Positionen

Crossover-Debatte | 06.08.2009 15:30 | Michael Jäger

Es geht nicht nur um Koalitionen

Auch wenn es derzeit nicht oft danach aussieht: Grüne, Linkspartei und SPD haben einen gemeinsamen Nenner. Überlegungen zur Erneuerung der „Crossover-Debatte“

"Crossover“ war ein Projekt der neunziger Jahre: Die linken Flügel der SPD und der Grünen und die PDS trafen sich zu Kongressen, gaben Bücher heraus und debattierten in Zeitschriften miteinander. Das Ziel war eine gemeinsame Mehrheit im Bundestag, um die lange Ära Kohl zu beenden. Spricht heute etwas dafür, das Projekt zu erneuern?

Zunächst scheint es nicht so, denn die Bedingungen haben sich radikal gewandelt. Inzwischen hat das Kabinett Schröder regiert, sich am Kosovokrieg beteiligt, Hartz IV beschlossen. Die SPD wird bis heute von den wichtigsten Schröder-Getreuen geführt. Eine politische Folge von Hartz IV war es, dass die WASG gegründet wurde, die PDS sich mit ihr vereinigen konnte und derart die gesamtdeutsche Partei Die Linke entstand. Die Grünen haben sich zwar von Joschka Fischer, ihrer Leitfigur der Schröder-Zeit, gelöst, sind auf sehr vorsichtige Distanz zu Hartz IV gegangen und stehen Bundeswehreinsätzen wieder etwas kritischer gegenüber. Doch es ist etwas mit ihnen geschehen: Sie sind die Partei der „grünen Marktwirtschaft“ geworden. Und die alte Kritik an Bundeswehreinsätzen überhaupt ist passé. Man kann kurz sagen, das ist eine „bürgerliche“ Partei geworden.

Dennoch: Wenn man ein neues Cross­over gar nicht anders begründen könnte, würde schon allein der Vorstoß des grünen Finanzpolitikers Gerhard Schick ins Gewicht fallen. In dem Papier, das er vor drei Monaten an die Öffentlichkeit gab, positionierte er sich nicht einmal „als Linker“ und plädierte doch, einfach aus der Logik seines Fachgebiets heraus, für eine rot-rot-grüne Koalition. Das Papier handelt von der Wirtschaftskrise: Schick kann nicht umhin zu fragen, wie es mit der von Merkel und Steinbrück angezettelten Krisenbewältigungspolitik eigentlich weitergehen soll. Der Staat verschuldet sich gigantisch, er hat sogar die Zahlung von Kurzarbeitergeld übernommen – wer soll das denn bezahlen? Wird „die Zeche“ von den Unternehmern, den Bankern gezahlt oder müssen es die kleinen Leute tun, indem man ihnen höhere Mehrwertsteuern abknöpft und den Sozialstaat weiter abbaut? Wer so fragt, kann natürlich nicht an eine Koalition mit der FDP denken.

Vorschlag in der Versenkung

Schicks Papier verschwand erst einmal in der Versenkung, denn der grünen Führung ist die Debatte unangenehm. Es ist auch tatsächlich nicht absehbar, wie Schicks Vorschlag in die Realität umgesetzt werden sollte, da die SPD über den Wahltag hinaus von Menschen wie Steinbrück repräsentiert wird, die sich seiner Fragestellung kaum anschließen werden.

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Die eigentlich überzeugenden Gründe für ein neues Crossover liegen aber ohnehin tiefer. Es sollte doch in allen drei Parteien Menschen geben, die begreifen, dass sie an einer gemeinsamen Aufgabe arbeiten. Man kann das an jetzt schon vorhandenen Programmzielen festmachen: Eine SPD à la Ypsilanti ist kein Traum, sie hat sich schon abgezeichnet, wenn sie auch erst einmal in der Minderheit blieb; diese SPD ist auf Grüne und Linke als Koalitionspartner angewiesen. Noch mehr kann man es daran festmachen, dass eine gemeinsame Problematik die drei Parteien verbindet. Sie lässt sich kurz dadurch kennzeichnen, dass Grüne, Linke und SPD dem „Marktradikalismus“ entschieden ablehnend gegenüberstehen. „Zur Politik zurück“ ist ihr gemeinsamer Nenner, hochaktuell in der Krise und übrigens genau dasselbe, was schon die Crossover-Partner der neunziger Jahre miteinander verbunden hatte.

Es ist spannend, wie sich die Einsätze des Streits seitdem verschoben haben. Einerseits bekennen sich die Grünen inzwischen zum Markt. Andererseits haben die Linken Erfahrungen mit dem „gemeinnützigen öffentlichen Sektor“ gemacht, dem Crossover-Projekt der neunziger Jahre. Kürzlich gab es eine Debatte zwischen Ralf Fücks, dem Vorstand der grünennahen Heinrich-Böll-Stiftung, und Elmar Altvater, der sich heute zur Linken rechnet. Fücks beschwor die Vorteile der Marktlogik, Altvater erinnerte daran, dass wir einen Markt haben, auf dem nicht nur Geld und Waren getauscht werden, sondern es gibt da auch noch das Kapital.

Daran muss in der Tat erinnert werden. Aber man hat noch nicht gehört, dass die Linke den Markt abschaffen würde, wenn sie könnte, wie sie wollte. Für die Gegenwart gibt es keinerlei Vorschläge von ihr, die nicht den Markt voraussetzen. Also, was ist ihre Haltung? Das war im Gespräch Fücks - Altvater nicht zu erfahren, und auch die Bücher der linkennahen Rosa-Luxemburg-Stiftung, so sehr in ihnen immer wieder betont wird, dass Utopie mit Augenmaß und Realismus verbunden sein müsse, sind in dieser Hinsicht vollkommen unergiebig. Nun mag es ja sein, dass der Markt des Nachdenkens gar nicht wert ist. Aber eine Partei, die unter Umständen zu Rot-Rot-Grün bereit ist, müsste hier schon deshalb zum Denken bereit sein, weil sie es eben mit den Grünen zu tun hat, die sie bei diesem Thema nicht entkommen lassen werden.

