Zehn Minuten Psychose

Täterprofile Der Amokläufer von Winnenden war seelisch gestört. Krank gemacht hat ihn die Gesellschaft

Man kann ihm keine Fragen mehr stellen. Tim K. ist tot. Nachdem der 17-jährige Amokläufer am Morgen des 11. März 2009 zehn Schülerinnen und Schüler, zwei Lehrerinnen und drei weitere Menschen getötet hatte, erscho­ss er sich selbst. Seine Eltern sind unbekannt verzogen. Zurück bleibt die Frage nach dem Warum.

Seit einem Jahr geht es nun um den Versuch, die Persönlichkeit und die Motive von Tim K., des Schulamokläufers von Winnenden, zu rekonstruieren. Zur Aufklärung des Falls wurden insgesamt zwei psychiatrische Gutachten erstellt, mit völlig unterschiedlichen Ergebnissen. Während der Gutachter der Staatsanwaltschaft, Reinmar du Bois, dem Täter „masochistische Obsessionen“ bescheinigt, und diese auch für den Auslöser des Amoklaufs hält, kann der von den Eltern der Opfer bestellte Psychiater Peter Winckler aus Tübingen nichts Krankhaftes dieser Art erkennen. Die These seines Kollegen sei spekulativ und „aus der Luft gegriffen“. Während du Bois glaubt, Tim K. habe gezielt auf Frauen und Mädchen geschossen, ist Winckler vom Gegenteil überzeugt . Er betont die Außenseiterrolle von Tim, und die überhöhten Leistungsansprüche, denen der 17-Jährige ausgesetzt war.

Zwei Positionen, dazwischen ein Graben. Die Kluft zwischen den Experten ist jedoch mehr als ein Gutachterstreit, denn die Frage nach den Ursachen für die entsetzliche Tat ist auch eine Frage nach der öffentlichen Schuld: Hätte der Amoklauf verhindert werden können? Wenn ja, wie? Trotz der zahlreichen Details, die scheinbar Hinweise auf die Motivation von Tim K. geben, von pornografischen Fotos auf dem Computer, über die Waffenkammer des Vaters, bis hin zu mutmaßlichen Aktivitäten im Internet: Die Informationen über den Winnender Täter bleiben spärlich. Seine Handlungsweise erklären zu wollen könnte somit aussichtslos erscheinen – wäre Tim K. der erste und einzige Jugendliche, der in seiner Schule Amok gelaufen ist. Seit 1974 hat es weltweit aber mehr als 120 sogenannte School-Shootings gegeben. Zwischen den Tätern sind Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten erkennbar, die auch ein Licht auf die Katastrophe in Winnenden werfen. Und auf Tim K.

Was also weiß man? Da ist zunächst einmal der irritierende Umstand, dass Schulamokläufer so gar nicht dem typischen Bild des jugendlichen Gewalttäters entsprechen. Kriminelle oder militante Jugendliche stammen häufig aus Familien mit niedrigem Einkommen, sie wachsen in sozialen Brennpunkten auf, wo sie in der Regel schon früh körperliche Gewalt erfahren und sich bald selbst durch asoziales Verhalten hervortun – nicht zuletzt in der Schule. Ganz anders der typische Schulamokläufer: Er kommt zumeist aus der Mittelschicht, er lebt in einer (oberflächlich gesehen) intakten Familie, er eckt im sozialen Umfeld selten an und bleibt auch in der Schule unauffällig. Der Täter lebt im kleinstädtische Idyll der heilen Welt, das er schließlich von innen heraus zerstört. So war es auch in Winnenden. ­

Ohne echten sozialen Halt

Es liegt deshalb nahe, nach einer Triebfeder für Gewalttaten zu suchen, die eben nicht ­charakteristisch ist. Die verbreitete Behauptung, Psychopharmaka wie die Antidepressiva Prozac oder Luvox könnten ein Auslöser sein und zuvor unauffällige Jugendlichen urplötzlich zu Massenmördern machen, ist zwar haltlos. Dennoch könnte es sich bei der unerwarteten Verwandlung vom Kind zum Täter um den jähen Ausbruch einer Psychose handeln, einer seelischen Erkrankung, die durch Realitätsverlust gekennzeichnet ist und sich in verschiedenen Formen oder Mischformen von Schizophrenie bis Paranoia äußern kann. Psychosen sind oft erblich beeinflusst und treten gleichfalls in Milieus auf, in denen Gewalt und Kriminalität selten sind. Auch die Gießener Kriminologin Britta Bannenberg weist in einer aktuellen Veröffentlichung darauf hin, dass die Täter wahrscheinlich „in weitaus höherem Maße psychopathologisch“ seien, als bisher angenommen. Selbst Gutachter Winckler hält für möglich, dass Tim K. unter dem Einfluss einer beginnenden Psychose handelte. Sind Schulamokläufer also schlicht kranke Irre?

