Positionen

Steinmeier-Wahlkampf | 22.04.2009 13:00 | Axel Brüggemann

Franky goes to Hollywood

Die SPD hat eine Wahlkampfinitiative für ihren Kanzlerkandidaten gegründet. Ihr Slogan lässt Böses ahnen. Anmerkungen zu einer Graswurzelrevolution von oben

Jetzt geht’s looohooos! Parteitag, Parteiprogramm, Spitzenkandidat – und: Wählerinitiative. Die ganze Chose eben. Die SPD beginnt ihren Wahlkampf, schaut in die USA und drückt einfach mal auf „copy–paste“.

Frank Walter Steinmeiers groß inszenierter und dennoch blasser Auftritt im Tempodrom vergangenen Sonntag wird wahrscheinlich schnell wieder vergessen sein. Aber die Internetseite seiner Wählerinitiative wird uns bis zum Sommer begleiten. Und das lässt Böses ahnen. Sie hat sich den Slogan [WIR FÜR FRANK] gegeben. Und das einzig Versprechende an diesem Satz ist, dass er genau so viele Silben hat wie „Yes we can!“ Aber statt eines energischen Ausrufezeichens gibt es pseudomoderne eckige Klammern. So, als würde jemand seinen eigenen Worten nicht trauen.

Zwischen Berlin und Rüsselsheim

Statt auf „Steinmeier für den Bundestag“ setzt die SPD auf „Franky goes to Hollywood“. Die Partei träumt schon davon, dass alle Opels zwischen Berlin und Rüsselsheim in den nächsten Tagen mit einem [WIR FÜR FRANK]-Sticker getuned werden und hat vorsichtshalber schon mal einen Onlineshop eingerichtet: Heckscheibenaufkleber 1 Euro, Silikon-Armband 50 Cent, [WIR FÜR FRANK]-Shirt XL 12 Euro und das Starter-Paket (alles außer Shirts) 15 Euro!

Das Absurdeste: Auf ihrer Internet-Seite erinnert die Wählerinitiative an den Wahlsieg von Willy Brandt am 28. September 1969. Der hat aber mit dem Motto „Mehr Demokratie wagen“ gewonnen und nicht mit [WILLY, WILLY, WILLY]. Brandts Demokratie-Slogan hat Barack Obama übrigens noch 40 Jahre später für seine freie Übersetzung „Change“ inspiriert. Bei der Rückübersetzung alter deutscher Politikslogans aus dem Amerikanischen ist der SPD mit [WIR FÜR FRANK] dann allerdings ein fatal error passiert.

Im Ernst: Wer will schon Frank Walter Steinmeier als rot schraffierten Biedermann auf der Brust tragen? Wenn die SPD wenigstens für seine Berlin-Mitte-Wähler eine Shirt-Kollektion mit Retro-Logo gedruckt hätte. Mal ehrlich: Steinmeier will man nicht einmal als Frank auf der Haut tragen. Das ist schlimmer als Feinripp-Unterhose!

Dass Deutsche Parteien einen interaktiven Big-Mac-Wahlkampf a la USA führen würden, war spätestens klar, seit Obama am Brandenburger Tor gesprochen hat. Dass sie es nicht können, zeigte sich, als Thorsten Schäfer-Gümbel seinen You-Tube-Blog gestartet hat.

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Es ist bezeichnend für die deutsche Parteienlandschaft, dass immer noch Leute denken, eine Graswurzelbewegung von oben anzetteln zu können. Und dass man, um zu gewinnen seine Apparatschiks, Ex-Kanzleramtsleiter und Guantánamo-Strippenzieher nur bei Beckmann sagen lassen muss, dass sie damals, als Kinder im Dorffußballverein wirkliche Kämpfer waren und dass ihre Freunde sie Franky nennen.

Frank ist kein Barack

Steinmeiers Web-Wahlkampf wird hoffnungslos scheitern. Weil er mit [WIR FÜR FRANK] die Chance verpasst, in einen Dialog zu treten. Frank ist kein Barack. Und das Web 2.0 verkörpert zum Glück noch immer einen Hauch von Basisdemokratie. Hier wird nur unterstützt, wer glaubhaft ist und von den Usern gefördert wird – wer ihre Sprache spricht, wer ihnen nichts befiehlt, sondern auf ihre Kreativität vertraut. Wer seinen Staat mit allen machen will, wer nicht wie Steinmeier von „meinem Deutschland“, sondern von „unserem Deutschland“ spricht.

