Man kann ihm keine Fragen mehr stellen. Tim K. ist tot. Nachdem der 17-jährige Amokläufer am Morgen des 11. März 2009 zehn Schülerinnen und Schüler, zwei Lehrerinnen und drei weitere Menschen getötet hatte, erschoss er sich selbst. Seine Eltern sind unbekannt verzogen. Zurück bleibt die Frage nach dem Warum.
Seit einem Jahr geht es nun um den Versuch, die Persönlichkeit und die Motive von Tim K., des Schulamokläufers von Winnenden, zu rekonstruieren. Zur Aufklärung des Falls wurden insgesamt zwei psychiatrische Gutachten erstellt, mit völlig unterschiedlichen Ergebnissen. Während der Gutachter der Staatsanwaltschaft, Reinmar du Bois, dem Täter „masochistische Obsessionen“ bescheinigt, und diese auch für den Auslöser des Amoklaufs hält, kann der von den Eltern der Opfer bestellte Psychiater Peter Winckler aus Tübingen nichts Krankhaftes dieser Art erkennen. Die These seines Kollegen sei spekulativ und „aus der Luft gegriffen“. Während du Bois glaubt, Tim K. habe gezielt auf Frauen und Mädchen geschossen, ist Winckler vom Gegenteil überzeugt . Er betont die Außenseiterrolle von Tim, und die überhöhten Leistungsansprüche, denen der 17-Jährige ausgesetzt war.
Zwei Positionen, dazwischen ein Graben. Die Kluft zwischen den Experten ist jedoch mehr als ein Gutachterstreit, denn die Frage nach den Ursachen für die entsetzliche Tat ist auch eine Frage nach der öffentlichen Schuld: Hätte der Amoklauf verhindert werden können? Wenn ja, wie? Trotz der zahlreichen Details, die scheinbar Hinweise auf die Motivation von Tim K. geben, von pornografischen Fotos auf dem Computer, über die Waffenkammer des Vaters, bis hin zu mutmaßlichen Aktivitäten im Internet: Die Informationen über den Winnender Täter bleiben spärlich. Seine Handlungsweise erklären zu wollen könnte somit aussichtslos erscheinen – wäre Tim K. der erste und einzige Jugendliche, der in seiner Schule Amok gelaufen ist. Seit 1974 hat es weltweit aber mehr als 120 sogenannte School-Shootings gegeben. Zwischen den Tätern sind Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten erkennbar, die auch ein Licht auf die Katastrophe in Winnenden werfen. Und auf Tim K.
Was also weiß man? Da ist zunächst einmal der irritierende Umstand, dass Schulamokläufer so gar nicht dem typischen Bild des jugendlichen Gewalttäters entsprechen. Kriminelle oder militante Jugendliche stammen häufig aus Familien mit niedrigem Einkommen, sie wachsen in sozialen Brennpunkten auf, wo sie in der Regel schon früh körperliche Gewalt erfahren und sich bald selbst durch asoziales Verhalten hervortun – nicht zuletzt in der Schule. Ganz anders der typische Schulamokläufer: Er kommt zumeist aus der Mittelschicht, er lebt in einer (oberflächlich gesehen) intakten Familie, er eckt im sozialen Umfeld selten an und bleibt auch in der Schule unauffällig. Der Täter lebt im kleinstädtische Idyll der heilen Welt, das er schließlich von innen heraus zerstört. So war es auch in Winnenden.
Ohne echten sozialen Halt
Es liegt deshalb nahe, nach einer Triebfeder für Gewalttaten zu suchen, die eben nicht charakteristisch ist. Die verbreitete Behauptung, Psychopharmaka wie die Antidepressiva Prozac oder Luvox könnten ein Auslöser sein und zuvor unauffällige Jugendlichen urplötzlich zu Massenmördern machen, ist zwar haltlos. Dennoch könnte es sich bei der unerwarteten Verwandlung vom Kind zum Täter um den jähen Ausbruch einer Psychose handeln, einer seelischen Erkrankung, die durch Realitätsverlust gekennzeichnet ist und sich in verschiedenen Formen oder Mischformen von Schizophrenie bis Paranoia äußern kann. Psychosen sind oft erblich beeinflusst und treten gleichfalls in Milieus auf, in denen Gewalt und Kriminalität selten sind. Auch die Gießener Kriminologin Britta Bannenberg weist in einer aktuellen Veröffentlichung darauf hin, dass die Täter wahrscheinlich „in weitaus höherem Maße psychopathologisch“ seien, als bisher angenommen. Selbst Gutachter Winckler hält für möglich, dass Tim K. unter dem Einfluss einer beginnenden Psychose handelte. Sind Schulamokläufer also schlicht kranke Irre?
Hauptvertreter dieser These ist der amerikanische Psychologe Peter Langman, der erst vor wenigen Monaten große mediale Aufmerksamkeit erregte, als sein Buch mit Psychogrammen von zehn Schulamokläufern erschien. Von allen Tätern lagen Dokumente wie Tagebuchaufzeichnungen oder Verhörprotokolle vor, Langman hält sie alle für seelisch schwer krank. „Es sind keine normalen Jugendlichen, die sich für Mobbing rächen. Es sind keine normalen Jugendlichen, die zu viele Videospiele spielen. Es sind keine normalen Jugendlichen, die einfach mal berühmt sein wollten.“ Schulamokläufer, urteilt Langman, seien in jedem Fall gestörte Individuen. Hätte Langman recht, wäre der Widerspruch beseitigt, dass auf Schulamokläufer so gut wie keines der üblichen Merkmale jugendlicher Gewalttäter zutreffen. Denn Schulamokläufer wären eben nicht Opfer ihres sozialen Hintergrundes, sie wären schlicht geisteskrank – oder seelisch so extrem geschädigt, dass es einer schicksalhaften Geisteskrankheit gleich käme, auf die nur schwerlich Einfluss zu nehmen wäre. Der Haken an dieser verlockend einfachen Erklärung aber ist: Sie widerspricht vollkommen der bisherigen Forschung. So wertete der Kriminalpsychologe Frank J. Robertz sechs amerikanische Studien aus, die sich auch mit dem Täterprofil befassten, und stellte fest: „Die psychische Verfassung der jugendlichen Täter ist gemäß der Mehrzahl der Studien nicht von schweren psychischen Erkrankungen bestimmt.“
Wie war das bei Tim K.? Der Stuttgarter Tiefenpsychologe Horst Obleser hat versucht, die seelische Verfassung des 17-Jährigen anhand der bekannten Fakten zu rekonstruieren. Das Überraschende an Oblesers Ergebnis ist, dass Tims Handlungsweise auch ohne Diagnose, sei es Psychose, sei es Psychopathie, nachvollziehbar wird. Für die Umwelt, in der Tim K. lebte, sind die Schlussfolgerungen allerdings nicht sehr schmeichelhaft.
