Politik

100 Tage | 04.02.2010 04:55 | Julian Heißler

Fall für den Scheidungsrichter

Nach dem verstolperten Start fällt die erste Zwischenbilanz der Regierung erschreckend aus. Doch die Opposition profitiert nicht. Zu tief sind noch die Gräben

Jubelstimmung wollte bei Außenminister Guido Westerwelle nicht aufkommen. Man habe gewisse „Anlaufschwierigkeiten“ gehabt, räumte der FDP-Chef anlässlich des 100tägigen Jubiläums der schwarz-gelben Bundesregierung ein. Dem schloss sich auch CSU-Chef Horst Seehofer an, der die Kommunikation in der Koalition als „noch ein Stück verbesserungsfähig“ bezeichnete. Bundeskanzlerin Angela Merkel hingegen zeigte sich unbeeindruckt von der leisen Kritik ihrer Koalitionspartner und dem vernichtenden Presseecho der vergangenen Tage: Die Koalition habe ihrer Einschätzung nach einen guten Start hingelegt, ließ sie verbreiten.

Dass die Opposition diese optimistische Einschätzung der Lage nicht teilen würde, lag auf der Hand. Zu viel Angriffsfläche bietet die Bundesregierung. Seit ihrem Start verheddert sie sich schließlich ständig in den Fragen der künftigen Steuer- und Gesundheitspolitik, verlor bereits einen Minister und streitet sich seit neustem über den Umgang mit gestohlenen Daten, die Steuerbetrüger überführen könnten. Selbst Frank-Walter Steinmeier, bis vor kurzem noch oberster Diplomat der Bundesrepublik, zog da die Samthandschuhe aus.

In einem halbstündigen Monolog lies der SPD-Fraktionschef kaum ein gutes Haar an der Koalition. Sie habe den „schlechtesten Regierungsstart“ hingelegt, an den er sich erinnern könne. Sie habe keine Struktur, keine Mittel und keine Entscheidungskraft um die Auswirkungen der Wirtschaftskrise effektiv zu bekämpfen. Und ihr Wachstumsbeschleunigungsgesetz habe nicht nur den falschen Namen, sondern sei zusätzlich noch „so schlecht, dass die, die es verabschiedet haben, schon wieder Abstand davon nehmen“. In Schulnoten ausgedrückt entspreche der Start einem „mangelhaft Minus“.

Keine Koalition der Opposition

Auch Steinmeiers Oppositionskollegen zeigten sich mehr als unzufrieden mit dem Start von Schwarz-Gelb. Bei den Grünen holten die beiden Bundesvorsitzenden, Claudia Roth und Cem Özdemir, zu einem Rundumschlag aus. Roth warf der Koalition vor, der Klientelpolitik „Tür und Tor“ geöffnet zu haben. Özdemir legte nach und bezeichnete die bisherige Regierungszeit als „100 verlorene Tage für unsere Republik“. Wäre die Regierung ein Ehepaar, müssten sie längst zum Scheidungsrichter, so der Bundesvorsitzende. Die designierte Linken-Chefin Gesine Lötzsch nannte die Koalition „bestechlich“, „unfähig“ und „unsozial“.

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Die Opposition schlug also in die gleiche Kerbe – von engerer Zusammenarbeit will man allerdings, zumindest in der Führungsebene, noch nichts wissen. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast erteilte Spekulationen über eine „Koalition in der Opposition“ eine Absage. „Dafür sind wir zu unterschiedlich“, sagte die Spitzengrüne. Sie und ihre Partei machten eine eigenständige Oppositionspolitik.

Auch Steinmeier wollte von größerer Nähe nichts wissen – schon gar nicht zur Linkspartei. Zwar sei dort mit Oskar Lafontaine eine „wichtige Person gegangen“, doch eine engere Zusammenarbeit sei auch eine inhaltliche Frage. Er unterstrich, dass in den Ländern Koalitionen mit der Linken möglich seien, auf Bundesebene müsse sich die Partei dafür aber noch verändern. Neben den in diesem Zusammenhang oft genannten Themenfeldern der NATO- und Europapolitik, nannte Steinmeier ein weiteres Beispiel: Bei der sehr persönlichen Rede des israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres vor dem Deutschen Bundestag anlässlich des Tages des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus hätten einige Abgeordnete der Linkspartei „nicht einmal den Anstand gehabt, aufzustehen“. Hier müsse sich noch einiges ändern.

