Ich bin ein Verlierer, Baby!

Kraftklub Die Band Kraftklub holt den ostdeutschen Diskurs aus dem Museum heraus und bringen ihn dorthin zurück, wo er hingehört: auf die Straße

Bisher sah die Welt so aus: Wie die 1989er-Revolution ihre Kinder entlässt, interessiert offensichtlich nur noch die Großeltern. Die Sitzreihen sind an diesem eiskalten Winterabend im Tagungssaal der Evangelischen Akademie zu Berlin mit älteren Leuten zwar dicht gefüllt, aber ältere Leute sind halt ältere Leute.

Es soll um die Geschichtsbilder und Prägungen in den Familien der DDR-Opposition gehen. Ist das noch interessant? DDR-Opposition, das waren jene Leute, die sich vor ungefähr 40 Jahren in Kneipen und Kirchen zu treffen begannen, um den Sozialismus zu reformieren. Das war in einer Diktatur natürlich schwierig; andererseits lag es auch auf der Hand. Auf dem Podium sitzen nun Vera Lengsfeld (CDU) und ihr Sohn Philipp (CDU). Sie reden über den aufrechten Gang, über den Ungehorsam der Dissidenten und die Angepasstheit der Millionen anderen.


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Diese „Wir haben die Revolution alleine gemacht und ihr habt nur zugeguckt“-Geschichte wird seit 20 Jahren erzählt. Als Joachim Gauck noch dachte, er würde Bundespräsident, lautete die Kurzversion seiner landauf, landab gehaltenen Rede über den Wert der Freiheit auch: Außer ihm haben die Ostdeutschen den bis heute nicht verstanden. Warum damals auf den Straßen Hunderttausende Menschen demonstrierten und „Wir sind das Volk!“ riefen, interessiert niemanden mehr. Wahrscheinlich ist es schon vergessen. Das ist auf diesen Podien so, in den meisten Geschichtsbüchern und, wie gesagt, in Sonntagsreden auch. Und nun wird an Abenden wie dem in der Evangelischen Akademie das Revolutions-Gen schon an die nächste Generation vererbt. Eine eigenartige Form der Sippenhaft ist das.

Und man fragt sich, kann man nach der Entdeckung der Zwickauer Zelle eigentlich noch so reden? Haben die, die sich über den Osten äußern, nicht begriffen, was in den letzten Wochen passiert ist? Muss man nicht nach dem braunen Terror die ostdeutsche Selbsterzählung, die eigene Geschichtsschreibung der letzten zwei Jahrzehnte als gescheitert betrachten, weil sich große Teile der Bevölkerung darin offensichtlich derart als Verlierer empfinden, zu Verlierern gemacht werden? Sollte man nicht fragen: Wie wollen wir weitermachen? Wie werden wir mit diesem Trauma leben? Gelingt es, aus diesen seelischen Ruinen wieder aufzuerstehen?

Die Jungs sind ’89 geboren

Nun sieht die Welt so aus: Fünf Jungs aus Chemnitz haben eine CD mit Popmusik herausgebracht, die „Mit K“ – wie Klub – heißt. Die Jungs sind noch nicht mal Mitte 20, wurden kurz vor dem Mauerfall geboren. In ihren Pässen steht noch Karl-Marx-Stadt, und deshalb nennen sie die Stadt auch so. Oder auch: Krl-Mrx-Stdt. Von der DDR wissen sie so gut wie nichts, und es interessiert sie wahrscheinlich auch nicht besonders. Aber sie singen unter anderem ein Lied, das heißt „Karl-Marx-Stadt“ und geht so:

„Ich steh auf Kaffee, Kippen, Diamanträder./ Ich war nie der In-der-Klasse-Vorne-Sitzer und Die-Hand-Heber,/ eher so Angeber, ein verpeilter Hänger./ Daran hat sich bis heute eigentlich nichts geändert, verdammt./ Ich kann nichts dafür, doch die meisten begreifen nicht,/ dass es nicht meine Schuld ist,/ sondern eigentlich das System, Politik und Hartz VI./ Egal woran es liegt, es liegt nicht an mir.

