Politik

Anti-Atom | 30.04.2010 09:00 | Toralf Staud

Die Energie der Straße

Schwarz-Gelb ­bekommt scharfen Gegenwind. Erstmals demonstrieren nicht die üblichen Verdächtigen. Es ist eine neue Bewegung

Es ist nicht überliefert, was der Umweltminister Norbert Röttgen am Wochenende gedacht hat angesichts der Anti-Atom-Proteste. Rund 120.000 Leute bildeten am Samstag eine Menschenkette zwischen den norddeutschen Meilern Krümmel und Brunsbüttel – die größte Aktion seit Jahrzehnten. Lange Zeit hatten die Organisatoren selbst Bedenken gehabt, ob sich wirklich so viele Menschen in die schleswig-holsteinische Provinz locken lassen. Schließ­lich hatte sich der Protest jahrelang auf die üb­lichen Verdächtigen beschränkt.

Nun aber hat die schwarz-gelbe Bundesregierung mit ihrer Politik der Anti-Atom-Bewegung ein Comeback beschert – und was für eins. Umweltverbände und die Opposition mobilisieren bereits zum nächsten Termin: Wenn bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen die dortige Regierung kippt, gibt es im Bundesrat keine Mehrheit mehr für eine Verlängerung der AKW-Laufzeiten. Anders noch als bei der Bundestagswahl im vergangenen Herbst könnte das Thema nun wahlentscheidend sein. Jetzt rächt sich, dass es CDU-Chefin Angela Merkel versäumt hat, ihrer Regierungspartei eine moderne Energiepolitik zu verordnen. Bei diesem Thema hängen die Konservativen, anders als in der Familie- oder Integrationspolitik, gedanklich noch im vorigen Jahrhundert fest.

Die Anti-Atom-Bewegung ist jedenfalls wieder da. 24 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl eignet sich das Thema erneut zur Massenmobilisierung – und offenbar sogar deutlich über das rot-grüne Milieu hinaus. Unter den Demonstranten waren auch Konservative. Selbst CDU-Regierungschefs wie Christine Lieberknecht (Thüringen) oder Peter Müller (Saarland) lehnen den schwarz-gelben Atomkurs ab. Norbert Röttgen hat das längst erkannt, er reagiert durch leise Töne darauf und will eine nur moderate Laufzeitverlängerung. Doch nicht einmal dafür hätte er, wie Umfragen zeigen, unter den Anhängern von Union und FDP eine Mehrheit.

Gleichzeitig hat sich der Protest gewandelt. Professioneller als andere Bewegungen haben die AKW-Gegner ihr Aktions­arsenal modernisiert: An die Stelle von ritualisierten Latschdemos und festen Gruppen mit regelmäßigen Treffen sind Veranstaltungen mit Event-Charakter getreten. Die Mitmach-Schwelle soll niedrig und der Spaßfaktor hoch sein: Flashmobs, Stromwechselpartys oder eben ein Happening wie die längste Menschenkette, die es in Deutschland je gegeben hat. Das Internet hilft dabei auf vielerlei Weise: Busbörsen laufen heute auf Google-Maps. Aufrufe verbreiten sich per Facebook und Twitter massenhaft, schnell und billig.

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Nicht zuletzt hat ein Jahrzehnt praktizierter Energiewende die Kräfteverhältnisse verändert. Der Anteil erneuerbarer Energien am Strommix ist von unter fünf auf mehr als fünfzehn Prozent gewachsen. Jeder kann sehen, dass die neuen Technologien funktionieren und dass sie immer billiger werden – im Gegensatz zu Kohle, Öl oder Uran. Konzernlobbyisten wagen kaum noch Angstkampagnen nach dem Motto „… dann gehen die Lichter aus“. Selbst die AKW-Ajatollahs vom Atomforum werben heute (wenn auch mit vergifteten Argumenten) für eine Koexistenz von Kernkraft und erneuerbaren Energien.

Dank der rot-grünen Weichenstellungen tauchen die Nutznießer ökologischer Industriepolitik nicht mehr nur in Prognosen auf, sondern auch auf der Straße: 300.000 Jobs hängen hierzulande inzwischen an Sonne, Wind & Co., die Branche setzt Milliarden um. Vor ein paar Jahren noch protestierte Verdi-Chef und Grünen-Mitglied Frank Bsirske gegen Klimaauflagen für Konzerne, am vergangenen Wochenende demonstrierten erstmals auch Verdi und die IG Metall gegen die Atomkraft. Solarfirmen schickten Busse zur Menschenkette im Norden, der Öko-Stromanbieter Schönau sponsorte einen bundesweiten Werbespot.

