Wissen

Grüne Gentechnik | 10.03.2010 10:25 | Kathrin Zinkant

Das verbuddelte Bauernopfer

Deutschland bangt wegen einer Hightech-Knolle um öffentliche Gesundheit und Kartoffelkultur. Und übersieht, dass Amflora eine Finte ist

Zuerst die gute Nachricht: Die sensible Linda kommt zurück. Vor sechs Jahren erst vom Bundessortenamt aussortiert, darf die goldgelbe Feldfrucht nun dauerhaft wieder auf den deutschen Acker, zur berechtigten Freude aller Menschen, die hochwertige Nahrungsmittel schätzen. Ungetrübt ist diese Freude aber nicht, denn auf dem Nebenacker schlägt wohl bald die verrufene Konkurrenz Wurzeln: Die Europäische Union hat in der vergangenen ­Woche den kommerziellen Anbau der genetisch manipulierten BASF-Kartoffel Amflora erlaubt. Theoretisch darf der biotechnologisch aufgemotzte Erdapfel nun auf jeder Scholle der Gemeinschaft gepflanzt werden – auch in der Bundesrepublik, die sich nach dem unfreiwilligen Ende des selbst verordneten Moratoriums vor sechs Jahren nur vergleichsweise zögerlich auf den Anbau manipulierter Nutzpflanzen eingelassen hat. Nicht zuletzt, weil das seit 2005 von der CSU besetzte Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz die gentechnikfeindlichen Bauern in Bayern und die innovationskritisch eingestellten Verbraucher nicht verprellen wollte. Der weltweit größte Chemiekonzern aus Ludwigshafen hat sich nach fast 14 Jahren zähem Kampf trotzdem durchgesetzt, und zum wiederholten Male widmet sich der innovationsfreundliche Technologiestandort Deutschland also der Frage, wie schlimm sie denn tatsächlich ist, die sogenannte Genkartoffel.

Da ist zunächst die diffuse Furcht um ein deutsches Kulturgut, das mit gut 250 Jahren zwar noch ziemlich jung (und originär ja nicht einmal europäisch) ist, aber den Deutschen von Friedrich dem Großen damals so nachhaltig ans Herz befohlen wurde, dass das Bundessortenamt heute mehr als 200 verschiedene Kartoffelsorten im Verzeichnis führt – und das sind nur die in der Bundesrepublik derzeit zugelassenen. Am internationalen Kartoffelinstitut im peruanischen Lima sind sogar rund 4000 Sorten registriert, von denen nur etwa 140 wilden Ursprungs sind. Der Rest ist das Ergebnis Jahrhunderte langer Beobachtungen und Zuchtbemühungen, die durch die genetischen Ruckzuck-Schnippeleien der Biotechnologen entwertet werden.

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Auf Resistenz frisierte Knolle

Im Vordergrund steht natürlich das Risiko, vor allem jenes für die öffentliche Gesundheit. Denn das Erbgut der neuen Industriekartoffel ist doppelt verändert: Die zweckorientierte Manipulation betrifft ein Gen, das für die Bildung der technisch störenden Stärkesorte Amylose verantwortlich ist. Dieser Abschnitt im Erbgut wurde ganz einfach ausgeknipst, damit Amflora ausschließlich Amylopektin liefert, den zweiten Typ Kartoffelstärke, der für die Herstellung von Papier, von Klebstoffen und anderen industriellen Produkten gebraucht wird. Eine nützliche Sache, über die es im Grunde auch nicht viel zu meckern gibt. Heftig diskutiert wird dagegen über die zweite Manipulation, die einzig dem Ziel dient, erfolgreich veränderte Kartoffeln von nicht erfolgreich veränderten Kartoffeln zu unterscheiden. Das entsprechende, völlig artfremde Markergen wurde zusätzlich eingefügt. Es heißt nptII und macht die frisierten Knollen resistent gegen verschiedene Antibiotika, die in einem gewissen Umfang auch in der Humanmedizin zum Einsatz kommen. Beispielsweise in Salben oder Tropfen gegen Augenentzündungen, oder in Medikamenten gegen die Amöbenruhr.

An diesen Umstand knüpft sich nun die Befürchtung, dass das besagte Resistenzgen den Kartoffeln auf dem Feld entfleuchen, von Bakterien oder benachbarten Speisekartoffeln aufgenommen und die Wirkung der entsprechenden Pharmazeutika beim Menschen mithin einschränken könnte. Die Europäische Agentur für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat diese Bedenken zwar schon vor sechs Jahren zu zerstreuen versucht – eine Übertragung einzelner Gene von einer Pflanze auf eine andere Pflanze, oder auf ein Bakterium „sei in der Natur so noch nicht beobachtet worden“.