Die SPD macht den Fehler, selbst kreativ sein zu wollen – und beweist dabei, wie weit sie sich inzwischen vom guten Geschmack entfernt hat.
[WIR FÜR FRANK] zeigt, wie wählerfern unsere Politik geworden ist. [FRANK FÜR UNS] klingt zwar nicht so gut, wäre aber politisch korrekter. Denn wer ist schon freiwillig für Frank, wenn Frank keiner von uns ist?

Barack Obama war ein Underdog, kein Teil des Partei-Kaders. Er hat seine Wähler in der Schlacht gegen Hilary Clinton mobilisiert, in Turnhallen geschwitzt und glaubhaft das „Wir“ beschworen, bevor er Präsidentschaftskandidat wurde. Frank Walter Steinmeier wurde auf einem konspirativen Treffen neben Butterkuchen essenden Touristen am Schwielowsee von der Parteispitze nominiert. Graswurzelpolitiker sehen anders aus.

Aber vielleicht hoffen die SPD-Strategen ja, dass sie mit ihrem Slogan endlich im Polit-Pop-Himmel ankommen und träumen schon davon, dass Roland Kaiser, Dieter Bohlen und Herbert Grönemeyer [WIR FÜR FRANK] bei You Tube rappen. Wahrscheinlicher aber ist, dass die Web-User bereits am Umdichten sind: [IHR SEID KRANK!]

Liebe Parteien, ein Wahlkampf ist kein Kinderspielplatz, in dem ihr uns für dumm verkaufen könnt. In schwierigen Zeiten wollen wir keine pubertierenden Parteien auf Selbstfindungskurs, keine Politiker, die ihren Fleiß mit Kinkerlitzchen kaschieren. Vor vier Jahren wäre Angela Merkel als „Angie“ fast gescheitert – nun tritt sie wieder als Frau Merkel an, und freut sich wahrscheinlich über Frankys neue Kampagne.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
derfreitagsmaler schrieb am 22.04.2009 um 15:14
Diese Analyse ist brillant. Sie trifft genau den Kern und benennt exakt das falsche Verständnis der Parteien und Politiker hier in Deutschland vom politischen Web 2.0. Franky, Kajo, Angi & Co. sollten sie sich ausdrucken und übers Bett hängen!
Axel Brüggemann schrieb am 22.04.2009 um 16:30
Vielen Dank für die Blumen, Freitagsmaler!
Verlf schrieb am 22.04.2009 um 19:19
Warum wird hier unterstellt, die SPD würde sich im Wahlkampf an Obama orientieren, obwohl stets betont wurde, eben das nicht zu wollen?

Und bitte nicht die private Wählerinitiative mit der offiziellen Kampagne in einen Topf werfen. Das ist grob verfälschend. [Wir für Frank] hat z.B. keineswegs den Rang eines offiziellen Slogans.
Axel Brüggemann schrieb am 22.04.2009 um 19:38
Lieber Verlf, [Wir für Frank] ist aber Teil der Parteitagsinszenierung gewesen - also mit Wissen und Willen der SPD und Steinmeier. Und: Natürlich kann 1000 Mal betont werden, dass man keinen US-Wahlkampf will, aber vom Licht über die Inszenierung - und nun eben auch bis zur "offiziellen Wahlinitiative" erinnert alles doch sehr an eine schlechte, da sinnentleerte, Kopie.
Verlf schrieb am 22.04.2009 um 20:24
Hi Axel,
(wenn ichs richtig verstehe, kann ich auf Deinen Kommentar nicht direkt antworten und antworte daher auf meinen).

Vorweg danke für die Antwort.

Dass die Wählerinitiative mit komischen Fahrgeräten draußen vor der Halle rumstand, rechtfertigt es imho noch nicht, da von einem Teil der "Parteitagsinszenierung" (war übrigens kein Parteitag) zu sprechen. Schließlich standen draußen auch die Leute von Extra3 mit ihren "Yes, he can Kanzler"-Plakaten und die Demo für das bedingungslose Grundeinkommen. Gut, drinnen trugen einige Leute die T-Shirts - geschenkt. Aber soll das hinreichend sein? Dass die da mit Wissen und Willen der Partei da waren, will ich nicht bestreiten, macht [wir für Frank] aber noch lange nicht zum offiziellen Slogan. Da ist die Kampagne schon etwas vielschichtiger.

Was genau erinnert denn an die US-Inszenierung? Dass es Websites gibt? Oder, dass getwittert wird? Eine schlichtweg zeitgemäßes Veranstaltungsdesign mit entsprechender Technik und Regie?

