Politik

Kraftklub | 09.02.2012 07:00 | Jana Hensel

Ich bin ein Verlierer, Baby!

Die Band Kraftklub holt den ostdeutschen Diskurs aus dem Museum heraus und bringen ihn dorthin zurück, wo er hingehört: auf die Straße

Bisher sah die Welt so aus: Wie die 1989er-Revolution ihre Kinder entlässt, interessiert offensichtlich nur noch die Großeltern. Die Sitzreihen sind an diesem eiskalten Winterabend im Tagungssaal der Evangelischen Akademie zu Berlin mit älteren Leuten zwar dicht gefüllt, aber ältere Leute sind halt ältere Leute.

Es soll um die Geschichtsbilder und Prägungen in den Familien der DDR-Opposition gehen. Ist das noch interessant? DDR-Opposition, das waren jene Leute, die sich vor ungefähr 40 Jahren in Kneipen und Kirchen zu treffen begannen, um den Sozialismus zu reformieren. Das war in einer Diktatur natürlich schwierig; andererseits lag es auch auf der Hand. Auf dem Podium sitzen nun Vera Lengsfeld (CDU) und ihr Sohn Philipp (CDU). Sie reden über den aufrechten Gang, über den Ungehorsam der Dissidenten und die Angepasstheit der Millionen anderen.

Die Zwickauer Zelle ist die erste große Zäsur nach dem Mauerfall. Ostdeutschland beginnt sein Selbstbild zu hinterfragen. Dresden findet endlich zu einer gemeinsamen Haltung gegen Neonazis

Diese „Wir haben die Revolution alleine gemacht und ihr habt nur zugeguckt“-Geschichte wird seit 20 Jahren erzählt. Als Joachim Gauck noch dachte, er würde Bundespräsident, lautete die Kurzversion seiner landauf, landab gehaltenen Rede über den Wert der Freiheit auch: Außer ihm haben die Ostdeutschen den bis heute nicht verstanden. Warum damals auf den Straßen Hunderttausende Menschen demonstrierten und „Wir sind das Volk!“ riefen, interessiert niemanden mehr. Wahrscheinlich ist es schon vergessen. Das ist auf diesen Podien so, in den meisten Geschichtsbüchern und, wie gesagt, in Sonntagsreden auch. Und nun wird an Abenden wie dem in der Evangelischen Akademie das Revolutions-Gen schon an die nächste Generation vererbt. Eine eigenartige Form der Sippenhaft ist das.

Und man fragt sich, kann man nach der Entdeckung der Zwickauer Zelle eigentlich noch so reden? Haben die, die sich über den Osten äußern, nicht begriffen, was in den letzten Wochen passiert ist? Muss man nicht nach dem braunen Terror die ostdeutsche Selbsterzählung, die eigene Geschichtsschreibung der letzten zwei Jahrzehnte als gescheitert betrachten, weil sich große Teile der Bevölkerung darin offensichtlich derart als Verlierer empfinden, zu Verlierern gemacht werden? Sollte man nicht fragen: Wie wollen wir weitermachen? Wie werden wir mit diesem Trauma leben? Gelingt es, aus diesen seelischen Ruinen wieder aufzuerstehen?

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Die Jungs sind ’89 geboren

Nun sieht die Welt so aus: Fünf Jungs aus Chemnitz haben eine CD mit Popmusik herausgebracht, die „Mit K“ – wie Klub – heißt. Die Jungs sind noch nicht mal Mitte 20, wurden kurz vor dem Mauerfall geboren. In ihren Pässen steht noch Karl-Marx-Stadt, und deshalb nennen sie die Stadt auch so. Oder auch: Krl-Mrx-Stdt. Von der DDR wissen sie so gut wie nichts, und es interessiert sie wahrscheinlich auch nicht besonders. Aber sie singen unter anderem ein Lied, das heißt „Karl-Marx-Stadt“ und geht so:

„Ich steh auf Kaffee, Kippen, Diamanträder./ Ich war nie der In-der-Klasse-Vorne-Sitzer und Die-Hand-Heber,/ eher so Angeber, ein verpeilter Hänger./ Daran hat sich bis heute eigentlich nichts geändert, verdammt./ Ich kann nichts dafür, doch die meisten begreifen nicht,/ dass es nicht meine Schuld ist,/ sondern eigentlich das System, Politik und Hartz VI./ Egal woran es liegt, es liegt nicht an mir.

Ich komm aus Karl-Marx-Stadt,/ bin ein Verlierer, Baby,/ Original Ostler.

Ich steh auf keiner Gästeliste,/ ich bin nicht mal cool in einer Stadt,/ die voll mit Nazis ist, Rentnern und Hools./ Ich cruise Banane essend im Trabant um den Karl-Marx-Kopf,/ die Straßen sind menschenleer und das Essen ohne Farbstoff./ Diskriminiert, nicht motiviert,/ und von der Decke tropft das Wasser, nix funktioniert./ Und so wohnen wir in Sachsen/ auf modernden Matratzen,/ immer gut drauf, auch ohne Kohle in den Taschen.“

„Mit K“ ist noch in der Woche des Erscheinens auf Platz 1 der deutschen Album-Charts gelandet. Jetzt zeigt man die Band in den Tagesthemen und heute-Nachrichten. Es ist wahrscheinlich übertrieben, wenn man sagt, dass ganz Deutschland momentan diese Musik hört. Es ist aber nicht übertrieben zu sagen, dass in den Clubs des Landes viele junge Menschen nach dieser Musik tanzen, dass sie die „Ich bin ein Verlierer, Baby!“-Zeilen mitsingen.

Kennt Joachim Gauck die Band? Denken die jungen Leute in den Clubs an die Zwickauer Zelle, wenn sie Kraftklub hören? Kann man das Trauma des braunen Terrors mit dieser Musik wegtanzen?