Auch der „gemeinnützige öffentliche Sektor“ setzt den Markt voraus. Als die PDS ihn in der Schweriner Koalition umzusetzen versuchte, machte sie diese Erfahrung: Aus Gründen der Marktlogik konnte nur ein Sektor für Arbeitsbeschaffungs-Maßnahmen eingerichtet werden, die zudem noch unter Finanzierungsvorbehalt standen. Das widerlegte den Crossover-Ansatz nicht, zeigte aber vielleicht, dass es bei der politischen Umsetzung haperte. In den alten Crossover-Papieren war die Rede von einem „weiteren regulären Beschäftigungssektor, der sich durch eine neuartige Kombination öffentlicher Förderung und Planung mit privaten Wettbewerbsstrukturen auszeichnet“. Darüber nachzudenken, würde sich auch heute noch lohnen.

Frage des Grundeinkommens

Und immer noch stimmt der Satz aus der Einladung zu einem der Crossover-Kongresse: Die Beteiligten eine das Ziel, „unsere Produktions-, Arbeits- und Lebensweise in Richtung ökologischer Nachhaltigkeit umzustellen, entsprechende Innovations- und Investitionsfelder zu fördern, dabei neue Arbeit zu schaffen und den Sozialstaat auf erneuerter Grundlage zu sichern“. Jener öffentliche und auch marktfähige (oder sogar marktförmige?) Sektor hatte nicht Plätze abstrakter Arbeit schaffen, sondern der Ökologie dienen sollen.

Weiter: In der damaligen Crossover-Debatte tauchte die Frage des Grundeinkommens nur eher am Rande auf. Heute zieht sich der Streit darum quer durch die drei Parteien. Die einen fordern es, weil sie das Individuum von der Aufsicht der Bürokratie befreien wollen. Die anderen lehnen es ab, weil sie fürchten, es führe zur Reduzierung des Sozialstaats und entwerte obendrein die Arbeit. Aber vielleicht entwertet es nur die abstrakte Arbeit, die bloß um des Lohns willen getan ist, und Lohn bekommt man für alles: Ob man im Kindergarten arbeitet oder Streubomben produziert (da ist der Lohn sogar höher). Was den Sozialstaat angeht, so gibt es inzwischen ein ausführliches Papier der Gruppe links-netz (links-netz.de), die im Detail zeigt, wie Grundeinkommen, öffentliche, privatunternehmerische und in der Familie selbsttätig entschiedene Sozialpolitik zusammenwirken könnten.

Während dieser Streit, wie gesagt, durch alle drei Parteien geht, hat er sich in der Linken noch gleichsam verdoppelt, aber auch zugespitzt; denn dort wird ganz generell diskutiert, ob linke Politik eher auf Rechte des Individuums oder eher auf soziale Rechte zielen solle. Dabei werden soziale als kollektive Rechte verstanden, während man bei individuellen Rechten zum Beispiel an den Schutz der Privatsphäre denkt.

Alle genannten Streitfragen kreisen um den Sachverhalt „Individualisierung“. Kann sich Individualisierung anders als marktförmig realisieren? Kommt sie in konkreter Arbeit besser zur Geltung als in abstrakter Arbeit? Verträgt sie sich mit Sozialbürokratie? Verträgt sie sich überhaupt mit irgendeiner Form des Kollektiven? Es ist gut und bringt voran, dass die hier genannten Parteien sich darüber den Kopf zerbrechen. Sie sollten es gemeinsam tun, dann würde noch mehr dabei herauskommen. Und damit ist nicht gemeint: womöglich sogar eine parlamentarische Koalition. Denn um die geht es heute nicht.

 
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Kommentare
misterl schrieb am 05.08.2009 um 21:57
Wie dicht ist man dann inhaltlich/mental

"Alle genannten Streitfragen kreisen um den Sachverhalt „Individualisierung“. Kann sich Individualisierung anders als marktförmig realisieren? Kommt sie in konkreter Arbeit besser zur Geltung als in abstrakter Arbeit? Verträgt sie sich mit Sozialbürokratie? Verträgt sie sich überhaupt mit irgendeiner Form des Kollektiven?"

bei den Liberalen angelangt und zwar sowohl in der Zeit als ein G. Baum noch eine Rolle spielte und seine Partei drei Punkte hatte als auch heute, wo der Partei die Punkte fehlen (ein Wortspiel), sie dafür aber den Staat (als überzogene (Sozial)-Bürokratie) am Liebsten abschaffen würde?
Zhou er ge schrieb am 06.08.2009 um 09:20
"Kann man Individualisierung nur marktförmig realisieren?" - Zur Beantwortung dieser Frage müsste man sich erstmal darüber darüber klarwerden, was man unter "Individualisierung" überhaupt versteht. Soll es das sein, was von der heutigen Marktgesellschaft als solche produziert und propagiert wird, so liefe die Bestimmung auf eine Tautologie hinaus. Die interessantere Frage wäre dann, ob die so hervorgebrachten noch andere Arten von Individualisten (nämlich solche, die nicht marktkonform sind) neben sich zu dulden bereit wären.
Michael Jäger schrieb am 06.08.2009 um 12:30
@ Zhou: Die Frage ist sehr berechtigt. Sie ist auch wichtig, finde ich. Denn es gibt doch wirklich einen Individualismus jenseits der Marktförmigkeit oder doch über ihn hinaus; man kann jedenfalls Individuation nicht daraus ableiten, daß es Markt gibt.
@ misterL: Wenn ich die Frage richtig verstehe, wäre das eine sehr wichtige Debatte: Ist das Thema "Individualisierung" per se FDP-nah?
Übrigens hat sich in den oben abgedrckten Text das Druckfehlerteufelchen eingeschlichen: Es soll nicht heißen "Nun kann es ja sein, daß der Markt des Nachdenkens nichts wert ist", als wenn man sagt, es wäre vielleicht besser, wenn es keinen Markt des Nachdenkens gäbe, sondern in meinem Manuskript heißt es: "... des Nachdenkens nicht wert ist", als wenn man sagt, es kann sein, daß es nicht lohnt, über den Markt nachzudenken ("des Nachdenkens nicht wert", "der Mühe nicht wert"). Daß die Überschrift "Markt des Nachdenkens" lautet, ist eine gewollte Zweideutigkeit, aber im Text war da ein "s" - von "nicht" zu "nichts" - teuflisch zu viel...
Zhou er ge schrieb am 06.08.2009 um 15:16
Das ist lustig. Ich habe dem Teufelchen ein Schnippchen geschlagen und das "s" schlicht überlesen.

