Das verbuddelte Bauernopfer

Grüne Gentechnik Deutschland bangt wegen einer Hightech-Knolle um öffentliche Gesundheit und Kartoffelkultur. Und übersieht, dass Amflora eine Finte ist

Zuerst die gute Nachricht: Die sensible Linda kommt zurück. Vor sechs Jahren erst vom Bundessortenamt aussortiert, darf die goldgelbe Feldfrucht nun dauerhaft wieder auf den deutschen Acker, zur berechtigten Freude aller Menschen, die hochwertige Nahrungsmittel schätzen. Ungetrübt ist diese Freude aber nicht, denn auf dem Nebenacker schlägt wohl bald die verrufene Konkurrenz Wurzeln: Die Europäische Union hat in der vergangenen ­Woche den kommerziellen Anbau der genetisch manipulierten BASF-Kartoffel Amflora erlaubt. Theoretisch darf der biotechnologisch aufgemotzte Erdapfel nun auf jeder Scholle der Gemeinschaft gepflanzt werden – auch in der Bundesrepublik, die sich nach dem unfreiwilligen Ende des selbst verordneten Moratoriums vor sechs Jahren nur vergleichsweise zögerlich auf den Anbau manipulierter Nutzpflanzen eingelassen hat. Nicht zuletzt, weil das seit 2005 von der CSU besetzte Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz die gentechnikfeindlichen Bauern in Bayern und die innovationskritisch eingestellten Verbraucher nicht verprellen wollte. Der weltweit größte Chemiekonzern aus Ludwigshafen hat sich nach fast 14 Jahren zähem Kampf trotzdem durchgesetzt, und zum wiederholten Male widmet sich der innovationsfreundliche Technologiestandort Deutschland also der Frage, wie schlimm sie denn tatsächlich ist, die sogenannte Genkartoffel.

Da ist zunächst die diffuse Furcht um ein deutsches Kulturgut, das mit gut 250 Jahren zwar noch ziemlich jung (und originär ja nicht einmal europäisch) ist, aber den Deutschen von Friedrich dem Großen damals so nachhaltig ans Herz befohlen wurde, dass das Bundessortenamt heute mehr als 200 verschiedene Kartoffelsorten im Verzeichnis führt – und das sind nur die in der Bundesrepublik derzeit zugelassenen. Am internationalen Kartoffelinstitut im peruanischen Lima sind sogar rund 4000 Sorten registriert, von denen nur etwa 140 wilden Ursprungs sind. Der Rest ist das Ergebnis Jahrhunderte langer Beobachtungen und Zuchtbemühungen, die durch die genetischen Ruckzuck-Schnippeleien der Biotechnologen entwertet werden.

Auf Resistenz frisierte Knolle

Im Vordergrund steht natürlich das Risiko, vor allem jenes für die öffentliche Gesundheit. Denn das Erbgut der neuen Industriekartoffel ist doppelt verändert: Die zweckorientierte Manipulation betrifft ein Gen, das für die Bildung der technisch störenden Stärkesorte Amylose verantwortlich ist. Dieser Abschnitt im Erbgut wurde ganz einfach ausgeknipst, damit Amflora ausschließlich Amylopektin liefert, den zweiten Typ Kartoffelstärke, der für die Herstellung von Papier, von Klebstoffen und anderen industriellen Produkten gebraucht wird. Eine nützliche Sache, über die es im Grunde auch nicht viel zu meckern gibt. Heftig diskutiert wird dagegen über die zweite Manipulation, die einzig dem Ziel dient, erfolgreich veränderte Kartoffeln von nicht erfolgreich veränderten Kartoffeln zu unterscheiden. Das entsprechende, völlig artfremde Markergen wurde zusätzlich eingefügt. Es heißt nptII und macht die frisierten Knollen resistent gegen verschiedene Antibiotika, die in einem gewissen Umfang auch in der Humanmedizin zum Einsatz kommen. Beispielsweise in Salben oder Tropfen gegen Augenentzündungen, oder in Medikamenten gegen die Amöbenruhr.

An diesen Umstand knüpft sich nun die Befürchtung, dass das besagte Resistenzgen den Kartoffeln auf dem Feld entfleuchen, von Bakterien oder benachbarten Speisekartoffeln aufgenommen und die Wirkung der entsprechenden Pharmazeutika beim Menschen mithin einschränken könnte. Die Europäische Agentur für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat diese Bedenken zwar schon vor sechs Jahren zu zerstreuen versucht – eine Übertragung einzelner Gene von einer Pflanze auf eine andere Pflanze, oder auf ein Bakterium „sei in der Natur so noch nicht beobachtet worden“.

Amflora statuiert ein Exempel

Diese Einschätzung beruhigt verständlicherweise nicht alle. Denn so manche technisch geborene Problematik – ob Atombombenexplosion, Rinderwahn oder vorzeitig gealterter Schafklon – war ihrerseits noch nie zuvor in der Natur beobachtet worden. Nicht so, jedenfalls. Über das Risiko, auch wenn es nach aktuellem wissenschaftlichem Kenntnisstand in der Tat sehr gering ist, lässt sich daher so lange streiten, bis im realen Großversuch etwas unerwartetes passiert. Oder eben nicht passiert.

Die Frage ist ohnehin, ob wir überhaupt Zeugen dieses gefürchteten Großexperimentes sein werden. Die deutschen Stärkehersteller erklären seit Jahren – und auch jetzt, nach der Zulassung von Amflora – unisono, die genetisch veränderte BASF-Kartoffel gar nicht verarbeiten zu wollen, aus Angst, dass die kritischen Verbraucher den Konsum der entsprechenden Produkte künftig verweigern. Man könnte also, anstatt nach den Risiken, nach dem Sinn der fast 14 Jahre währenden Bemühungen von BASF fragen, sein Stärkewunder auf den europäischen Markt zu bringen. Tatsächlich äußerte ein Vize von BASF Plant Science vor zwei Jahren im britischen Guardian, Europas Haltung zu Amflora sei gar nicht entscheidend. Aber worum geht es denn dann? Geht es überhaupt um Amflora?

Womöglich nicht. Das Bestechende an der manipulierten Stärkeknolle Amflora ist wohl das Exempel, das man mit ihrer Hilfe statuieren kann. Da es sich um eine Industriekartoffel handelt, die gar nicht für die europäischen Mägen gedacht, und wegen ihrer unappetitlichen Matschigkeit auch überhaupt nicht zum Verzehr geeignet ist, dürfte das Gezeter um die Zulassung rasch abflauen. Und dann ist der Weg frei für Fortuna. Auch diese genetisch manipulierte Kartoffel stammt aus dem Hause BASF. Sie ist resistent gegen die Kraut- und Knollenfäule, den natürlichen Feind des Erdapfels. Im Gegensatz zu Amflora soll sie kein Papier liefern. Sondern Pommes.

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Ihre Freitag-Redaktion

10:25 10.03.2010
Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus
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Kathrin Zinkant

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