Mit Nichtachtung gestraft
Obleser zufolge litt Tim K. in erster Linie unter hartem Erfolgsdruck und gleichzeitig unter einem dramatischen Mangel an Liebe und Zuwendung. In der Schule kam er nicht gut voran. Star der Familie war seine jüngere Schwester, die erfolgreicher und beliebter war als der ältere Tim. Der Vater, ein Unternehmer, erwartete von seinem Sohn vor allem Durchsetzungskraft und Leistung – sportliche Siege im Tischtennis oder im Schützenverein waren wichtig. Hatte Tim Erfolg, wurde er gelobt und mit Geld belohnt. Scheiterte der Sohn, wurde er vom Vater mit Nichtachtung gestraft. „Wie wütend muss man auf eine Welt sein, in der es so viel Schönes, Warmes und Glückliches gibt, aber man selbst kann nicht daran teilhaben und muss zuschauen?“, fragt Obleser. Zumal Tim auch beim anderen Geschlecht nicht ankam. Die Mädchen liebten immer andere, Tim K. bekam wieder keine Zuneigung. „Der resultierende Hass war das Ergebnis einer nach Liebe und Anerkennung hungernden Seele“, schreibt Obleser.
Natürlich sieht der Tiefenpsychologe auch die abgründigen, kranken Seiten von Tims Seele. Ausgerechnet in der Nacht vor dem Amoklauf lud sich der 17-Jährige offenbar 120 Bondage-Bilder aus dem Internet auf seinen Rechner. Bilder, auf denen gefesselte Männer von Frauen gequält werden. Gutachter du Bois hat diesen Umstand als klaren Hinweis auf eine sexuelle Perversion interpretiert. Obleser dagegen sieht in den Bildern einen symbolischen Ausdruck für die Qual der gefesselten Seele. Tim K. sehnt sich nach Nähe und Liebe, aber gefangen von den äußeren Umständen läuft sein Bedürfnis ins Leere. Wo Anerkennung und Liebe fehlen, bietet die Gegenwart jedoch Ersatzbefriedigungen an. Die Rolle der Medien, insbesondere der Einfluss von Computerspielen, ist in der Öffentlichkeit immer wieder debattiert worden. Wären die Täter tatsächlich psychotisch, so wie es Langman glaubt, bliebe ein solcher Einfluss zu vernachlässigen.
Eine Reihe von Wissenschaftlern aber schätzt die Bedeutung der Gewaltmedien ganz anders ein. Unter ihnen auch der Nestor der deutschen Kinder- und Jugendpsychiatrie Reinhart Lempp, der die prägende Kraft von Bildmedien auf die Köpfe von Jugendlichen für nahezu verheerend hält. Insbesondere in der Phantasie potenzieller Amokläufer, glaubt Lempp, bauten sich unter dem Eindruck von Spielszenarien und Gewaltbildern Schritt für Schritt regelrechte Nebenrealitäten auf. Diese Parallelwelten können eine Dimension erreichen, die das echte Leben zu verschütten droht. Löst eine Kränkung oder Blamage, etwa in der Schule, dann intensive Gefühle wie Wut oder Scham aus, kann der letzte Bezug zur Wirklichkeit zusammenbrechen. Nun wird der Täter tatsächlich psychotisch. Er taucht komplett in seine Nebenrealität ab. Lempp spricht von einer „Zehn-Minuten-Schizophrenie“ – das ist ungefähr die Zeitspanne, die das Massaker dauert. Die Täter sind nicht geisteskrank, aber vorübergehend werden sie es, sobald der Entschluss zum Amoklauf gefasst ist. Hier offenbart sich auch der klare Unterschied zu Langman: In Langmans Theorie bringen die Täter ihre Störung bereits mit, Lempp zufolge entsteht die Störung im Wechselspiel mit dem kulturellen und sozialen Milieu, in dem die Täter aufwachsen und auf das sie schließlich so brutal reagieren.
Lempps These verschiebt den Schwerpunkt der Problematik genau dorthin, wo es unbequem wird. Die Frage lautet nicht mehr: Wie krank ist der Täter? Sondern: Wer ist hier überhaupt krank – der Täter oder seine Umwelt? Oder beide? Wie Obleser geht Lempp davon aus, dass sich die Täter nicht grundsätzlich von vielen anderen Jugendlichen unterscheiden. Aber sie geraten in eine emotionale Sackgasse. Ohne echten Halt in ihrer Familie, unter dem Triebdruck der Pubertät, in einer Schule, die ohne Gnade auf Leistung pocht, irritiert durch eine ungewisse Zukunft, geraten sie in die Wahnwelt ihrer medial befeuerten Nebenrealität. Der psychotische Ausnahmezustand, der schließlich den Amoklauf ermöglicht, ist also nicht allein das Ergebnis persönlichen Wahnsinns sondern zugleich eine Reaktion auf das Umfeld. Nur beides zusammen, der verwundbare Täter und eine als beängstigend und brutal empfundene Mitwelt, erzeugen das hochexplosive Gemisch, das zum Schulamoklauf führt. Auch der Bielefelder Pädagoge Wilhelm Heitmeyer sieht diese Verquickung persönlicher und sozialer Faktoren. Die Täter stünden in einem für sie unlösbaren Konflikt: Sie sollen stark und erfolgreich sein, aber mit dem dafür notwendigen seelischen Rüstzeug werden sie nicht versorgt. Wie viele andere Jugendliche pflegten sie Überlegenheitsphantasien. Aber ihnen fehle die Möglichkeit, diese in einer Weise umzusetzen, für die man Anerkennung bekommt.
Insofern ist der Schulamokläufer kein kranker Außenseiter: Er teilt die Erfolgs- und Überlegenheitsideologie mit vielen anderen und nicht zuletzt mit der Elite in dieser Gesellschaft. Tim K. hatte wenige Tage vor dem Massaker offenbar beim Tischtennis haushoch verloren, einer Sportart, in der es seinem Vater wichtig war, dass er zu den Siegern zählte. Vielleicht war das der Funke, der in ihm die Katastrophe auslöste. Unter dem Druck von Beschämung und Aggression konnte er den – aus seiner Sicht geringfügigen – Unterschied zwischen der Alltagswirklichkeit und seinen Gewaltphantasien während der Tat nicht mehr erkennen. Von der Polizei in die Enge getrieben, brach seine kurzeitige Schizophrenie am Ende wohl dennoch zusammen. Das mag der Anlass für Tim K. gewesen sein, sich zu erschießen.
Hans-Peter Waldrich arbeitet als Pädagoge in Freiburg. Er ist Autor des Buchs "In blinder Wut: Warum junge Menschen Amok laufen"
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Statistisch sagen mehrere Quellen sind Psychotiker (Schizophrene) nicht gewalttätiger als "Gesunde". Leider wird in den Medien gerade immer einzelne "psychisch kranke" als Gewalttäter gezeigt. Das wird - meiner Meinung - den ca. 1 Millionen Psychotiker in Deutschland nicht gerecht; es wird ein Bild von dieser "Krankheit" geschaffen, in denen sich viele stigmatisiert fühlen.