Beim Nachdenken sollte man natürlich auch berücksichtigen, dass der "Markt" in der Überschrift als Metapher zu lesen ist, die ihre Bedeutung eher aus der Funktion des römischen Forums oder des städtischen Marktplatzes des Mittelalters bezieht als aus dem ortlosen Tauschgeschehen moderner Märkte.

In dieser Hinsicht ist, gerade hierzulande, der Gebrauch von Zweideutigkeiten immer gefährlich. (siehe meinen Kommentar zu meinem Blogbeitrag "Der Platzhirsch" und das dort gebrachte Blumenberg-Zitat über Metaphern. www.freitag.de/community/blogs/zhou-er-ge/der-platzhirsch#comments).

Was die Frage des Individualismus angeht, würde ich darauf tippen, dass die FDP (schade, dass man sie nicht mehr die Pünktchen-Partei nennen kann!) eher den marktkonformen Typus bevorzugt.

Ansonsten kann man, wenn man sich auf das Thema des Artikels beschränkt, die Frage der Bestimmung ja ein wenig eingrenzen: Individualismus meint dann die heutige Tendenz, sich aus gesellschaftlichen Institutionen wie Vereinen, Parteien Interessenverbänden usw. zurückzuziehen bzw. nur noch deren Vorteile zu genießen (soweit möglich) ohne sich groß zu engagieren - letztlich auch eine ökonomische Haltung!

Ob sich das heutige Verständnis von Markt überhaupt noch wird zurückdrängen lassen, ist für mich eher zweifelhaft. Man muss sich ja nur anschauen, wie sehr namhafte Teile der Soziologie (Stichwort: Systemtheorie) die Begrifflichkeiten und Strukturen des Marktgeschehens bereits adaptiert haben (wobei auch hier das Problem nicht verstandener Metaphern bisweilen penetrant in den Vordergrund rückt). Versucht man dem auszuweichen, indem man auf ältere (oder einfach nur alternative) Begriffe ausweicht, erfährt man u. U. sehr schnell, wie ein nicht marktgängiger Individualist sich fühlen muss.
misterl schrieb am 07.08.2009 um 14:08
Die Frage wäre an sich ist es F.D.P.-nah oder FDP-nah.

Das ist mEn nach Unterschied. NmE war die F.D.P. eine Partei, die sich für Individualsierung einsetze im Sinne von mehr Freiheit und eben mehr bürgerliche (also aucch individuelle) Rechte zum Schutz vor dem Staat. Die FDP heute möchte den Staat wo immer möglich ausgrenzen (deregulieren) und übersieht amS dabei, dass die bürgerlichen bzw. individuellen Rechte heute von der Ökonomie eingeschränkt werden, bzw. die Gleichung gilt je mehr ökonomische Freitheit ein Bürger, Unternehmen oder Verband hat um so freier kann er wirken.

Hier hat sich nmE die F.D.P. negativ zur FDP entwickelt, wobei dennoch Teile der Argumentation der FDP, dass der Staat mit seinem Zuviel an Vorschriften sowohl die Eigenverantwortung als auch individuelle Freiheiten seiner Bürger/Innen abnimmt durchaus korrekt sind. Das Manko ist, dass diese Rechte und Pflichten und das Frei kaufen ökonomisert sind.

Wenn es am Ende also ums Individum, seine Rechte, seine Pflichten, seine Optionen geht, geht es im Grunde genommen um so etwas wie die Endökonomiesierung des heutigen Liberalismus - denke ich und mache hier erstmal einen Punkt.
misterl schrieb am 07.08.2009 um 15:47
Nach dem Punkt fiel mir noch ein Gedankensplitter ein.

Deine Frage war ja an sich anders gestellt. Nämlich: "Ist das Thema "Individualisierung" per se FDP-nah?" Die Antwort ist doch im Grunde einfach. Sowohl ja, aber es ist kein Alleinstellungsmerkmal. Das bedeutet dann aber eben auch, dass man sich beim Thema "Individualisierung" eben auch auf der Ebene von Parteifragen mit der FDP befassen muss. Die F.D.P. macht an der Stelle keinen Sinn mehr, die Rolle nehmen in Teilen die GRÜNEN war. Aus meiner Sicht mit ein Grund warum diese beiden Parteien in einem manchmal hässlich geführten Streit um Inhalte oder Personen landen.
Streifzug schrieb am 07.08.2009 um 16:41
Hallo Michael Jäger,

ein sehr interessantes Thema. Kann es nicht ein zweiter Anlauf werden? Genau genommen war und ist es eine Zeit Rot-Grüner Politik. Soziale Belange, Grundeinkommen, Umwelt, Finanzkapitalismus ...

Alles Themen, die ein Rot-Grünes Jahrzehnt nahegelegt hätten und legen. Beim ersten Lauf durch die Institutionen sind die Grünen recht rasch hängen geblieben. Die Roten haben sich an einen Neoliberalen gehängt, da ihnen ein schlüssiges eigenes Konzept fehlte.

Da die obigen Themen nach wie vor aktuell sind, könnte ein zweiter Versuch, basierend auf einem Lerneffekt des Ersten, Erfolg versprechend sein.

Warum gerade Individualismus ein Thema sein soll, erschließt sich mir nicht so recht.
misterl schrieb am 08.08.2009 um 23:21
Individualismus ist ein Schlüsselthema zu dem Bürgerrechte, Freiheit, gelebte Verfassung gehören.

Die Besetzung von Reizwort Neoliberalen des Schlüsselthemas reduziert auf die Freiheit der Wirtschaft, der Finanzmärkte, des Kapitals reduziert in umgekehrt proportionaler Weise die Option auf individuelle Gestaltung seiner Freiräume deren, die sich diese Freiheiten nicht leisten/bezahlen können. Dort, wo unser Sozialstaat unter die Räder gekommen ist, ging ja nicht nur soziale Verteilungsmasse verloren, es wurden zu dem neue Repressionsoptionen aufgebaut, die ebenfalls Individualismus eben dort (fast) unmöglich machte. Fordern und fördern war von Beginn an kein funktionierender Dualismus, um zB "Hartz IV" akzeptabler zu machen. Jener Teil blieb von Beginn an aus - professionells, individuelles Fördern beim pauschalen Fordern. Übrigens bei den Erwachsenen wie bei den Kindern der Erwachsenen. Also individuelles Gestalten der Zukunft durch Lernmittelfreiheit, kostenlose Nachhilfe, etcpp. für die Schulkinder von (Langzeit-)Hartz IV-Haushalten statt quasi vererbte Hartz-IV-"Karrieren".