Ich komm aus Karl-Marx-Stadt,/ bin ein Verlierer, Baby,/ Original Ostler.

Ich steh auf keiner Gästeliste,/ ich bin nicht mal cool in einer Stadt,/ die voll mit Nazis ist, Rentnern und Hools./ Ich cruise Banane essend im Trabant um den Karl-Marx-Kopf,/ die Straßen sind menschenleer und das Essen ohne Farbstoff./ Diskriminiert, nicht motiviert,/ und von der Decke tropft das Wasser, nix funktioniert./ Und so wohnen wir in Sachsen/ auf modernden Matratzen,/ immer gut drauf, auch ohne Kohle in den Taschen.“

„Mit K“ ist noch in der Woche des Erscheinens auf Platz 1 der deutschen Album-Charts gelandet. Jetzt zeigt man die Band in den Tagesthemen und heute-Nachrichten. Es ist wahrscheinlich übertrieben, wenn man sagt, dass ganz Deutschland momentan diese Musik hört. Es ist aber nicht übertrieben zu sagen, dass in den Clubs des Landes viele junge Menschen nach dieser Musik tanzen, dass sie die „Ich bin ein Verlierer, Baby!“-Zeilen mitsingen.

Kennt Joachim Gauck die Band? Denken die jungen Leute in den Clubs an die Zwickauer Zelle, wenn sie Kraftklub hören? Kann man das Trauma des braunen Terrors mit dieser Musik wegtanzen?

Feuilletonisten sagen so etwas gern und eigentlich viel zu oft, aber: Das ist der Sound einer neuen Generation. Kraftklub bezieht sich auf Beck, die Arctic Monkeys, auf Tocotronic und die Sterne. Allesamt West-Bands! Und in diese nun schon ein wenig in die Jahre gekommene Indie-Pop-Form füllen sie ihre Lebensrealität, als sei die – also die Form oder die Lebensrealität – für nichts anderes erfunden worden: Für eine Generation – die dritte, die vierte oder die fünfte? –, die in der ostdeutschen Nachwende-Provinz zwischen Hartz IV, Langeweile und alten Leuten aufgewachsen ist und ihr Bier in der Disko oft neben Nazis getrunken hat; die aus einer Welt kommt, in der die Guten stets in den Westen oder nach Berlin gegangen und die Doofen immer geblieben sind – und sich dabei wie Sitzenbleiber fühlten. Lieder aus einer Welt also, in der es offenbar Stoff genug gibt, um große Songs zu machen.

Natürlich ist es Zufall, dass die Kraftklub-CD nun nur wenige Wochen nach dem Auftauchen der Zwickauer Zelle erschienen ist, mitten hinein in die öffentliche Debatte, die weiteren Ermittlungen und die Arbeit des Bundestagsuntersuchungsausschusses. Andererseits Zufall, was ist das schon? Nicht mehr als eine leicht esoterische Kategorie, die uns erlaubt, Dinge, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, auch nicht in Verbindung zu bringen.

Die Zwickauer Zelle und Kraftklub haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun, auch nicht auf den zweiten oder dritten. Auf den vierten allerdings könnte man sagen, dass sie beide auf verschiedene Art jenes oben beschriebene ostdeutsche Selbstgespräch wieder auf den Boden der Tatsachen zurückbringen und ihm einen ordentlichen Schuss Wirklichlichkeit, ja sogar brutale Wirklichkeit in die verkalkten Venen schießen. Sie holen den ostdeutschen Diskurs endlich aus dem Museum heraus und bringen ihn dorthin, wo er hingehört: auf die Straße, ins Leben, zurück zu den Menschen. Sie entreißen ihn den wenigen Eingeweihten, die bisher glaubten, ihn nach ihren Regeln bestimmen zu können.

