Politik

Staatskrise | 04.09.2009 13:20 | Michael Angele

La Suisse n'existe pas

Muammar al-Gaddafi will die Schweiz auflösen. Damit befindet er sich in bester Gesellschaft

Zuerst hielt man es für einen weiteren Gag des großen Revolutionsführers, aber dann stellte sich heraus, dass Libyen tatsächlich im Juli bei der UN-Vollversammlung formell beantragt hatte, die Schweiz an die Nachbarländer zu verteilen. Die Romandie sollte an Frankreich gehen, das Tessin an Italien, und die Deutschschweiz an Deutschland. Das Motiv für diesen Vorstoß scheint klar: Rache für die Verhaftung von Gaddafis Sohn Hannibal und seiner Frau vor einem Jahr in Genf, weil sie Hotelangestellte misshandelt haben sollen.

Nun mag selbst dieser Antrag bei der UNO ein Gag des Revolutionsführers gewesen sein. Bei Gaddafi weiß man ja nicht mehr, ob er den Wandel vom Diktator zum postmodernen Show-Politiker, der ein "exzentrisches Staatsoberhaupt" bloß noch spielt, längst vollzogen hat. Seine Aktion von vor knapp zwei Jahren, im Zelt vor dem französischen Präsidentenpalast zu übernachten, gibt darüber ebenso wenig Aufschluss wie der Wandel in seinem Erscheinungsbild. Dieses lässt die Deutung, hier parodiere sich einer bewusst als exzentrischer Diktator, ebenso zu wie die Vermutung, dass dergleichen unbewusst geschieht.

Anyway: Wie immer der Vorschlag gemeint war,  die Schweiz auf die Nachbarländer aufzuteilen, er ist es Wert diskutiert zu werden. Bisher ist diese Diskussion beim südlichen Nachbar unterlieben. Die Boulevardpresse bündelt den so genannten "Volkszorn" (dazu gleich mehr), und sogar die seriöse NZZ nennt den Vorstoß von Gaddafi "abstrus".

Mailand näher als Bern

Wenn es schon die UNO nicht besser wusste, und die Forderung Gaddafis umgehend  abgelehnt hatte, so hätte man  doch von der NZZ eine differenzierte Haltung erwarten können. Gaddafi hat ja offenbar das Grundproblem der Schweiz intuitiv erfasst. Die Schweiz ist eine "Willensnation", wie jeder Schüler dort in der ersten Klasse lernt. Eine Willensnation ist keine Kulturnation, ihr Vorhandensein kein Indiz für ein "Volk". Es ist nun einmal keine gemeinsame Sprache und auch nur sehr bedingt eine gemeinsame Kultur, welche die Bürger der Schweiz verbindet, sondern ein ominöser allgemeiner "Willen". Ursprünglich gründet dieser Wille darin, sich gegen einen mächtigen Feind zu behaupten, jedoch – so behaupten spöttische Zungen – könne man ihn schon lange umstandslos durch "Geld" ersetzen. Das ist übertrieben, Fakt aber scheint, dass der Wille immer öfter erlahmt.

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Aus der Romandie und dem Tessin kommen Vorschläge, die in eine ähnliche Richtung wie Gaddafi zielen: Ein Teil der "Welschen" möchte lieber zu Frankreich gehören. Ein Teil der Tessiner wiederum fühlt sich Mailand mehr verbunden als Bern. Und es soll sogar Deutschschweizer geben, wenn auch nur sehr wenige, die die Deutschschweiz lieber als Teil der Bundesrepublik sehen. Es sind dies nicht nur Fans des FC Basel, die finden, ihr Verein wäre in der Bundesliga besser aufgehoben.