Das alles hat sehr viel mit Individualismus und daraus abgeleitet Bürgerrechten, persönlicher Freiheit, persönlicher wie allgemeiner Entwicklung zu tun.
Streifzug schrieb am 10.08.2009 um 15:51
Meiner Meinung nach ist nicht das Plastikwort "Individualismus" der Schlüsselbegriff sondern "Autonomie".
Michael Jäger schrieb am 10.08.2009 um 17:11
Aber wessen Autonomie?
Streifzug schrieb am 10.08.2009 um 17:22
Jedes Menschen, egal in welchem Umfeld.
Michael Jäger schrieb am 10.08.2009 um 17:34
Ach, glaube, ich verstehe jetzt: "Jedes Menschen", also jedes Individuums, aber wenn man "Individualismus" sagt, ist das immer mißverständlich, damit kann auch Absonderung, Selbstaufbauschung, Rücksichtslosigkeit und vieles mehr, was mit Autonomie wenig zu tun hat, gemeint sein (wobei allerdings auch "Autonomie" mißverständlich ist, Wörter sind es leider immer, ich meine, auch die Leute z.B., die sich geweigert haben, die Wuchermieten für Karstadt herunterzuschrauben, berufen sich natürlich darauf, daß sie in ihren Entscheidungen "autonom" seien - Wörter!, die Diskussion hatten wir schon mal).
Streifzug schrieb am 10.08.2009 um 17:40
Meist sind es die Wörter.

Bei "mus" ist meist Abgrenzung mit drin.

Autonomie beinhaltet (nach meinem Verständnis) auch alle "mus".
Streifzug schrieb am 10.08.2009 um 18:06
Allerdings ist das auch nicht gerade glücklich ausgedrückt, wie ich gerade feststelle :)
Michael Jäger schrieb am 10.08.2009 um 18:13
Aber daß bei "mus" meist Abgrenzung mit drin ist, dem kann man, glaube ich, zustimmen. Siehe auch den schönen Satz von Marx, er sei kein Marxist.
Streifzug schrieb am 10.08.2009 um 18:26
Das ist treffend. Ich befürchte, wir verfügen noch über kein gesellschaftliches Konzept, das Autonomie oder positiven Individualismus als Basis hat.
misterl schrieb am 10.08.2009 um 21:04
Lieber Streizug

"Indivisualismus" als Pastikwort beschimpfen und das Irrlicht "Autonomie" als Ziel auszugeben, wegen der angeblichen Abgrenzung wegen "mus" ist reichlich albern. ;-)

"Autonomie" ist in jeder Gesellschaftsform völlig unerreichbar, sofern man es mit der (irrigen) Annahme vollständiger Entscheidungsfreiheit gleich setzt. "Autonomie" ist etwas völlig Negatives, falls diese vollständige Freiheit gegen die Freiheit von jedmanden zweiten durch gesetzt wird.

Wenn Dir ein unbelasteter Begriff so wichtig ist, weil er von irgend einer Gruppe in der Vergangenheit oder Gegenwart mißbraucht wurde, nenne es von mir aus "Audividmie", aber lass uns danach um die gemeinten Inhalte streiten - alles andere ist typisch linker Kiki.
Streifzug schrieb am 10.08.2009 um 21:24
@misterL,

das war ja ein tolles Kikiriki ;)
Hab leider heute keine Zeit mehr, antworte Morgen.
Streifzug schrieb am 11.08.2009 um 06:55
Autonomie, selbstbestimmtes, unabhängiges Leben in Freiheit und Biophilie, die Liebe zum Lebendigen.

Ich bin zu alt, um daran zu glauben, dass sich, mit egal welchen Begriffen, ein Reich der Glückseligkeit erbauen ließe. Die Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft.

Es geht mir viel mehr darum einen Boden einzuziehen, Katastrophen zu vermeiden. Katastrophen, die sich oft im "mus" Bereich abspielen.

Ist Hartz IV mit Autonomie vereinbar?

War möglicherweise der Marsch durch die Institutionen vom Ansatz her falsch und verbaute die Option Eigene zu schaffen? Kann man Autonomie institutionalisieren?

Das neue "Crossover-Modell":
Sozial + Autonom (Autonomie) + Grün = SAUG ;)
Michael Jäger schrieb am 08.08.2009 um 00:10
(Komme leider gerade erst nach Hause.)

@misterL - das ist eine hilfreiche Beantwortung meiner Frage, in der tatsächlich so etwas lag wie "Das hat doch nichts mit der FDP zu tun!". Es hat. D.h. über die Grünen als über "die neue FDP" oder "eine zweite FDP" zu sprechen, liegt gar nicht nur auf der Ebene der Beschimpfung; man kann sich eher fragen, ob sich nicht die Grünen zur FDP verhalten wie die Linken zur SPD, nämlich als Remake der "guten alten" liberalen bzw. sozialdemokratischen Partei. Sie mußten sich auch beide (Grüne und PDS) erst dahin entwickeln, das sein zu wollen. Die Grünen wären dann so anzusehen wie Scheels und Baums F.D.P., als ein fremdes, aber "anständiges" Milieu, mit dem man zusammenarbeiten kann. Das ist nicht die Betrachtungsweise, an die ich mich gewöhnt hatte, meine Frage war eher "Wie müßte eine Partei sein, der es ernsthaft um Ökologie ginge", aber es leuchtet mir ein.

@ Zhou, Streifzug: Aber gerade dann hätte es wirklich was mit "Individualisierung" zu tun. Denn ein Gebilde wie die FDP, alte sowohl als neue, versteht man wirklich nur aus der Zweideutigkeit des sowohl rechtlichen als auch ökonomischen Begriffs von individueller Freiheit. Und wenn es das ist, was die Grünen beerben, dann heißt sich mit ihnen befassen eben, sich wiederum mit dieser Zweideutigkeit befassen. Es ist ja auch tatsächlich so, sie treten für Bürgerrechte ein und für eine "ökologische Marktwirtschaft".

Für mich reicht dieses Thema über die FDP-Perspektive hinaus, weil ich glaube, daß ohne Marktwirtschaft auch die "kommunistischste" Ökonomie nicht mehr auskäme, und weil ich umgekehrt glaube, daß es in allem Ernst zu einer alternativen Gesellschaft führen müßte, wenn man wirklich, wie die Grünen im Moment ja nur suggerieren, Marktwirtschaft durch bestimmte Gebrauchswerte definieren, also auf sie festlegen wollte (= "ökologische" Marktwirtschaft). Aber man muß anerkennen, faktisch und vorläufig steht das Thema erst einmal nur in der FDP-Perspektive.

