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Einheit | 20.05.2009 05:00 | Otto Köhler

Die doppelten Deutschen

Das Grundgesetz wurde den hurtig angeschlossenen Ostdeutschen selbstbestimmungsfrei übergestülpt. Ohne eine neue Verfassung werden sie immer Anschlussbürger bleiben

Am Wochenende möchte er wiedergewählt werden, und er hat die besten Chancen, noch einmal unser Bundespräsident zu werden. Wessen Bundespräsident? Der Ostdeutschen oder der Westdeutschen? Keine Frage. Horst Köhler wird, falls er gewählt wird, wieder der Präsident aller richtigen Deutschen sein, wie es sein Grundgesetz vorsieht.

Köhlers Grundgesetz ist von besonderer Art. Es kennt nur den Artikel 23 und sonst nichts auf der Welt. Dieser Artikel 23 sieht vor, dass das Grundgesetz „in anderen Teilen Deutschlands nach deren Beitritt in Kraft zu setzen ist“ – gemeint war etwa das Saargebiet. Für eine „Wiedervereinigung“ von West- und Ostdeutschland sind die Präambel und der Artikel 146 des Grundgesetzes bindend. Danach gilt das Grundgesetz nur für eine „Übergangszeit“, bis das „gesamte Deutsche Volk“ in „freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands“ vollendet habe. Und damit verliert das Grundgesetz seine Gültigkeit „an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Selbstbestimmung beschlossen worden“ ist.

„Kobra, übernehmen Sie“

Das ist bis heute nicht geschehen. Aber das war die Gefahr 1989/90. Im Osten arbeitete der Runde Tisch bereits an einer neuen Verfassung für die DDR und bald auch für den Fall einer Vereinigung. Allerdings wurde der Runde Tisch während des Anschlussprozesses so gründlich geschreddert, dass von der Bürgerbewegung nur ideologisch einwandfreie Schnipsel übrig blieben, die sich in Westparteien integrieren ließen. Der Rest ist längst verbrannt.

Denn wenn Gefahr droht, wächst das Rettende ganz schnell. Was vom Osten unserem Grundgesetz drohte, hatte der damalige Bundesfinanzminister Theo Waigel längst kommen sehen. „Kobra, übernehmen Sie“, das war die Anordnung, die er nach eigenem Geständnis Anfang 1990 seinem Finanzstaatssekretär Horst Köhler erteilte. Die Kobra ist eine gefährliche Schlange, die ihrem Gegner auch aus weiter Entfernung zunächst Gift in die Augen spritzt, um ihn wehrlos zu machen. Dann beißt sie zu und lähmt das Atemzentrum, bis Herzstillstand eintritt. Oder etwa so: Man macht die Ostdeutschen mit dem Angebot der D-Mark wehrlos und vernichtet dann ihre Industrie.

Zum Kobra-Team Horst Köhlers gehörte der nunmehrige Staatssekretär im Bundespräsidialamt Gert Haller. Der plauderte später aus, wie klandestin das Kobra-Team vorging: „Die weitreichenden Überlegungen, den Anschluss der DDR über den Artikel 23 des Grundgesetzes herzustellen, durfte man überhaupt nicht in den Mund nehmen. Das Wort ‚Anschluss’ war tabu, weil man befürchtete, mit solchen Vokabeln würde die Aufbruchstimmung in der DDR massiv beeinträchtigt.“

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Doch dank Köhlers Kobra-Team kam schnell die Währungsunion – er selber nannte sie später eine „Sturzgeburt“. Der Anschluss fuhr sodann die DDR rasant gegen die Wand. Dafür sorgte Köhlers fähigster Mitarbeiter, der spätere Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin – eben der mit den Menüvorschlägen für Hartz-IV-Menschen. Sarrazin rechnete für Köhler aus, dass mit dem Anschluss „ca. 35 bis 40 v. H. der Industriebeschäftigten“ in der DDR auf die Straße müssten, damit „der in der Bundesrepublik übliche Anteil der Industriebeschäftigten an der Wohnbevölkerung erreicht“ werde. Für die Übererfüllung dieser Planzahl durch Vernichtung der ostdeutschen Industrielandschaft sorgte Horst Köhler selbst, als der im Finanzministerium zuständige Mann für die Treuhand.

Anschlussdeutsche, Unterdeutsche, Oberdeutsche

Das Grundgesetz, das den hurtig angeschlossenen Ostdeutschen selbstbestimmungsfrei übergestülpt wurde, sieht jedoch nach Artikel 72 die „Wahrung der Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse“ in allen Ländern der Bundesrepublik vor.