Die kommenden Monate sind entscheidend für die Energiepolitik. Schwarz-Gelb schützt, trotz vieler grüner Worte, die alten Strukturen, Technologien und die mächtigen Stromkonzerne. Die Regierung streicht kalt lächelnd Förderprogramme für Ökoheizungen und Gebäudedämmung zusammen – und subventioniert neue Kohlekraftwerke. Von der groß angekündigten Offensive des Wirtschaftsministeriums gegen Energie-Monopolisten hat man lange nichts mehr gehört. Und just einen Tag vor den Anti-Atom-Protesten paukte Schwarz-Gelb tiefe Einschnitte bei der Solarförderung durch. Beispielsweise fallen künftig Großanlagen auf Ackerflächen, die am billigsten Sonnenstrom liefern, komplett aus der Förderung. Auch der einhellige Expertenrat brachte die Hardliner in der Union davon nicht ab.

Ebenso gaben CDU-intern bei der AKW-Frage zuletzt die Betonköpfe die Richtung vor, allen Ernstes werden nun Gesamtlaufzeiten von 60 Jahren diskutiert. Für die Anti-Atom-Bewegung war das eher von Vorteil, gegen den netten Herrn Röttgen wäre das Demonstrieren schwerer gefallen. Langfristig aber nützt ihr, dass es auch den moderaten Unions-Flügel gibt – die Reihen der Atombefürworter sind dadurch tief gespalten. Die Chancen stehen also nicht schlecht, Schwarz-Gelb bei einem ihrer politischen Kernthemen zum Kurswechsel zu zwingen.

Und der Umweltminister selbst? Ihm wird der Druck von der Straße sogar ganz recht sein, geht er doch nun gestärkt in den innerkoalitionären Energiestreit der nächsten Monate.

 
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Kommentare
Technixer schrieb am 30.04.2010 um 11:34
"[...]ihrer Regierungspartei eine moderne Energiepolitik zu verordnen. Bei diesem Thema hängen die Konservativen, anders als in der Familie- oder Integrationspolitik, gedanklich noch im vorigen Jahrhundert fest." die Familienpolitik der CDU/CSU ist immer noch im vorigen Jahrhundert, siehe die Idee, wer sein Kind zu Hause behält bekommt Geld und dafür keine neuen Kindergärten.

"Solarfirmen schickten Busse zur Menschenkette im Norden, der Öko-Stromanbieter Schönau sponsorte einen bundesweiten Werbespot."
selbstverständlich tun die das, weil Subventionen gekürzt werden sollen. Die Effizienz von Solarpanels übersteigt immer noch nicht die 20% Marke trotz jahrzehnterlanger Subventionen. Hier eine Mitteilung von Wissenschaftlern aus Berlin Adlershof, die vielleicht etwas neutraler sind als die Verkäufer von Solaranlagen!
www.adlershof.de/newsview/?no_cache=1&tx_ttnews[tt_news]=7919

Solange der industrielle Energiebedarf steigt, immerhin macht er ca. 70% des Gesamtverbrauches aus und immer vom "nur Wachstum bringt Wohlstand" fabuliert wird, sind wir auf dem falschen Weg.

Auch wenn die Ökobilanzen deutlich besser sind, so benötigen die industriellen Herstellungsprozesse doch Ressourcen und verschmutzen die Umwelt. Ergo, bei steigendem Energiebedarf (weil Wachstum) steigt auch die Belastung. Die Windparkanlagen beginnen jetzt schon zu nerven, sie zerhäckseln Vögel und verschandeln die Landschaften.

Es wird de facto keine industriefreundliche Umweltrevolution geben! Die Entwicklungszeiten für alternative Energiequellen bzw. deren Weiterentwicklung sind deutlich länger, als in selben Maße der Bedarf wächst. Also wird versucht das CO2 in den Boden einzuleiten oder Filteranlagen vor Kohlekraftwerke geschaltet. Das alles ist Unfug und unzureichend, wenn die Umwelt und die Ökosysteme geschützt und erhalten werden sollen.

Das blöde ist, der Kampf gegen die Atomindustrie greift natürlich so schön, es ist eine unmittelbare Gefahr, sichtbar und leichter zu verstehen als die abstrakte Wirtschaftspolitik. 120.000 Menschen bei einer Bevölkerung von 83 Millionen, naja, das Land war auch schonmal politischer.

Trotz allem, ich hoffe es ist ein Anfang, ein Einstieg, sich doch mit den Problemen dieser Zeit zu beschäftigen und nicht nur zu jammern und die Schuld den Politikern in die Schuhe zu schieben. Den Veränderungen müssen in den nächsten 10-20 Jahren her und diese werden die meisten von uns noch erleben.
SiebzehnterJuni schrieb am 30.04.2010 um 12:01
hat es eine größere Demonstration gegen die Atomkraft schon gegeben?
Hat es schon so wenig Berichtersattung über eine Demonstration von 120.000 Menschen gegeben?

"....die Schuld den Politikern in die Schuhe zu schieben..."

wer ist denn verantwortlich für die Existenz der Kernenergie in Deutschland? Es sind einzig und allein die PolitikerInnen, die das damals beschlossen haben.

Und eben die Politik kann das auch wieder beenden.

Ja, der Kampf hat wieder begonnen und er wird dramatisch an Dynamik gewinnen, wenn die Schwarz/Gelben tatsächlich den Atomkonsens aufkündigen.
Technixer schrieb am 30.04.2010 um 12:44
"wer ist denn verantwortlich für die Existenz der Kernenergie in Deutschland? Es sind einzig und allein die PolitikerInnen, die das damals beschlossen haben."