In dem obigen Artikel hatte ich von Individualisierung gesprochen, weil ich eben dachte, wenn Leute aus den drei Parteien miteinander sprechen, dann ist das eine Achse der Gedankenkonstruktion, um die vieles kreist, da kann man sich sofort die Debatten vorstellen, und mehr als Debatten, dachte ich, kann es im Moment nicht geben. Während du, Streifzug, dich schon auf der Ebene von Koalitionsverhandlungen bewegst. Wer weiß, vielleicht hast du recht und die Dinge entwickeln sich viel schneller, als wir zur Zeit ahnen. Meine Vermutung ist allerdings, daß die SPD erst einmal ihr Führungsproblem lösen muß - im Prinzip wohl nach der nächsten gigantischen Wahlschlappe, aber es wird doch nicht gleich in der Woche danach passieren -, bevor auf der Koalitionsebene was weitergehen kann.
Zhou er ge schrieb am 08.08.2009 um 09:52
@Michael Jäger: Das mit den Gebrauchswerten ist sicher ein guter Punkt. Ob eine politische Partei der richtige Ort ist, solche neu zu definieren (oder wenigstens wieder ins Spiel zu bringen), bin ich mir nicht sicher. Ja, ich wage nicht einmal abzuschätzen, inwieweit in der heutigen Überflussgesellschaft die Thematisierung des Gebrauchswertes überhaupt noch verfängt. Die Regale quellen doch über vor Gadgets, eierlegenden Wollmilchsäuen und Dingen, die im Alltagsleben sehr schnell ihre praktische Untauglichkeit erweisen. Ich wohne am Rande einer mittelgroßen Kreisstadt in einer eher ländlich geprägten Gegend Norddeutschlands. Sobald ich vor die Tür gehe, springt mich der Unsinn in Gestalt der vielen amerikanischen Pickups und SUVs an, die tagein, tagaus auf der Straße vorbeifahren. Noch nie habe ich gesehen, dass auf der Ladefläche der Pickups irgend etwas gelegen hätte, und die größten Dinge, die mit den SUVs transportiert werden, sind Einkaufskörbe.

Jedes Mal wenn ich in das Stadtzentrum gehe, ist es mehr verödet. Neulich war Räumungsverkauf in der hiesigen Hertie-Filiale. Es war geradezu obszön, die Massen von Menschen zu sehen, die dem Kaufhaus zuvor nur die kalte Schulter gezeigt hatten, um stattdessen lieber zum Discounter auf der grünen Wiese zu fahren, nun aber, da die Rabatte lockten, buchstäblich keinen Stein auf dem anderen ließen. Nach vier Wochen war die Party vorbei und die Innenstadt um ein leerstehendes Gebäude reicher.

Dieser Tristesse stehen auf der anderen Seite die "Investoren" gegenüber, die allen Leerständen zum Trotz mit immer größeren "Projekten" aufwarten. Letztes Jahr erwogen die Stadtoberen allen Ernstes, die in den siebziger Jahren erbaute Erweiterung des Rathauses abzureißen und die Stadtverwaltung in ein angemietetes Gebäude am Stadtrand auszulagern, um einer riesigen "Shopping Mall" mitten im Herzen einer über tausend Jahre alten Stadt Platz zu machen. Das Vorhaben konnte nur dank eines Bürgerbegehrens gestoppt werden.

Diese Beispiele zeigen, wo die Prioritäten der Mehrheit liegen. Das marktgängige Individuum definiert sich über die Moden des Marktes. Über Gebrauchswerte denkt es gar nicht mehr nach.
Michael Jäger schrieb am 08.08.2009 um 10:35
Ich bin nicht ganz so pessimistisch. Unmittelbar bevor Sie schreiben "Diese Beispiele zeigen, wo die Prioritäten der Mehrheit liegen", schreiben Sie doch, daß ein Bürgerbegehren eine Shopping Mail gestoppt hat! Und grundsätzlich: es hat in den letzten Jahrzehnten immer wieder Mehrheitswiderstand, jedenfalls geäußerten Unwillen der Mehrheit, gegen bestimmte Aspekte, immer ökologischer Art, des uns auferlegten Konsums gegeben, z.B. gegen Atomstrom. Da haben die Individien über Gebrauchswerte nachgedacht! Über bestimmte Gebrauchswerte und ohne es zur Frage des Verhältnisses von Marktlogik und Gebrauchswertlogik zu verallgemeinern, aber immerhin, es ist ein Anfang.
Übrigens kann ich Ihr Leiden am Stadtzentrum gut nachfühlen. Ich habe von so vielen westdeutschen Städten, ob kleinere oder größere und größte, immer wieder den Eindruck, das sind sozusagen im Wesentlichen autofreie Einkaufsstraßen/-zentren und drumherumgebauter Rest. Besonders unwohl fühle ich mich dann in Städten wie Nürnberg oder München, wo die historischen Gebäude so eindrucksvoll sein könnten, tatsächlich aber in einer Front mit den Kaufhäusern stehen, zwischen sie eingeklemmt sind. Ich finde gar keinen Begriff dafür, wie das auf mich wirkt. ("Nihilistisch"?) Berlin ist zum Glück nicht so gebaut... Aber was geht in den Köpfen von Leuten vor, die in solchen Kaufhausstädten wohnen?
Zhou er ge schrieb am 08.08.2009 um 10:45
Na ja, mein Pessimismus geht selbstverständlich nicht so weit, dass ich Hopfen und Malz für verloren hielte. Wäre das so, dann wäre ich wahrscheinlich längst auf irgendeiner Südseeinsel.

Doch was das Bürgerbegehren angeht, hätte ich vielleicht erwähnen sollen, dass es von den Kaufleuten der Stadt initiiert wurde, die einfach die Konkurrenz fürchteten. So gesehen, war das eher ein Etappensieg in einem großen Rückzugsgefecht. Ich kenne einen Ladeninhaber ganz gut. Da herrscht große Ratlosigkeit. Man versucht nur noch, den Status quo so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Konzepte, wie man der Tristesse entgegenwirken könnte, gibt es zur Zeit noch nicht.
misterl schrieb am 08.08.2009 um 17:51
Wobei dann gilt die GRÜNEN sind nicht nur dort angekommen, sie sind wahrscheinlich übers Ziel hinaus geschossen und für PDS/Die Linke ist man noch auf dem Weg.