Amflora statuiert ein Exempel

Diese Einschätzung beruhigt verständlicherweise nicht alle. Denn so manche technisch geborene Problematik – ob Atombombenexplosion, Rinderwahn oder vorzeitig gealterter Schafklon – war ihrerseits noch nie zuvor in der Natur beobachtet worden. Nicht so, jedenfalls. Über das Risiko, auch wenn es nach aktuellem wissenschaftlichem Kenntnisstand in der Tat sehr gering ist, lässt sich daher so lange streiten, bis im realen Großversuch etwas unerwartetes passiert. Oder eben nicht passiert.

Die Frage ist ohnehin, ob wir überhaupt Zeugen dieses gefürchteten Großexperimentes sein werden. Die deutschen Stärkehersteller erklären seit Jahren – und auch jetzt, nach der Zulassung von Amflora – unisono, die genetisch veränderte BASF-Kartoffel gar nicht verarbeiten zu wollen, aus Angst, dass die kritischen Verbraucher den Konsum der entsprechenden Produkte künftig verweigern. Man könnte also, anstatt nach den Risiken, nach dem Sinn der fast 14 Jahre währenden Bemühungen von BASF fragen, sein Stärkewunder auf den europäischen Markt zu bringen. Tatsächlich äußerte ein Vize von BASF Plant Science vor zwei Jahren im britischen Guardian, Europas Haltung zu Amflora sei gar nicht entscheidend. Aber worum geht es denn dann? Geht es überhaupt um Amflora?

Womöglich nicht. Das Bestechende an der manipulierten Stärkeknolle Amflora ist wohl das Exempel, das man mit ihrer Hilfe statuieren kann. Da es sich um eine Industriekartoffel handelt, die gar nicht für die europäischen Mägen gedacht, und wegen ihrer unappetitlichen Matschigkeit auch überhaupt nicht zum Verzehr geeignet ist, dürfte das Gezeter um die Zulassung rasch abflauen. Und dann ist der Weg frei für Fortuna. Auch diese genetisch manipulierte Kartoffel stammt aus dem Hause BASF. Sie ist resistent gegen die Kraut- und Knollenfäule, den natürlichen Feind des Erdapfels. Im Gegensatz zu Amflora soll sie kein Papier liefern. Sondern Pommes.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Columbus schrieb am 12.03.2010 um 20:38
Liebe Frau Zinkant,

Schön, Sie nun beim „Der Freitag“ zu lesen. Sie steigen gleich mit einem brisanten Thema ein, und an ihrem Urteil, dass Amflora (R), die Amylopektinkartoffel, ein „Türöffner“ ist, kann nicht gezweifelt werden.

Heimlich still und leise, hat die EU neben Amflora auch noch genetisch veränderte Futter- und direkt als Lebensmittel verwendbare Maissorten des Konzerns Monsanto zum Anbau und Handel genehmigt!

Die Amflora und der Gen-Mais werden vor allem in Drittweltländern Agrarflächen erobern, denn der Bedarf an Klebern, geleimten und beschichteten Papieren und Industrietextilien steigt, ebenso die Verwendungsmöglichkeiten der agrotechnischen Genmais-Sorten und die Nachfrage aus den Industrie- und Schwellenländern.

Amflora ist, genau wie Energiepflanzen, ein Anbau-Konkurrent zur Nahrungsmittelproduktion und damit deren „Verdränger“, weil für den Weltmarkt und damit für höheren Erlös, produziert wird.

Kartoffeln eignen sich übrigens auch für den Anbau dort, wo die Böden nicht ganz so gut sind und das verschlimmert die Situation, gerade in den Drittwelt- und Schwellenländern.

Beim Gen-Mais ist die Konzernstrategie Monsantos, zunächst in Spanien und Italien, sowie auf dem Balkan, vielleicht auch in Frankreich, den Markt aufzurollen. Hier, wie fast überall in der EU, kaufen die meisten Bauern von Saatgutherstellern und Firmen, die Ihnen Pakete aus Pflanzenschutz, Dünger und Saat anbieten. Es besteht praktisch ein starke Abhängigkeit. Die ökologische Landwirtschaft wird es neben solchen großen Flächen schwer haben, ihre Standards zu halten. Auch das sorgt für Verdrängung.