So verfassungsradikal wollte Köhler nicht sein, als er erst einmal Bundespräsident war. Und darum mahnte er die durch den Anschluss hinzugekommenen Ostdeutschen, sich damit abzufinden, dass es „überall in der Republik große Unterschiede in den Lebensverhältnissen“ gegeben habe und gebe. Wer das ignoriere, lege – eine Begründung, die jeden Verfassungsartikel obsolet macht – „der jungen Generation eine untragbare Schuldenlast auf“.

Ganz vergessen kann dieser Bundespräsident freilich nicht, wie sehr das Grundgesetz versprochen hat, sich selbst in einer neuen gesamtdeutschen Verfassung aufzuheben. Auf einer Geburtstagsfeier für den „Kanzler der Einheit“ erinnerte Köhler, was Kohl noch 1987 Honecker in Bonn gesagt hatte: „Die Präambel unseres Grundgesetzes steht nicht zur Disposition. Sie fordert das gesamte deutsche Volk auf, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden… Und wir haben keinen Zweifel, dass dies dem Wunsch und Willen, ja der Sehnsucht der Menschen in Deutschland entspricht.“

Seit Honecker weg ist, müssen die im Osten dazulernen, dass ihre Lebensverhältisse dem Artikel 72 widersprechen dürfen: Anschlussdeutsche sind Unterdeutsche. Sie haben aber durchaus die Chance, sich durch unermüdliche Anpassung zu Oberdeutschen im Sinne des Artikels 23 Grundgesetz zu entwickeln. Wenn alle diese Stufe der Zivilisation durchlaufen haben, dann ist der Kommunismus in Deutschland besiegt und die Einheit der Nation – endlich – wiederhergestellt.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
piiter schrieb am 20.05.2009 um 21:03
Selten so einen doofen Artikel gelesen.
Null Niveau. Und das im Freitag, grrrrrrrrrrrrrrrrr.

Ein Unterdeutscher.
manstruator schrieb am 21.05.2009 um 00:17
zugegeben - hier geht es gewissermassen nur um deutsch, junger mann!
Streifzug schrieb am 20.05.2009 um 21:11
Endlich mal wieder ein Artikel mit Ecken und Kanten. Nicht nur die übl(ich)e Hofberichterstattung.
ruding schrieb am 20.05.2009 um 23:41
Dann doch lieber gar keinen Bundespräsidenten, als einen, der das Grundgesetz seines Staates benutzt wie sein Taschentuch.
manstruator schrieb am 21.05.2009 um 00:17
Sollte ich mir Anfang der Neunziger die falschen Gesichter gemerkt haben? Es mußte nicht erst diese post-präsidiale "Enthüllung" kommen, um ein Gesicht zu sehen, dem der Bankrott in den Falten eingeschrieben steht. Der erste oberste Treuhänder muß auch so betrachtet worden sein, er wurde einst hinweg befördert. Madame B. hingegen durfte als nächste die Treuhand als Tatwaffe zur Verramschung des Ostens schwingen. Und weil sie die beste war, durfte Sie anschließend viel Geld für die als zu teuer befundene Weltausstellung ausgeben. So manchen Anschluß-Abriss habe ich schon gelesen, aber nach diesem hier weiß ich, was mich an allen diesen Erscheinungen von vornherein irritierte - die Geldgier, die aus dem Westen kam.
Lago schrieb am 21.05.2009 um 16:20
Mal ernsthaft: Wieso hätten die Unterdeutschen ein Mitspracherecht bei "ihrer" Verfassung haben sollen? Das hatten die Oberdeutschen doch auch nicht.

Das deutsche Rechts(staats)system ist ein elitäres. Und das ist nicht immer ein Nachteil ...
marsborn schrieb am 21.05.2009 um 17:52
Toller Artikel! Ich bin begeistert, so etwas im neuen "freitag" zu lesen. Er entspricht voll und ganz dem Anliegen des einstigen "freitag" Mitbegründers Wolfgang Ullmann: Es war der erklärte Wille der "Väter des Grundgesetzes", dass im Falle einer Vereinigung eine neue Verfassung gemeinsam beschlossen werde! Solange dies nicht geschieht, ist die Einheit der Deutschen politisch eine Farce.
marsborn schrieb am 21.05.2009 um 17:53
Toller Artikel! Ich bin begeistert, so etwas im neuen "freitag" zu lesen. Er entspricht voll und ganz dem Anliegen des einstigen "freitag" Mitbegründers Wolfgang Ullmann: Es war der erklärte Wille der "Väter des Grundgesetzes", dass im Falle einer Vereinigung eine neue Verfassung gemeinsam beschlossen werde! Solange dies nicht geschieht, ist die Einheit der Deutschen politisch eine Farce.
Turbo Wamczyk schrieb am 22.05.2009 um 15:38
Der Autor ignoriert sowohl Kausalzusammenhänge (Art. 72) als auch allseits akzeptierte, juristische Fakten, sowie die Unterschiede in den Versionen des GG vor und nach der Wiedervereinigung.