Wobei es die PDS/Die Linke ungleich schwerer hat. Als Geburtsort im Osten hat sie als PDS im Westen enorme Akzeptanzprobleme und als Die Linke hat sie reichlich Probleme mit ihrem Spitzenpersonal, weil es (Lafontaine) als populistisch gilt, was der Rest der Politik selbstverständlich auch ist - aber das ist etwas anderes. Zudem gilt Die Linke/SPD im Westen auch wegen Lafontaine nicht. Womit ich allerdings bereits wieder über derzeit unwahrscheinliche Koalitionen schreibe.

Zurück zum Punkt einer Generation X die Probleme mit ihren Vätern hat (und umgekehrt). Also GRÜNE / FDP und Die Linke / SPD. Wenn man Probleme mit seiner Verwandschaft 1. Grades hat fragt man an sich immer gerne einen guten Onkel/eine gute Tante, so es sie gibt. Das ist in dem Fall die Union. Union und Die Linken ist wirklich nicht vorstellbar. Union und die GRÜNEN sehr wohl. Wahrscheinlich wäre eine solche Konstellation einmal von ihren Lobbyseilschaften (die Union) etwas befreiter, die Konstellation, die am ehsten in der Lage wäre bürgerliche Rechte, Freiheiten und Pflichten - also verantwortungsbewußter Individualismus mit umweltverträglicher Ökonomie verbinden könnte. Das ist dann immer noch keine Ökologie. Aber ein komplex-kybernetisches (Wahl-)Programm hätte als Partei ungefähr soviel Chancen wie einst die Yogiflieger.

Noch ein Nebenaspekt. Eine Neuauflage einer solchen Debatte hat logischerweise ein anderes Ziel. Kohl ist abgelöst und die Union von heute ist nicht mehr die Kohlsche Union. Die Neuauflage müßte zwei Ziele haben:

1. ein dauerhaftes Ende der Ökonomiesierung aller Lebensbereiche.

2. die Umwandlung der Wachstumökonomie hin zu einer Nachhaltigkeitökonomie

Dazu braucht man die Linken, die GRÜNEN, NGOs, die Union - aber braucht man dazu (noch) die SPD?
Michael Jäger schrieb am 09.08.2009 um 11:16
@ MisterL: Die Union als "Onkel", der am erträglichsten scheint, wenn man von den Vätern genug hat - das ist eine interessante und originelle Betrachtungsweise. Aber ich weiß nicht, ob sie wirklich weiterführt. Daß die FDP als Vater der Grünen erscheint, setzt ihre Wandlung zur bürgerlichen Partei schon voraus, sie sind eigentlich eher SPD-Kinder. Zum Vater SPD streben sie immer noch mehrheitlich hin, statt sich von ihm loslösen zu wollen. Sowohl Grüne als auch Linke unterscheiden zwischen ihrem Verhältnis zur FDP und zur SPD: Die SPD wollen sie verändern - sie kämpfen um die Seelen der Sozialdemokraten -, die FDP eher überflüssig machen. Oder sehe ich das falsch?
Ich finde es gut, wenn du demgegenüber darauf hinweist, daß auch die Liberalen Menschen sind, die man zu beeinflussen versuchen muß, statt sie total abzuschreiben; aber deshalb sollte man nicht nun stattdessen die SPD total abschreiben. Die "Umwandlung der Wachstumsökonomie hin zu einer Nachhaltigkeitsökonomie", das betrifft die Lebenswelt der SPD-Klientel vielleicht noch mehr als jede andere Klientel, schon deshalb muß sie unbedingt dazugehören. Und wenn du der Union zutraust, daß sie sich ändert - denn das müßte sie doch wohl, und zwar radikal, wenn sie für ein "Ende der Ökonomisierung aller Lebensbereiche" stehen soll -, warum nicht auch der SPD?
misterl schrieb am 09.08.2009 um 12:21
Das kann man so "Daß die FDP als Vater der Grünen erscheint, setzt ihre Wandlung zur bürgerlichen Partei schon voraus, sie sind eigentlich eher SPD-Kinder." aber anders sehen. Das wohl das "Poblem" der GRÜNEN. Wer sind wir, was ist unser Ursprung? Links, Sozial-Liberal, Ökologisch themperiert, Bürgerlich? Vielleicht von allem ein bisschen quer durch die "Epochen" und Verbände.

Im heute angekommen empfinde ich Die Grünen eher als Bürgerlich-Liberale für "grüne" Märkte, die ziemlich klassisch funktionieren sollen und die zB bereits im Themenkomplex Bürgerrechte (übers Ziel mit ihrer Anpassung hinaus geschossen) Themenfelder unnötig aufgegeben haben (-> Piratenpartei).

Natürlich ist die Union zu nennen (derzeit) reine Provokation. Aber ohne bürgerliche Nähe/Bürgernähe (Volkspartei) ist kein klitzekleines Ziel erreichbar. Die SPD ist derzeit keine Volkspartei mehr und für soziale Belange kann man getrost Die Linken als Ersatz ansprechen.
mh schrieb am 09.08.2009 um 11:25
wer probleme lösen will, sollte sich zuvor vom politischen kastendenken verabschieden.

mfg
mh
misterl schrieb am 09.08.2009 um 12:23
Stimmt, und als Erweiterung dazu von seinen Lobbyaufgaben und befreundeten Verbänden.
Michael Jäger schrieb am 09.08.2009 um 19:00
Aber wenn es stimmt, warum sich dann von der SPD verabschieden? Von allen anderen nicht, wohl aber von diesen 20 Prozent der Wähler, jedem fünften Bürger? Wäre das kein "politisches Kastendenken"?
misterl schrieb am 10.08.2009 um 08:40
Ca 20% der Wähler bei einer Wahlbeteilung von vielleicht 67% sind kapp 14% der Bevölkerung - also jeder 7. Bürger (m/w). Auf etwas mehr als jeden 5. Bürger kommt derzeit nur noch die Union. An sich auch nicht viel für eine Volkspartei. 14% - eine üble Ziffernfolge für eine Volkspartei. Umgerechnt für die Linke, GRÜNEN oder FDP sieht das nicht besser aus. Gleichwohl erhebt keiner dieser Parteien den Anspruch Volkspartei zu sein. Zum Ende des Kastendenkens gehört wohl auch das vollmundig aber objektiv fehlerhafte Selbstverständnis besonder wichtig zu sein.