Vielleicht gibt es auch deswegen so viel psychiatrische Gewalt - aber die Gesellschaft; Medien gucken ja nicht hin. Psychose allgemein ist in erster Linie eine Stressreaktion (wie z.B. auch Burnout) - in der nachweislich eben nicht die Menschen gewalttätiger sind, als in der restlichen Bevölkerung. Im Gegenteil: Ein Zustand einer Psychose ist sehr leidvoll, besonders wenn man mit Psychopharmaka so sediert wird, dass man sich nicht mehr bewegen kann oder eingesperrt wird. ... von daher zweifel ich diesen Artikel an; es wird wieder - wie in anderen Medien - das Bild vom Gewalttätigen Schizophrenen gezeichnet. yaar |
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Auf keinen Fall sind "Psychotiker" gewalttätiger als "Gesunde"! Ich hoffe nicht, dass eine solche Aussage unabsichtlich in meinem Beitrag steckt. Sehr interessant ist yaars Hinweis, Psychosen seien Stressreaktionen. Die Verhaltensweisen von Schulamokläufern sind nämlich genau das: Reaktionen auf unerträgliche Vereinsamung bei gleichzeitigem Druck von allen Seiten. Die in dieser Lage entstehende Angst ist zugleich extremer Stress. Gegenwärtig besteht aber die Tendenz, Schulamokläufe durch ein kranke Veranlagung zu erklären. Überspitzt ausgedrückt: es würde mich nicht wundern, wenn man demnächst ein Gen für Schulamokläufe entdeckt. Die Konsequenz könnte darin liegen, den ungeheuren Stress, den die neoliberal zugerichtete Gesellschaft produziert, auszublenden und potentielle Täter in die Psychiatrie abzuschieben. So schrieb Andrian Kreye einmal in der Süddeutschen Zeitung: "Es gibt nur einen einzigen Grund für einen Amoklauf: die Pathologie des Täters". (18.04.07) Das ist falsch.
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Lieber Herr Waldrich,
I Bei allem Verständnis, die höchst interessanten Theorien zur Genese von Amok-Taten in Kontrasten zu verfolgen, -das ist ja mit den beiden Gutachten als Hintergrund durchaus möglich-, sollte mit dem Begriff "Schizophrenie" vorsichtig und verantwortlich umgegangen werden. Leicht könnte der Eindruck enstehen, schizophrene Menschen seien häufiger gegen Fremde oder die Familie gewalttätig und aggressiv, als die "gesunde" Durchschnittsbevölkerung. Das ist aber nicht der Fall. Zweitens wäre es ebenso am Ziel vorbei, zu behaupten, Amoktäter seien überwiegend Schizophrene. - In der Regel wird genau das Gegenteil zutreffen und auch nur einige wenige der Amoktäter weisen mehr oder weniger deutlich mehrere Symptome schizophrener Menschen auf. Die beiden Gutachter-Thesen entlang dieses Falles in Winnenden schließen sich ja, was die Quintessenz angeht, nicht unbedingt aus! Aber, das ist nun eher eine Frage für die Leute, die mit dem konkreten Fall beschäftigt sind. II Die Weiterungen, also von den Insitutionen, aber auch von Eltern, Mitschülern und Bekannten, also dem sozialen Umfeld, mehr Aufmerksamkeit für Frühzeichen einer gestörten Kindheits- und Jugendentwicklung zu fordern, die sind seit gut drei Jahrzehnten der Regelfall. Es passiert aber wenig. Die Forderung, nach mehr Aufmerksamkeit und nach mehr Personen, die mit dieser "Aufmerksamkeit" verantwortlich umgehen können, denn hier sind sicher, aufgrund gesellschaflicher und ökonomischer Bedingungen, Defizite in vielen Familien und in den Bildungs- und Ausbildungsstätten eingetreten, ist ja nicht an einen psychischen Krankheittypus, eine psychische Störung oder Belastung, gebunden, sondern sie gilt allgemein für die problematisch "lauten" und viel mehr noch für die problematisch "stillen" Kinder- und Jugendlichen. Die Vorläufer und Frühzeichen bei einem Kind oder Jugendlichen, seien sie nun traumatisch, familiär bedingt, organisch oder genetisch, nicht zu erkennen, -z.B. den sozialen Rückzug, besondere und zunehmend absorbiernde Neigungen zu bizarren und den Alltag schwer belastenden Aktivitäten, Passivität, Suchtneigung, psychische Abstumpfung, etc.-, setzt Trends in Gang und verhindert ein rechtzeitiges Eingreifen. III "Von der Polizei in die Enge getrieben, brach seine kurzeitige Schizophrenie am Ende wohl dennoch zusammen. Das mag der Anlass für Tim K. gewesen sein, sich zu erschießen." Dieser Satz ist leider, ich muss es sagen, besonders unwahr, und er lockt bei der allgemeinen Betrachtung, und nur um die kann es hier ja gehen, auf eine völlig falsche Spur. Schizophrene Zustände werden so gut wie nie durch ein "in die Enge treiben" beendet und das "Aufwachen" aus einer Psychose, das z.B. bei depressiven Formen unter Behandlung öfter zu einer Aktivierung von Selbstötungsimpulsen führt, sozusagen die Handlungsenergie zurück liefert, bevor sich die Verzweiflung- und Selbsbezichtigung abbaut, hat damit nichts zu tun. Die jugendlichen Amokläufer wachen nicht auf, erkennen, "Was habe ich nur getan" und dann richten sie sich selbst. Viel plauibler ist, grundsätzlich davon aus zu gehen, dass bei der in Gang gesetzten "Amok- Tat", der Handelnde, es sind auch wenige Frauenfälle bekannt, seinen Tod bewusst oder vorbewusst, einplant. Entweder durch den Einsatz der Polizei selbst, oder aber durch die eigene Hand. Das hat mit "Aufwachen" wenig zu tun. Viel eher kommt der emotionale Affekt, das Erschrecken nach der Tat, das "Aufwachen", "Was habe ich getan", bei Beziehungstaten zum Ausbruch. Dann tötet sich der Täter. IV Für Psychiater und andere Therapeuten ist ja lange klar, dass das, was schizophren genannt werden kann, eine Prozesskrankheit mit starker genetischer Basis ist. Selbstverständlich ist der Ausbruch der Erkrankung und der Verlauf ganz stark von Außenfaktoren abhängig. Ebenso klar ist, es gibt, auch im interkulturellen Vergleich gut belegt, kurzzeitge schizophrenieähnliche Zustände. Viel weiter gefasst ist der Begriff der "Psychose", die in einem Spektrum, sowohl von Betroffenen bewusst herbeigeführt werden kann, als auch durch Suchtmittel schleichend oder akzidentiell entsteht, als auch im Rahmen einer Depression, als auch durch Stressoren ausgelöst, als auch durch klassische organische Krankheiten, verursacht werden kann. Die wohl älteste, immer wieder wissenschaftlich untersuchte und empirisch relativ leicht zugängliche und beforschbare Form einer, meist temporären Pschose, ist das "Delir". Wiederum mit einer Vielzahl von Verursachungsgründen. Aber auch für kurzzeitige, schizophrenieähnlichen Psychoseformen gilt, dass die wichtigsten Kriterien, eben nicht wahnhafte oder illusionäre Vorstellungen und Verkennungen sind, wie allgemein geglaubt, sondern eben jene Selbstwahrnehmungen der Betroffenen, die von der "Gemachtheit" ihrer Zustände, und von einer Unfähigkeit dem persönlich entgegen zu wirken, berichten. Bei Amoktätern müsste man dann solche Hinweise in Aufzeichungen, auf den Computerfestplatten, in Tagebüchern und in Aussagen gegenüber Dritten finden. - "Ich will nicht", "Es treibt mich". - Die Täter und womöglich Kranken, kann man ja häufig nicht mehr befragen. Hierin liegt auch mein Verdacht begründet, dass es meist überzogen ist, Amoktätern und deren Motiven mit einer Psychose oder gar Schizophrenie- Diagnose näher zu kommen. Denn bisher ist nicht bekannt, dass in dem realtiv häufig massenhaft vorhandenen, im nachhinein entdeckten persönlich-biografischen Material, dafür ausreichend viele Hinweise zu finden sind. Es überwiegen doch eher Statements und Selbstaussagen, die auf Kränkungen, Zurücksetzungen, Rache und Verdammungsmotive einerseits und andererseits auf Größenfantasien, die einmal überlegene Geste, die einmal erreichte, absolute Kontrolle über das Geschehen hin deuten. Daher auch die vielen Nachahmertaten und Bezüge, was widerum für schizophrene Entwicklungen heute eher völlig unüblich ist. - Früher gab es so etwas einmal häufiger im Zusammenhang mit religiösem Wahn. V Wir haben ein Problem. Persönlichkeitsstörungen, also nicht Psychosen, sind heute besser definiert als noch vor Jahrzehnten und es gibt mehr Unterkategorien davon. Persönlichkeitsstörungen entziehen sich den klassischen, an Neurosen und Phobien, entwickelten Behandlungsstrategien und der sozialen Aufdeckung, weil erstens ein Krankheits- oder Störungsbewusstsein nicht oder nur unzureichend vorhanden ist und zweitens bestimmte in der Gesamtgesellschaft häufig vorkommende Formen so unglaublich erfolgreich in einer auf Funktion gerichteten Gesellschaft sind. - Empathielosigkeit, Interesseneinengung, starker innerer Druck zur Wiederholung von Überlegenheits- und Machtgesten, gesteigertes Risikoverhalten ohne Absehen der Folgen, sind häufig geradezu erwünschte Eigenschaften, die sich gut hinter "Erfolgen" verstecken. Der Gegenpol sind eher jene unscheinbaren, ängstlich-gehemmten Menschen, die wahrlich viel von anderen "schlucken", aber damit ein Potential an Unrechtserfahrungen und auch an Aggressionen mit sich herum tragen. Das Problem hat sich vergrößert, weil gesellschaflich implizit davon ausgegangen wird, das solche psychischen Störungen nicht behandelbar, nicht erkennbar und nicht vermeidbar seien. Diese Störungen haben aber eindeutig ebenfalls eine Genese, einen häufig sehr frühen Beginn in der Kindheit und Jugend und einen prozesshaften Charakter. Umweltfaktoren und familiäre Strukturen, Kränkungen die nicht aufgearbeitet werden, weil dafür im Umfeld keine "Antennen", keine Ansprechpartner vorhanden sind, die Haltung im Umfeld der Bildungseinrichtungen, bewirken ein Übriges. VI Nach all´ dem über Amokläufer Berichteten, gibt es eben auch noch eine große Überschneidung und ein Dunkefeld mit dem Bereich der Beziehungstaten. Auch hier geschehen Amok-ähnliche, furchtbar brutale Verbrechen im familiären oder Partner-Umfeld, mit kaum glaublichen Tathandlungen, durch viele "ganz normale", einige persönlichkeitsgstörte und ganz wenige schizophrene Menschen. Bevor ein Täter dem Amok-Muster leichtfertig zugeordnet werden kann, sollte das berücksichtigt werden. Liebe Grüße und Mahlzeit Christoph Leusch |
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schrieb am
13.03.2010 um 22:17
"Für Psychiater und andere Therapeuten ist ja lange klar, dass das, was schizophren genannt werden kann, eine Prozesskrankheit mit starker genetischer Basis ist."
Es mag sein, dass zahlreiche Psychiater und Therapeuten diese Meinung besitzen - dennoch gibt es fuer eine solche Schlussfolgerung keine belastbaren Evidenzen. Ausser dem Allgemeinplatz, dass alle menschliche Taetigkeit genetische Komponenten besitzt. |
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Lieber Transcription factor,
Bei der Schizophrenie gibt es nun wirklich, über Zwillingsstudien, Eineiige, Zweieige,Verwandtschaf, -einige Formen haben sogar nachgewiesen Assoziationen zu einzelnen Genbereichen- , keine Frage mehr, dass diese schweren psychischen Störungen, -ich bin kein Anhänger der "Einheitspsychose" Theorie-, eine starke, vererbte Basis haben, die auch für den Ausbruch der Krnakheit mit verantwortlich ist. Die Frage ist nur, welche Faktoren könnten verhindern, dass die Krankheitsanlagen phänotypisch sichtbar werden und wie stoppt man, und wann, eine Prozesskrankheit an der ca. 0,8-1% der Gesellschaft leiden. Wenn Sie dazu mehr wissen möchten, dann fahnden Sie nach den entsprechenden Studien aus dem Mannheimer Zentralinstitut für seelische Gesundheit (z.B. Häfner, Köhler, dort Konkordanzraten und Überblicke). Selbst ein immer noch der biologischen Psychiatrie, zu Recht, kritisch gegenüberstehendes Standardlehrwerk von Dörner, Plog, Teller, Wendt, sieht das nicht anders. Sie können auch sehr gut nachvollziehen, weil es gut geschrieben ist, was Rainer Tölle oder Herr Lempp (s.o.) dazu in ihren Standardwerken schreiben. Das andere Problem ist die Stigmatisierung. Schließlich fragt die Öffentlichkeit beständig nach, ob einer, der Verbrechen begeht, mordet, eventuell krank ist. Die Frage der Schuldfähigkeit und Zurechnungsfähigkeit ist ja das tägliche Brot im Strafprozess. Ebenso wird Menschen mit einer Schizphrenie, die weder ich, noch Sie je auf der Straße oder am Arbeitsplatz erkennen würden, es sei denn es gibt gerade einen Schub, oder den langsamen Fortschritt der Krankheit, voreilig und oft ohne viel Nachdenken, die Arbeits- und Berufsfähigkeit abgesprochen und in vielen Fällen auch die Selbstständigkeit. Dass alle menschliche Tätigkeit ein biologische Basis hat, das ist Binse. Aber, Sie meinten ja direkte "Ursachen". Wie schon einige Mitkommentatoren und auch Herr Waldrich klar erkannten, sind die schizophrenen Menschen im Bezug auf Amoktaten eher eine extreme Ausnahme. Gewagt ist eben die These, es gebe so etwas wie Ultrakurzpsychosen, die dann, unter einem neuerlichen Schock zusammenbrechen, woraufhin der jugendliche Täter, nun im Bewusstsein seiner Tat, "aufgeweckt" aus der Psychose, durch die Intervention der Polizei, sich selbst tötet. Wie gesagt, es gibt dafür immer eine Möglichkeit, fast nichts is unmöglich, aber die Hauptprobleme sehen anders aus. Daraus würde ich kein Standarderkärungsmuster machen. Liebe Grüße Christoph Leusch |
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Lieber Herr Leusch,
also noch einmal: zu suggerieren, Psychotiker, Schizophrene etc. seien gewaltsamer als andere Menschen, war natürlich nicht meine Absicht. Das trifft schon eher den von mir zitierten Autor Langmann. Die These der "Zehnminuten-Schizophrenie" und auch der Hinweis auf das anschließende "Aufwachen" stammt vom Kinder- und Jugendpsychiater Reinhart Lempp (Nebenrealität, Jugendgewalt und Zukunftsangst, 2009). Und die folgenden, von Ihnen oben notierten Sätze geben genau meine eigene Position wieder. Sie schreiben, es wäre "am Ziel vorbei, zu behaupten, Amoktäter seien überwiegend Schizophrene. - In der Regel wird genau das Gegenteil zutreffen." Genau das, denke ich mit Gründen, ist richtig. Ich selbst bin kein Psychiater, bin aber genötigt, zur Erforschung des überaus komplexen (und alle Fachgrenzen sprengenden Problems) auf Psychiatrisches zuzugreifen, nach bestem Wissen und Gewissen. Sofern Sie, Herr Leusch, auf diesem Feld, wie es ganz offenbar der Fall ist, Nützliches beitragen können, würde ich mich freuen, wir kämen in Kontakt. Unter meinen Freunden befinden sich zwar Psychoanalytiker, die mir Rückmeldung geben, aber keine Psychiater. Soviel in Eile. Mit Gruß Hans-Peter Waldrich h.p.waldrich@web.de |
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Lieber Herr Waldrich,
Mein Beitrag war keinesfalls als generelle Kritik an Ihrem Artikel gedacht, und ich muss sagen, ich finde die übrigen Grundaussagen auch völlig in Ordnung, weil sie einen größer gewordenen Schwachpunkt in der Struktur und Ausrichtung unserer Bildungs- und Erziehungseinrichtungen ansprechen (Phineas Freek und THX1138 haben dazu ja ebenfalls kommentiert). Wie gesagt. Bis auf den einen, von mir zitierten Satz, der aber wesentlich ist, weil er aus einer sehr spekulativen Vermutung eine Suggestion für das Leserpublikum macht. Das gilt auch für die Bemerkungen zur Schizophrenie. Es fiel ja auch meinem Mitkommentator (m/w) "Yaar" auf, dass da Missverständnisse auftreten können. Dann kam noch ihr Antwort-Kommentar, und die meisten Dinge lesen sich nun viel klarer. Gerne helfe ich mit Erfahrung und medizinischem Rat (ich schreibe), denke aber, dass in Freiburg und um Freiburg ganz hervorragende medizinische und pschologische Ratgeber zur Verfügung stehen, die sich auskennen. Ich würde die ansprechen und einladen mit zu machen. Was nun die Formel von der "10-Minuten- Schizophrenie" angeht, so kenne ich Fälle aus persönlicher Beobachtung, bei denen sich tatsächlich die Charakteristik der Psychose relativ schlagartig ändert, insbesondere die Stimmungslage. Diese Menschen erscheinen dem Beobachter von einem Moment zum Nächsten wie ausgewechselt. Aber, das sind Menschen, die von einem psychotischen Zustand in einen anderen fallen und keinesfalls komplexe Tathandlungen ausführen können oder vorbereiten. Diese Psychosen gibt es unbestritten, sie haben aber einen Vorlauf und eine Abklingphase. Denkbar wäre ja auch, dass durch ein traumatisches Erlebnis dissoziative Zustände auftreten, aus denen ein Betroffener plötzlich wieder in die Realität zurück kehrt. In der Dissoziation handelt er scheinbar geordnet und konsequent. Aber, dabei handelt es sich um sehr seltene Vorgänge und keiner der Betroffenen plant in der freien und ungestörten Vorphase eine komplexe Handlung, geschweige denn, eine komplexe Mordtat mit vielen Opfern. Ich hätte Sie mehr dafür loben sollen, dass Sie den Finger in eine schmerzliche Wunde legen. Wir haben, was Erziehungsfragen und Hilfen angeht, unsere Ausbildungssystem schon sehr stark auf Durchsatz und überprüfbare Effizienz ausgelegt und erzielen damit nicht einmal für diese Aufgabenfelder optimale Leistungen. Hohe Schulabbrecher- und Schulversagerquoten, Hauptschüler, die in manchen Städten auch nach 9 oder sogar 10 Jahren Unterricht kein gutes Deutsch sprechen und schreiben, obwohl sie doch beständig mit Tests gesprüft und mit Noten bewertet wurden, legen dafür eindeutig Beweis ab. Aus der Intelligenzleistungsmesssung ist klar belegt, die Schülerinnen und Schüler unter Stress und endlich enddend als "Schulversager", sind nicht dumm, unfähig und unbildbar. Ganz im Gegenteil! Der Prozentsatz auf den das, weitgehend durch erworbene Krankheit und genetisches Erbe bedingt, zutrifft, wäre unter normalen Verhältnissen sehr klein (max.2,5-3%). Aber selbst dann, müsste davon, nur ein viel kleinerer Anteil hingenommen werden, bei dem sich schwere Sozial- und Verhaltensstörungen ausbilden. Seit geraumer Zeit tritt das andere Problem klar zutage. Ganz offensichtlich fehlt die adäquate Entwicklung der psychosozialen Fähigkeiten und somit der gesellschaftliche "Klebstoff", der uns alle untereinander verträglicher macht. Der sozialen Kompetenz wird zu wenig Beachtung geschenkt, vielleicht fehlt mittlerweile sogar in den Einrichtungen die speziell dafür zuständig sind, beim Personal an dieser Kompetenz. Denn Schulsysteme sind träge, stark an Verwaltungsvorschriften und einen Wust an Papier gebundene institutionelle Vorgaben fressen Arbeitszeit und Motivation. Keine "Institution" bleibt davon ausgenommen. Eltern wollen z.B. frühe Hort- und Bildungseinrichtungen nicht deswegen, weil Ihnen eine gute psychosoziale Betreuung dort wichtig wäre, sondern zuförderst, weil zwei Einkommen her müssen, die Arbeitsfähigkeit und Notwendigkeit beider Eltern mittlerweile sozial zwingend besteht, Teilzeitarbeitplätze und Geringverdienste bei hoher Arbeitsdichte und hohem Verfügbarkeitsanspruch der Arbeitgeber, lassen keine Spielräume, weil die Arbeit und die geringen Verdienste dafür dies nicht hergeben. In der Regel werden also die Erziehungsberechtigten der Modellfamilie ganz absichtlich und von fast allen gesellschaftlichen Kräften nur sehr obverflächlich hinterfragt, aus der Grunderziehung heraus genommen. Es heißt auch Sand in die Augen streuen, wenn wir glauben, nun übernähmen Männer einen größeren Anteil an der Kindererziehung. Die objektiven Tatsachen sprechen für etwas mehr Flexibilität in den Rollenmustern, aber die intensiven Beschäftigungszeiten, die Intensität der Erziehung in den Familien nimmt ab. In den meisten Fällen sind es die strikten ökonomischen Notwendigkeiten, die dazu führen, aber es gibt auch die soziale Verwahrlosung inmitten materiell gut gesicherter und oberflächlich völlig intakt erscheinender Familien. Andererseits erfolgt die Werbung für frühe Bildungseinrichtungen primär unter dem Gesichtspunkt "frühes Lernen" (z.B. Englisch, Mathe und Bio im KIGA). Das ist auch erfolgreich und sorgt mittlerweile in manchen Städten für hohe Kindergartenquoten, zumal Leistungsstandsüberprüfungen zunehmend obligat für den Übertritt in die Regelschule werden. Ich bin mir sicher, Sie kennen das viel besser, als ich es je wissen und mir anlesen kann. Um Amoktaten, aber z.B. auch andere Probleme an Schulen und in den Familien eventuell besser zu verhindern, ist ein Netzwerk gut. Mir scheint, diese "Netzwerke" werden zwar leicht geknüpft, wenn sich Leitungen von Institutionen austauschen und treffen,- das bringt ja auch Prestige und wieder gegenseitge Einladungen- , aber viel schwerer ist es, die Netzwerke vor Ort an den einzelnen Schulen, Kindergärten und sonstigen Einrichtungen zu verwirklichen und die Elternarbeit nicht nur mit jenen zu forcieren, die es nicht nötig haben und einfach aus Engagement, Interesse und mit dem nötigen Zeitbudget ausgestattet, kommen.- Diese zweite, strikt lokale, problembezogene und ortsbezogene Art der sozialen Netzwerke erfordert mehr Engagement und bringt zunächst weniger Achtung und Reputation. Aber genau um diese Arbeit geht es. Sie muss geleistet werden und der Staat, wie andere Teile der Gesellschaft müssen dazu nun bald etwas Substanzielles beitragen. Liebe Grüße Christoph Leusch |
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„Insofern ist der Schulamokläufer kein kranker Außenseiter: Er teilt die Erfolgs- und Überlegenheitsideologie mit vielen anderen und nicht zuletzt mit der Elite in dieser Gesellschaft.“
Korrekt. Das der damit einhergehende sich immer destruktiver auswirkende forcierte Leistungsdruck einer „Bildungseinrichtung“ deren Zweck die Menschen(aus)Sortierung mittels Bildung war und ist, mittlerweile auch aus einem Großteil der Grundschüler lauter Psychowracks produziert, die nur noch durch die erzwungene Einnahme von Drogen „unter Kontrolle gehalten werden“, sollte nicht verschwiegen werden. Die oben im Beitrag beschriebene öffentlich propagierte Psychologie offenbart hier exemplarisch ihren affirmativen Zweck, alle wirklichen und theoretisch nachvollziehbaren Gründe dieses Amoklaufes, die in den Zwecken des staatlichen Bildungsauftrages, seiner pädagogischen Praxis und konkurrenzmoralischen Vermittlung ganz offen zutage treten, in die „kranke“ Natur des Täters zu verorten. Deswegen erfreut sich diese Vulgärpsychologie auch bei seinen staatlichen Auftraggebern, den pädagogischen Tätern und der „Öffentlichkeit“ einer so großen Beliebtheit: nämlich als ideologischer Rechtfertigungslieferant für alle notwendig verfügten staatlichen Zumutungen: die sind dann immer aus dem Schneider und ganz unschuldig. Dass dieser Art der alltagsmoralischen Unterfütterung für das bürgerliche Gemüt, den gleichfalls sinnstiftenden Kollegen von der metaphysisch-religiösen Konkurrenz immer mehr das Wasser abgräbt, sei nur am Rande erwähnt. Wenn sich mit den „Zeiten“ auch die „gesellschaftlichen Erfordernisse“ verändern und radikalisieren, so verändert sich mit ihnen auch das bürgerliche Bedürfnis nach sinnstiftender und ideologischer Unterweisung – so hat dann auch jede Epoche seine Pfaffen nebst entsprechenden Kirchen. |
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Bemerkenswerterweise hat die Mutter von einem der Opfer soeben ein Buch herausgegeben:
"(...) Sie rechnen hart ab mit unserer Gesellschaft, beklagen eine Verrohung, Entsolidarisierung... ...und fehlende Empathie, ja! Die Menschen begegnen sich nicht mehr mit Wohlwollen und Zuwendung. Unsere Kinder werden ab frühster Kindheit über Leistung definiert. Leistungsdruck, Versagensängste und Gewalt hängen zusammen! Diese gesellschaftliche Dimension des Amoklaufs wird oft negiert, man hakt die Tat als Extremfall ab und will zur Tagesordnung zurück, sieht nicht ein, dass sie bloss die Spitze eines Eisbergs aus Kälte, Gleichgültigkeit und Gewalt ist. Aussagen dieser Art sind ja insgesamt nicht neu- neu ist hingegen die Klarheit, mit der sie vorgebracht werden- von einer Laiin, wohlgemerkt. |
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Es ist bezeichnend für unsere Gesellschaft, dass die Wissenschaft für sich in Anspruch nimmt, die Frage nach dem Warum zu beantworten. Schnell wird eine Schublade aufgemacht und Fachbegriffe, in diesem Fall aus der Psychologie, hervorgeholt. Wenn sich dann noch Statistiken auftun lassen, kann eine Kategorisierung vorgenommen werden. Geht es letztendlich um Wahrheitsfindung oder um Rechthaberei? Kann man je eine Antwort auf das Warum finden, wenn der Täter nicht mehr zu befragen ist? Dass in Tims Kopf irgend etwas nicht richtig gelaufen ist, dass steht außer Frage. Niemand weiß was dort vor sich ging, wie auch niemand wissen kann, wie heil die ihn umgebende Welt gewesen ist und was ihn zum Amokläufer gemacht hat. Ich fürchte, er wird nicht der letzte gewesen sein. Deshalb ist es wichtig nach den tiefen Ursachen zu suchen, die sicher nicht in einem Menschen selbst zu finden sind, auch wenn er Ansätze in sich tragen mag. Was er nämlich ist, wird er schließlich in Rückkopplung mit dem Außen.
Mich hat dieses schreckliche Ereignis vor einem Jahr nachdenklich gemacht und zu meinem ersten Leserbrief bewogen. Ich möchte ihn an dieser Stelle nochmal anbringen: Die Welt, welche sich heute vor unseren Augen auftut, erscheint uns als so irrational und gestört, dass es nicht zu begreifen ist, was dort im Einzelnen passiert. In den Sieben- Uhr- Nachrichten höre ich von dem Amoklauf an der Schule, in den von einer Waffenlobby dominierten USA. Glück sei es, dort nicht leben zu müssen, denke ich. Doch keine drei Stunden später holt mich jene Wahrheit ein, vor der, wie ich meine, wir alle zu meist unsere Augen verschließen. Ein Junge keine 18 Jahre alt, also nicht imstande die volle Tragweite seiner Handlungen zu ermessen, dringt in eine Schule ein, erschießt dort 12 Menschen, anschließend auf der Flucht 3 Weitere, bevor er sich selbst das Leben nimmt. Unsägliches Leid bricht über die Angehörigen der Opfer und die Verletzten herein. Jeder von uns fühlt tief mit ihnen. Viele Fragen stehen plötzlich im Raum, nach den Motiven, was ging in dem Täter vor. Aber vor allem stellt sich jene, wie es zukünftig zu verhindern sei. Ich vernehme Dinge wie Änderung der Waffengesetze, Verbot für Computerspiele ab 18 und Polizeischutz an den Schulen. Ja glaubt denn jemand ernsthaft, dass wir damit was erreichen würden? Selbst bei einem völligen Verbot von Waffen erlangten wir keine Eindämmung des Problems. Und der Verzicht von Gewaltspielen erscheint mir nicht durchsetzbar in Anbetracht des Internets. Diese schrecklichen Begleiterscheinungen sind keine Weg Boten der heutigen Zeit, es gab sie schon immer. Nur mögen sie sich in früheren Epochen mit einem anderen Gesicht gezeigt haben und nicht in derartiger Massivität, was hauptsächlich auf den zunehmenden Druck in der Gesellschaft, so wie die individuelle Vereinsamung bei gleichzeitig einher gehender Anhäufung der Probleme in allen Schichten zurück zu führen ist. Wenn der innere Druck unter der Oberfläche zu groß ist, wird diese aufreißen, und an jener Stelle, die am empfindlichsten ist, entlädt er sich. Ist dies nicht ein solcher Zustand, wenn wir die sorglose Kinderzeit hinter uns lassen, aber die Stabilität eines nach Orientierung strebenden Erwachsenen noch nicht erreicht haben? Ich sehe junge Mütter und Väter, welche die erzieherischen Qualitäten ihre Eltern mehr oder weniger gut übernommen haben, doch sind diese noch zeitgemäß? Eben waren sie noch ein verliebtes Paar und genossen das Leben, nun kehrt es sich und das Leben verlangt von ihnen! Haben sie in den Jahren als sie zur Schule gingen gelernt, mit dem Druck der von außen auf sie wirkt umzugehen? Nehmen sie ihn nicht vielmehr in sich auf und geben ihn dann unbewusst an der undichtesten Stelle wieder nach außen ab, wie Wasser sich immer den leichtesten Weg sucht? Wie oft sind es die Kleinsten und Schwächsten, die sich am wenigsten zu wehren vermögen, ob innerhalb oder außerhalb der Familien. Ich denke an meine Schulzeit, wie Einzelne schon damals gemobbt wurden, Schwächere an den Rand gedrängt, die Unbeteiligten aber weggeschauten. Es ließe sich fortsetzen, doch sehen wir einfach in uns hinein! Erkennen wir in unserem wütenden Kinde nicht uns selbst, weil es uns kopiert hat, als wir wüteten, sei es mit Worten oder Gewalt? Ich bin überzeugt, dass die meisten Menschen weder gut noch böse zu Welt kommen, sondern den Raum für beides in sich tragen, jedoch zu dem werden, was ihnen im Laufe ihres Lebens wiederfährt, wobei die Jahre der Kindheit den größten Anteil generieren! Statt eine solche Tat nur mit äußeren Problemen und Gegebenheiten zu erklären, sollten wir besser in der Tiefe nach den dort wirkenden Triebfedern und Wurzeln suchen, der Gesellschaft wirkliche Werte, also auch eine Richtung abseits des Bruttosozialproduktes vorgeben, so wie uns der Verantwortung bewusst werden, die jeder Einzelne von uns gegenüber der Gemeinschaft trägt! |
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Lieber Philoron,
Sie irren, die Wissenschaftler haben kein Ei des Kolumbus entdeckt. Sie streiten, wenn auch zivilisiert. Amoktaten sind insgesamt so selten, dass schon möglichst alle Taten erfasst werden müssen, um überhaupt empirisch einige Erkenntnisse zu gewinnen. Fallanalysen und spezielle Gutachten müssen den Fällen gerecht werden. - Sie sehen, in 10 Minuten fährt kein Transrapid vom Münchner Hauptbahnhof nach Erding und die "10- Minuten Psychose" bleibt eine sehr gewagte Hypothese, wenn auch Vieles "irgendwie" möglich ist. Ich fand an Ihrem Statement einen Hinweis besonders zielführend, zumindest was das Ausmaß der Gewalt von Amoktaten, aber auch der anderen Gewaltverbrechen, sofern Waffen im Spiel sind, angeht. Die Griffnähe und Verfügbarkeit, an eine Schusswaffe, dazu besonders an mehrfach schießende und automatische Waffen und viel Munition heran zu kommen, spielt eine große Rolle bei den Schulmassakern. Dazu, wie sehr dieser Faktor eine Rolle spielt, haben sich vor allem kanadische Wissenschafler viele Gedanken gemacht, die die Tatmuster bei Tötungsdelikten in Kanada mit denen in den Vereinigten Staaten verglichen. Selbstverständlich wurden Regionen untersucht, die in möglichst allen sonstigen sozialen und ökonomischen Parametern vergleichbar sind. - Hier ist Wissenschaft auf jeden Fall bewusstseinserweiternd. Grüße C.Leusch |
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Sehr geehrte(r) philoron,
vielen Dank für Ihren umfänglichen und sensiblen, nachdenklichen Beitrag. Ich muss Ihnen jedoch in einem Punkt inhaltlich entschieden widersprechen: Der relativ leichte Zugriff auf Schusswaffen IST Teil des Problems. Würde dieser tatsächlich und wesentlich erschwert werden, gäbe es zwar nicht automatisch dieses Verhalten (und seine vielfältigen Ursachen) nicht mehr. Allerdings müsste dieses Verhalten dann gegebenenfalls nicht immer und zwangsläufig monströse Ausmaße haben. Diesen Teil des Problems zu lösen, indem man das Waffengesetz tatsächlich und wirksam verschärft [anstatt es -wie seit Jahren- kriecherisch vor einer starken Waffenlobby (in Deutschland ca. 2 Mio. - Wählerstimmen!) und vernebelnd aufzublähen], ist ein Schritt, ein erster und ganz wichtiger. Ohne derartige, hocheffiziente Schusswaffe in den geschulten Händen des 17-jährigen Tim Kretschmer könnten viele der Opfer von Winnenden und Wendlingen heute noch leben. Es gibt ein europäisches Land ( sportmordwaffen.de/vorbildengland.html ), in welchem nach einem ähnlichen Vorfall der Gesetzgeber in diesem Sinn sehr schnell und entschieden gehandelt hat. Der Privatbesitz von Faustfeuerwaffen wurde dort, bis auf ganz wenige Ausnahmen, generell verboten: seit dem (1996) hat es dort keinen Amoklauf an einer Schule mit Schusswaffen und vielen Toten mehr gegeben. |
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Hätte Tim keine Schusswaffen zur Verfügung gehabt, hätte er wohlmöglich auch einen Brand legen können. Es gäb so viele Möglichkeiten.
Nichts desto Trotz hätte ich kein Problem mit einem generellen Waffenverbot, von mir aus auch gleich eine weltweites Bewusstsein zur generellen Ächtung jeglicher Art von Waffen nach dem Motto "Keine Waffen braucht der Mensch". Ich will also nur damit sagen, dass das Problem in anderen Ebenen zu suchen ist. Ein Waffenverbot dringt nicht bis an die Ursachen solcher krankhaften Auswüchse der Zivilisation vor. Als erster Schritt zur Eindämmung mag es allerdings geeignet sein. |
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Ich bin in (fast) allem bei Ihnen. Bis auf die Sache mit `hätte auch einen Brand legen können`. Auch auf die Gefahr hin, dass Sie mich möglicherweise für einen sturen, rechthaberischen Erbsenzähler halten, der die Problematik banalisiert und damit von den anderen Ebenen des Themas ablenkt, muss ich Ihnen noch einmal widersprechen. Es ist ganz konkret nicht egal, ob jemand eine halbautomatische, Großkaliber-Schusswaffe mit extra-durchschlagsfähiger Munition benutzt oder statt dessen z.B. einen Brand legt (ein Auto/ein Messer benutzt). Diese Ungenauigkeit in der Argumentation führt zu dem fatalen (Kurz-)Schluss, dass eine wirksame Änderung des Waffenrechts eben nicht möglich sei; ein Argument, welches die Waffenlobby gern benutzt und dass auch von den (mit)verantwortlichen Politikern vorgeschützt wird. In Winnenden war nach nicht einmal 10 Minuten die Polizei vor Ort. Tim Kretschmer hat sein „Werk“ dort also in einer extrem kurzen Zeit „vollbracht“. Eine Reihe seiner Opfer hat er mit wohlgezieltem Schuss in den Hinterkopf getötet -weil diese nicht mal die Zeit hatten, sich umzudrehen, als er die Tür zum Klassenzimmer öffnete. Eine Lehrkraft, die die Tür eines Unterrichtsraumes verschlossen hatte und die sich einige Meter dahinter in diesem Raum aufhielt, erschoss er durch diese Tür -eine 8 Zentimeter dicke, massive Holztür. Die Opfer hatten angesichts der Bewaffnung des Täters nicht einmal den Hauch einer Chance.
