt? Vertragen sich West und Ost in der gesamtdeutschen Linkspartei?
Im Westen ist die Partei sehr bunt. Im Osten gibt es vor allem Erfahrungen in Länderregierungen und Gemeindeverwaltungen. Beides kann sich gegenseitig befruchten und ergänzen. Aber das braucht Zeit. Wie immer haben die Medien auch hier das Trennende überbewertet: Die Frage der Regierungsbeteiligung etwa war nie ein Streitpunkt. Zumindest was mich angeht. Ich habe immer erklärt, die Regierungsbeteiligung ist eine Frage der Zweckmäßigkeit und des Ergebnisses. Von Fundamentalopposition habe ich noch nie etwas gehalten.
Kann es sein, dass die Unterschiede in der fusionierten Partei so groß sind, dass sie nur durch unrealistische Maximalforderungen zusammengehalten werden kann?
Unsere Forderungen sind realistisch. Das Konjunkturprogramm, das wir fordern, hat einen Umfang von 100 Milliarden Euro. Damit kämen wir insgesamt auf die Höhe der öffentlichen Ausgaben im Jahr 2000. Das ist nicht gerade revolutionär. Wir verlangen, den Mindestlohn in den nächsten Jahren auf zehn Euro anzuheben. Im Nachbarland Frankreich, das von einem konservativen Präsidenten regiert wird, liegt der Mindestlohn schon bei 8,71 Euro. Ich würde das ebenfalls nicht als revolutionär bezeichnen.
Bereiten Sie die Partei auf die Zeit nach Ihnen vor?
Das ist die Aufgabe jedes Parteichefs. Wenn er sich für unersetzlich hält, hat er eine falsche Selbsteinschätzung. Es ist nie gut, wenn eine Partei von einer Führungsfigur abhängig ist.
Das Gespräch führten Jakob Augstein und Philip Grassmann
|
|
Immerhin ein Anfang. Ein Interview mit dem Erzfeind konservativer und neoliberaler Medien. Das bringt bei zu netter Behandlung gleich 50% weniger Werbung.
Leider wurden wenig konstruktive Fragen gestellt. Boulevard eben. Klar, muss sein, damit der Rubel rollt. Ich persönlich finde es Schade, dass die ewig gleichen Fragen immer wieder gestellt werden. Wie viel Prozent in den Umfragen? Es gibt kaum etwas Alberneres als diese Umfragen. Sie haben eine geringere Treffsicherheit als Zufallszahlen, was stetig bewiesen wird. Also Kaffeesatzleserei. Medien und Vermittlung. Natürlich bilden meiner Meinung nach bestimmte Medienkonzerne momentan ein Blockadekartell. Es ist kindisch, das Gegenteil zu behaupten. Wer sich mit den Suchfunktionen von Google auskennt, kann Zeitraum und Zeitung/Zeitschrift recht gut zuordnen. Außerdem müsste es doch aus erster Hand bekannt sein. Lissabon-Vertrag. Eines der undemokratischen, heimlichsten und gefährlichsten Machwerke der letzten Zeit. Diesen Vertrag mit dem EU-Gedanken in Zusammenhang zu bringen ist beinahe unlauter. Natürlich gehört er abgelehnt. Es ist ein Lobbymachwerk erster Güte. Schade, dass die Medien in dem Fall ihrer aufklärerischen Arbeit ungenügend nachkommen. Personalie Lafontaine. Recht abgelutscht. Immerhin gehört er zu den Politikern in Deutschland mit dem meisten Rückgrad. Während die meisten anderen Politiker schon umfallen, wenn Lobbyisten nur hüsteln, bleibt er sich sogar bei der oben erwähnten Blockadekartell treu. Er ist bei einem der riskantesten Projekte der Nachkriegszeit, der Neubildung einer linken Partei, in die Verantwortung gegangen. Meine Güte, muss es schwer sein dass mal öffentlich erwähnen zu dürfen. Ansonsten hänge ich einen Kommentar zum Artikel von Tom Strohschneider, "Schlagabtausch bei Schmeling" an: Der Artikel ist ja regelrecht Werbung für die Linkspartei. Es wird gestritten, verschiedene Strömungen, Basisdemokratie, manches im Fluss. Wie in längst vergangenen Zeiten der Grünen. Da bewegt sich was. Welche Wohltat zu der Politdiktatur von CDU, SPD, FDP, Grünen. Dort gibt eine winzige Riege, ein Führungskader, den Kurs vor, der dann gefälligst von der Basis abgenickt werden muss. Basisdemokratie existiert nur als Sockenpuppe. Politbüros, Bürokratismus, Lobbyismus und Pflicht zum Gehorsam so weit das Auge reicht. Schade, dass ich mich von Parteien fernhalte. Sonst könnte ich auf meine "alten" Tage noch in Versuchung kommen :) [Dieser Kommentar ist ein persönliches Werturteil] |
|
|
Rueckgrad hat der Mann ja, aber letztenendes wird ihm das auch nicht helfen, die Wirtschaftskrise zu kontrollieren. Es wirkt dann eher naiv, wenn er so abgeklaert wie in diesem interview gegen die Windmuehlen des Kapitalismus rennt. Die Frage fuer mich ist ob er auch den berliner Weg der dortigen Linkspartei einschlagen wuerde, wenn er an der Macht waere oder auch mal etwas anderes wagen wuerde fuer den Fall, dass es nicht so kommt, wie er es in der Glaskugel gelesen hat.