Art. 72 besagt, dass der Bund das Recht hat, Gesetze zu erlassen, "wenn und soweit die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse im Bundesgebiet oder die Wahrung der Rechts- oder Wirtschaftseinheit im gesamtstaatlichen Interesse eine bundesgesetzliche Regelung erforderlich macht." Schlagwörte sind hier "wenn", "gesamtstaatlich" und "erforderlich". Ein absoluter Anspruch auf gleiche Lebensverhältnisse lässt sich ohne weiteres nicht ableiten. Der Autor suggeriert dies aber.

Das Grundgesetz wurde von den Vertretern beider Staaten im Einigunsvertrag modifiziert und anerkannt. Damit ist es per definitionem nicht ein rein Westdeutsches. Da auch Artikel 23 und 146 dementsprechend angepasst wurden, ist die Grundlage für die Übergangszeit und eine nach dieser zu schaffenden neuen Verfassung nicht gegeben. Es gab sie nie. Herr Köhler stiftet aber durch die Benutzung des Präsens im Zusammenhang mit dem veralteten Art. 146 Verwirrung. Das ist unseriös und manipulativ.

Basierend auf den Forderungen des alten GG greift er das neue an und spricht diesem seine Gültigkeit ab. Das ist aber schlichtweg logisch falsch, da das alte eben nicht mehr wirkt, das neue entsprechende Regelungen nicht vorsieht und sehr wohl juristisch legitimiert ist.

Wenn es nicht Intention war, den Leser irre zu führen, so hat Herr Köhler seine Hausaufgaben schlecht gemacht. Hätte er das heutige GG vernünftig kritisieren wollen - dazu gibt es Ansätze genug - hätte er sauber arbeiten müssen. So bleibt dieser Artikel nichts mehr als eine gähnend langweilige Neuauflage des Ost-West-Konflikts, gespickt mit den allseits geliebten Halbwahrheiten und dem dazu passenden Halbwissen, dem Futter für diesen unsäglichen Konflikt. Das ist schade.
kaethe schrieb am 23.05.2009 um 19:23
Absolut richtig! Ich habe den alten Freitag manchmal gelesen und war froh, dass dieser Köhler im neuen Freitag nicht mehr schreibt. Ich hatte gedacht, die Zeiten dieses Karl-Eduard-Schnitzler-Tons seien endgültig vorüber. Oje!
Streifzug schrieb am 23.05.2009 um 21:14
Beitrittbedingte Aenderungen des Grundgesetzes
archiv.jura.uni-saarland.de/Vertraege/Einheit/ein1_a4.htm

"Artikel 146

Dieses Grundgesetz, das nach Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands fuer das gesamte deutsche Volk gilt, verliert seine Gueltigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist."
Deaktivierter Nutzer schrieb am 23.05.2009 um 22:27
Willkommen, wir begrüßen kaethe in der Community. Eine Löwenthal-Stimme hat hier noch gefehlt!
Deaktivierter Nutzer schrieb am 23.05.2009 um 22:51
Ich gebe mal meinem Besserwisserossitum nach:
Karl Eduard von Schnitzler

Hätte nicht gedacht, diese vier Worte in dieser Reihenfolge nochmal im Freitag lesen zu können. Interessant. Es gibt übrigens zwei interesannte Porträts von A.Osang und Ch.Diekmann.
Magda schrieb am 24.05.2009 um 10:55
Hach, irgendwie sind wir doch doppelt deutsch. Die einen hatten als abschreckendes Beispiel den Karl Eduard von Schni... und die anderen den Löwenthal. Und mein Mann sprach immer mal ärgerlich über diese "Ostkäthen", wenn er Frauen meinte, die ihm nicht lagen. Nun haben wir hier auch noch eine Westkäthe.
Es ist und bleibt doppeltes Lottchen. Hier ist der Ost-Köhler kritisch zugange als Autor eines Beitrags und dann gibt es noch den West-Köhler als Bundespräsident. Die Deutschen brauchen das. Sonst werden sie mit sich nicht einig, wenn sie nicht doppelt sind. Die Deutschen sind Schizo.