Sollbruchstelle Afghanistan

Auch in der Afghanistan-Politik zeigten sie die Unterschiede der Parteien. Während SPD und Grüne das Thema aus der Generalabrechnung mit der Koalition heraushielten – Ex-Außenminister Steinmeier betonte, man dürfe auch nach dem Wechsel in die Opposition nicht die außenpolitische Verantwortung aus den Augen verlieren – griff die Linke die Regierung auch auf diesem Feld an: „Außenpolitisch verfolgt die Regierung einen Kurs, der Krieg als Mittel der Politik festschreibt“, heißt es in einer Pressemitteilung von Linken-Geschäftsführer Dietmar Bartsch. Diese Thema wird wohl noch lange einer Zusammenarbeit von SPD, Grünen und Linken im Wege stehen.

Von einem neuen Lagerdenken wollte Steinmeier dann auch nichts wissen. „Das System bleibt dynamisch“, sagte er – auch mit Blick auf die wichtige Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Verliert Schwarz-Gelb dort – wie es aktuelle Umfragen nahe legen – ist die Mehrheit der Konstellation im Bundesrat futsch. Dann beginnen wieder die quälenden Verhandlungen der Parteien im Vermittlungsausschuss, die seit 2005 eigentlich von der Bildfläche verschwunden waren.

Gewählt wird übrigens in ziemlich genau 100 Tagen. Bis dann wird die Opposition alles versuchen, der Koalition Steine in den Weg zu legen. Nach besseren Zeiten für die Bundesregierung sieht es also erstmal nicht aus.

Mitarbeit: Philipp Brugner
 
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Artikelaktionen
Kommentare
Kgom schrieb am 04.02.2010 um 18:56
Warum lasst Ihr Euch ausgerechnet von der FTD überholen: 100 Tage schwarz-gelber Irrsinn!
Schackerbilly schrieb am 05.02.2010 um 08:33
Man stellt sich zunehmend die Frage, ob die CDU die FDP ins offene Messer laufen lässt, um einen mit 15% gar zu großen Koalitionspartner zu bändigen. Vollkommen unklar ist mir beispielsweise, ob in der Affäre mit der Steuersünder-CD die Liberalen überhaupt im Vorfeld informiert wurden.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 05.02.2010 um 13:23
Nichts ist gut in Deutschland

Laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung haben über 70% der Bürger kein Vertrauen in den deutschen Staat.

Seit dem Amtsantritt der Merkel hat sich die Menschenrechtslage in Deutschland drastisch verschlechtert. Selbstverständlich wird auch die Verletzung von Bürgerrechten schwerster Art - mit Billigung der Merkel - unverändert fortgesetzt. Straftäter gegen Bürgerrechte dürfen es sich bei der Merkel auf der Regierungsbank bequem machen. Im übrigen hintertreibt die Merkel systematisch die Verfolgung von Straftätern gegen Bürgerrechte.

Für all das ist die Merkel verantwortlich. Und die Merkel möchte noch den Anschein erwecken, als sei alles in bester Ordnung. In Deutschland werden Menschenrechte fortgesetzt in schwerster Weise verletzt. Deutschland ist ein asozialer Unrechtsstaat.
Schackerbilly schrieb am 06.02.2010 um 09:53
"Laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung haben über 70% der Bürger kein Vertrauen in den deutschen Staat. "

Oooch! Jetzt bin ich aber entsetzt.

Wie schön zu wissen, dass die Bertelsmann-Stiftung und die mit ihr verquickten Thinktanks in dieser Krise bereits gute Konzepte für einen besser funktionierenden Staat bereithalten. Und ganz nebenbei kann man damit auch noch eine Menge Geld verdienen!

Willkommen in der schönen neuen Bertelsmann-Welt!!!
hibou schrieb am 06.02.2010 um 10:18
einige der abgeordneten der linkspartei haetten bei der ansprache von peres „nicht einmal den anstand gehabt, aufzustehen“ (meinte steinmeier).
ich war vor jahrzehnten in hamburgs kongresshalle bei einem meeting, in dem billy graham von der (damals) kinoleinwand aus predigte. das schemenhafte bild befahl uns, aufzustehen (vermutlich von l.a. aus und aus der vergangenheit) - und alle standen auf, auch meine so progressiven freunde. oha, dachte ich damals.
übrigens ist frau dağdelen gerade in ankara, um ihre solidaritaet mit den seit wochen in grimmiger kaelte streikenden tekel-arbeiter auszudrücken. das lieblingskind der eu, herr erdoğan, droht denen inzwischen mit der polizei. nun bedenkt selbst, wes kind wir sind.
Beste Einrichtung schrieb am 12.02.2010 um 23:56
Popper und Parvenü. Westerwelle - Ribbentrop.

20. Juli, man kauft ein Regal. Sommer


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