|
|
|
schrieb am
20.06.2009 um 16:35
Na, ob diese oder jene jetzt ihr Abo kündigt oder ein Geschenkabo extra ordert? Ich schätze, letzteres...
|
|
|
Das Oskar-Interview im Freitag ist da und das ist gut so. Darüber hatten wir schon vor 2-3 Monaten diskutiert/spekuliert.
Allerdings zu viel abgestandene Suppe: zum x-ten Mal zu Mindestlohn, Lissabon-Vertrag, zu unbedeutenden Parteiaustritten, Leitwolf-Situation, Vorwurf der Kompromisslosigkeit ...Die Antworten waren (auch durch andere Interviews und übliche Pressemeldungen) bekannt. Wo war das Neue, lieber Herr Augstein, lieber Herr Grassmann? Das Neue hängt auch mit den Fragestellungen zuammen. Kein Wort zu Visionen, Deutschland 2018? Kein Wort zur schleichenden ökologischen Katastrophe, kein Wort zum Menschenbild, zur Tiefe von Bildung? zu ... Im "Gespräch", das viele unkalkulierbare Momente in sich birgt, bringt der Journalist auch eigene Positionen ein, sonst ist es eben nur ein "Interview". Was nicht ist, das kann noch werden. Mehr Mut, mehr Engagement. Beste Grüße vom Bildungswirt |
|
|
schrieb am
15.07.2009 um 15:13
visionen? wo und wann beim wem und für wen geht es um visionen? visionäre kann man sich in guten zeiten halten. in schlechten, die haben wir seit kohl unabhängig von diversen aufschwüngen in der zeit muss man handeln, reparieren oder wursteln. kommt da einer mit visionen ums eck, der wird des feldes verwiesen. so ticken "wir", so geht es ihm, also uns.
|
|
|
Hab gerade die Berichterstattung vom Parteitag der Linken auf Phoenix für eine Stunde mitverfolgt. Das war im Grunde keine Berichterstattung mehr, so tendentiell bzw. tendenziös waren im Grunde alle Bemerkungen. So was geht einfach nicht, das ist einfach kein journalistisches Handwerk. Oder eben genau dasselbe. Ich sitz immer noch und bin beim Kopfschütteln.
|
|
|
Ich mag keine Interviews. Immer gehen beide Seiten aufeinander ein, oder zu. Letztlich lieben sie sich, gerade bei den heiklen Punkten, den kritischen Fragen. Und: Eine Fundamentalopposition, die nötig wäre, ist im Interview nie möglich. Das politische Interview bedeutet von vornherein: Beide sind einverstanden. Auch mit dem Dreck, den sie beide ablehnen.
|
|
|
Oskar Lafontaine verkörpert eine jener vielen europäischen, deutschen Baby- Boomer Biografien, hüben & drüben, die unter dem Packeis des Kalten Krieges „energiearm bis Null- Bock“ frisch und munter überwintert, um sich jetzt in Ost, West, Nord und Süd in guten wie in schlechten Zeiten als deutsches, als europäisches Projekt für eine bessere, eine demokratische Politik zu verbünden.