Interessant ist, dass national der Anbau durchaus weiterhin verboten werden könnte! Diesen Weg beschreitet nun Österreich. Ob Deutschland da mit geht, oder nun doch der Staat die Waffen streckt? - Ich vermute es, denn es war bisher immer so.

Am traurigen Umgang mit dem Nuklearausstieg, am Chemikaliengesetz und den EU-Richtlinen dazu, am Umgang mit der Asse, kann man die Handschrift der Konzerne und ihrer politischen und verwaltenden Sachwalter jedes Mal gut ablesen.

Das Resistenzgen npt II in Amflora, es vermittelt eine Resistenz gegen Kanamycin und Neomycin und dient in den Pflanzen nur als Marker für die Patentsicherung, mag akut kein Problem sein, aber wie schon die ausgewilderten Resistenzen z.B. bei Roundup(R) (Glyphosat)-Weizen zeigen, die zwar auf einem anderen Mechanismus beruhen, gibt es in der Biologie kein unmöglich (www.gentechnologie.ch/studien/studie2.htm , www.gentechnologie.ch/studien/studie9.htm ).

Wie unter ökonomischen Gesichtspunkten sogar aus dem Versagen im Hauptzielpunkt der Nutzpflanzenentwicklung wiederum ein Geschäft wird, dazu schreibt Bayer Crop Science selbst ( www.bayercropscience.com/bcsweb/cropprotection.nsf/id/EN_Weed-resistance_Pan-American-Weed-Resistance-Conference_2009-NST-002 ). Ich verdanke diesen Tipp zum besseren Verständnis der Marktwirtschaft INKOTA (uebermonsanto.wordpress.com/2010/02/11/round-up-resistenzen-bayer-wittert-geschaft/ ).

Liebe Grüße und
alles Gute beim „Der Freitag“

Christoph Leusch
thinktankgirl schrieb am 12.03.2010 um 20:44
Mir grausts = mir graust's = mir graust es

oder

Mir grauts = mir graut's = mir graut es
Columbus schrieb am 13.03.2010 um 18:45
Tja, "Thinktankgirl", mit der EU hat sich auch die Zahl der Ebenen erhöht, auf denen in ganz Europa "Verantwortungspingpong" gespielt wird. Jeder, auf den gezeigt wird oder gedeutet werden könnte, kann auf eine andere Ebene verweisen, die eine Verordnung, eine Genehmigung, eine Ausnahme oder gar ein Gesetz, verabschiedete.

Goldene Zeiten für Lobbyisten.
Übrigens wachsen die Begleittexte und Kommentare in den einzelnen Rechtsmaterien nicht etwa, weil die Sachverhalte so komplex wären, sondern weil diese riesigen "Schichttorten" auf jeder Ebene Nischen bereit halten.

Ganz ehrlich, manchmal denke ich mir, wir wollen das genau so, dass letztlich Lobbyverbände und vor allem Juristen entscheiden. - Die Ergebnisse sind auf jeden Fall umwerfend.

Schuldige und Verantwortliche im engeren Sinne des Wortes kann es in dieser Form eigentlich nicht mehr geben, den selbst die Verantwortlichkeit wurde weitgehend aufgelöst.

Liebe Grüße
Christoph Leusch
Kathrin Zinkant schrieb am 16.03.2010 um 09:54
Lieber Herr Leusch,

Ein etwas verspäteter, aber herzlicher Dank für die Begrüßung und die vielen Ergänzungen! Freut mich gleichfalls, hier wieder von Ihnen zu lesen.

Ob der Anbau von Amflora in Deutschland nun nachträglich, wie der Anbau von Monsantos genetisch verändertem Mais Mon 810, verboten werden wird, spielt zwar keine bedeutende Rolle, aus den genannten Gründen. Aber vielleicht ist es gerade deshalb wahrscheinlich. Frau Aigner kann sich erneut als Verbraucherministerin profilieren und noch dazu Bayerns Bauern eine Freude bereiten. Allerdings wird der öffentliche Widerstand immer schwächer, und beim nächsten Mal - zum Beispiel, wenn die Zulassung von Fortuna, der Pommeskartoffel, ansteht - könnte das alles schon ganz anders laufen.