Politiker haben die Kernenergie erfunden? Das wäre mir in der Tat neu ;)
"Das erste Kernkraftwerk Deutschlands war das unter Lizenz von GE von der AEG gebaute Kernkraftwerk Kahl (16 MWe) mit einem Siedewasserreaktor, der zuerst am 13. November 1960 kritisch wurde."
Die Einführung war in gewisser Weise Forschungstätigkeit, die Aussicht auf fast unendlich viel Energie, damals wurde nicht so viel verbraucht wie heute, hat sechs Jahre nachdem das erste Atomkraftwerk in Russland ans Netz ging die Politiker umgestimmt.

wenn damals, VOR Tschernobyl genügend mobil gemacht worden wäre, hätten sich die Politiker vielleicht nicht ganz so stark nach den Empfehlungen der Industrie und physikalischen Forschungsanstalten gerichtet.
Wie im Beitrag erwähnt waren selbst die Gewerkschaften dafür und diese waren damals die mächtigsten NROs da sie durch die SPD auch massiven politischen Rückhalt hatten.

Siebzehnter Juni aus heutiger Sicht meckert es sich leicht über die Fehler der Vergangenheit.

Das die Bevölkerungen ihre eigene Verantwortung gegenüber der Gesellschaft ablegen ist an der Entpolitisierung zu sehen und bei der Anti-Atomdemo befürchte ich den Ablasshandel vieler Teilnehmer.
SiebzehnterJuni schrieb am 30.04.2010 um 13:18
Es ist kein "meckern", sondern ein verantwortliches kritisches Urteil. Ich habe schon vor Tschernobyl im Rahmen der Enquête-Kommission des deutschen Bundestages auf die Gefahren der Kernenergie hingewiesen.

Auch der Untersuchungsausschuss zu Gorleben wird noch einiges Interessante zutage fördern.

Es ist einfach unglaublich, dass das Einschmelzen von Aktivität in Glaskörper weiter durchgeführt wurde und wird, obwohl wir schon 1985 in unserem Institut bei Forschungen im Rahmen einer Dissertation an Proben nachgewiesen haben, dass schon nach kurzer Zeit in stark saurem Medium die Aktivität austritt.
Technixer schrieb am 30.04.2010 um 14:16
Lieber Siebzehnter Juni,

das Politiker sich meist nicht nach Sachargumenten richten, sondern nach Lobby und der Windrichtung aus der die Volkstimmung herüberweht, dürfte täglich bewiesen werden. Den einzigen Ausweg den ich aus deren unverantwortlich wahlperiodisch agierenden Handlungsweisen sehe, ist es die Politiker auf Jahre für ihre Arbeit haftbar zu machen, auch wenn sie nicht mehr in der Regierung sitzen. Bloß befürchte ich, dass sich dann gar nichts mehr bewegt.

Hmm, also wird Glas porös? Das ist interessant, weil man alle möglichen Säurearten (außer HF) in Glasflaschen aufbewahrt, oftmals Jahrzehnte. Ich nehme an bei dem Einschmelzprozess wird Bleiglas verwendet? Kommt es zu einer Komplexierung? oder warum tritt unter Einwirkung von Säure Strahlung aus. Sehr interessant. Naja gehört nicht zum Thema.

Die Politik wird aber von der Industrie dazu gezwungen Energie bereit zu stellen. Nehmen wir mal an die sagen "es ist schluss mit Kohle und Atom" die regenerativen Energien reichen noch nicht aus, also was würden die Aktiengesellschaften tun müssen um nicht die Produktivität zurück zu schrauben? China ohne Umweltauflagen lässt grüßen (mir sind die Änderungen bekannt, aber momentan...)
SiebzehnterJuni schrieb am 30.04.2010 um 14:54
"....Hmm, also wird Glas porös? ..."

Hätte ich diese Arbeit als Dissertationsthema gehabt, könnte ich jetzt Details referieren. Der Kollege hat eine ca. 350 (!!!) Seiten dicke Arbeit abgeliefert und 5 Jahre dran gearbeitet!
Mario99 schrieb am 30.04.2010 um 23:23
Gib uns mal ne Zusammenfassung (oder nen Link falls die Arbeit im Netz verfügbar ist). Das Thema ist interessant.
SiebzehnterJuni schrieb am 01.05.2010 um 05:27
ich muss mal nachschauen. Nicht alles, was damals als Diss. das Licht der Welt erblickte, wurde auch später ins Netz gestellt. Insbesondere dieses Thema war ja im Auftrag der damaligen Bundesregierung...
SiebzehnterJuni schrieb am 01.05.2010 um 06:31
am 9.11.2010 wurde das Institut f.Radiochmie und ehemalige Krebsforschungszentrum HD wie ganz normaler Bauschutt entsorgt.Von Baubeginn an war hier steter Umgang mit radioaktiven Substanzen. Noch nicht einmal Sondermüll - auf Nachfrage!!!

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