Politik

Kronzeuge Köhler | 28.05.2010 12:45 | Lutz Herden

Präsidialer Kriegserklärer

Der Bundespräsident hat benannt, was die politische Klasse lieber unausgesprochen lässt, wenn sie Militärinterventionen im Ausland begründet – das ökonomische Motiv

Soviel Wille zum Bekenntnis, soviel Sinn für Klarheit – sie verdienen es nicht, derart ins Gerede zu kommen. Horst Köhler hat keinen Meineid auf die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik gegeschworen, sondern einen Offenbarungseid geleistet. Und das als Kronzeuge. Wie anders sollte er sonst empfunden werden. Wer sich jetzt peinlich berührt fühlt, ob dieser Hinwendung zu Glasnost und Klartext, gibt zu verstehen, ein ganzes Jahrzehnt der NATO-Metamorphose verschlafen zu haben.

Bekanntlich war es dem NATO-Jubiläums-Gipfel von Washington Ende April 1999 vorbehalten, den Bündnisauftrag über die reine Selbstverteidigung hinaus neu zu definieren. Die Allianz wurde in einer globalisierten Welt mit einem globalen Interventionsauftrag ausgestattet. Von der „Bewältigung elementarer sicherheitspolitischer Herausforderungen“ war die Rede und einer adäquaten Antwort auf die neuen Risiken, mit denen die Allianz konfrontiert sei. Im „Strategischen Konzept des Bündnisses“ wurden als derartige Risiken unter anderem aufgeführt: „Akte des Terrorismus, der Sabotage und des organisierten Verbrechens sowie der Unterbrechung der Zufuhr lebenswichtiger Ressourcen (sic!)“, womit doch zumindest ein Teil von Köhlers „freie(n) Handelswege(n)“ gemeint war, die man notfalls auch militärisch sichern müsse.

Es ist nicht bekannt, dass die Bundesrepublik Deutschland jener Strategiewende, mit dem die NATO ihre Weiterleben nach der Epochenwende rechtfertigte, das Plazet verweigerte oder nach dem 1999er Gipfel ihren Alliierten den Rücken kehrte. Und ohne den April 1999 – kein Herbst 2001. Die globale NATO war unter amerikanischer Führung prädestiniert die Operation Enduring Freedom ins Werk zu setzen, die nach dem 11. September 2001 zu einer Flottenpräsenz am Horn von Afrika und im Indischen Ozean (unter deutsche Beteiligung) und ebenso zur Intervention in Afghanistan führte. Wenn die geltende Version über Urheber und Ursachen der Anschläge gegen New York und Washington zutrifft, war Afghanistan der Praxistest für die neue NATO-Doktrin. Schon 1999 hat Henry Kissinger treffend formuliert, das Überleben der westlichen Staatengemeinschaft könne von Entwicklungen abhängen, die sich gänzlich innerhalb der Grenzen eines anderen Staates vollziehen. Dies gelte erst recht, wenn man es mit einem failed state zu tun habe. Als solcher wurde Afghanistan seinerzeit einsortiert, als ihn der Westen auf die „Achse des Bösen“ montierte.

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Mit anderen Worten, es gab ein kompaktes Interesse, das Land am Hindukusch zu besetzen, um es zu kontrollieren und zu disziplinieren. Es galt als eine Quelle der Gefahren, wie sie der Washingtoner NATO-Gipfel von 1999 beschrieben hatte. Deshalb ist auch die Bundeswehr dort und bleibt. Horst Köhler hat das richtig erkannt. Deutschland kann sich als Export- und Handelsgroßmacht nur reproduzieren, wenn die Handelswege frei sind und der Rohstoff-Transfer klappt. Falls sich Hindernisse auftürmen, wird getan, was Großmächte in der Regel zu tun pflegen, wenn sie elementare Interessen gefährdet sehen. Köhler konnte da als Weltökononom nicht aus seiner Haut und wurde zum präsidialen Kriegserklärer. 

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 28.05.2010 um 14:27
Herzlichen Glückwunsch!

Der Ressortleiter des "Freitag" bezieht klar Stellung.

In einer Welt, in der Herausgeber von "ambitionierten" Wochenmagazinen allegorische Ergüsse über ihren Garten in die Welt pusten, ist es doch konsequent, diesen idyllischen Status Quo mit aller Macht zu erhalten. Das sind unsere deutschen Interessen.

Zur Seelenberuhigung noch einen künstlerisch wertvollen Bildband über die Opfer von Kunduz und wir können ruhigen Gewissens schlafen gehen.

Egal wer wann was verschlafen haben soll, gibt es doch, wie die Debatte zeigt, eine nicht zu übersehende Kluft zwischen den Plänen der politischen, ökonomischen und militärischen Entscheidern und den Vorstellungen der breiten Bevölkerung über die Frage, zu welchen Zwecken wir deutsche Soldaten in den Krieg schicken und im Zweifel auch sterben lassen wollen.

Und noch ist es doch nach der Verfasssungslage so, dass die Bürgerinnen der Bundesrepublik Deutschland der Souverän sind und nicht die NATO. Noch haben wir eine demokratische Verfassung die in Art. 26 GG einen Angriffskrieg verbietet.

Leider haben die Mütter und Väter des Grundgesetzes es versäumt, die in Art. 26 GG geronnene Erkenntnis, dass von deutschen Boden nie wieder Krieg ausgehen darf, in die Ewigkeitsgarantie des Art. 79 Abs. 3 GG aufzunehmen.

Die durch Art. 24 GG gestattete Übertragung von Hoheitsrechten auf zwischenstaatliche Einrichtungen, ist daher die Achillesverse unseres Grundgesetzes. Diese zu schüzten, wäre eigentlich die Aufgabe unseres Bundespräsidenten und aller anderen Verfassungsorgane.

Zum Glück ist unsere Republik noch so intakt, dass gerade die am wenigsten mit institutioneller Macht ausgestatteten Verfassungsorgane, die Opposition im Bundestag und der einfache Bürger immer mehr zu den eigentlichen Hütern der Verfassung werden, sei es beim Lauschangriff, bei der Voratsdatenspeicherung oder der Religionsfreiheit. Dabei helfen ihnen die Richter des Bundesverfassungsgericht, die zwar immer öfter mit sichtbaren Unbehagen aber gleichwohl standhaft, das Grundgesetz und die in ihm festgelegten moralischen Grundüberzeugungen zu schützen suchen.

Wie Robin Meyer-Lucht in seinem heutigen Beitrag auf Carta.de richtig festgestellt hat, ist daher nicht das "Handelsweg-Inteview" Köhlers für sich genommen der Skandal sondern die Tatsache, dass der Bundespräsident in seiner aktuellen Rede vom 14. Mai 2010 vor dem Bundesverfassungsgericht gerade diese wichtigen Schutzmechanismen unserer Verfassung als "Anomalien" bezeichnet und kritisiert.

carta.info/28054/koehler-das-wirken-des-bundesverfassungsgerichts-ist-eigentlich-eine-anomalie-demokratischer-politik/

Die Haltung, grundlegende Entscheidungen aus der Kontrolle der Verfassungsorgane an übernationale Einrichtungen zu delegieren und gleichzeitig die letzen rudimentären demokratischen Kontrollmechanismen zu bekämpfen, verbunden mit einer unerträglichen Durchalte- und Sieges-Rhetorik, sind für mich mit dem Amt des Bundespräsidenten nicht vereinbar.

Es ist daher ein Dienst an unserer Verfassung, wenn Herr Köhler das ihm verliehene Amt des Bundespräsidenten niederlegt.
gweberbv schrieb am 28.05.2010 um 17:51
Ich nehme an, dass für einen Militäreinsatz mit definiertem Ziel und klarem Nutzen - wie beispielsweise die "Piratenjagd" - recht einfach eine Mehrheit in der Bevölkerung zu gewinnen ist.
luggi schrieb am 28.05.2010 um 22:14
na klar gweberbv, die Piratenpartei? Oder die, die über Finanzmärkte Staaten piratisieren?
Fritz Teich schrieb am 29.05.2010 um 10:34
<<
Es ist daher ein Dienst an unserer Verfassung, wenn Herr Köhler das ihm verliehene Amt des Bundespräsidenten niederlegt.
>>

Vollkommen dummes Zeug. In Europa interessiert sich niemand fuer unser verschwiemeltes tolles Grundgesetz. Einen Bundespraesidenten gibt es aber trotzdem.
Fritz Teich schrieb am 29.05.2010 um 10:38
<<
Leider haben die Mütter und Väter des Grundgesetzes es versäumt, die in Art. 26 GG geronnene Erkenntnis, dass von deutschen Boden nie wieder Krieg ausgehen darf, in die Ewigkeitsgarantie des Art. 79 Abs. 3 GG aufzunehmen.
>>

Eben.
claudia schrieb am 30.05.2010 um 08:34
Dass jeder Staat eine grosse Armee unterhält, um mit jeweils maximal 0,1 % dieser Militärmacht ein paar Piraten zu jagen ist auch nicht plausibel.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 28.05.2010 um 22:11
Wir bekommen die Warheit jetzt tropfenweise verabreicht.
Der Chef des Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, sagt im Interview beim "Volksfreund":

"Zweifellos ist Deutschland auf internationale Handelswege angewiesen. Es wäre fahrlässig, davor die Augen zu schließen. Aber das ist nicht unser Hauptinteresse in Afghanistan. Dort geht es um die Stabilisierung des Landes, damit es schnellstmöglich für seine Sicherheit sorgen kann."

www.volksfreund.de/nachrichten/themendestages/themenderzeit/Weitere-Themen-des-Tages;art742,2455846

(ganz am Ende des Interviews)

Lügen jetzt Herr Köhler und Herr von Guttenberg mit ihren Dementis?
luggi schrieb am 28.05.2010 um 22:17
Tja, es gibt Leute, die haben aus dem "Fall Gleiwitz 1939" gelernt. Statt Leichen noch mehr Lügen.
Fritz Teich schrieb am 29.05.2010 um 10:29
Es wird nicht gelogen, wenn auf Pirateriebekaempfung und Somalia verwiesen wird. Der Krieg in Somalia sieht nur anders aus als der im Iraq. "Failed state" ist nur eine Schutzbehauptung. "Alles Kriminelle", so der ansonsten schon mal sehr geschaetzte Rupert Scholz im DLF, ist der Gipfel der Arroganz und Dummheit.
Frank Linnhoff schrieb am 29.05.2010 um 09:48
Vielen Dank für diesen klaren Beitrag zum Thema.

In der Tat sind die Worte des Bundespräsidenten im Deutschlandfunk-Interview der Ausdruck einer Militärpolitik, die vor 11 Jahren formuliert und seitdem von den verschiedenen Bundesregierungen unterstützt wurde. Der wahre Skandal sind nicht die Worte des Bundespräsidenten, sondern eine Militärpolitik, die offensichtlich von der Mehrheit des deutschen Volkes zumindest toleriert wird.
Fritz Teich schrieb am 29.05.2010 um 10:25
Sie wird auch von den "Linken" toleriert, die ueber Mittel philosophieren, statt ueber die Zwecke.
Magda schrieb am 29.05.2010 um 11:33
Da schließe ich mich gern an. Im Grunde hat Köhler einfach "Klartext" geredet und damit auch bei vielen Leuten, die lieber "weghören" einen Reflex ausgelöst, der vielleicht mehr Klarheit schafft, was sie alles hinnehmen.
Magda schrieb am 29.05.2010 um 11:34
Pardon - mein Kommentar ging an Frank Linnhoff.
Fritz Teich schrieb am 29.05.2010 um 14:33
<<
die ueber Mittel philosophieren, statt ueber die Zwecke.
>>

Ohne mich geht nicht.
Fritz Teich schrieb am 29.05.2010 um 10:19
<<
Mit anderen Worten, es gab ein kompaktes Interesse, das Land am Hindukusch zu besetzen, um es zu kontrollieren und zu disziplinieren
>>

Sehr richtig. Es geht naemlich primaer um Kontrolle im Sinne von Kontrolleritis und nicht um Profit im Sinne von Pipeline. Man muss sich die NSS des POTUS Obama genau durchlesen. Wie im Tiergarten und unter Bush ein grosses "das Gute gegen das Boese". Ein Glueck nur, dass es noch Laender gibt, die nicht mitspielen. Die Frage ist, ob wir ein "Empire" unter amerikanischer Fuehrung wollen oder eine Welt gleichberechtigter Staaten, gleich ob "failed" wie Somalia oder "nicht anerkannt" wie das Afghanistan der Taliban oder nicht. Kurz: 1815 oder 1648?
SchmidtH. schrieb am 29.05.2010 um 12:13
"Der Drops ist gelutscht"
.
So flapsig darf die sehr, sehr flache, typisch deutsche Erregungs-/Empörungswelle ad acta gelegt. Verfolgt man das Abebben der Stellungnahmen aus dem Bereich "zweite Politikergarnitur", das Verschwinden des Themas von den Internetseiten, von den herausragenden Seiten der Medien, dann weiß man, hier bleibt die notwendige gesellschaftliche Debatte - aus gutem Grunde werden sich die Grundgesetzverletzer sagen - aus. Sie soll und "darf" nicht geführt werden.

Selbst Nico Fried von "SZ" reduziert das Gesagte des Bundespräsidenten auf eine Art Kommunikationpanne, die durch einen geigneten Pressesprecher hätte verhindert werden können. Nicht der Inhalt, die Aussage wird kritisch mit dem GG abgeglichen, nein die "Präsentation" durch einen sichtlich "Uberforderten" wird in den Mittelpunkt gerückt.