Feuilletonisten sagen so etwas gern und eigentlich viel zu oft, aber: Das ist der Sound einer neuen Generation. Kraftklub bezieht sich auf Beck, die Arctic Monkeys, auf Tocotronic und die Sterne. Allesamt West-Bands! Und in diese nun schon ein wenig in die Jahre gekommene Indie-Pop-Form füllen sie ihre Lebensrealität, als sei die – also die Form oder die Lebensrealität – für nichts anderes erfunden worden: Für eine Generation – die dritte, die vierte oder die fünfte? –, die in der ostdeutschen Nachwende-Provinz zwischen Hartz IV, Langeweile und alten Leuten aufgewachsen ist und ihr Bier in der Disko oft neben Nazis getrunken hat; die aus einer Welt kommt, in der die Guten stets in den Westen oder nach Berlin gegangen und die Doofen immer geblieben sind – und sich dabei wie Sitzenbleiber fühlten. Lieder aus einer Welt also, in der es offenbar Stoff genug gibt, um große Songs zu machen.

Natürlich ist es Zufall, dass die Kraftklub-CD nun nur wenige Wochen nach dem Auftauchen der Zwickauer Zelle erschienen ist, mitten hinein in die öffentliche Debatte, die weiteren Ermittlungen und die Arbeit des Bundestagsuntersuchungsausschusses. Andererseits Zufall, was ist das schon? Nicht mehr als eine leicht esoterische Kategorie, die uns erlaubt, Dinge, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, auch nicht in Verbindung zu bringen.

Die Zwickauer Zelle und Kraftklub haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun, auch nicht auf den zweiten oder dritten. Auf den vierten allerdings könnte man sagen, dass sie beide auf verschiedene Art jenes oben beschriebene ostdeutsche Selbstgespräch wieder auf den Boden der Tatsachen zurückbringen und ihm einen ordentlichen Schuss Wirklichlichkeit, ja sogar brutale Wirklichkeit in die verkalkten Venen schießen. Sie holen den ostdeutschen Diskurs endlich aus dem Museum heraus und bringen ihn dorthin, wo er hingehört: auf die Straße, ins Leben, zurück zu den Menschen. Sie entreißen ihn den wenigen Eingeweihten, die bisher glaubten, ihn nach ihren Regeln bestimmen zu können.

In den Texten von Kraftklub findet sich die harte soziale Gegenwartsrealität, Stichwort Hartz IV, der ostdeutschen Provinz genauso wie die förmlich schulbuchgewordene Erzählung der Ostdeutschen als Bürger zweiter Klasse. Da kann die Politik lange so tun, als gäbe es diese Kluft in der Selbstwahrnehmung der Deutschen nicht.

Wenn man den Menschen immer wieder erzählt, dass sie die Freiheit nicht schätzen können, dass sie anscheinend noch nicht reif für die Demokratie sind, dass sie in der DDR einfach nur Mitläufer gewesen seien und ihnen jetzt, Stichwort Ostalgie, nichts anderes einfällt, als sich nach der Vergangenheit zu sehnen, muss man sich nicht wundern, wenn die Jüngsten singen: „Ich kann nichts dafür, doch die meisten begreifen nicht, dass es nicht meine Schuld ist, sondern eigentlich das System, Politik und Hartz IV.“ Einmal Mitläufer ist eben immer Mitläufer. Egal, in welchem System.

Kampf gegen Destruktion

Doch das Schulterzucken kann man sich in diesem Fall sparen. Die Texte von Kraftklub stammen ja nicht aus einer Broschüre der Bundeszentrale für politische Bildung. Im Gegenteil. Viel eher funktionieren die Lieder wie ein Gefäß: Sie nehmen jene Destruktion, die in vielen ostdeutschen Seelen herumgeistert und der sich die Zwickauer Zelle hoffnungslos übereignet hat, in sich auf und geben sie ans Publikum zurück. Damit rückt das Verlierergefühl endlich ins Zentrum der eigenen Selbstbeschreibung, damit wird der Minderwertigkeitskomplex, der im Osten längst eine gesellschaftlich relevante Dimension erreicht hat, nicht länger verleugnet. In der Verkleidung des Pop-Losers wird er auf eine beinahe schillernd-schicke Art übergroß deutlich und sichtbar. Nun kann er noch weiter neu codiert und umgedeutet werden.

Nach dem Motto: Jetzt sagen wir euch mal, wie ihr denkt, dass wir sind. Nämlich ganz anders! Bei Kraftklub klingt das so: “Wir sind nicht wie die andern Jungs, eure Mädchen tanzen mit uns!” So begann schon von jeher jeder politische Prozess der Selbstbehauptung. Egal ob im Punk, der Black Music, der Kanak Attak oder der Schwulenbewegung. Wichtig ist nur, dass dieser Prozess von unten kommt, von jener besagten Straße ausgeht. Und dass es eine Öffentlichkeit gibt, die bereit ist, diese Zeichen zu lesen und wiederum ins Gespräch zu bringen.

Eine irgendwie relevante ostdeutsche Öffentlichkeit aber gibt es nicht, und es wird sie wohl auch auf absehbare Zeit nicht geben, Stichwort Demografie und Abwanderung. Allenfalls ein Nebeneinander regionaler Teilöffentlichkeiten. Insofern ist die Strategie von Kraftklub, sich auf die westeuropäische Popmusik zu beziehen, absolut richtig. Wenn man von einer Strategie überhaupt reden kann. Der Westen wird sich nur für die Geschichte des Ostens zu interessieren beginnen, wenn er das Gefühl hat, es sei seine eigene. Je mehr sich die nachwachsenden Generationen also „verwestlichen“ werden, desto stärker kann sich das ostdeutsche Selbstgespräch öffnen und die Grenzen der eigenen Nabelschau überwinden.

Denn dass der Osten als sozialer und gesellschaftlicher Raum noch immer andere Prägungen als die westdeutsche Provinz hinterlässt, wird nach den Liedern von Kraftklub hoffentlich niemand mehr bestreiten. Somit wäre auch jener Mythos beiseitegeschafft, der besagt, dass die Sache mit dem Osten sich über die Jahre einfach auswachsen, sich von selbst erledigen würde. Diesen Mythos haben die fünf Jungs aus Chemnitz, äh Karl-Marx-Stadt, schon mal weggetanzt. Das klingt ein bisschen wie ein Versprechen auf mehr.

 

(Illustration: Der Freitag)

 
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Artikelaktionen
Kommentare
SiebzehnterJuni schrieb am 09.02.2012 um 08:16
Liebe Jana Hensel,

das ist das Beste, was ich je im Freitag über den Osten gelesen habe!

Und das ist auch das Beste, was ich von Dir gelesen habe! Endlich spüre ich die Wut, die Leidenschaft, tiefe Berührtheit, die diesem Thema angemessen ist.

Ich danke Dir!

friedrich
KarinL. schrieb am 09.02.2012 um 09:31
Ich schliesse mich gerne dem an.

Vielen Dank Jana Hensel!

Wenn der Westen endlich mal bereit ist die Menschen im Osten mit ihrer Vergangenheit zu akzeptieren und ihnen die Hand entgegen streckt, werden die Deutschen auch mal zusammen wachsen. Bis jetzt habe ich nur Arroganz seitens des Westens festgestellt. Ein von oben herablassender Diskurs über die DDR. Da wird überhaupt keine Diskussion zugelassen, sondern einem gleich von vornherein klar gemacht, dass das System der BRD sowieso das beste sei. So das letztendlich die Menschen im Osten sich immer mehr abgehängt fühlen und sich vom Westen abwenden. Sich ihre eigene Nische suchen. Leider auch in der braunen Soße.

Dabei wird nur allzugerne verdrängt, dass die Menschen aus dem Osten ja letztendlich im Vorteil sind, da sie 2 Systeme kennen.
Jana Hensel schrieb am 09.02.2012 um 15:13
Oh, danke für die Blumen, aber sie scheinen mir ein wenig vergiftet zu sein, n'est-ce pas?
Jana Hensel schrieb am 09.02.2012 um 15:15
Also ich meinte die von SiebzehnterJuni.
SiebzehnterJuni schrieb am 09.02.2012 um 15:26
vergiftet - nein. Ich will seit Wochen Dir noch was zu Deinen "Zonenkindern" schreiben, aber es ist noch nicht fertig.

Hier hast Du Dich von Deiner - zugegeben von mir subjektiv empfundenen - "Collness" entfernt. Und das gefällt mir!
SiebzehnterJuni schrieb am 09.02.2012 um 15:27
pardon: "Coolness" !
antares56 schrieb am 09.02.2012 um 09:22
Ich interessiere mich eigentlich sehr für Musik, habe aber von diesen Leuten bis eben nichts gehört. So wichtig scheinen sie also nicht zu sein, wenn nur eine kleine Szene ihre Mucke hört.
Und Texte - ach, da kann doch jeder schreiben, was er will. Warum plötzlich so ein Hype um eine Truppe? Ist doch nichts neues, ihr habt bloss früher scheinbar nie richtig hingehört.
rolf netzmann schrieb am 10.02.2012 um 12:05
Die Texte von Kraftklub lassen aufhören, sie sind ehrlich und spiegeln die erlebte Realität wieder. Und doch bleibt ein bitterer Beigeschmack. Wären die Jungs aus dem Ruhrgebiet, würde die mediale Aufmerksamkeit, auch im FREITAG, viel geringer sein. Weil sie aber aus Chemnitz kommen, werden sie gehypt. Nur warum eigentlich? Macht es denn heute wirklich noch einen Unterschied, ob junge Männer aus den neuen oder aus den alten Bundesländern die Realität auf die Bühne bringen? Scheinbar schon.
Die Mitglieder der Gruppe haben die DDR nicht mehr bewusst erlebt, sie sind hineingewachsen in die Bundesrepublik. Nur hat in ihrer Kindheit und Jugend der andere deutsche Staat immer noch existiert, und zwar in Form der Eltern, Verwandten und Bekannten der Erwachsenen. Sie haben vielleicht einen Geschichtslehrer gehabt, der schon den Vater oder die Mutter unterrichtet hat. Und sie haben in Gesprächen mit den Eltern erlebt, dass dieser Lehrer die Zeit von 1933 – 1945 heute anders darstellt als früher. Das fängt schon bei den Begriffen an, heute heißt es Nationalsozialismus, früher Faschismus.
Sie haben vielleicht gehört, dass die Eltern über die Arbeit der Treuhandanstalt gesprochen haben und dass diese ihren Betrieb plattgemacht hat und sie heute in einer Auffanggesellschaft arbeiten dürfen. Die Eltern oder andere Erwachsene haben vielleicht geäussert, dass sie sich als Deutsche zweiter Klasse fühlen.Und dass hat hre Kinder eben auch geprägt, neben dem Erleben der Welt, in die sie hineingewachsen sind, gab es noch eine andere, real nicht mehr existierende, aber immer noch vorhandene Welt der Erinnerung in ihrem sozialen Umfeld.
Es war damals in allen neu entstandenen Bundesländern eben eine Zeit nicht nur der Umorientierung und des Neuanfangs, sondern auch eine Zeit der Hoffnungen und Enttäuschungen. Von der DDR haben sich ihre Bürger abgewendet, ihre Hoffnungen und Wünsche setzten sie auf die Bundesrepublik. In Sachsen war es Kurt Biedenkopf, der diese Hoffnungen als erster Ministerpräsident erfüllen sollte. Dies um so mehr, weil Biedenkopf immer eine öffentliche Distanz zum Kanzler der deutschen Einheit hielt. Biedenkopf war der Prototyp des fürsorglichen Landesvaters, und er pflegte seinen Mythos, dass er einer der „Putschisten“ gegen Kohl war, neben Heiner Geißler und anderen. Nur konnte Biedenkopf die in ihn gesetzten Erwartungen nie erfüllen, weil er erstens auch viel zu sehr im politischen System der alten Bundesrepublik verhaftet war und zweitens, weil der Abbau der Industrie in den ehemaligen DDR-Bezirken Dresden, Leipzig und Karl-Marx-Stadt, aus denen das Bundesland Sachsen entstand, auch durch ihn nicht aufzuhalten war.
Und so kam es zur zweiten Enttäuschung der dort lebenden Deutschen. Die rasche Deindustrialisierung des ehemals hochindustrialisierten Sachsen, die dadurch rasant steigende Arbeitslosigkeit schufen eben auch menschliche Tragödien. Die Neuansiedlung beispielsweise von Opel in Eisenach oder IBM in Dresden konnte diese Entwicklung auch nicht verändern, es waren eben nur die hoch gelobten „Leuchttürme“ inmitten einer plattgewalzten Brache.