Bereits 1992 lautet ein bedeutender Beitrag des Künstlers Ben Vautier zur Weltausstellung in Sevilla: "La Suisse n'existe pas", also: Die Schweiz exisiert nicht, und 1995 sagte Frank Blankart, damals Staatssekretär: „Es gibt ja kaum mehr eine gemeinsame Überzeugung davon, was die Schweiz sein kann, sein soll und ist." So gesehen, bedeutet Gaddafis Initiative also nichts anderes, als den Gedanken eines großen Schweizer Staatssekretärs und eines großen Schweizer Künstlers konsequent zu Ende zu denken.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Matthias Dell schrieb am 04.09.2009 um 19:05
heiner müller, wenn ich mir das zitat nicht eingebildet habe, was ich langsam glaube, ist auch ein teilungstheoretiker avant la lettre: "die schweiz ist so klein, weil sie keine grenzen hat."
SteinMain schrieb am 04.09.2009 um 19:39
Da werden ja jetzt mehrere Themenkreise angerissen, z.B. Misshandlung von Hotelangestellten ist meiner Meinung nach einfach unappetitlich und gehört verboten, ebenso wie Geiselnahmen an Schweizer Hirten und Bankangestellten. Andererseits würde Ghadafi niemals die Schweiz überfallen, da er wie alle ordentlichen Despoten dieses Planeten dort ein Konto führt. Eine meiner hübschesten Romanideen und Gewaltphantasien war übrigens vor einigen Jahren eine Story, in der ein Verrückter sich in das Pentagon-Rechenzentrum hackt und einen B2-Bomber auf die Route Basel-Bern-Zürich-Genf leitet, für zivile Radareinrichtungen praktisch unsichtbar und jeweils 4 Megatonnen ausklinkend. Ich habe den Gedanken aber dann doch nicht mehr weiterverfolgt.
THX1138 schrieb am 05.09.2009 um 00:37
Wer lange genug in den Geschichtsbüchern wühlt, findet siche rauch einen Weg, wie man z. B. Deutschland aufteilen könnte. Oder Lybien wieder in den osmanischen Kontext zurückversetzen könnte. Oder in den Italienischen. Oder...

Wer Drogen nimmt, lebt glücklicher. Muammar al-Gaddafi weiss das von uns allen am besten. Man sollte ihn ernst nehmen.
ronniegrob schrieb am 07.09.2009 um 09:28
Am Schluss des Arikels steht:

"Ethik - Der Autor hat den Schweizer Pass"

Um was für eine Ethik handelt es sich hier?
mh schrieb am 07.09.2009 um 09:46
wer nicht ist, kann nichts falsch machen. ethisch korrekter als die nichtexistenz kann es kaum werden.

mfg
mh
Matthias Dell schrieb am 07.09.2009 um 13:58
@ronniegrob
um eine journalistische. ethik ist der hier übliche begriff für den so genannten disclaimer (leider versteht man das nur offensichtlich nicht), es geht also darum, mögliche befangenheiten transparent zu machen. in diesem fall, würde ich vorsichtig mutmaßen, wird mit dem so genannten ethik-button ein ironischer umgang versucht, der mit dem ironischen ton des textes korrespondieren soll.
ronniegrob schrieb am 08.09.2009 um 15:57
Alles klar. Ein Offenlegung von Verbindungen also - ich stimme dafür, das dann auch so zu benennen.

Ironie hin oder her, was der Besitz eines Schweizer Passes mit der Verfertigung dieses Textes zu tun hat, leuchtet mir nicht ein.
Matthias Dell schrieb am 08.09.2009 um 16:05
den hinweis, noch einmal zu diskutieren, ob unser disclaimer verständlich ist, nehmen wir auf. danke dafür. den schweizer pass zu erwähnen - diese entscheidung fiel, insofern es bei einem solchen thema leicht arrogant aussehen kann (und an finsterste vergangenheiten erinnert), wenn aus einer deutschen sprecherposition - wenn auch nur ironisch - die auflösung der schweiz diskutiert wird. der hinweis diente also vor allem dazu anzuzeigen, dass jemand spricht, der von einer auflösung - die ja nicht wirklich befürwortet wird, da sie nur ironisch diskutiert wird - betroffen sein würde.
benepp schrieb am 27.09.2009 um 20:09
Hier noch ein später Nachtrag aus der Schweiz.
Am 18. September 2009 starteten die «nationalen Batterie-Sammelwochen» (kein Scheiss!). In der ganze Schweiz werden gratis sogenannte «Battery Bags» abgegeben. Die Schweiz, keine Willensnation?


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