Politik

Open Data | 08.11.2011 17:56 | Lorenz Matzat

Spielzeug statt Infrastruktur

Innenminister Friedrich hat den Wettbewerb Apps4Deutschland eröffnet. Ein Beitrag zu mehr Transparenz und Demokratie im Umgang mit Daten ist das nicht

Nun ist der Startschuss gefallen: Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich hat den Apps4Deutschland-Wettbewerb eröffnet. Den was?

Apps steht für Applications, also kleine Softwareprogramme die für verschiedene Zwecke nützlich sein können. In dem Fall sollen die Teilnehmer des Wettbewerbs mit Daten hantieren, die einige Verwaltungsbehörden von Bund und Ländern dafür freigeben. Was dabei heraus kommen kann: Helferlein auf dem Mobiltelefon oder generell im Internet. Thematisch sind solche Apps meist in dem Bereich parlamentarischer Politik, Gesundheitsversorgung, Müllentsorgung oder öffentlichen Personennahverkehr angesiedelt.

Inspiriert werden solche Wettbewerbe – es gab davon weltweit mittlerweile einige Dutzend – von einem Vorläufer aus dem Jahr 2008. Der fand seinerzeit in Washington statt und nannte sich Apps4Democracy. Dass es unter einem Schirmherrn wie Friedrich mehr um Deutschland als um Demokratie geht, verwundert nicht. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass es nicht zum Namen „Bundesdatenschau“ reichte, der auch im Rennen war.

Wortklauberei mag man meinen. Und gleich auch noch Verständnis dafür aufbringen, dass die Initiatoren des Wettbewerbs – drei Nichtregierungsorganisationen – in den sauren Apfel bissen und sich mit netzpolitisch fragwürdigen Organisationen wie BITKOM oder der Firma Microsoft einließen. Hauptsache es passiert überhaupt etwas auf dem politisch hierzulande so stiefmütterlich behandeltem Feld von Open Data und Open Government.

Feigenblatt für zögerliche Politik

Doch das ist kein gutes Argument. Niemand sollte in Kauf zu nehmen, als Feigenblatt für eine Politik zu fungieren, die sich – von wenige Ausnahmen abgesehen – gegenüber der internationalen Dynamik in Sachen offener Daten und transparentem Regierungshandeln taub stellt.

Um nicht missverstanden zu werden: Es bestehen keine Zweifel an der Lauterkeit von Aktivisten des Open Data Networks, des Government 2.0-Netzwerkes und der Open Knowledge Foundation. Aber es gibt eben auch keine guten Gründe, zusammen mit dem Innenministerium einen Wettbewerb zu starten, zumal die Erfahrung mit ähnlichen Veranstaltungen eine klare Sprache spricht.

ANZEIGE

In den vergangenen drei Jahren hat sich gezeigt, dass so gut wie kein Gewinner eines solchen Wettbewerbs es mit seiner Idee geschafft hat, sich als Dienst zu etablieren. Alex Howard hat in „Everyone jumped on the app contest bandwagon. Now what?“ zahlreiche Gründe angeführt, warum das so ist. Die Teilnehmer der Wettbewerbe seien nicht weiter eingebunden worden, man stellte ihnen keine Infrastruktur zur Verfügung, um ihre Ideen weiterzuentwickeln.

Auch beim Wettbewerb Apps4-Deutschland wird nicht explizit verlangt, dass die Teilnehmer Geschäftsmodelle darlegen, wie ihre Anwendung langfristig am Leben gehalten werden könnten. Bei Preisgeldern von ein paar tausend Euro darf das auch nicht erwartet werden – selbst kleinere Start-Ups können damit nur ein paar Wochen Arbeit bezahlen. Den Charakter als Alibi-Veranstaltung wird auch dadurch unterstrichen, dass weder Bund noch Sponsoren größere Beträge locker machen – vor allem, wenn man bedenkt, welche Summen sonst für solche Polit-Wettbewerbe und Förder-Runden zur Verfügung steht. Eine ernsthafte Open Government-Strategie geht anders.

