Politik

Finanztransaktionssteuer | 28.01.2012 09:00 | Werner Vontobel

Ein Strich im Sand

Der Kasino-Kapitalismus belohnt das Raffen. Eine Steuer auf Wertschriftengeschäfte ist nicht nur moralisch richtig, sie bringt dem Staat auch die nötigen Milliarden

Braucht Deutschland eine Steuer auf Finanztransaktionen? Die Frage ist interessant – wenn man sie ausweitet. Braucht Deutschland neue Steuereinnahmen? Wofür? Was braucht Deutschland überhaupt? Wie kann man das am besten finanzieren?

Zumindest bei der politischen Rechten sind Steuern unbeliebt, weil sie den Staat stärken und weil sie angeblich private Güter verdrängen. Doch bei drei Millionen Arbeitslosen, mindestens ebensovielen Unterbeschäftigten, fünf BIP-Prozent Exportüberschuss und jährlich netto 50.000 Auswanderern allein in die Schweiz kann von Verdrängung keine Rede sein. Deutschland braucht Konsum, Konsum und noch einmal Konsum, nicht nur, um die Arbeitslosigkeit zu verringern, sondern auch, um die chronischen Exportüberschüsse abzubauen, die den Euro-Raum sprengen.

Doch warum hinkt seit bald 30 Jahren in allen Industrieländern der Konsum so weit hinter der rasch wachsenden Produk­tionskapazität her? Zum einen nimmt bei steigendem Einkommen die Bedeutung zusätzlicher Produkte und Dienstleistungen ab. Fünf Minuten mehr Freizeit sind wichtiger als noch ein paar Kubikzentimeter mehr Hubraum im Drittauto. Zum anderen schaffen wir es nicht, die latente Nachfrage nach arbeitsintensiven Dienstleistungen zu wecken. Bei öffentlichen Gütern wie Gesundheit oder Umwelt fehlen die nötigen Steuer­einnahmen zur Finanzierung.

Das traurige Ergebnis dieser Einschränkungen ist ein Teufelskreis: Die Lücke zwischen Produktivität und Konsum schafft Arbeitslosigkeit und drückt die Einkommen der Schwächsten. Das mittlere reale Einkommen aus Arbeit und Kapital der ärmeren Hälfte der deutschen Haushalte ist zwischen 1999 und 2009 um 13 Prozent ge­sunken. Die Gewinne sind allesamt den reichsten fünf Prozent zugeflossen.

Rücktransfer von Kaufkraft

Deutschland konsumiert also weit unter seinen Verhältnissen, weil die Versorgung mit öffentlichen Gütern nicht finanziert wird und weil die zunehmende Ungleichheit den Konsum von privaten Gütern hemmt. Diese Misere kann nur mit einem massiven und dauerhaften Rücktransfer von Kaufkraft von ganz weit oben nach unten behoben werden. Steuern können dazu einen kurzfristig wirksamen Beitrag leisten. Der Wiener Ökonom Stephan Schulmeister hat ausgerechnet, dass eine Steuer von 0,05 Prozent auf allein in Deutschland getätigte Wertschriftengeschäfte jährlich 30 Milliarden Euro einbringen würde. Immerhin. Nur schon ein Viertel Prozent Marge auf alle Finanztrans­aktionen brächte 150 Milliarden Euro Gewinn. Dafür müssen sämtliche deutschen Arbeit­nehmer fast anderthalb Monate arbeiten.

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Der Kasino-Kapitalismus belohnt nicht das Schaffen, sondern das Raffen – und untergräbt so den sozialen Zusammenhalt. Eine Steuer auf Finanztransaktionen setzt somit genau den richtigen Hebel an – fiskalisch und moralisch. Doch was, wenn London, die Schweiz oder die Bermudas nicht mitziehen? Dann sind wir am Kern des Problems: Die Reichen sparen Löhne und Steuern, weil sie die Staaten gegeneinander ausspielen können. Irgendwann muss ein Strich in diesen Sand gezogen werden. Am besten gleich hier!