(PS Meinen Frieden mit der Berliner Bundes SPD kann ich derzeit einfach noch nicht machen.)
Michael Jäger schrieb am 10.08.2009 um 13:33
Gut, das führt weiter: wenn man sagt, die SPD gehöre zwar dazu, aber den Anspruch, Volkspartei / Großpartei im Einem zu sein (selbst wenn sie noch Großpartei wäre, wäre das eine Konfusion, denn auch eine kleine Partei kann Volkspartei sein, siehe die PDS im Osten, und eine Großpartei ist nicht notwendig Volkspartei, bleibt es nicht notwendig, es kann eine Übergangszeit geben, in dem sie noch Großpartei, aber nicht mehr Volkspartei ist), woraus sie immer besondere Rechte den Koalitionspartnern gegenüber abgeleitet hat (wozu übrigens auch das Recht zur Kanzlerkandidatur zu zählen ist - oder Ministerpräsidentenkandidatur, siehe Saarland), den habe sie verwirkt.
h.yuren schrieb am 10.08.2009 um 18:48
wer probleme lösen will, ist ein schöner ansatz.
probleme kann nur lösen, wer den sachverstand bemüht und die personal- und parteifragen hintanstellt.
wer die ganz brennenden probleme unter den gegebenen verhältnissen lösen will, muss ein unverbesserlicher optimist sein oder sehr geduldig.
Michael Jäger schrieb am 10.08.2009 um 19:00
"Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens" (Gramsci) ist ein gutes Motto. Obwohl Streifzugs Anmerkung oben, "mus" enthalte meist Abgrenzung, wahrscheinlich sogar hier richtig ist: Spielt es überhaupt eine Rolle, ob man optimistisch ist oder pessimistisch oder beides (nicht)? Hauptsache der Wille ist da und es wird - ja: geduldig - gehandelt.
Joachim Petrick schrieb am 10.08.2009 um 22:30
Lieber Michael Jäger,
ich meine es spielt eine Rolle, ob wir systemisch über Optionen der Gesäßgeometrie in der Politik nach dem umwerfenden Familien Regel- Motto plappern:
"Was sagt Mama, was sagt Papa, was sagt die Tante SPD Au Weh!, Opa, Oma, Enkel, Enkelin, wie sag ich es dem Onkel F;D;P;?, meiner grünen Schwester, meinem jähzornigen Bruder in der Linkspartei?, um dabei unter höchsten Anstrengungen auf dem Energie Level Null zu verweilen?, oder ich, wir wagen individuell autonom auf Betriebstemperatur geraten, im Freitag eine Riesenrad- Debatte,wie du sie dankenswerter Weise angestossen hast, der andere beitreten können?, werden, weil sie es nicht müssen!
tschüss
JP
misterl schrieb am 11.08.2009 um 08:56
Lieber Joachim.

Ein Ansatz, der nachhaltig funktionieren soll, mit dem Anspruch auf dringend notwendige Veränderungen in (fast) allen Bereichen sollte amS sich daran orientieren was man erreichen will und nicht daran was man nicht will. So angesetzt muß sich dann jeder beteiligen, der etwas verändern will.

Dazu gehören alle aus allen Familienbanden - sogar Kirchenvertreter, die der Einsicht aufgesessen sind, dass es einfach so weiter nicht weiter gehen kann. Dazu gehört ebenfalls die Vermeidung von Reizbegriffen zur Ausgrenzung.

Das wären so meine Basisannahmen.

Der andere Ansatz wäre der, dass sich am September 2009 drei Parteien im Bundestag darüber fetzen, wer die vermeintliche bessere linke Opposition ist und wer die Führungsrolle besetzt.

Wird nicht meine Baustelle werden.
Joachim Petrick schrieb am 11.08.2009 um 13:53
Lieber misterL,
ich orientiere mich nicht an dem, was ich nicht will, sondern an den Möglichkeiten politischer Kommunikation über ein atraktives Projekt, dem andere, ohne Gefühle noch Streben der Ausgrenzung, beitreten können, aber nicht "müssen"
JP
Robert Zion schrieb am 10.08.2009 um 21:43
Das mit dem neuen crossover ist - zuviel kann ich zumindest aus eigener Erfahrung sagen - ein komplizierter, kein ganz einfacher Prozess.

Es fehlen noch, um es kurz zumachen, gemeinsame progressive Ansätze, die auf gemeinsamen oder zumindest ähnlichen Analysen bestimmter gesellschaftlicher Entwicklungen beruhen.

Und einige Wahrheiten sollten zuvor auch einmal ausgesprochen werden. So nötig beispielsweise Mindestlöhne auch sind, so kann es wohl kaum zu den einzigen Zielen der Gesamtlinken gehören, in Deutschland lediglich die Vehältnisse von Frankreich oder Großbritannien nachholend herzustellen.

Eine gemeinsame Analyse über die Entwicklung der Sicherheits- und Außenpolitik gibt es schlichtweg nicht. Es gibt - von der SPD über die Grünen bis zur Linken - erheblichen theoretischen Aufholungsbedarf im Verständnis dessen, was beispielsweise Globalisierung, der Wandel der Arbeitswelt oder etwa der Paradigmenwechsel von der nationalen Verteidigung zur globalen Sicherheit eigentlich bedeutet.

Dann gibt es eine enorme soziale Ausdifferenzierung, die die Bindung der linken Parteien an ihre klassischen Milieus immer mehr hinfällig werden läßt.

Und es gibt ein Problem der Nach-68er-Generation, den Generationenwechsel in ihren Parteien auch wirklich zu vollziehen.

Ein neuer crossover mit Substanz (und Substanz müsste er schon haben, denn der Widerstand wird erheblich sein) kann nur gelingen, wenn es den links-progressiven Kräften aller drei Parteien gelingt, in einen konstruktiven gemeinsamen Austausch über Neuansätze der Linken insgesamt zu treten.

Wird dies spätestens nach der Wahl nicht in Angriff genommen, droht der Linken in Deutschland der wenig erfreuliche Weg der italienischen Linken.