Was nötig ist: ein Förderprogramm

Tom Steinberg, Kopf der britischen Non-profit-Firma mySociety, die mit Anwendungen wie FixMyStreet weltweit Nachahmer fand, hat einmal versucht, die Frage „How to create sustainable open data projects with purpose“ zu beantworten. Die Anwendungen seiner Organisation, so Steinberg, sind eben nicht in Wettbewerben entstanden, sondern entwickelten sich über einen langen Zeitraum hinweg. Brillante Ideen seien zudem sehr selten und stoßen im Netz auf ein hohes Maß an Konkurrenz. Steinbergs wenig überraschender Tipp: Nicht gleich zu programmieren anfangen, sondern erst ein Mal ausreichende finanzielle Mittel finden.

Deutschland braucht keine Apps4-Wettbewerbe, sondern ein Programm zur langfristigen Förderung einer Open-Data-Infrastruktur. Und nein, die Veranstaltung unter dem Schirm des Innenministers ist nicht der erste Schritt in diese Richtung, sondern eine Beitrag zur Verschwendung von Zeit und Ressourcen. Ein Weg, der vielerorts schon ohne Erfolg beschritten worden ist, den muss man nicht auch noch einschlagen. Dem Aufbau einer demokratischen und transparenten Dateninfrastruktur kommt man mit der punktuellen Förderung von ein bisschen Spielzeug kaum näher.

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
Martin Hagen schrieb am 09.11.2011 um 16:33
Die Nachhaltigkeit von Open Data ist uns ein wichtiges Anliegen. Bremen hat deshalb als einen Sonderpreis einen Ideenwettbewerb für (Bremer) Unternehmen gestartet, dessen Gewinner aus FuE-Mitteln der Wirtschaftsförderung eine Geschäftsidee umsetzen kann. Die Fördersumme beträgt bis zu 50.000 EUR (max. 35 % des Aufwandes).
Grundsätzlich arbeiten die Freie Hansestadt Bremen zusammen mit dem Bund und den anderen Ländern an gemeinsamen Infrastrukturen, Lizenzbedingungen etc., um Open Data nachhaltig in der öffentlichen Verwaltung zu verankern. S. dazu auch die Bremer Empfehlung zu Open Government Data. Web: www.daten.bremen.de

Martin Hagen, Zentrales IT-Management und E-Government, Senatorin für Finanzen der Freien Hansestadt Bremen
pek662 schrieb am 11.11.2011 um 10:50
Vielleicht noch hinzufügen, daß die "freigegebenen" Daten in den Apps nur 6 Monate verwendet werden dürfen!?
opalkatze schrieb am 13.11.2011 um 05:27
Auf der ganzen Linie: Ja. Statt dessen lieber direkt den 1. Preis in Populismus vergeben. Preisträger: Na, wer wohl?


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Konsenskandidat Gauck

portlet_gauck.png

Christian Kracht Imperium Kiepenheuer & Witsch 2012

256 Seiten. Gebunden.

18,99
 
In seinem neuen Roman erzählt Christian Kracht eine Aussteigergeschichte in den deutschen Kolonien der Südsee, indem er virtuos und gut gelaunt mit den Formen des historischen Abenteuerromans spielt - und erschafft so zugleich eine erstaunliche, immer wieder auch komische Studie über die Zerbrechlichkeit und Vermessenheit menschlichen Handelns >> mehr

portlet-gaertnerbuch.png

Liebeshandlung - Eugenides

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Die zwei Gesichter des Ostens

Ausgabe 08/12
23.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Carta
Autoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie

Lobby Control
Blog von lobbycontrol.de

annalist
Anne Roth verfolgt den "Krieg gegen den Terror"

Nachdenkseiten
Das kritische Tagebuch von Albrecht Müller und Wolfgang Lieb

Reporterwelt.Blog
Blog des Korrespondenten von Weltreporter.net

Latinomedia
Toni Keppeler berichtet aus Lateinamerika

politik.de
Portal für Politik und Demokratie

Sprengsatz
Der Politikblog von Michael Spreng

Lafontaines Linke
Tom Strohschneider und Co. bloggen über die Linkspartei

Bangemachen gilt nicht
Das Blog von Jürgen Link

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG