Wissen

Evolution | 14.03.2010 12:35 | John Stewart

Gemeinsam ins Multiversum

Der Mensch spielt nicht nur für die Zukunft dieser Welt eine entscheidende Rolle. Sondern weit darüber hinaus

Es ist eine verbreitete Auffassung: Die wissenschaftlich untermauerte Weltsicht würdigt das Leben auf diesem Planeten zu einem bedeutungslosen Unfall herab. In einem Universum, , das unserer Existenz vollkommen gleichgültig gegenübersteht. Vor so einem absolut naturalistischen Hintergrund haben es die Menschen schwer, einen Sinn in ihrer Existenz zu entdecken, und deshalb wenden sie sich dem Glauben an übernatürliche Phänomene und Dinge zu. Tatsächlich aber offenbaren jüngere Ergebnisse aus der Evolutionsforschung ein viel umfassenderes Bild, eines, das aus sich selbst heraus einen Sinn des Lebens vermitteln könnte.

Die neue Weltsicht siedelt den Menschen in einem wesentlich weiter gefassten Evolutionsprozess an, und teilt uns eine bedeutende Rolle zu. Sie fußt auf der Erkenntnis, dass die Evolution zielgerichtet verläuft, einer bestimmten Entwicklungslinie folgt. Insbesondere die Evolution auf der Erde hat immer wieder kleine Gruppen von Gestalten auf immer breiterer Ebene in Gemeinschaften organisiert. Sich selbst reproduzierende Molekülen wurden in den allerersten Zellen zusammen gebracht. Aus Verbänden dieser einfachen, kernlosen Gebilde entwickelten sich komplexere Zellen mit Zellkern. Aus deren Verbänden entstanden wiederum mehrzellige Organismen, die sich dann in kooperativen Gesellschaften organisierten.

Der gleiche Ablauf scheint sich in der menschlichen Entwicklung auf immer höheren Stufen fortgesetzt zu haben: von familienähnlichen Gruppen zu Banden, zu Stämmen, zu landwirtschaftlichen Verbänden und Stadtstaaten, Nationen und so weiter. Diese Entwicklungslinie zeigt sich unabhängig davon, ob die Evolution durch genetisch bedingte, natürliche Zuchtwahl oder durch kulturelle Prozesse stattfindet. Sie wird mit dem Ziel angetrieben, dass Gruppenverbände mit gemeinsamen Interessen auf allen Ebenen der Organisation stets erfolgreicher sind als die vereinzelten Individuen.

Das Miteinander besiegt den Egoismus

Der Mainstream in der Biologie hat erst allmählich akzeptiert, dass die Evolution sich in Richtung immer größerer Kooperationen entwickelt. Die vorherrschende Meinung bestand lange Zeit darin, die Evolution bediene sich vielmehr des Egoismus, anstatt der Zusammenarbeit. Dieser Vorbehalt konnte in den vergangenen beiden Jahrzehnten durch unzählige Arbeiten über die Evolution der Zusammenarbeit ausgeräumt und überwunden werden. Kurz gesagt geht aus all diesen Forschungen hervor, dass es zwischen Indivuduen, die eigentlich eigene Ziele verfolgen, zu einer solchen Kooperation kommen wird, wenn sie davon profitieren. Diejenigen, die nicht kooperieren, werden hingegen bestraft. Entscheidend daran ist: Der vermeintliche Konflikt zwischen Egoismus und Zusammenarbeit wird gegenstandslos .

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(Leser, die genauer wissen wollen, warum Biologen die Zielstrebigkeit der Evolution nur so langsam akzeptiert haben, sollten meinen Artikel für das Journal Foundations of Science lesen)

In welche Richtung wird sich die Evolution also bewegen? Aus der derzeitigen Entwicklung auf die Zukunft zu schließen ist zunächst einmal ziemlich einfach: Der nächste große Wandel auf der Erde wird zur Entstehung einer nachhaltigen und kooperativen Weltgesellschaft führen. Wie auf allen anderen Ebenen, so würde eine Kooperation der Weltgesellschaft interne Konflikte und zerstörerische Konkurrenz (einschließlich Krieg und Umweltverschmutzung) zurückdrängen. An zurückliegenden Ereignissen kann man ablesen, wie sich so eine Gemeinschaft organisieren könnte.

