Politik : Der Weg zur grünen Wiese

Der Ausstieg ist beschlossen. Aber was passiert mit stillgelegten Atomkraftwerken? Schon jetzt werden Meiler zurückgebaut – eine exportträchtige Erfahrung

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Als Caspar David Friedrichs die „Wiesen bei Greifswald“ malte, waren dort noch Pferde und Windmühlen zu sehen. Heute steht an der Stelle ein Atomkraftwerk. Vor 16 Jahren wurde zwar begonnen, die Anlage zurückzubauen. Doch es wird noch lange dauern, bis die Wiese wieder so aussieht wie auf dem Gemälde.

Abschalten, das hört sich einfach an. Die Bundesregierung hat einen Atomausstieg beschlossen, bis zum Jahr 2022 sollen die letzten Meiler vom Netz gehen. Danach beginnt ihr Rückbau. Was das bedeutet, lässt sich bereits heute sehen, zum Beispiel an manchen Orten Ostdeutschlands. Mit der Wiedervereinigung gingen alle Reaktoren der ehemaligen DDR in Bundesbesitz über. Der Regierung waren die Meiler aber nicht rentabel genug – sie ließ die Kraftwerke abschalten. Das AKW Greifswald wurde 1990 stillgelegt, fünf Jahre später begann der Rückbau.

„Der Abbau soll noch bis 2014 dauern“, sagt heute eine Sprecherin der Energiewerke Nord GmbH (EWN). Dieses Unternehmen ist vom Staat damit beauftragt, die Anlage in Greifswald zu demontieren. Wenn es in drei Jahren tatsächlich vorbei ist, hätten die Arbeiten 19 Jahre gedauert. Beim AKW Würgassen im westfälischen Kreis Höxter soll es genauso lange dauern. Sind solche Zeitspannen üblich? „15 bis 20 Jahre wurden für so ein Vorhaben bisher eingeplant“, erklärt Petra Uhlmann vom Energiekonzern Eon. „Aufgrund der gesammelten Erfahrungen werden es in Zukunft sogar nur noch zwölf sein.“

Doch nach dieser Zeit sieht von außen alles aus wie vorher: Von der einstigen Natur ist man noch immer weit entfernt, obwohl zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Rückbau in Würgassen häufig von der „grünen Wiese“ gesprochen wird. Innerhalb des Atomkraftwerks wurde alles dekontaminiert und aufgeräumt, aber die Außenwände des Gebäudes bleiben. Um eine grüne Wiese zu erhalten, muss der Komplex dann noch abgerissen und die Landschaft rekultiviert werden. Das dauert nochmal ein paar Jahre – wenn sich bis dahin nicht schon wieder neue Industrie angesiedelt hat.

Fünf Jahre im Abklingbecken

Am Ende sollen in Greifswald 1,8 Milliarden Tonnen Abfall entsorgt sein, davon muss zirka ein Drittel als radioaktiver Müll beseitigt werden. Der größte Anteil davon wird zerlegt und unschädlich gemacht, einer Messung auf verbleibende Strahlung unterzogen und anschließend freigegeben. Drei Prozent allerdings bleiben gefährlich und werden – zusammen mit den noch immer hochradioaktiven Kernbrennstoffen – in einem Zwischenlager deponiert. In Greifswald gibt es dafür das Zwischenlager Nord. Die Brennelemente müssen vorher fünf Jahre lang in einem Abklingbecken verwahrt werden, in dieser Zeit ist die Wärmeentwicklung für eine Endlagerung noch zu stark. Anschließend werden die alten Brennelemente in Castor-Behälter verladen und dort, durch eine Hochdruckpresse extrem verdichtet, bis zu 40 Jahre gelagert. Erst danach wird der Müll in ein Endlager transportiert – falls es bis dahin eines geben sollte.

500 Millionen Euro soll der Rückbau eines Meilers nach Angaben von Eon kosten. Die Arbeiten in Würgassen zeigen aber, dass es nicht dabei bleiben muss. Dort belaufen sich die Ausgaben mittlerweile schon auf 700 Millionen Euro – und es werden immer mehr. Auch in Greifswald kosten die Arbeiten mehr als von Eon veranschlagt: „Bisher wurden für den Rückbau 2,8 Milliarden Euro ausgegeben, bis zur Endlagerung werden es rund vier Milliarden sein“, informiert das Abrissunternehmen EWN. „Damit sind dann aber auch gleich sechs Reaktoren abgebaut.“

Und wer zahlt das alles? „Für Rückbauten von bundeseigenen Atomkraftwerken müssen allein die Steuerzahler aufkommen“, sagt Greenpeace-Experte Tobias Riedl. Die Bundesregierung schätzt die Ausgaben für Stilllegung und Entsorgung kerntechnischer Anlagen bis zum Jahr 2035 auf insgesamt 10,6 Milliarden Euro. Das entspricht ungefähr 16 Jahren Naturschutz – gemessen an dem, was Bund, Länder und Kommunen im Jahr 2001 dafür ausgegeben haben.


Für die Demontage der Kraftwerke in privater Hand sind die AKW-Betreiber selbst verantwortlich. Deshalb sind die Energiekonzerne gesetzlich verpflichtet, entsprechend Geld zurückzulegen. Für den Bau und den Betrieb der Atommüll-Zwischenlager ist jedoch die Bundesregierung verantwortlich, sie fordert dann anteilsmäßig das Geld von den Konzernen zurück. Bis dahin kann sie aber nicht auf die Rückstellungen zugreifen, die Konzerne können steuerfrei und beliebig über die Mittel verfügen – und damit sogar spekulieren.

Deutschland verkauft seine Atomtechnologie ins Ausland, nach Brasilien, China oder Südkorea. In Zukunft könnte auch die Rückbau-Industrie auf dem Weltmarkt mitmischen. Das Unternehmen EWN hat bereits den Auftrag erhalten, russische Atom-U-Boote abzurüsten.

Es ist ein Anfang, der sich womöglich verstärkt. Denn nach Fukushima gibt es zumindest in der Bevölkerung einen deutlichen Stimmungswandel. Bei einer Umfrage in 24 Ländern hat jeder vierte Atomkraftgegner angegeben, seine Meinung erst seit den Ereignissen in Japan zu haben. Nur in Indien, Polen und den USA gibt es eine Mehrheit pro Kernenergie.