In geradezu erschreckender Weise kann man dieses an der Tatsache festmachen, dass keine der großen, sogenannten gesellschaftlich relevanten Gruppen dieses Landes ihre Stimme erhoben hat. Weder der DGB, noch die Kirchen etc. All die, die sonst nicht an sich halten können, die immer, egal ob gefragt oder ungefragt, voll ins Horn stoßen, sind mit einem Male von einer seltsam anmutenden Sprachlosigkeit befallen. Selbst der Zentral der Juden schweigt.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch einmal an den Beitrag von

Dani Rodrik erinnern: Das politische Trilemma der Weltwirtschaft!

"In ihrem Kern ist die Krise eine weitere Manifestierung des Phänomens, das ich „das politische Trilemma der Weltwirtschaft“ nenne: wirtschaftliche Globalisierung, politische Demokratie und der Nationalstaat sind nicht miteinander vereinbar. Wir können höchstens zwei gleichzeitig haben. Demokratie ist nur dann mit nationaler Souveränität vereinbar, wenn wir die Globalisierung einschränken. Wenn wir die Globalisierung vorantreiben, während wir gleichzeitig den Nationalstaat beibehalten, müssen wir die Demokratie fallen lassen. Und wenn wir Demokratie zusammen mit Globalisierung wollen, müssen wir den Nationalstaat beiseite schieben und eine stärker internationale Regierungsführung anstreben."
Lutz Herden schrieb am 30.05.2010 um 12:03
Da haben Sie bei den bisherigen Reaktionen zu Köhler wirklich den wunden Punkt getroffen, denn dass sich Deutschland als weltpolitischer Akteur mit militärischer Visitenkarte empfiehlt, wird inzwischen offenbar als absolute Normalität empfunden.
SchmidtH. schrieb am 30.05.2010 um 18:40
Friedrich Küppersbusch - ausnahmsweise möchte ich ihn hier einmal zitieren - bringt es kurz und knapp auf den Punkt:

Zitat:
Deutsche Soldaten im Kampf für deutsche Wirtschaftsinteressen: Horst Köhler spricht aus, was alle wissen. Wo liegt der Skandal?

"Dass keiner draus wird.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 30.05.2010 um 22:41
Das ist ja gerade der Skandal, dass ohne eine gesellschaftliche Debatte, allein durch die Kraft des faktischen eine grundlegende Änderung eines der Grundpfeiler unseres Gemeinwesens vorgenommen wird.

Die deutschen "Leit-Medien" kommen mir vor wie Mütter, die irgendwann die Kraft verloren haben, ihre Kinder vor dem prügelnden Vater in Schutz zu nehmen und dann zur Beruhigung ihres eigenen Gewissens eine "da-kann-man-nichts-dran-machen-Haltung" einnehmen und schließlich die Schuld bei den Kindern suchen.

Aus meiner Sicht hat die angeblich "vierte Gewalt" auf voller Linie versagt.
SchmidtH. schrieb am 31.05.2010 um 14:38
Und nun ist er der Bundespräsident Horst Köhler zurückgetreten.

Ein einmaliger Vorgang.

Man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, hier befindet sich etwas in Auflösung. Was nun wieder nicht unbedingt GUTES erwarten läßt.
claudia schrieb am 30.05.2010 um 12:22
>>...wirtschaftliche Globalisierung, politische Demokratie und der Nationalstaat sind nicht miteinander vereinbar.<<

1) wofür entscheiden wir uns?

2) mal angenommen, wir würden mehrheitlich für "Demokratie + Nationalsstaat" oder "Demokratie + Globalität" entscheiden, wie definieren wir dann den Begriff "Demokratie"?
Lutz Herden schrieb am 30.05.2010 um 16:20
Das, was übrigbleibt, wenn die Globalisierung und der Nationalstaat zu ihrem Recht gekommen sind.
SchmidtH. schrieb am 30.05.2010 um 17:02
Sie haben so recht Lutz Herden, "was übrigbleibt"

Was das bedeutet, bedeuten kann, spüren wir doch schon.
Nicht dass wir auf eine Diktatur oder auf einen totalitären Staat im klassischen Sinne hinsteuern, aber solch inflationäres Verwenden der Begriffe wie die der Alternativlosigkeit, Ultima Ratio zeigt wohin der Weg gehen, aber auch wie er begangen werden soll. Sie sind der Tod jeder Demokratie!