Leben reproduziert unser Universum

Verfolgt man diesen Verlauf weiter, dehnt sich die Ebene der Zusammenarbeit auf das Sonnensystem und über dieses hinaus aus. Wo immer dies möglich ist, würde die Expansion eher in kooperativer Verbindung mit anderen Lebensformen auftreten, als durch egoistisches Streben nach einem mächtigen Imperium. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir irgendwo anders auf Leben stoßen, erscheint hoch, und auch wenn die Evolution auf anderen Planeten in ihren Details von der unsrigen abweichen mag, so wäre ihr Verlaufs doch universell.

Würde die Evolution diesen weiteren Verlauf nehmen, so erhöhte sich das Maß an kooperativer Organisation im gesamten Universum und schlösse dabei Lebensprozesse und Intelligenzen verschiedenen Ursprungs mit ein. Während sie an Intelligenz und Umfang zunähme, würde auch ihre Verfügungsgewalt über Materie, Energie und andere Ressourcen sich ausdehnen. Gleiches gilt für das Vermögen, selbstgesteckte Ziele zu erreichen.

Was würden organisiertes Leben und Intelligenz mit diesem Machtzuwachs anfangen, vor dem Hintergrund, dass unser Universum in seinen Feinheiten auf die Entstehung von Leben abgestimmt ist – und angenommen, der Verlauf der Evolution würde Leben und Intelligenz mit genügend Macht und Wissen ausstatten, unser Universum zu reproduzieren? Dieses intelligente Universum würde seine Nachwuchs-Universen so anpassen, dass diese sogar noch besser auf die Entstehung und Entwicklung von Leben eingerichtet wären. Und so weiter.

Innerhalb dieses Szenarios ist unser Universum selbst eingebettet in größere Evolutionsprozesse, die Universen formen. Und auch dem Menschen kommt eine Funktion und ein Sinn und Zweck innerhalb dieser größeren Prozesse zu – genau so wie dem Auge eine wichtige Rolle in der Entstehungsgeschichte des Menschen zugekommen ist.

Eier, die nie ausgebrütet wurden

Nicht alle Organismen, die sich so weit wie der Mensch entwickeln werden, beteiligen sich an den gerade beschriebenen, weit reichenden Prozessen. Bis jetzt wurde Evolution von Wettbewerb und Auswahl angetrieben, aber dieser Antrieb lässt mit der Entstehung einer Weltgesellschaft nach, weil diese Gesellschaft nicht in Konkurrenz zu anderen globalen Gesellschaften stehen wird. Die Evolution kann nur dann weiter voranschreiten, wenn sich die kommende Weltgesellschaft bewusst dazu entscheidet. Unsere Gesellschaft muss sich darüber klar werden, dass wir uns inmitten eines Evolutionsprozesse befinden und der Erfolg dieser Entwicklung von unserem Handeln abhängt. Wir müssen die Evolution aktiv voranbringen.

Organismen, die diesen Übergang vollenden, werden die weitere Entwicklung von Leben und Intelligenz im Universum bestimmen. Diejenigen, die das nicht schaffen, werden als gescheiterte Experimente der Evolution enden – als Eier, die nie ausgebrütet wurden. Die Menschheit bewegt sich mit großer Geschwindigkeit auf diesen entscheidenden Moment in der Evolution zu.

 Übersetzung: Holger Hutt

 
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Artikelaktionen
Kommentare
oca schrieb am 16.03.2010 um 00:00
Ich kann nicht erkennen, dass in dem Artikel irgend etwas dargestellt wird, was nicht selbstverständlich mit dem Begriff der Evolution verbunden ist (mit einer Ausnahme, siehe unten).

Wenn Kooperation einen evolutionären Vorteil bedeutet, wird sie stattfinden. Beziehungsweise, richtiger gesagt: wenn Kooperation einen evolutionären Vorteil bedeutet, werden Spezies bevorzugt, die kooperieren, und diese werden sich durch eben diesen Vorteil stärker ausbreiten als andere.