Nur manche Formen von Dussligkeiten sind gesamtdeutsch. Aber welche sage ich nicht. Andere können auch mal ein bisschen lästern.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 24.05.2009 um 13:07
Schönen Sonntag, Magda, Dein Ton gefällt mir, er liegt weit ab vom Ede&Gerhard-Sound, und deshalb nähme ich Dir auch nicht übel, wenn Du mich auf Grund des obigen Kurzkommentars tatsächlich für einen der von Dir so genannten Schizo-Deutschen halten würdest.
Der "kritische Ost-Köhler" ist aber eigentlich ein "West-Köhler", was nur beweist, wie breit das Menschen-Spektrum in West UND Ost ist, was wiederum nur beweist, dass der "gähnend langweilige Ost-West-Konflikt" auf der Ebene derer, die ihn, wie hier, verbal ausfechten, eine Illusion ist, und auf der Ebene derer, die ihn medial inszenieren, ein gelungenes Ablenkungsmanöver. Was nicht heißen soll, dass es am Anschluss-, Vereinigungs- bzw. Wiedervereinigungsprozess (wie auch immer) nichts mehr zu enthüllen oder zu kritisieren gäbe.

@ Turbo Wamczyk: Da Du über die ganze Wahrheit und Ganzwissen zu verfügen scheinst, lass uns teilhaben. Oder war's das schon, die logische Artikelhuberei?
Flori schrieb am 24.05.2009 um 19:12
Das Grundgesetz und Karl Eduard von Schnitzler. Sauber! Und die Frage, die ich dabei immer wieder zwischen den Zeilen lese: Leben wir in der besten aller Welten: ja oder ja? - Ich erinnere mich, es muss im Dezember 1989 gewesen sein. Ich war zu einem jour fixe eingeladen, den Rosa v. Praunheim in seiner Wohnung veranstaltete, und ich war der einzige Ossi dort. Außer mir lauter hochintelligente und, wie ich meinte, unangepasste Leute. Da geschah es mir zum ersten Mal. Dass in der Runde der eine und andere sich bemüßigt fühlte, das Gegebene zu bejahen. Es ging wohl nicht so weit, dass man sich gegenseitig versicherte, fest auf dem Boden des GG zu stehen. Aber man grüßte doch alle Geßlerhüte, die rumstanden, man äußerte seine Freude, dass die Geschichte lief wie sie lief, auch Respekt vor Helmut Kohl… Ich saß mit offenem Mund da. Das kannte ich bis dato nur aus FDJ-Versammlungen. Da musste mal eben schnell zum letzten Honecker-Sprech ein bisschen affirmativ diskutiert werden. Es opferten sich zwei drei, denn allen war klar, zuvor verlässt keiner den Raum, wir befanden uns in der „sozialdemokratischen Diktatur“ der Ära Honecker. – Aber das tat man doch nicht aus freien Stücken! Das ist doch ekelhaft! Natürlich herrschte bei jenem jour fixe ein viel feineres Klima, und RvP möge mir verzeihen, er steht hier, weil mir das Dilemma da zum ersten Mal auffiel. Es wiederholt sich seither. Und es wird schlimmer. Ungezwungen, ja ungefragt sondern Leute Lob auf ihren Staat ab. Was soll das? Was treibt sie an? Ich bemühe mich, aber ich kann es nicht verstehen. Was lässt uns begehren, was uns beherrscht und ausbeutet? Foucault meint: es sei der Faschismus in uns. So kann man das nennen. Aber können wir das nicht einfach mal lassen? Wann kommt der "Tag der Befreiung"? Ich seh ihn nicht.
Magda schrieb am 25.05.2009 um 11:06
Ach, das ist klasse. Man ist doch nicht ganz allein mit seinen Bedenken und Betrübungen.
Alle sind GG-affin, neudeutsch gesagt.
Was war das für eine merkwürdige Stimmung gestern zum Beispiel bei Anne Will. Alle grinsen sich an. Ein bisschen bedenklich gibt sich Basti Krumbiegel und dann ist auch er einverstanden mit allem.

Bekenntnisse statt Debatten. Sowas greift um sich.


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