Solange es geht, wird dieser schleichende Prozeß unter pseudodemokratischen Regeln durchgeführt. Erst wenn das Ziel unerreichbar scheint, werden sich - was zu befürchten steht - auch die Methoden ändern. Was - und das macht mir persönlich mehr Sorgen - auch noch vom Bürger toleriert, honoriert wird, wenn nur das "utopische" Versprechen von Wohlstand durch seinen Verzicht "glaubhaft" vermittelt werden kann. Das Erstarken der Rechtsparteien in Europa legt die schon immer gehegte Vermutung offen, wenn Not am Mann ist, tickt der Mensch "politisch RECHTS".

Die Masse der Bürger ist zu einem Demokratieverzicht bereit, nicht aber auf den Nationalstaat. Die jetzige Krise - und auf ein Krisenverhalten kommt es an - beweist es doch, Europa wird und kann(?) vom Bürger nur als ein Europa der "Vaterländer" verstanden werden. Das sollte uns zu denken geben.
Lutz Herden schrieb am 31.05.2010 um 08:09
Die Masser Bürger ist vor allem zu einem Sozialverzicht bereit, was zu einer Domestizierung und erheblichen Entkernung der Demokratie führt. Das wird jetzt teilweise europapolitisch bemäntelt wegen der Schuldenstaaten, ist aber tatsächlich der Katalysator für eine Haushaltspolitik mit der soziale Verantwortung des Staates immer weiter herunter geschraubt wird. Und die soziale Ächtung der Verlierer in dieser Gesellschaft voranschreitet.
SchmidtH. schrieb am 31.05.2010 um 11:53
Wenn man sich überlegt, dass die eigentlichen Bankrotteure, die Verursacher dieser schon seit Jahren andauernden Krise, die "Neoliberalen" (besser Neoklassiker) als Gewinner aus dieser hervorgehen werden, wird einem schwindlig. Eine unermeßliche Wut steigt in einem hoch.

Aber es ist so wie beim Boxen. Wer einen angeschlagenen Gegner nicht endgültg KO schlägt, läuft Gefahr, sich selbst um den schon sicher geglaubten vermeintlichen Sieg zu bringen.
Genau dies ist jetzt eingetreten.

Solch Einschnitte wie jetzt drohen, hätten sich selbst diese "Gesellen" nicht träumen lassen. Sie werden jetzt nur noch darauf achten, dass ihnen, aber auch uns, das Ganze nicht um die Ohren fliegt.

Und wir Deutschen, nein nicht alle, trällern noch munter das schöne deutsche Lied, "Ich hab mich ergeben mit Herz und mit Hand"!
misterl schrieb am 31.05.2010 um 17:41
Der "präsidiale Kriegserklärer" tritt ab und hinterläßt die Bühne für eine offene Debatte. Zeit wird es dafür. Für die Debatte. Das dafür ein Rücktritt aus vorgeblicher Beleidigung und Unwürde vorm Amt nötig erscheint, ist ein weiteres trauriges Kapitel deutscher Debattenkultur.
SchmidtH. schrieb am 31.05.2010 um 18:31
Ginge es nur um ein weiteres Kapitel deutscher Debattenkultur, könnte man schon fast wieder zur Tagesordnung übergehen, denn sie war - bis auf wenige Ausnahmen - fast immer so.

Erschwerend kommt in diesem Fall aber hinzu, der Umgang mit einem Staatsamt, dem höchsten was dieses Land zu vergeben hat. Nichts aber auch nichts rechtfertigt einen derartigen Schritt einfach dieses Amt wegzuwerfen, wenn ich als Amtsinhaber der Kritik - wie auch immer - ausgesetzt bin.

Wir sind bei aller persönlichen Empfindlichkeit keine Mimosenrepublik für Menschen, die sich selbst in ein Amt gedrängt haben bzw. drängen ließen.

Selbst ein historischer Vergleich wäre hier völlig fehl am Platze, wenn sich jemand noch auf einen sächsischen König berufen würde, frei dem Motto folgend:

"Macht doch euer'n Dreck aleene!".

Hier wurde jemand in ein Amt gewählt, jemand "vergattert" diesem Land zu dienen, nicht etwa Angehöriger einer Neigungsgruppe zu sein. Von diesem kann man verlangen - selbst bei stürmischen Gegenwinden - auf der Brücke zu bleiben.

Er hatte die Chance, die Möglichkeit in die Offensive zu gehen, seine Sicht der Dinge im Rahmen seiner Möglichkeiten klar und unmißverständlich darzulegen, aber er verweigerte sich. Aus welchen Gründen auch immer.

Um Horst Köhler ist es nicht schade, aber dem Bundespräsidentenamt wurde unermesslicher Schaden zugefügt, nicht allein durch diesen Rücktritt, nein seine "Inthronisierung" war schon eine Farce und diesem Amt nicht angemessen.
ChristianBerlin schrieb am 31.05.2010 um 20:34
@SchmidtH.

Wir sind bei aller persönlichen Empfindlichkeit keine Mimosenrepublik für Menschen, die sich selbst in ein Amt gedrängt haben bzw. drängen ließen.


Erinnerst Du Dich an JA's Videokommentar zum Rücktritt von Margot K.? Ein wenig anders argumentiert - Stichwort: Unfähigkeit unserer Gesellschaft mit Schuld umzugehen - aber mit demselben Skopos: Sie hätte, wenn es nach JA gegangen wäre, im Amt bleiben können und müssen.

Ich vermute, das Staatsoberhaupt ist dem Beispiel des Kirchenoberhauptes ohne nachzudenken blind gefolgt. Beide reden nämlich in ihrer Rücktrittserklärung vom "Amt", das schweren Schaden genommen hätte, und dies nicht so sehr durch Handlungen oder Äußerungen von ihnen selbst, sondern durch respektlose Dinge, die seither über oder gegen sie gesagt oder geschrieben wurden.

Während die Bischöfin mit ihrem überraschenden Rücktritt als Kirchenoberhaupt noch mal kräftig punkten konnte und jetzt als glaubwürdiger denn je dasteht, erntet aber ihr Nachahmer bei seinem ebenso überraschenden Rücktritt als Staatsoberhaupt nur Kopfschütteln und bemühte Erklärungsversuche, die ihm Amtsmüdigkeit oder politische Unprofessionalität nachsagen und damit Glaubwürdigkeit alles andere als erhöhen.

Da liegt der Unterschied zwischen beiden Rücktritten: Der eine hat dem Amt gedient, der andere wollte dies auch tun und hat ihm statt dessen nur einen Bärendienst erwiesen.

Si duo faciunt idem non est idem.

@Lutz Herden

Als Quereinsteiger unserer politischen Kaste hatte der Ex-Bundespräsident statt der politikerüblichen Durchtriebenheit und eher etwas Unschuldig-Einfältiges an sich. Ich halte das an ihm für echt und glaube nicht, dass es ihm um kalkulierten Populismus ging, er war so und dachte wirklich so, wie er redete. Wie Kindermund oft Wahrheit kund tut, kann auch mal ein Präsident ins Schwarze treffen, wenn er denkt, was er sagt, oder sagt, was er denkt.
Magda schrieb am 31.05.2010 um 20:49
@ Christian - "Ich vermute, das Staatsoberhaupt ist dem Beispiel des Kirchenoberhauptes ohne nachzudenken blind gefolgt."

Nein, das glaube ich nicht, Christian.
Dem Beispiel eines Rücktritts, der einer so peinlichen und öffentlich durchgehechelten Straftat folgte wie bei Käßmann, wäre Köhler nicht gefolgt. Der Zungenschlag mit dem Amt ist auch unterschiedlich: Käßmann meinte, sie hat dem Amt geschadet, nimmt das also eher auf sich.
Köhler verhält sich gekränkt, weil man ihm und dem Amt aus seiner Sicht unbegründet den Respekt verweigert, einen Respekt, den Käßmann nicht fordert, sondern von dem sie glaubt, dass es besser ist, wenn sie diesen Respekt durch einen Rücktritt sichert.
misterl schrieb am 31.05.2010 um 21:21
Es gibt viele Fragen, die sich an sich aufdrängen. Eine davon aus meiner Sicht wurde heute nicht gestellt. Zumindest nicht von Deppendorf aktuell.

Nämlich ob ein Präsident, auf der argumentative gefährlichen Gradwanderung zwischen bundesdeutschen Interessen, Begründungen sie mittels Krieg durchzusetzen und dem Tabuthema eigene Aussenpolitik für einen Bundespräsident real die Optionen hatte zurück zu rudern und an sich gehen deshalb (weil sie fehlen) musste?

Das sagt noch nichts über die Art des Abganges aus.

Sondern nur etwas über die mögliche Ausweglosigkeit es tun zu müssen. Die Relationen zu Käßmann wäre dann geringer als zB Magda ausführt.

Die Art, die Köhler wählte mag dann das Amt als solches möglicherweise noch mehr schädigen als ohne genau diesen Rücktritt.
misterl schrieb am 31.05.2010 um 21:30
Lass uns mal den Faden weiterspinne, ihm wurde klar, er darf das gar nicht.

"aber er verweigerte sich. Aus welchen Gründen auch immer. "

Er würde, folgte er diesem Aufruf, eine völlig eigenständige Aussenpolitik der Bundesrepublik Deutschland begründen. Fern ab von den offiziellen Vertretern dieses Landes dafür. Nämlich Merkel, Westerwelle und ggf. Guttenberg. Und das in einem wahrlich verminten Feld der Fragen von Krieg, Frieden, Aussenhandel und Grundgessetz(bruch).

Er hat sich vergallopiert. Massiv und niemad hat ihn aus seiner Ecke holen wollen, weil keine/keiner der genannten politischen Selbstmord begehen wird, um ihn da raus zu holen. Verteidigen, relativieren alles das wäre Selbstmord für jeden der drei. Jede Relativierung hätte den NATO-Partnern Fragezeichen bescherrt und unlustige Debatten.

Also bliebe nur ein starker Rückwärtsgang. Er hat den - beleidigten - Rücktritt gewählt. Siehe auch an Antwort an Magda. Konnte er anders? Ja, in der Form. Aber Rücktritt war wohl ohne Ausweg.
SchmidtH. schrieb am 31.05.2010 um 22:03
Selbst wenn es so gewesen sein sollte, er also eine Grenze - die wir nicht kennen - überschritten hat, läßt der Verlauf der letzten Tage nicht den Schluß zu, hier wäre ein Rücktritt - wie auch immer - unvermeidlich gewesen.

Der Drops, wie ich schrieb, war bereits gelutscht. Druck von den Leitmedien war nach den vorliegenden Erkenntnissen nicht mehr zu erwarten, das mediale Feuer war eingestellt.
Das Hektische, diese fristlose Kündigung, als wenn er unter Zeitdruck agieren würde, stimmt schon nachdenklich und gibt in der Tat Anlass zu Spekulationen.

Aber genau hier setzt auch die Kritik an, die nun auf ihn von allen Seiten einprasselt. Nichts Schlüssiges konnte er vermitteln, nur die "beleidigte Leberwurst" blieb als Erklärung für seinen erbärmlichen Abgang übrig. Nicht einmal die übliche Floskel, sein Rücktritt nötige trotz allem Respekt ab, gelangte in die veröffentlichten Kommentare, Bewertungen.

Auf eine Merkwürdigkeit möchte ich eingehen. Wie kann jemand, der über ein gewisses Standing in der deutschen Bevölkerung verfügte, diejenigen so "enttäuschen"?

Seit Schröder macht sich ein sehr seltsamer Umgang mit Spitzen-Staatsämtern und dem GG in dieser Republik breit. Es verfestigt sich der Eindruck hier wird nur noch gejobt und man könne so nach Lust und Laune diesen Job hinschmeissen oder dauernd zur Dispositon stellen.
misterl schrieb am 31.05.2010 um 23:13
Zugeben eine wilde Spekulation.

Seine Wandlung vom neoliberalen Wegbegleiter zum Finanzmarktkritiker, sein Wegducken bei Fragen von Währungsspekulaten und Eurosicherung, die Forderungen an ein anderes Europa als Finanzunion mit einheitlicher (zumindest aber abgesprochener) Wirtschaftförderung all das zusammen genommen präsidial Sprachlos und dann dieser quasi überraschende Blitzbesuch mit diesem Interview in Afghanistan.

Warum sucht sich in dieser Phase jemand ein eigenständiges Betätigungsfeld zu dem inhaltlich höchst überflüssig in Afghanistan, wenn er per Qualifikationen geeignet wäre zu all dem offenen an Wirtschafts.- und Finanzproblemen samt Regulierung von ihm jede Menge zu sagen wäre?

Warum zieht jemand genau in dieser Lage beleidigt seine persönliche Reisleine?

Hat er gesollt? Merkel schien so traurig nicht zu sein im Sonderinterview.

Ist der Drops gelutscht?
ChristianBerlin schrieb am 31.05.2010 um 23:16
@Magda

Ich habe nichts gegen die Verklärung unserer momentanen Lieblingsheiligen. Aber der Unterschied in den Statements beschränkt sich aus meiner Sicht eher auf Nuancen oder Akzente. Margot K. hat zwar (im Unterschied zu Köhler) ihren Fehler auch "Fehler" genannt, aber nicht gesagt, er sei nicht mit der Würde des Amtes vereinbar. Was diese Frage betrifft, sagte sie nicht: 'Was ich getan habe, war mit der Würde des Amtes nicht vereinbar', sondern:

So manches, was ich lese in den letzten Tagen, ist mit der Würde des Amtes nicht vereinbar.


Diese Formulierung lässt offen, ob das Gelesene nur die Schwere des Fehlers widerspiegelt oder ein Übermaß enthält, durch das sie sich erst zu der Konsequenz Konsequenz gedrängt sah.