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Ingo Stützle schrieb am 28.01.2012 um 14:38
»Der Kasino-Kapitalismus belohnt nicht das Schaffen, sondern das Raffen – und untergräbt so den sozialen Zusammenhalt.« Hallo?! Was ist denn hier los? Gerade erschien eine Studie zu Antisemitismus in Deutschland und seit Jahren wird darüber diskutiert, dass ein derartiges Vokabular, wenn nicht antisemitisch, so in jedem Fall antisemitisch anschlussfähig ist. Dass so was geschrieben wird und dann auch noch durch das Redegat beim Freitag "rutsch" ist wirklich unter aller Kanone.
cuchulainn schrieb am 28.01.2012 um 18:30
immerhin spricht vontobel ehrlich aus, was die anderen nur denken - das ist ja schon mal was.
Technixer schrieb am 28.01.2012 um 22:51
Könntest du freundlicherweise erklären wo in dem von dir zitierten Satz der Antisemitismus steckt?
Ingo Stützle schrieb am 29.01.2012 um 13:22
Allein wenn man bei google raffendes und schaffendes Kapital eingibt, findet man Unmengen an Hinweisen und Auseinandersetzungen. Nur mal das, was wikipedia aufführt (was zum Thema nicht unbedingt /die/ Referenz ist):
- de.wikipedia.org/wiki/Kapitalismuskritik#Nationalsozialistische_und_sp.C3.A4tere_rechtsextreme_Kapitalismuskritik
- de.wikipedia.org/wiki/Finanzkapital#Antisemitische_Verwendung
- de.wikipedia.org/wiki/Struktureller_Antisemitismus#Struktureller_Antisemitismus
Und: Ich habe mich extra etwas differenzierter ausgedrückt und nicht gesagt, dass dieser Satz antisemitisch ist...
Simplify schrieb am 28.01.2012 um 15:45
"Eine Steuer auf Finanztransaktionen setzt somit genau den richtigen Hebel an – fiskalisch und moralisch."

Eine Steuer auf Finanztransaktionen schön und gut, das reicht aber sowohl fiskalisch als auch moralisch nicht aus.

Was wir (darüberhinaus) bräuchten, wäre eine (moderate) Erhöhung der Unternehmenssteuer und eine (deutliche) Erhöhung des Spitzensteuersatzes und eine Wiedereinführung einer Vermögenssteuer.
Tobi-Eiki schrieb am 30.01.2012 um 17:42
So sehe ich das auch! Eine Finanztransaktionssteuer wird nicht ausreichen und schon gar nicht, wenn Deutschland und Frankreich die einzigen Staaten in der Euro-Zone sind, die diese Steuer einfügen. Der Großteil des zur Verfügung stehenden Kapitals ist nun mal im Besitz der wirklich Reichen in diesem Lande. Vielleicht sind es 5% oder sogar weniger. Hier sollte unter anderem angesetzt werden, um das geltende Steuersystem grundlegend zu reformieren.

Allerdings bin ich schon froh, dass wir keine amerikanischen Verhältnisse haben. Mitt Romney zahlte in den letzten Jahren beispielsweise lediglich knapp 15% Steuern, obwohl er ein Jahreseinkommen von 20.000.000 Dollar hatte. Leider besteht eben immer die Möglichkeit, dass die wirklich Wohlhabenden bei einer Steuererhöhung ihre "Exit-Option" nutzen und ihr Kapital außer Landes schaffen. Dennoch kommen wir um eine Einführung einer solchen Steuer nicht herum!
Technixer schrieb am 28.01.2012 um 17:12
Sehr geehrter Herr Vontobel,

vielleicht könnten Sie oder einer der Sachverständnis hat mir folgende Frage beantworten:

Wenn die Steuer eingeführt wird, werden Transaktionen wie Wechselkursspekulation unterbunden, wie kann dann diese Steuer die Milliarden an Einnahmen generieren?
Das die Kapitalverschiebung im Milisekundenbereich unterbunden werden muss ist klar, aber wenn dann nur noch langfristige Verschiebungen stattfinden, nimmt doch die Anzahl der Transaktionen stark ab und somit die Anzahl der Besteuerungsmöglichkeiten...
Juli schrieb am 28.01.2012 um 18:39
Also bei raffendem und schaffendem Kapital hörts ja wohl mal ganz auf. Wir sind doch hier nicht bei der Jungen Freiheit....


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