In den Texten von Kraftklub findet sich die harte soziale Gegenwartsrealität, Stichwort Hartz IV, der ostdeutschen Provinz genauso wie die förmlich schulbuchgewordene Erzählung der Ostdeutschen als Bürger zweiter Klasse. Da kann die Politik lange so tun, als gäbe es diese Kluft in der Selbstwahrnehmung der Deutschen nicht.

Wenn man den Menschen immer wieder erzählt, dass sie die Freiheit nicht schätzen können, dass sie anscheinend noch nicht reif für die Demokratie sind, dass sie in der DDR einfach nur Mitläufer gewesen seien und ihnen jetzt, Stichwort Ostalgie, nichts anderes einfällt, als sich nach der Vergangenheit zu sehnen, muss man sich nicht wundern, wenn die Jüngsten singen: „Ich kann nichts dafür, doch die meisten begreifen nicht, dass es nicht meine Schuld ist, sondern eigentlich das System, Politik und Hartz IV.“ Einmal Mitläufer ist eben immer Mitläufer. Egal, in welchem System.

Kampf gegen Destruktion

Doch das Schulterzucken kann man sich in diesem Fall sparen. Die Texte von Kraftklub stammen ja nicht aus einer Broschüre der Bundeszentrale für politische Bildung. Im Gegenteil. Viel eher funktionieren die Lieder wie ein Gefäß: Sie nehmen jene Destruktion, die in vielen ostdeutschen Seelen herumgeistert und der sich die Zwickauer Zelle hoffnungslos übereignet hat, in sich auf und geben sie ans Publikum zurück. Damit rückt das Verlierergefühl endlich ins Zentrum der eigenen Selbstbeschreibung, damit wird der Minderwertigkeitskomplex, der im Osten längst eine gesellschaftlich relevante Dimension erreicht hat, nicht länger verleugnet. In der Verkleidung des Pop-Losers wird er auf eine beinahe schillernd-schicke Art übergroß deutlich und sichtbar. Nun kann er noch weiter neu codiert und umgedeutet werden.

Nach dem Motto: Jetzt sagen wir euch mal, wie ihr denkt, dass wir sind. Nämlich ganz anders! Bei Kraftklub klingt das so: “Wir sind nicht wie die andern Jungs, eure Mädchen tanzen mit uns!” So begann schon von jeher jeder politische Prozess der Selbstbehauptung. Egal ob im Punk, der Black Music, der Kanak Attak oder der Schwulenbewegung. Wichtig ist nur, dass dieser Prozess von unten kommt, von jener besagten Straße ausgeht. Und dass es eine Öffentlichkeit gibt, die bereit ist, diese Zeichen zu lesen und wiederum ins Gespräch zu bringen.

Eine irgendwie relevante ostdeutsche Öffentlichkeit aber gibt es nicht, und es wird sie wohl auch auf absehbare Zeit nicht geben, Stichwort Demografie und Abwanderung. Allenfalls ein Nebeneinander regionaler Teilöffentlichkeiten. Insofern ist die Strategie von Kraftklub, sich auf die westeuropäische Popmusik zu beziehen, absolut richtig. Wenn man von einer Strategie überhaupt reden kann. Der Westen wird sich nur für die Geschichte des Ostens zu interessieren beginnen, wenn er das Gefühl hat, es sei seine eigene. Je mehr sich die nachwachsenden Generationen also „verwestlichen“ werden, desto stärker kann sich das ostdeutsche Selbstgespräch öffnen und die Grenzen der eigenen Nabelschau überwinden.

Denn dass der Osten als sozialer und gesellschaftlicher Raum noch immer andere Prägungen als die westdeutsche Provinz hinterlässt, wird nach den Liedern von Kraftklub hoffentlich niemand mehr bestreiten. Somit wäre auch jener Mythos beiseitegeschafft, der besagt, dass die Sache mit dem Osten sich über die Jahre einfach auswachsen, sich von selbst erledigen würde. Diesen Mythos haben die fünf Jungs aus Chemnitz, äh Karl-Marx-Stadt, schon mal weggetanzt. Das klingt ein bisschen wie ein Versprechen auf mehr.

(Illustration: Der Freitag)

07:00 09.02.2012
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