Die Gefahr, die vom sehr unscharfen, löchrigen Waffengesetz (immer noch und weiterhin) ausgeht, muss zunächst gebannt werden. Ohne wenn und aber. Davon unberührt hat der ganze Themenkomplex, u.a. in der von Ihnen hier angesprochenen Weise, selbstverständlich noch eine ganz andere Dimension und Tiefe. Darüber gilt es nachzudenken und zu reden, zu diskutieren... Die unmittelbare, reale Gefahr aber, die von legalen, privat gelagerten Schusswaffen immer noch ausgeht, kann und muss sofort gebannt werden. Hier ist entschlossenes Handeln überfällig. Entschuldigen Sie meine Hartnäckigkeit in diesem Punkt. |
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Bei den skizzierten Erklärungsansätzen kommt der Umstand viel zu kurz, dass ein einmal etabliertes "Rollenmuster Amokläufer" zwangsläufig zu einem Anstieg derartiger Taten führt. Die "school shooter" erscheinen mir wie eine Neuauflage des Wertherfiebers. Da wird den zahllosen Personen, in denen ein entsprechendes Gewaltpotential schlummert, eine Handlungsanweisung geliefert. Detailliert lassen sich die Taten der Vorbilder studieren, teilweis am PC sogar nachspielen. Und die gottgleiche Macht, als unangreifbarer Herr über Leben und Tod aufzutreten - wenn auch nur für ein paar Minuten -, ist natürlich verführerisch.
Dass am Ende dieser Viertelstunde der Tod des Täters steht, halte ich im Übrigen für sonnenklar. Darin liegt ja gerade die vorhergehende Allmacht - in der Straflosigkeit. Die Gewißheit, ein langes Leben mit den Konsequenzen der Tat verbringen zu müssen, würde die meisten Täter wohl am ehesten abschrecken. Denn wer aus - welchen Gründen auch immer - keine Empathie für seine Mitmenschen aufbringt, dem verbleibt nur noch die Angst vor Saktionen als Hemmschwelle. |
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Die beschriebene Diagnose trifft wohl auf mehr als zehn Prozent der Gesellschaft zu, die Frage wäre also, warum es nicht wesentlich mehr Amokläufer gibt. Eine Erklärung wäre, dass viele eher zur Selbstzerstörung neigen. Das mag bei frauen stimmen, bei Männern eher nicht. Kann es nicht einfach sein, dass diese Einzelpersonen einfach derart gestört sind, dass sie im normalen Leben nicht zurecht kommen? Ich frage mich immer, wie man darauf kommt, diese Jungen seien eigentlich arme Würstchen und ihre Außenwelt sei an ihren Taten mitschuldig. Ich denke, man vergisst zu schnell, dass das schlimme Einzelfälle sind. Ich traue diesen Diagnosen eben so wenig wie Horoskopen, zuviel Spekulation, zu wenig harte Basis.
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Lieber "foa",
Wenn Sie sich sehr für die Frage interssiere, was die Ursachen und Motive von mordender Gewalt sind, so kann ich Ihnen nur das wunderbar bildreich und einfühlsam geschriebene Buch des Psychiaters Andreas Marneros, "Schlaf gut, mein Schatz", Eltern die ihre Kinder töten, empfehlen. Es kuriert nachhaltig einseitge Anschauungen und Kurzschlüsse und zwingt dazu, in Übertragung, selbst die Amoktaten nicht als generelles Syndrom, oder immer gleichförmiges Muster, sondern jede Tat als "Fall" zu betrachten. Dieses verdammt gut geschriebene Buch beschäftigt sich nun nicht mit Amoktätern, aber eben mit emotionalen, rationalen und sozialen Hintergründen von Mordtaten (Tötungen), die wir für die grausamsten und ungerechtesten überhaupt halten. Es sind vorwiegend Beziehungstaten, bei denen es obligat dazu gehört die Frage der Schuldfähigkeit abzuklären und die Motive aufzudecken. Mörder sind nie gleich und Marneros verfügt über die Wortmacht, uns verschiedene Muster klar zu machen. Vor allem heilt Marneros von der Vorstellung, Mörder, Serienmörder, Kindsmörder seien sonst im Leben unbedingt gestört oder behindert, nicht "erfolgreich" im oberflächlichen Sinne und trotzdem gibt es in jedem der vorgestellten Fälle "Knackpunkte" die in der Rückschau erkennbar werden und deren Kenntnisse heute schon helfen, Leute von der Selbsttötung oder von Gewalt gegen andere ab zu halten. - Marneros ist kein Pessimist. Liebe Grüße Christoph Leusch |
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Ist eine Gesellschaft gesund, die Menschen krank macht? Den "Amokläufer" kann man nicht mehr fragen, aber die Gesellschaft. Warum fragt die keiner???
Tim K. hat auf eine Gesellschaft und ihre "Schule", die de facto das Gegenteil von dem ist, was das Wort bedeutet, reagiert. Warum fragt - ums Verrecken - niemand nach den Aktionen dieser "Gesellschaft" und "Schule"? Tim K. ist in die Du-musst-Schule gegangen. In die Schule des Drucks, der Entpersönlichung, der vorbereiteten Schablonen, in die man sich einfügen und denen man sich unterwerfen soll. Wie wäre es, wenn Tim K. in die Ich-kann-Schule gegangen wäre, in die Schule der SOGwirkung, deren Grundlage das Persönlichkeitswachstum, die Weckung und Lenkung des Interesses, die Achtung und Anerkennung aller Talente ist? Das Defizit in der Entwicklung der Seelenkräfte und der völlige Mangel eines Angebots in der Dumusst-Schule sind geradezu schreiend. So werden Tag für Tag tausende von Tim K.´s durch Pädagogik produziert. Dass sie nicht losgehen und explodieren, ist einer gütigen Kraft zu verdanken, die die letzten, für eine Explosion notwendigen Voraussetzungen (noch) nicht zusammenkommen lässt. Als Ich-kann-Schule-Lehrer meine ich, wir täten gut daran, statt das DU-MUSST immer noch unerträglicher zu perfektionieren das ICH-KANN zu begünstigen und zu entwickeln. Ich grüße freundlich. Franz Josef Neffe |
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Da haben sie nun Psyche, Psychosen, Psychologie und sogar Psychatrie studiert mit heißem Bemühn - alles umsonst. Während Hans-Peter Waldrichs PR-Berater diskret im Hintergrund bleiben, hat es der kleine Augsburger Bertolt Brecht etwa so ausgedrückt: Der Mensch an sich ist gut, aber die Verhältnisse, die sind nicht so. Der Alte aus Trier hat von oben herab bei Betrachtung der Amokläufe noch knapper geschlußfolgert: Das Sein bestimmt das Bewußtsein. Der moderne Mensch mag es lieber unklar, verschwiemelt und unbestimmt. Aber die herrschenden Verhältnisse sind nun einmal die Verhältnisse der Herrschenden.
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Ausgabe 07/12
16.02.2012
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