Das ist höchstens für jemanden überaschend, der nicht daran glaubt, dass Kooperation überhaupt einen Vorteil bedeuten könnte. Dass Biologen bisher nicht daran geglaubt haben sollen, kann ich mir angesichts von Forschungsobjekten von Ameisen"staaten" bis zu Primatengruppen nur schwer vorstellen. Dass sich Mehrzeller aus der Kooperation von Einzellern entwickelt haben, dürfte niemandem unbekannt sein und bietet wohl kaum einen Anlass, am evolutionären Vorteil der Kooperation zu zweifeln.

Dass der Autor von "Ziel" und "Sinn" spricht, darf man wohl als populärwissenschaftliche Umkehrung des eigentlichen Wesens der Evolution verstehen.

Die Ausweitung auf interstellare Kooperation ist eine ebenso alte wie logische Grundidee der Science-Fiction. Was ist daran neu oder überraschend? Natürlich hätten intragalaktisch kooperierende Lebewesen einen evolutionären Vorteil gegenüber denjenigen, die sich gegenseitig ausrotten, oder die auf ihrem Planeten hocken, bis er verglüht.

Die Erweiterung des Evolutionsgedankens auf die planmäßige Erschaffung lebensfreundlicher Universen dagegen ist Spekulation ohne substantziellen Erkenntnisgewinn. Ob die planmäßige Erzeugung von Universen mit bestimmten Eigenschaften physikalisch möglich ist, steht in den Sternen, und ist mit unserem gegenwärtigen Verständnis der Physik schwer vereinbar.

Aus philosophischer Perspektive wohl reizvollere Spekulationen gibt es darüber, dass aus kleinsten Energiefluktuationen auf winzigen Skalen ständig neue Universen entstehen könnten, von denen sich einige (in anderen, nicht mit den unseren verbundenen Dimensionen) ausdehnen und zu "wirklichen" Universen werden. Wenn dies wirklich geschehen sollte, so wäre anzunehmen, dass die Zahl dieser Universen ständig wächst, und dass aus diesen Universen wieder neue entstehen, so dass die Zahl der Universen gegen unendlich ginge. Dann ginge auch die Zahl der lebensfreundlichen Universen gegen unendlich. Und wir hätten eine Erklärung dafür, warum es uns gibt, obwohl die Naturkonstanten und Parameter unseres Universums so fein aufeinander abgestimmt sein mussten, um die Voraussetzungen für Leben, wie wir es kennen, zu schaffen.

Allerdings wären diese Schwester- und Tochteruniversen von dem unseren unüberwindlich getrennt. Sie befänden sich in anderen Raum- und Zeitdimensionen. Eine planmäßige Produktion von Universen, die auf der Grundlage der modernen Physik kaum möglich erscheint, wäre dann zudem überflüssig.

Man wird die meisten dieser Gedanken, und noch viele mehr, zum Beispiel in dem Buch "Schöpfung ohne Schöpfer" ("The Creation") von Peter W. Atkins (1981) finden. Oder in den Büchern von Stephen Hawking, oder bei James Trefil: "Fünf Gründe, warum es die Welt nicht geben kann" (1988). Neu sind sie jedenfalls nicht. Ebensowenig wie das Verständnis der Kooperation in der Biologie.
oca schrieb am 16.03.2010 um 00:12
Wenn das nur eine populärwissenschaftliche Zusammenfassung alter Theorien und Spekulationen sein soll, sei's drum. Man kann sie ja nicht oft genug wiederholen.

Allerdings wäre noch der Hinweis angebracht, dass die Spekulation über die planmäßige Erschaffung lebensfreundlicher Universen durch intelligente Lebensformen das philosophische Grundproblem, nämlich das von Huhn und Ei (um die Metapher des Autors aufzugreifen), nicht löst. Bei unendlich vielen, zufällig entstandenen Universen gibt es dieses Problem nicht.
oca schrieb am 16.03.2010 um 22:26
Trotzdem danke, dass Sie überhaupt solche Themen behandeln, obwohl ich diesen Artikel nicht für gelungen halte.