Und dies war der Nährboden für rechtes Gedankengut. Nun ist es falsch zu sagen, dass die Nazis erst ab 1990 auftauchten, es gab sie schon seit 1986/1987. Der erste Naziüberfall auf ein Konzert alternativer DDR-Bands fand schon 1987 in der Berliner Zionskirche statt und es es sollte nicht der letzte sein. Der Boden existierte bereits, auf dem die Aufbauhelfer aus den alten Bundesländern aufbauen konnten. Das trifft nicht nur auf Sachsen zu, auch auf andere neue Bundesländer. DVU- Fraktionen in zwei Legislaturperioden im Brandenburger Landtag, NPD-Fraktionen in der zweiten Legislaturperiode in den Landtagen Sachsens und Mecklenburg-Vorpommerns sprechen eine deutliche Sprache. Doch das ist nur das offen sichtbare. Rechte Kameradschaften, Wehrsportgruppen und im geheimen operierende Netzwerke sind das andere, viel gefährlichere.
Wo die Menschen keine Zukunft mehr sehen, wo vieles, was ihr Leben früher ausmachte, zusammen gebrochen ist, da hat es rechte Ideologie leicht. Auch die NSDAP wurde in der Weimarer Republik erst nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 so stark, dass sie 1933 als stärkste Fraktion in den Reichstag einzog. Gleiches hat sich, natürlich modifiziert, nach 1990 in den neuen Bundesländern wiederholt. Hier fanden sowohl DVU und NPD ein Klima vor, in dem ihre einfachen Antworten auf die drängenden Fragen nicht hinterfragt wurden, als auch rechtsradikale Gruppen unter den Jugendlichen genügend Anhänger, weil sie denen eine vermeintliche Zukunft bieten konnten. Und weil der Staat dem nichts entgegensetzte, weil neben Arbeitsplätzen auch Jugendfreizeiteinrichtungen ersatzlos gestrichen wurden, hatten es beispielsweise die Jungen Nationaldemokraten leicht, in diese Lücke zu stoßen. Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe als „Zwickauer Terrorzelle“ sind das sicherlich traurigste und bekannteste Beispiel dafür. Sie glitten wie viele andere ab in den braunen Sumpf, nur sie gingen noch viel weiter, wurden immer radikaler und schließlich zu Mördern. Sie fanden in rechtsextremen Gruppen einen Halt, den sie in der Gesellschaft nicht mehr zu finden glaubten. Sie identifierten sich immer mehr mit dem Gedanken, dass die Ausländer an allem Schuld sind, eine Aussage, die sich in den Wahlplakaten der NPD in simplifizierter Form ebenfalls wiederfindet. Und sie handelten brutal, weil sie dies als für sich notwendig erachteten. Ihre menschenverachtende Ideologie aber erhielten sie im braunen sächsischen Untergrund, der nach 1990 entstanden ist.

Diese geschichtliche Entwicklung gilt es mit zu beachten, um KRAFTKLUB richtig zu verstehen. Sie haben Erfolg eben auch deshalb, weil sie ihr bisher gelebtes Leben und die Realität, in der sie sie sich bewegen, offen und klar artikulieren. Dieser Erfolg sei ihnen gegönnt, keine Frage, nur baut er eben auf den letzten 20 Jahren auf. Bleiben sie sich selber treu und bringen sie diese Realität weiter auf die Bühne, dann ist dies ein Stück Normalität in Deutschland, nicht mehr und nicht weniger.

Die Frage bleibt aber auch, wie gehen wir heute mit dieser historisch in den letzten zwanzig Jahren gewachsenen Situation um. Mit der Generation der heute ab 65- jährigen und älter sowie der heute ab 45-jährigen leben in Deutschland zwei Generationen, die sowohl die DDR als auch die Bundesrepublik bewusst erlebt haben und heute erleben. Sie können nicht nur vergleichen, sie können auch etwas einbringen in das vereinigte Deutschland, wennn man sie denn ließe. Sie bringen ihr Leben natürlich in das Berufsleben ein, viele Arbeitgeber der alten Bundesländer stellen gerne Arbeitnehmer aus den neuen Ländern ein, weil sie wissen, dass diese arbeiten können und verläßlich sind. Das ist auch nicht gemeint. Vielmehr geht es darum, Lebenserfahrung und gewachsene Ansichten in die heutige Gesellschaft einzubringen. Wenn im FREITAG Artikel über den 13. Februar in Dresden der heutige sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich als Opportunist bezeichnet wird, so mag das sachlich richtig sein. Es demonstriert aber auch, dass er dies in der DDR gelernt hat und , das klingt jetzt hart, der Ossi eben so ist. Es lohnt sich aber, einmal darüber nachzudenken, wie der Ossi wirklich ist, mal davon abgesehen, dass es Millionen sehr unterschiedlicher Ossis gibt. Eine Simplifizierung auf Opportunismus ist hier wenig hilfreich.

Wenn wir wirklich ein einig Deutschland werden wollen, gehört dazu auch, das Leben von Millionen Menschen anzunehmen. Unterschiedliche Mindestlöhne für Ost und West gehören nicht dazu. Equal pay for equal work war früher eine Forderung, um die Diskriminierung berufstätiger Frauen zu beenden, was bis heute nicht erreicht wurde. Es sollte heute eine Forderung sein, um die immer noch real existierende Diskriminierung ostdeutscher Arbeitnehmer zu beenden. Auch das wäre ein Beitrag zu Vollendung der deutschen Einheit.
apatit schrieb am 10.02.2012 um 12:54
"wennn man sie denn ließe" - Ja, jedenfalls ein Text der anspornt, über den Sinn des Lebens nachzudenken und das die Zeitrechnung eben nicht in Deutschland 1989 begonnen hat!
Free World schrieb am 12.02.2012 um 17:09
klasse beitrag.

ich fände es für den freitagstitel angemessen wenn man sich auf die suche in gelsenkirchen, bochum, duisburg oder dortmund machte ähnliche band suchte, ähnliche hartz 4 lebenssituationen um dann einen bericht darüber zu schreiben, dass man man unten im elendigen leben schon länger die "Vollendung der deutschen Einheit" erreicht hat.
Rapanui schrieb am 14.02.2012 um 07:59
@ Free World schrieb am 12.02.2012 um 17:09

>>>dass man man unten im elendigen leben schon länger die "Vollendung der deutschen Einheit" erreicht hat.<<<

Genauso gedankenlos, wie Frau Hensel den Begriff "Zwickauer Zelle" kolportiert, schreibt Sie von der Selbstwahrnehmung der Ostdeutschen als Verlierer. In BO, DO, DU, GE gibt es genausoviele Verlierer. Das ist kein "ostdeutsches" Problem, sondern die logische Konsequenz eines auf Konkurrenz beruhenden Wirtschaftssystems.

Wenn das klar vorausgesetzt wird, dann kann über die spezifischen Wirkungen der Konkurrenz im Osten geschrieben werden.

Viele ostdeutsche Wanderarbeiter, offiziell heißen die ja Wochenpendler, sehen sich bei ihren Jobs häufig in der Rolle von "Türken". Sie wohnen die Woche über in Containern oder Gemeinschaftsunterkünften, sind diese Woche hier und die nächste da. Sie meinen nun, dass sie doch besseres verdient haben. Diese Ostdeutschen erleben eine Diskriminierung, wie sie nur den "Türken" zustünde. Die Wurzeln des alltäglichen Rassismus in dieser Konstellation als ein "ostdeutsches" Phänomen zu beschreiben, hält keiner lebendigen Anschauung stand.
Rapanui schrieb am 11.02.2012 um 11:44
Sind Sie denn inzwischen mal in Jena gewesen und haben zu den Hintergründen des Rechtsterrorismus recherchiert?

www.freitag.de/politik/1146-raus-aus-dem-untergrund

Wenn ich Ihren Artikel lese, sind Sie auch wieder nicht in Chemnitz gewesen. Warum lassen Sie nicht die Mitglieder der Band zu Wort kommen? Warum lassen Sie nicht die Stadt Chemnitz lebendig werden, wo die Texte entstanden sind? Im Magazin 11/2011 war eine solche lebendige Reportage über die Stadt (www.dasmagazin.de/?p=7972). Allein der Fakt, dass Chemnitz 1989 330.000 Einwohner hatte und heute trotz Eingemeindungen nur noch 240.000 hätte Ihren Artikel illustriert. Durch die Stadt ziehen sich heute Schneisen, in denen alle Häuser abgerissen wurden. Es gibt einerseits sehr schöne moderne Parks, die die Stadt auf neue Weise zusammenhalten. Andererseits ist nicht zu übersehen, dass die Stadtstruktur - zwar geordnet - aber in Auflösung begriffen ist. Irgendwie zerfällt die Stadt in Kleinstädte.

Nichts davon lese ich in Ihrem Artikel. Statt einer sorgfältigen Recherche über eine Band aus Chemnitz verallgemeinern Sie den Text einer Chemnitzer Band zu einem geschichtlichen Ereignis.

Jena ist es gelungen, dass die Neonazi-Zelle jetzt "Zwickauer Zelle" heißt. Untersuchen Sie z.B. wie es Jena gelungen ist, den Stadtnamen aus diesem miesen Kontext rauszuhalten. Stattdessen muss jetzt Zwickau dran glauben. So als seien die Neonazis ein "Zwickauer" Problem. Das ist erst das Ergebnis von Journalisten-Arbeit. Wieso kommen Sie persönlich auch dazu, wo Sie doch selbst nach Jena fragten, jetzt die gleiche Leute nach Zwickau zu schicken.

In dem Sie permanent über einen "Osten" in Verallgemeinerungen schreiben, tun Sie so, als seien die Zurichtungen des Kapitalismus in "Ostdeutschland" ein ostdeutsches Problem.
SiebzehnterJuni schrieb am 11.02.2012 um 12:36
Nichts von dem, was Sie schreiben, lese ich aus dem Artikel heraus. Ja, so unterschiedlich nehmen Menschen gleiches wahr!!

"Jens Bisky/SZ: Der entscheidende Unterschied zwischen Ost und West besteht heute darin, dass die Gewaltbereitschaft in den neuen Ländern deutlich höher ist. Diskussionen, zähe Aufklärungsarbeit, das Ermutigen der Zivilgesellschaft, der bürgerlichen Mitte, die sagen muss, was sie nicht will, mögen dagegen helfen. Vor allem aber wäre vom Staat zu fordern, dass er das Gewaltmonopol durchsetzt. Eben weil in den neunziger Jahren vielfach der Eindruck entstand, so ernst sei es damit nicht, bleibt die Angst. Das Versagen von Polizei, Verfassungsschutz und Justiz hat die rechte Gewalt ebenso befördert wie "das braune Erbe der Diktatur"..."

www.sueddeutsche.de/kultur/rechtsextreme-gewalt-in-deutschland-meine-nazis-deine-nazis-1.1272038
Rapanui schrieb am 11.02.2012 um 17:19
@ SiebzehnterJuni schrieb am 11.02.2012 um 12:36

>>>Nichts von dem, was Sie schreiben, lese ich aus dem Artikel heraus.<<<

Das ist gut. Das ist das was ich zeigen wollte. Denn ich schreibe ausschließlich darüber, was der Artikel nicht leistet.

Frau Hensel schreibt nichts über Chemnitz, nichts über Jena, nichts über Zwickau, nichts über die Band, nichts über wirkliche Menschen...

Frau Hensel schreibt nur vom Hörensagen. Das mache ich daran deutlich, dass Sie im November über die Jenaer Neonazis schreibt ohne in Jena gewesen zu sein und heute die gleichen Nazis die "Zwickauer Zelle" nennt, ohne etwas über Zwickau zu wissen. In Chemnitz aber, wo die Motoren für das VW-Werk in Mosel (bei Zwickau) gebaut werden wächst durch eine Band Hoffnung auf?

Die von Frau Hensel geschilderten sozialen Realitäten gibt es, sie gibt es in einer signifikant messbar höheren Rate als in anderen Gebieten der Bundesrepublik. Diese führen aber nicht folgerichtig zu rechter Ideologie. Weiterhin besitzen im Osten Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit eine große Bedeutung. Es gibt ausreichend Kindergärten, Männer sind weniger machohaft, Frauen gleichberechtigter....Parteien, Kirchen, Religionen, Ideologien werden in einer Weise ignoriert, dass es eine Freude ist, hier zu wohnen und nicht in einem bigotten niederbayrischen oder schwäbischen Kaff oder einer Stadt mit feisten Bankern, Immobilienbesitzern, Unternehmensberatern und Parteischranzen, Pfaffen, dicken Luxusautos, lächerlichen Modeläden, Erben... Ich lebe genau deshalb gern hier. Wenn der Verfassungsschutz den Rechten kein Geld mehr gibt, erledigt sich das Problem in einem beachtlichen Maße. In Jena ist die rechte Szene in den letzten Monaten regelrecht ausgetrocknet, das "braune Haus" können die Nazis ohne das bisher zur Verfügung stehende Geld vom Thüringer Verfassungsschutz (ca 200.000 EUR pro Jahr) nicht mehr halten. Es ist zugenagelt und verfällt. Was für ein schönes Symbol!

Über diese Gemengelage weiß Frau Hensel nichts. Es gibt bei ihr stattdessen ein "Zwickauer Trauma", das mit der Musik von "Kraftklub weggetanzt" werden soll. Das ist, gelinde gesagt, Mumpitz.

Frau Hensel soll stattdessen recherchieren, warum die Staatsanwaltschaft gegen Frau Zschäpe noch immer keine Anklage wegen Mordes erhoben hat.
SiebzehnterJuni schrieb am 11.02.2012 um 20:51
WaS eine Autorin oder ein Autor soll oder nicht soll ist doch ihre/seine Sache.

Jana Hensel hat hier einen Ausschnitt aus ihrer Sicht dargestellt und somit einen Impuls gegeben, sich mit dieser Thematik auseiander zu setzen.

Warum rechtes Denken entsteht, warum es viellecht im Osten einen fruchtbareren Nährboden hat als im Westen ist hoch komplex.

Inzwischen sind die rechten Gewalttäter in meiner Heimatstadt Dortmund so präsent, dass die Stadt, das Land NRW nicht mehr aus noch ein weiß.

Es gibt da die ideologischen Gründe, die HGründe des industrieellen Zusammenbruchs hier im Ruhrgebiet dort in den ehemaligen Industriezentren.

Was aber sicher auch mit hineinspielt, sind die familiären Strukturen über Generationen hinweg.
Helm Stierlin hat indiesem Zusammenhang das Modell der Delegation entwickelt. ("Delegation und Familie") Hier sind Kinder oft Delegierte der Eltern oder Großeletern, d.h. sie führen das aus, was die Eltern im Unterbewusstsein wünschen, was sie machen wollten, welche Wut sie ausleben wollten, sich aber nicht trauten.

Ich kann mir vorstellen, dass einige der rechten Gewaltäter im Osten angesichts der Umbruchsituation während der Wende und danach, die ihre Eltern in die materielle und seelische Bodenlosigkeit trieb, jetzt diese Wut nach außen trragen, die sich in ihren Eltern angestaut hatten und noch anstaut.

Joachim Maaz wird das besser formulieren können. Ganz abwegig scheint mir das nicht zu sein.
SiebzehnterJuni schrieb am 12.02.2012 um 04:16
Hier noch einmal ein Beispiel eines solchen "Delegationsprozesses" :

Helm Stierlin/Adolf HItler/S.59.....

Andre Delegierte übernehmen nur die Aufgabe der Sühne für ihre Eltern. Ich denke dabei etwa an deutsche Studenten, die sich freiwillig zur Arbeit in israelischen Kibbuzin meldeten, um die von ihrer Elterngeneration begangenen Verbrechen zu sühnen. Diese jungen Menschen nannten ihr Projekt "Aktion Sühnezeichen". Den Eltern war es offenbar gelungen, ihre Kinder als Delegierte nach Israel zu schicken und ihnen den Schmerz der Schuld und das Verlangen nachWiedergutmachung aufzubürden, dem sie sich selbst entzogen hatten."
Jana Hensel schrieb am 13.02.2012 um 11:23
Lieber Rapanui, lassen Sie im Restaurant eigentlich auch das Steak zurück gehen, weil es zu wenig nach Fisch geschmeckt hat?

Eine Reportage ist eine Reportage, ein Essay ist ein Essay.

Wir haben übrigens ein sehr schönes Stadt-Portrait von Dresden auf der Seite Drei. Die Geschichte gehört ja auch zum Titel, Anschauungsmaterial, wenn Sie so wollen.

Ihre Jana Hensel
Jana Hensel schrieb am 13.02.2012 um 11:29
Noch einmal, lieber Rapanui, ich nenne die Zwickauer Zelle Zwickauer Zelle, weil sie nun mal so heißt. Das können Sie natürlich kritisieren, aber Thema des Textes war das ja nicht.

Ich mache den Rechtsradikalismus damit genauso so wenig zu einem Zwickauer Problem, wie ich es in dem anderen Text zu einem Jenaer gemacht habe. Solcherlei Verkürzungen sind meine Sache nicht.

Ihre Jana Hensel
Rapanui schrieb am 13.02.2012 um 11:38
>>>lassen Sie im Restaurant eigentlich auch das Steak zurück gehen, weil es zu wenig nach Fisch geschmeckt hat<<<

Ja, wenn ich Fisch essen wollte, lasse ich das Steak zurückgehen.

Wenn auf dem Steaktrestaurant auch noch Fischrestaurant draufsteht, frage ich mich zudem. ob es sich überhaupt noch lohnt, das Missverständnis aufzulösen.
Rapanui schrieb am 13.02.2012 um 12:06
>>>ich nenne die Zwickauer Zelle Zwickauer Zelle, weil sie nun mal so heißt. Das können Sie natürlich kritisieren, aber Thema des Textes war das ja nicht.<<<

Doch, genau das ist Thema Ihres Textes: Sie entpolitisieren das Thema indem Sie es regionalisieren. Sie könnten fragen, warum der NSU "Zwickauer Zelle" genannt wird und welche öffentliche Wirkung jener Name erreicht.

Die faschistische Ideologie, die auch einen NSU hervorgebracht hat, entstand nicht durch ein "ostdeutsches Selbstgespräch", nicht durch eine "gescheiterte Geschichtsschreibung", sondern durch ökonomisches und politisches Handeln, zu dessen Klassifizierung und Erhellung Ihre Regionalisierung beinahe keinen Beitrag leistet.
Magda schrieb am 11.02.2012 um 17:30
"Bei Kraftklub klingt das so: “Wir sind nicht wie die andern Jungs, eure Mädchen tanzen mit uns!” So begann schon von jeher jeder politische Prozess der Selbstbehauptung."

Das ist mir schlicht zu schlicht. Wenn Selbstbehauptung - - wie schon immer in Krieg oder Frieden - von Männern über die Frauen verhandelt wird, dann klingt das weniger nach Rebellion, sondern nach Regression.
Die Frauen - nebenher - regen sich auch weniger auf, die bewältigen das, was zu tun ist. Und heiraten auch Westmänner. Nee, hier wird eine Band - die sicher ganz gut ist - hochgewirbelt. Das ist schon alles.

Es gibt ja noch eine Band, die in letzter Zeit dieses Thema beim Wickel hat. C-rebell-um

"Ihr wisst gar nichts von uns und wollt wissen wie wir sind."



Das ist mir zwar auch ein bisschen zu rückwärts-beschönigend, aber weniger ranschmeißerisch als diese Kraftwerk-Truppe.

"Der Westen wird sich nur für die Geschichte des Ostens zu interessieren beginnen, wenn er das Gefühl hat, es sei seine eigene. Je mehr sich die nachwachsenden Generationen also „verwestlichen“ werden, desto stärker kann sich das ostdeutsche Selbstgespräch öffnen und die Grenzen der eigenen Nabelschau überwinden."

Ehrlich gesagt, entweder verstehe ich diesen Satz nicht oder ich verstehe ihn als Anleitung zu neuer Anpassung, dann gefällt er mir nicht.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 11.02.2012 um 18:40
Meine Liebe das sind die "neuen" Konservativen! Das hast Du schon richtig verstanden.
Rapanui schrieb am 11.02.2012 um 19:07
>>>Je mehr sich die nachwachsenden Generationen also „verwestlichen“ werden, desto stärker kann sich das ostdeutsche Selbstgespräch öffnen und die Grenzen der eigenen Nabelschau überwinden.<<<

In jedem "ostdeutschen Selbstgespräch" spielt der Westen eine ganz praktische Rolle. Sei es, weil man dahin will oder muss, weil außer Butter, Bier und Milch alles von dort geliefert wird, weil die Herrschaft und Herrschaften dort entstammen, weil von dort das Fernsehen kommt, weil die meisten Urlaube in diese Himmelsrichtung starten,...

In den meisten "westdeutschen Selbstgesprächen" braucht es den Osten dagegen nicht.

Frau Hensel beobachtet ungenau oder gar nicht, verallgemeinert schnell und hält diese eigenen Verallgemeinerungen für ein Kriterium von Wahrheit.

Dieser Satz, liebe Magda, ist nicht zu verstehen, er ist ohne eine Aussage.
Jana Hensel schrieb am 13.02.2012 um 11:33
Nein, liebe Magda, als neuer Versuch der Öffnung, des Gesprächs, des Dialogs, der Neugier. Nach dem Motto: Es könnte ja mal interessant sein, was die anderen denken.

Dass Sie den Kraftklub–Satz "Wir sind nicht wie die anderen Jungs, eure Mädchen tanzen mit uns", zu schlicht finden, beruhigt mich.

Ihre Jana Hensel
Dreizehn schrieb am 13.02.2012 um 16:14
Danke, Magda, für den Hinweis auf C-rebell-um. Es ist einfach nur wichtig, dass dieses Selbstbewusstsein gepflegt wird und seine Tradition definiert.
Magda schrieb am 13.02.2012 um 20:16
"Dass Sie den Kraftklub–Satz "Wir sind nicht wie die anderen Jungs, eure Mädchen tanzen mit uns", zu schlicht finden, beruhigt mich."

Ja, nicht wahr? Das war von mir nun wieder zu "schlicht", :-)) aber die nachfolgenden Sätze sind ernst gemeint.
E H schrieb am 12.02.2012 um 13:19
Der Artikel ist zwar nett, doch er rennt m.E. irgendwie offene Türen ein. Den "ostdeutschen Diskurs aus dem Museum" geholt haben andere Musikanten schon längst. Ich will nur an ganz wenige "Highlights" der letzten Jahre erinnern:

Das erste Mal, dass mir längerer Zeit (von den 90ern will ich nicht reden) so eine "Ossis with Attidude/Wir sind die Looser"-Nummer meiner Erinnerung nach direkt aufgefallen ist, war das schauderhafte "Der Osten rollt" von "Joe Rilla", der als Antwort empfahl: regressive Männlichkeit.
www.myvideo.de/watch/6976765/Joe_Rilla_Der_Osten_Rollt_HQ

Auf Rilla und seine zahlreichen Ost-Hool-Irgendwas-Epigonen antwortete der diskordische Kommunist Classless Kulla mit der "Flucht aus dem Plattenbau", einem ziemlich netten Track, übrigens eine Kooperation mit "Istari Lasterfahrer" seines Zeichens Westler, erschienden auf dessen Hamburger Label "Sozialistischer Plattenbau".
cutuphistory.org/remix/flucht_aus_dem_plattenbau_pink_noise_mix_by_deshlab_.mp3 (Ich habe nur diesen Remix gefunden.)

Zuletzt fiel mir u.a. das "Heckert Empire Mixtape" auf, das ganz am Ende ein Lied über die "Ostdeutsche Diaspora" enthält. Die Soulfource-Crew (aus Krefeld!!) und der Sänger "Ronny Trettmann" wenden die an postkoloniale Debatten anschließenden Selbstbeschreibungen als von einer Majorität kolonisierte Underdogs im Osten, die auch Rilla & Co. nutzen (aber anders!), mit Hilfe des popdiskursiven Zeichenkosmos von Reggae & Dance Hall positiv - Stichworte: Jamaica, kiffen, Party, gute Laune, aber trotzdem auch ein wenig Rest-Sozialkritik.
www.youtube.com/watch?v=MV2imSGVSTI

Auch hier, wie offenbar beim Kraftklub, gibt es die Adaption von westlichen Diskursen, aber anders als bei Rilla z.B., der sich in sein ostdeutsches "Getto" hineinhalluziniert, weisen Heckert Empire, Kulla usw. zum Glück über den "ostdeutschen Diskurs" hinaus, der m.E. nicht alleine "bei sich" bleiben darf.

Ob das bei Kraftklub so ist, werde ich gelegentlich überprüfen. Deshalb danke für den Tipp!
Magda schrieb am 12.02.2012 um 14:03
"der als Antwort empfahl: regressive Männlichkeit."

Das ist ja bei Kraftklub in gewisser Weise auch so.
Rapanui schrieb am 12.02.2012 um 18:52
Danke EH! So liest es sich also, wenn einer wirklich was über Musik weiß.
Engelbecken schrieb am 12.02.2012 um 13:30
Was man gerade in der Nachrichtenagentur lesen kann? "Kraftklub-Frontmann Felix Brummer will in seinen Texten keine politischen Botschaften vermitteln." Er "finde das albern und unangebracht", zitiert die FAS den Sänger der Chemnitzer Band. "Andere können das machen, für uns passt es nicht". Seine Band sehe sich auch nicht als Sprachrohr einer Generation.
Rapanui schrieb am 12.02.2012 um 18:59
Wahrscheinlich hat er jetzt die Thesen von Frau Hensel im "Freitag" gelesen.

Das ist doch eine Blamage für den "Freitag", so einen schlecht recherchierten Artikel als Aufmacher für die Titelseite der aktuellen Ausgabe zu verwenden.
SiebzehnterJuni schrieb am 12.02.2012 um 20:35
Ich finde Ihre Kommentare wiederholen sich und führen nicht weiter! Bringen Sie selbst doch mehr Erkenntnisförderndes!

Ich halte den Artikel für sehr gut! Und auch der Afmacher ist hervorragend! Wenn man sich den geistlosen Aufmacher der ZEIT von dieser Woche mit dem Klimaskeptiker Vahrenholt anschaut, ist der FREITAG absolut Spitze!!
Rapanui schrieb am 13.02.2012 um 09:12
@ SiebzehnterJuni schrieb am 12.02.2012 um 20:35

>>>Bringen Sie selbst doch mehr Erkenntnisförderndes!<<<

Die Erkenntnis Ihres Statements besteht also darin, dass der Artikel relativ besser ist. Er ist nicht geistlos. Gut, wenn Sie dazu meine Zustimmung benötigen. Hier ist Sie: Einverstanden. Das wesentliche habe ich gesagt. Noch einmal für Sie zusammengefasst:

Ich finde den Artikel aus zwei Gründen schlecht.

1. Bei den Verbrechen der NSU handelt es sich um einen Vorgang, der erhebliches Potenzial für eine politische Krise des Staates beinhaltet. Diese Krise kann man nicht "wegtanzen". In einer solchen politischen Situation ist es für eine "linke" Zeitung mindestens sonderbar, dass sie sich nicht mit der Krise des politischen Systems befasst.

2. Der Artikel ist inhaltlich schlecht. Er ist nicht einmal eine Musikkritik. Damit will ich Musikkritik gegenüber politischer Kritik nicht abwerten. Ich meine, dass Frau Hensel von der Sache nichts versteht.

1. ist ein Problem der Redaktion; 2. ein Problem für Frau Hensel.
SiebzehnterJuni schrieb am 13.02.2012 um 09:43
zu 1. volle Zustimmung

zu 2. ich verstehe den Artikel als den Versuch,
auf zu zeigen, dass es im Osten jenseits
der gewalttätigen Rechten vom Heimatschutz
etc. noch andere Menschen im etwa gleichen
Alter wie die Terroristen gibt, die zumindest
einen Teil dessen artikulieren (Hartz IV etc.),
was auch im Innersten die Rechten zu
Beginn angetrieben hat.
Rapanui schrieb am 13.02.2012 um 10:18
@ SiebzehnterJuni schrieb am 13.02.2012 um 09:43

Der "Freitag" positioniert sich nicht zu dieser politischen Krise. Auch der Artikel zu Dresden www.freitag.de/politik/1206-friede-auf-den-barrikaden kommt nicht zum Kern des Problems, eben der politischen Krise. Bis jetzt gibt es dort keinen einzigen Kommentar.

Ich will gar nicht die Ansätze von Artikeln, wie diesen beiden bestreiten, aber die sind einfach zu harmlos angesichts der Tatsache, dass die Wurzeln des Rechtsterrorismus bis in operative Handlungen von Staatsorganen reichen.

Warum sich die Redaktion des "Freitag" so zahnlos zeigt, weiß ich nicht. Mich fordert dies zu sehr deutlicher Kritik an der Redaktion heraus.

Richtig gut sind die Blogs von Jacob Jung, z.B. www.freitag.de/community/blogs/aredlin/hat-das-bka-nazi-terror-beweise-unterdrueckt. Hier finde ich das, was der "Freitag" nicht bringt.
SiebzehnterJuni schrieb am 18.02.2012 um 07:59
Robert Frunzke schrieb am 27.02.2012 um 05:00
"Natürlich ist es Zufall, dass die Kraftklub-CD nun nur wenige Wochen nach dem Auftauchen der Zwickauer Zelle erschienen ist, mitten hinein in die öffentliche Debatte"

Genau da habe ich das Lesen dieses Artikels eingestellt! Es ist geradezu gruselig wie hier NSU, angebliche (man möchte meinen, sehr tief sitzende) "ostdaitsche Komplexe" (ok, eigentlich nur der "ostdeutsche Diskurs", der wohl bis dato in irgendeinem Zwickauer Museum versteckt gehalten wurde)... Jedenfalls wird da so einiges in einen großen Topf geworfen und dann im weiteren Verlauf des Artikels irgendwie in Beziehung zur Band Kraftklub gesetzt!?

Warum? Was soll das?

Man könnte genauso gut z.B. "Die Prinzen" mit der letzten (jüngsten) IM-Generation in einem gemeinsamen Kontext besprechen und durchkauen. Wenn man das wirklich wollen würde.


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