Der Freitag hat den richtigen Fotografen Blick mit Geschick, Oskar Lafontaine gut im Blick, in der Freitag Printausgabe zu besehen, Endlich kommen einmal keine Oskar Pitbull Bilder Marke“ Oskar, die aktuelle Polit- Rüffelschwein Dauer - Sau läuft im rasenden Galopp mit weit aufgerissenem Maul brüllend platschend mitten durch den Dorf-Teich „BILD war dabei. Bild dir eine Meinung!. Schon ruft meine Frau erstaunt “Mensch!, Jochen, der Oskar ist ja im Freitag richtiggehend fotogen, nett anzusehen. Dass die Linkspartei für eine Begrenzung der Zinsen für Dispos in Höhe von 6 % in den Bundestagswahlkampf marschiert, finde ich systemrelevant markant. „Fundamentalkritik ist Mist“, das ist das Credo aller unserer Parteien, weil ihnen die Mittel als Meinungsbildungsverein gemäß GG, trotz oder wg. des Parteienfinanzierungsgetzes abhanden gekommen?, Den Freitag dazu einladen, ein solcher im Internet und per Sprint Community Print zu sein? Im Freitag läuft gerade die kontroverse Debatte im Internet“ Muss die Linkspartei koalitionsfähig werden? www.freitag.de/community/arena/debatte?frage=149#response-652 Da fällt mir nur Folgendes ein: Joachim Petrick am 20.06.2009 um 13:54 Selbstredend ist die Linkspartei koalitonsfähig!. Die Frage " "klingt ziemlich vor- . und hinterfotzig. Warum ist Oskar Lafontaine wohl im wehenden Mantel der Historie der SPD geflohen?"Klare Ansage!"Hol den/die Kohl(e)der SPD aus der Ex- DDR!", um weiter koaltionsfähig zu sein, obgleich die SPD ihre Wähler nach der Bundestagswahl 2002 per Agenda 2010/HartzIV ohne Mandat, erst Basta Basta zerschrödert. dann beraten ins Irgendwo im Nirgendwo verladen. Frage ist doch, wie bleibt die Linkspartei als Mehrheitspartei im Deutschen Bundestag demokratisch, wenn es vorrübergehend keine koaltionsfähigen Parteien im Bundestag mehr gibt?, weil die durch die parlamentarische Bank als Beschuldigte vor dem Internationalen Gerichts- und Rechts- Gewichtshof in Den Haag stehen? JP |
|
|
Zustimmung. Oskar, mal nicht entstellt oder fratzenhaft abgebildet. Das war, die Printausgabe vor Augen, auch meine spontane Reaktion in der ersten Sekunde. Lob an die Bildredaktion des Freitag.
|
|
|
oskar langweilt mich.
wenn er mal ein interview gibt, dann redet er mehr über seine partei als über seine inhalte. wenn er über inhalte redet, dann sind es die ewig gleichen. argumente gibt es nie. ich fand weder die fragen sonderlich tiefgehend, noch die antworten sonderlich bemerkenswert. das interview stellte nur eines wirklich raus: die linke will nicht von ihren punkten abweichen. soweit so schön. doch war sie auch noch nie in der lage, sich solchen verhandlungen im großen stellen zu müssen. von daher ist der vorwurf, sie wäre nicht kompromissbereit ebenso polemisch, wie das fragen danach zeitverschwendung. auch ein freitag, der ab der cdu irgendwo links ist, darf da ruhig etwas tiefer und qualitativ sinnvoller fragen. btw: die meinung vom oskar kenn ich nun immer noch nicht. aber ich freue mich für ihn, dass er auch mal kein fratzenbild gespendet bekam. hierzu müssen wir jetzt vermutlich eine historische notiz auf wiki einfügen, um es angemessen zu feiern. dann hat das alles doch noch einen sinn gehabt. |
Ausgabe 06/12
09.02.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellenCarta
Autoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie
Lobby Control
Blog von lobbycontrol.de
annalist
Anne Roth verfolgt den "Krieg gegen den Terror"
Nachdenkseiten
Das kritische Tagebuch von Albrecht Müller und Wolfgang Lieb
Reporterwelt.Blog
Blog des Korrespondenten von Weltreporter.net
Latinomedia
Toni Keppeler berichtet aus Lateinamerika
politik.de
Portal für Politik und Demokratie
Sprengsatz
Der Politikblog von Michael Spreng
Lafontaines Linke
Tom Strohschneider und Co. bloggen über die Linkspartei
Bangemachen gilt nicht
Das Blog von Jürgen Link