Ich stimme Dir zu, dass Horst Köhler den Respekt tatsächlich leberwursttypisch noch im Rücktritt einfordern zu können glaubte. Solche Einfalt bringt eine so reflektierte Persönlichkeit wie Margot Käßmann nicht auf. Trotz dieses Unterschieds bin ich sicher, dass auch Horst Köhler mit seinem Rücktritt diesen Respekt sichern wollte, mag auch das Gegenteil dabei herausgekommen sein.
Uwe Theel schrieb am 31.05.2010 um 18:50
Es ist Egal, ob Horst Köhler zurückgetreten ist, weil er im letzten Moment gemerkt hat, dass er mit seinen Äußerungen zuerst selbst Verfassungsbruch begangen hat, oder nur weil er einfach die Schnauze voll davon hatte, nicht die Macht zu haben, die ein us-amerikanischer Präsident hat - jener kann und muss die inkriminierten Köhlersätze als Credo amerikanischer Machtpolitik auch immer wieder öffentlich bestätigen -, Köhler hat selbst in diesem präsidialen Akt versagt, da er die Wahrheit für den Rücktritt dabei nicht offenlegte. Diese Offenheit in der beruhigenden Lüge ist es wahrscheinlich, die ihn bei dutschen Volk jetzt so beliebt mach, dass sie ihm mehrheitlich den Rücktritt überlnehmen. Dass er unverhofft "eine" Wahrheit bürgerlicher Machtpolitik ausssprach, die er in Deutschland eben auch legal verankert haben wollte, ist dabei nahezu nebensächlich.

Abgekartet war da auch nichts, der alte Mann hat seinen amerikanischen Traum in Deutschland nur zu Ende geträumt, daher auch als letzte Worte die Sätze, die abtretende US-Offiziere nicht nur in Roland-Emmerich-Filmen tatsächlich sagen: "Es war mir eine Ehre, Deutschland als Bundespräsident zu dienen."
weinsztein schrieb am 12.06.2010 um 03:55
Witzchen aus dem Rheinland.

Fritzchen wird gefragt, ob er schon mal Sex gehabt habe.
Ja, sagt Fritzchen.
Und mit wem?
Isch mit misch.

(Fiel mir gerade ein, als ich die Diskussion von Uwe Theel und axiom las.)
Uwe Theel schrieb am 13.06.2010 um 01:04
@ weinsztein schrieb am 12.06.2010 um 03:55

Fritzchen wird gefragt, ob er schon mal Sex gehabt habe.
Ja, sagt Fritzchen.
Und mit wem?
Isch mit misch.


Immer wieder schön, wie Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung schöpfen, Winsztein.
weinsztein schrieb am 13.06.2010 um 01:13
So ist es, lieber Uwe Theel.

Und? Können Sie da nicht mitreden?

Herzlichst
Winsztein
Uwe Theel schrieb am 13.06.2010 um 01:22
Lieber Weinsztein

Sie treibt es, scheint´s off topic.

Wie wär`s mit einem Blog zum selbstgewählten Thema von Ihnen, wenn es so dringend ist, das Politische Ihnen offensichtlich nicht so liegt?

Nicht minder herzlich
ut

P.S. Untröstlich für den Tippfehler, der sich so zu Herzen genommen wurde.
weinsztein schrieb am 13.06.2010 um 02:32
Uwe Theel schrieb am 13.06.2010 um 01:22
"Wie wär`s mit einem Blog zum selbstgewählten Thema von Ihnen, wenn es so dringend ist, das Politische Ihnen offensichtlich nicht so liegt?"

Lieber Uwe Theel,

Sie haben recht, das Politische liegt mir nicht. Danke für Ihre Nachsicht.

Wissen Sie, ich bastle, stricke und häkle sehr gern, abends schwelge ich in meiner Kocherei und danach geht's richtig los. Und dazu soll ich bloggen?

Für Sie speziell? Nee, ne?
Uwe Theel schrieb am 13.06.2010 um 23:24
@ weinsztein schrieb am 13.06.2010 um 02:32

Für Sie speziell? Nee, ne?

Wieso für mich speziell, lieber Weinsztein,

das erwarte ich sicher nicht.

Sie schnitten ihr Thema an, sprachen mich "dazu" an, ich reagierte, dies nicht off topic.

Häkeln und stricken ist nicht so mein Ding, aber basteln und kochen sehr. Der Rest klappt auch.

mfg
ut

P.S.: Hätte es am Ende nicht mit einm Ausrufezeichen heißen müssen: "Nee, ne!" satt "Nee, ne?"


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