Ich vermute da eher die Haltung derjenigen Web-Enthusiasten, die wahnsinnig gerne einen "echten" Obama-Wahlkampf in Dtld. gehabt hätten - ignorierend, dass so etwas hierzulande schlichtweg nicht geht - und jetzt ihrer Enttäuschung Luft machen müssen. Ein wenig Inspiration an den Amis spielt sicherlich auch eine Rolle (das Phänomen der 'Amerikanisierung' der Politik ist ja schließlich kein neues), aber ich finde, die SPD-Kampagne weist ein hinreichendes Maß an Kontinuität zu den vorherigen Wahlkämpfen auf und passt sich in erster Linie den aktuellen Trends in der Gestaltung von Webseiten an. Ob das in der Form gut ist, darüber kann man natürlich vortrefflich drüber streiten.
Axel Brüggemann schrieb am 22.04.2009 um 22:13
Lieber Verlf,
Sie haben sicherlich Recht, dass die SPD auf der einen Seite vermeiden will, das Image eines inhaltslosen Personen-Wahlkampfes zu vermitteln - auf der anderen Seite spielt sie aber durchaus damit. Wenn ich mich richtig erinnere, stand das [Wir für Frank]-Mobil in Stuttgart schon in der Halle - also mit Erlaubnis der SPD. Auf seiner Homepage ist "Frank-Walters" Logo zu sehen, ein großes F, ein großes W - und klein darunter Steinmeier. Bei Beckmann ein ähnliches Bild - das Flirten mit dem "Franky". Ich empfinde das schon sehr als anbiedernd. Auf seiner eigenen Seite posiert er ebenfalls vor diesem Logo, zeigt sich stolz mit Obama. Aber das alles: Geschenkt! Es war ja nur eine Glosse.
Sie stellen aber eine wichtige Frage. Wünschen wir uns einen Obama-Wahlkampf? Und ist er in Deutschland möglich? Letzteres würde ich ebenso wie Sie mit "Nein" beantworten. Ich schreibe in meinem Text auch, warum: Steinmeier und Merkel haben sich nie der Basis stellen müssen - auf Parteitagen werden die Kanzlerkandidaten aller Parteien mit absurden 90%-Ergebnissen nur noch abgesegnet. Es besteht durch unser Parteiensystem gar keine Notwendigkeit mehr, dem Wähler ernsthaft verpflichtet zu sein. Und damit nciht um das, was den Obama-Wahlkampf so elektrisierend gemacht hat: die Glaubhaftigkeit eines Politikers und sein Dialog mit den Wählern. Mit oder ohne Vornamen. Das ist bei Obama egal! In Deutschland scheint es mir in vielen Parteien pünktlich zur Wahl nur noch um die Stimmen zu gehen - den Dialog mit den Wählern kann ich nicht erkennen, eine Vision auch nicht.
Ich glaube, dass es höchste Zeit ist, unser Wahl- und Parteiensystem noch einmal unter die Lupe zu nehmen. Nicht, weil ich US-Verhältnisse will, wohl aber weil ich glaube, dass Parteipolitik und Volk in Deutschlend dramatisch auseinanderdriften.
Und daher kommt es vielleicht auch, dass ich meinen Kanzler nich Franky und nicht FW nennen will. Mir ist es auch egal, wie er als Kind Fußball gespielt hat. All das aber ist Teil der Steinmeier-Kampagne. Barack könnte man Duzen, weil man glaubt, dass er den Menschen wirklich nahe ist - bei den meisten deutschen Politikern habe ich dieses Gefühl allerdings nicht. Franky ist kein Typ, mit dem man gern ein Bier trinken will. Er soll anständig regieren und fertig. Und wenn er das als Kanzler machen wird, reicht mir das auch.
Übrigens, Julian Heißler hat in seinem Artikel "Barack Steinmeier" auf dieser Seite - wie ich finde - gut die Amerikanisierung des Wahlkampfes beobachtet. Und gleichzeitig auch die Gefahr der Unglaubwürdigkeit angerissen: Passt Steinmeier eigentlich zum SPD-Programm?
Ich bin mir da nicht mehr so sicher, freue mich aber, die Entwicklung des Wahlkampfes zu verfolgen und bin gespannt, was hier noch an Meinungen zusammenkommt. Grundsätzlich glaube ich, dass es in diesem Wahlkampf so sehr wie selten um die Glaubwürdigkeit der deutschen Politk gehen wird.
Axel Brüggemann


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