(Es sollte sich von selbst verstehen, dass jede Aussage über Dinge jenseits unseres Universums, ob nun von diesem Autor oder einem anderen, nichts weiter als eine Spekulation ist.)
seering schrieb am 17.03.2010 um 07:23
ich finde den artikel sehr interessant, originell. und irgendwie tröstlich ;)
(da historischer materialismus und kirche versagt haben, ist es jetzt die natur selbst ...)
die analogie zwischen molekülen und menschlicher gesellschaft finde ich verwegen,
ist aber wohl modern.
goedzak schrieb am 17.03.2010 um 08:04
Trau keinem Physiker, jedenfalls dann nicht, wenn er anfängt zu philosophieren, aber mindestens dann nicht, wenn er von DEM Menschen spricht...
Jakob Kelim schrieb am 17.03.2010 um 10:20
was wir heute sind,
waren wir bereits zuvor in unseren Gedanken
und was wir uns heute ausdenken,
werden wir in Zukunft sein.
oca schrieb am 17.03.2010 um 11:36
@Jakob Kelim: Klingt schön, ist aber nun wirklich ein bisschen zu simpel.
Geminus schrieb am 18.03.2010 um 18:17
O je - ein Physiker schreibt über Evolution? Das tendiert ja immer zum Scheitern.
So auch hier.

Die recht steile These, dass wir in der Vergangenheit eine dezidierte, gerichtete Entwicklung vom Singulären zum Kooperativen hätten, ist in einer ex post-Betrachtung möglicherweise zu verstehen ("hinterher ist man immer schlauer"). Er hat aber auch da schon deutliche Schwächen: Viren z.B. - was ist mit denen? Diese sind äußerst erfolgreiche Entwicklungen in die dem Postulat entgegen laufende Richtung!

In einer auf die Zukunft gerichteten Betrachtung ist eine solche Annahme aber höchst spekulativ und entbehrt jeder Begründung - der Artikel bietet jedenfalls keine einzige.

Das ist ungefähr so, als wenn aus bisher gestiegenen Aktienkursen gefolgert wird, diese würden nun immer steigen!

Hier versucht jemand ganz leise und heimlich, noch unter der "intelligent Design"-Schwelle, einen willensbehafteten Schöpfer wieder ins Spiel zu bringen, wozu es mehrerer Ungenauigkeiten bedarf.

Zum Beispiel die unbegründete Behauptung (auch wieder aus einer ex post-Betrachtung heraus), die Grundkonstanten des Universums seien auf die Möglichkeit von Leben hin "abgestimmt" - während die wahrscheinlichere, aber nicht so anschauliche Möglichkeit, dass das Leben sich an der vorgegebenen Situation entlang entwickelt hat (bzw. bei veränderten Grundkonstanten eben entsprechend anders aufgetreten wäre), nicht benannt wird.

Der Mainstream der Biologie sieht das deutlich anders als der Autor des Artikels behauptet - und hat eine solche Zielgerichtetheit bislang noch nicht gefunden.

Fazit: Der Artikel gründet letztlich auf einem Schöpferglauben und ist daher nichts anderes als gut verpackter religiöser Schwachsinn.

Sorry, das musste mal aus meiner Biologen-Ehre gesagt werden.

P.S.: Der Autor vertritt in anderen Artikeln auch die These, dass "Global Governance" erstrebenswert sei ... das wundert mich nicht: Die "intelligent design"- und Weltregierungs-Fans kommen eh' häufig aus dem gleichen esoterischen Stall.
Rotspoon schrieb am 06.04.2010 um 11:32
"In einem Universum, das unserer Existenz vollkommen gleichgültig gegenübersteht. Vor so einem absolut naturalistischen Hintergrund haben es die Menschen schwer, einen Sinn in ihrer Existenz zu entdecken". Derartigen Schwachsinn können nur Leute äußern, die nicht täglich Sorge für Kinder, Essen, ein Dach über dem Kopf und eine warme Stube imWinter tragen müssen:Popen aller Religionen, Bettelmönche, Psychologen oder Physiker Also alle Nichtsnutze und Tagediebe,wie meine Großmutter zu sagen pflegte.


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