Ich war im vergangenen Jahr auf einer Demonstration gegen Patente auf Leben, vor dem Europäischen Patentamt in München, da ging es um einen Superbroccoli, der nicht genetisch verändert, aber mit molekularbiologischen Methoden gezüchtet worden ist. Das Saatgut ist, wie für die GVO, teurer als jenes für die normalen Pflanzen - und das ist es, was die Bauern am meisten fürchten, und zwar auf allen Ebenen. Money rules. Auch auf dem Acker. Was da verändert ist, an den Pflanzen, kümmert die Bauern eher wenig. Und, wie gesagt, sie knicken allmählich ein. Insofern ist es eine Frage der Zeit, bis die CSU sich wieder treu werden kann.

Die globale Entwicklung hat uns bis dahin ohnehin überholt, zumindest, was den Anbau von Hightechpflanzen betrifft. BASF, Bayer und Co. werden hier aber fleißig weiter entwickeln und testen. Das erlaubt Frau Aigner ja auch gern.

Wir verfolgen das Thema weiter.

Herzlich, Ihre Frau Zinkant
Technixer schrieb am 19.03.2010 um 13:19
ANMERKUNG: Was mir bei der Debatte um Genfood immer zusehr aus dem Blickwinkel gerät.

ANMERKUNG:

Warum eigentlich all die Aufregung gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel?
Schließlich kreuzt der Mensch schon seid Jahrtausenden Nutzpflanzen, um bestimmte Eigenschaften zu verbessern. ("Argument" 1 der Industrie)

So könnte endlich der Hunger der Welt beendet werden ("Argument 2 der Industrie).

Der Gentechnik Markt ist eine Wachstumsbranche und bringt Arbeitsplätze (Argument 3 der Industrie und auch der Politik)

Gegenargument 1: Kreuzung/Züchtung von ertragreicheren, resistenteren Pflanzen/ Tieren hat nichts mit dem Einbringen synthetisierter Gene zu tun.
Das große Problem, dass wir Wissenschaftler noch am ausarbeiten von Gen-Protein und Protein-Protein Interaktionsmustern sind. Was verbirgt sich dahinter, ganz einfach, man will wissen was Gene genau machen. Dafür wird die Bioinformatik genutzt und Heerscharen von Molekularbiolgen und Genetikern.
Wir wissen eben noch nicht genügend. Das Beispiel Amflora Kartoffel ist stellvertretend.

Gegenargument 2 (wirtschaftlicher Bezug):
Scheinheiliger könnte die Industrie gar nicht argumentieren. Die Bruttoregistertonnen (allein Wien 60t Getreideprodukte tgl.) an Lebensmitteln, welche täglich weggeschmissen werden, sprechen Bände.
Der Hunger der Welt könnte schon längst beseitigt sein, wenn die Nahrungsmenge gerecht verteilt wäre.
Wir sollten uns allerdings überlegen ob weiterhin soviel Fleisch produziert werden soll.
Das Einzige was die Wirtschaft möchte, sind neue Wachstumssparten. Da der Konsum in den gesättigten westlichen Industrienationen kümmerlich ist, erhoft man sich hierüber neue profitable Kapitalanlagemöglichkeiten zu erschließen. Was uns zu Gegenargument 3 bringt.

In der Industrie selbst, wird so profitabel wie möglich geforscht. Daher ist also die Abhängigkeit der Bauern (einer der Gründe warum Bauernverbände gegen Genfood sind) für Kapitalgeber und Industrie essentiell. Wachstum ist nur in dem Bereich des herstellens von Abhängigkeiten und nicht die Beseitigung von Hunger zu finden. Arbeitsplätze in diesem hochspezialisierten und hochtechnologisierten Bereich werden kaum geschaffen.

Die gesamte Scheinargumentation ist auf einen essentiellen Bestandteil unseres Wirtschaftssystems zurück zu führen: WACHSTUM
Wachstum um jeden Preis, das geht mir bei den Myriaden an Petitionen von Umweltverbänden verloren und zwar viel zu sehr.

Die Politker müssen KONTINUIERLICH daran erinnert werden, sich endlich mal Alternativen zu der abstrusen Wachstumsideologie einfallen zu lassen und NICHT Symptombekämpfung durch die Patentierung und Privatisierung von Leben!

Es bringt nichts rumzuheulen "Ach die armen Schweinchen, Rinder, Affen, Regenwald usw.", als Ablasshandel Baumpate und Mitglied beim WWF zu werden, solange unser Wirtschaftssystem auf der Ausbeutung der Natur beruht.


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