Die Themen,auf die sich die Linke konzentrieren sollte, lauten aus meiner Sicht: Grundeinkommen, Klimawandel, Erneuerung der Demokratie, Neudefinition der Friedenspolitik. Kleiner ist es nicht mehr zu haben.
misterl schrieb am 10.08.2009 um 22:13
An sich stört mich an dieser Ausrichtung der Begriff "Links" bzw. die Reduzierung auf "links-progressiven Kräften". Wer oder was sind Letztgenannte? Unter dem Hinweis: "die Bindung der linken Parteien an ihre klassischen Milieus immer mehr hinfällig werden läßt". Wird an sich selber bereits zugegeben, dass die Formierung jener "links-progressiven Kräften" weder ausreichend noch sicher zu treffen ist.

Der Traum der einer linken Mehrheit ohne bürgerliche Mitte über einen "konstruktiven gemeinsamen Austausch über Neuansätze der Linken insgesamt zu treten" nicht erfolgreich sein, so ist das Kapitel linke Mehrheit erledigt.

Schaut man also halbwegs realistisch in die Welt, dann hätte auch eine SPD mit 40% Stimmenteil immer noch einen erheblichen Anteil bürgerlicher Mitte in ihren Reihen. Bei der GRÜNEN ist das kaum anders. Bleibt faktisch nüchtern übrig, es gibt keine eigene echte linke Mehrheit im Lande. Die Mehrheit im Lande ist bürgerlich.

Eventueller Ausdruck von Unzufriedenheit, die sich im wechselnden Mehrheiten oder überraschenden Werten widerspiegelt hat keine inhaltliche politische Richtung.

Ein Wort zu Deiner Themenliste. Provokant: sie ist an sich ein Witz. Nur Auszugsweise "Grundeinkommen, Klimawandel, Erneuerung der Demokratie". "Grundeinkommen" ist Bruchteil dessen, was Wirtschaft.- und Finanzkonzepte ausmachen. Die Arbeitswelt hat und wird sich völlig ändern. Da ist dann "Grundeinkommen" vergleichsweises ein Einzelthema. Daran an schließt Du so komplexe Dinge wie "Klimawandel" oder "Erneuerung der Demokratie". Um was geht es: ein Regierungsprogramm mit Einzelthemen oder um Visionen darüber hinaus?
Robert Zion schrieb am 10.08.2009 um 21:43
Das mit dem neuen crossover ist - zuviel kann ich zumindest aus eigener Erfahrung sagen - ein komplizierter, kein ganz einfacher Prozess.

Es fehlen noch, um es kurz zumachen, gemeinsame progressive Ansätze, die auf gemeinsamen oder zumindest ähnlichen Analysen bestimmter gesellschaftlicher Entwicklungen beruhen.

Und einige Wahrheiten sollten zuvor auch einmal ausgesprochen werden. So nötig beispielsweise Mindestlöhne auch sind, so kann es wohl kaum zu den einzigen Zielen der Gesamtlinken gehören, in Deutschland lediglich die Vehältnisse von Frankreich oder Großbritannien nachholend herzustellen.

Eine gemeinsame Analyse über die Entwicklung der Sicherheits- und Außenpolitik gibt es schlichtweg nicht. Es gibt - von der SPD über die Grünen bis zur Linken - erheblichen theoretischen Aufholungsbedarf im Verständnis dessen, was beispielsweise Globalisierung, der Wandel der Arbeitswelt oder etwa der Paradigmenwechsel von der nationalen Verteidigung zur globalen Sicherheit eigentlich bedeutet.

Dann gibt es eine enorme soziale Ausdifferenzierung, die die Bindung der linken Parteien an ihre klassischen Milieus immer mehr hinfällig werden läßt.

Und es gibt ein Problem der Nach-68er-Generation, den Generationenwechsel in ihren Parteien auch wirklich zu vollziehen.

Ein neuer crossover mit Substanz (und Substanz müsste er schon haben, denn der Widerstand wird erheblich sein) kann nur gelingen, wenn es den links-progressiven Kräften aller drei Parteien gelingt, in einen konstruktiven gemeinsamen Austausch über Neuansätze der Linken insgesamt zu treten.

Wird dies spätestens nach der Wahl nicht in Angriff genommen, droht der Linken in Deutschland der wenig erfreuliche Weg der italienischen Linken.

Die Themen,auf die sich die Linke konzentrieren sollte, lauten aus meiner Sicht: Grundeinkommen, Klimawandel, Erneuerung der Demokratie, Neudefinition der Friedenspolitik. Kleiner ist es nicht mehr zu haben.
Joachim Petrick schrieb am 10.08.2009 um 22:07
Lieber Michael Jäger,
„Sag mir, welche Positionen du vertrittst, ich sage dir, welche Koalitionen du suchst?“

In einer Gesellschaft vom Übergang der lohnabhängigen Arbeitskultur, samt Wertschöpfung hin zur einen Kreditschöpfung in allen gesellschaftlichen Bereichen, voran in Unternehmen, Privathaushalten, erleben wir mit der Agenda 2010/Hartz IV die Implementierung der Strukturen einer Wirtschaft, die sich Konsumsteuer subventioniert Personalkosten gegen Null rechnen will und wird.
Warum?, weil, wie Johannes der Täufer der Prophet der Ankunft Jesu war, die Agenda 2010/Hartz IV der Wegbreiter des Bedingungslosen Grundeinkommens ist, bei dem Arbeitnehmer/innen Arbeitgeber vor Antrag als Aufstocker nach den Hartz IV Gesetzen bereits mit ihrem Restvermögen vor dem Schonvermögen lau die Löhne finanzieren.

Wodurch wird der Arbeitmarkt, soweit es diesen noch gibt, in einem solchen Umfeld zunehmender Verschuldung, Schuldenaufnahme durch Unternehmen, Privathaushalte angetrieben sein?

Das Motiv zur Arbeit wird wachsend nur noch der Bedienung von Schuldendiensten gelten und dem durch brachial vorangetriebene Bewerbung von Werten, Gütern, Leistungen Bedürfnis nach konsumtiven Ausgaben geschuldet sein, ohne auch nur ansatzweise starke Positionen als organisierter wie unorganisierter Arbeitnehmer/in bei der Verhandlung von Einkommen, Löhnen .einnehmen zu können.
Warum?,
weil der Staat als Lohndumping Dealer, Gläubiger des Exportweltmeisters Deutschland bei Hartz IV wie dem Bedingungslosen Grundeinkommen repressiv mit verhandelt!, oder?
JP


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