Hauptvertreter dieser These ist der amerikanische Psychologe Peter Langman, der erst vor wenigen Monaten große mediale Aufmerksamkeit erregte, als sein Buch mit Psychogrammen von zehn Schulamokläufern erschien. Von allen Tätern lagen Dokumente wie Tagebuchaufzeichnungen oder Verhörprotokolle vor, Langman hält sie alle für seelisch schwer krank. „Es sind keine normalen Jugendlichen, die sich für Mobbing rächen. Es sind keine normalen Jugendlichen, die zu viele Videospiele spielen. Es sind keine normalen Jugendlichen, die einfach mal berühmt sein wollten.“ Schulamokläufer, urteilt Langman, seien in jedem Fall gestörte Individuen. Hätte Langman recht, wäre der Widerspruch beseitigt, dass auf Schulamokläufer so gut wie keines der üblichen Merkmale jugendlicher Gewalttäter zutreffen. Denn Schulamokläufer wären eben nicht Opfer ihres sozialen Hintergrundes, sie wären schlicht geisteskrank – oder seelisch so extrem geschädigt, dass es einer schicksalhaften Geisteskrankheit gleich käme, auf die nur schwerlich Einfluss zu nehmen wäre. Der Haken an dieser verlockend einfachen Erklärung aber ist: Sie widerspricht vollkommen der bisherigen Forschung. So wertete der Kriminalpsychologe Frank J. Robertz sechs amerikanische Studien aus, die sich auch mit dem Täterprofil befassten, und stellte fest: „Die psychische Verfassung der jugendlichen Täter ist gemäß der Mehrzahl der Studien nicht von schweren psychischen Erkrankungen bestimmt.“

Wie war das bei Tim K.? Der Stuttgarter Tiefenpsychologe Horst Obleser hat versucht, die seelische Verfassung des 17-Jährigen anhand der bekannten Fakten zu ­rekonstruieren. Das Überraschende an Oblesers Ergebnis ist, dass Tims Handlungsweise auch ohne Diagnose, sei es Psychose, sei es Psychopathie, nachvollziehbar wird. Für die Umwelt, in der Tim K. lebte, sind die Schlussfolgerungen allerdings nicht sehr schmeichelhaft.

Mit Nichtachtung gestraft

Obleser zufolge litt Tim K. in erster Linie unter hartem Erfolgsdruck und gleichzeitig unter einem dramatischen Mangel an Liebe und Zuwendung. In der Schule kam er nicht gut voran. Star der Familie war seine jüngere Schwester, die erfolgreicher und beliebter war als der ältere Tim. Der Vater, ein Unternehmer, erwartete von seinem Sohn vor allem Durchsetzungskraft und Leistung – sportliche Siege im Tischtennis oder im Schützenverein waren wichtig. Hatte Tim Erfolg, wurde er gelobt und mit Geld belohnt. Scheiterte der Sohn, wurde er vom Vater mit Nichtachtung gestraft. „Wie wütend muss man auf eine Welt sein, in der es so viel Schönes, Warmes und Glückliches gibt, aber man selbst kann nicht daran teilhaben und muss zuschauen?“, fragt Obleser. Zumal Tim auch beim anderen Geschlecht nicht ankam. Die Mädchen liebten immer andere, Tim K. bekam wieder keine Zuneigung. „Der resultierende Hass war das Ergebnis einer nach Liebe und Anerkennung hungernden Seele“, schreibt Obleser.

Natürlich sieht der Tiefenpsychologe auch die abgründigen, kranken Seiten von Tims Seele. Ausgerechnet in der Nacht vor dem Amoklauf lud sich der 17-Jährige offenbar 120 Bondage-Bilder aus dem Internet auf seinen Rechner. Bilder, auf denen gefesselte Männer von Frauen gequält werden. Gutachter du Bois hat diesen Umstand als klaren Hinweis auf eine sexuelle Perversion interpretiert. Obleser dagegen sieht in den Bildern einen symbolischen Ausdruck für die Qual der gefesselten Seele. Tim K. sehnt sich nach Nähe und Liebe, aber gefangen von den äußeren Umständen läuft sein Bedürfnis ins Leere. Wo Anerkennung und Liebe fehlen, bietet die Gegenwart jedoch Ersatzbefriedigungen an. Die Rolle der Medien, insbesondere der Einfluss von Computerspielen, ist in der Öffentlichkeit immer wieder debattiert worden. Wären die Täter tatsächlich psychotisch, so wie es Langman glaubt, bliebe ein solcher Einfluss zu vernachlässigen.

Eine Reihe von Wissenschaftlern aber schätzt die Bedeutung der Gewaltmedien ganz anders ein. Unter ihnen auch der Nestor der deutschen Kinder- und Jugendpsychiatrie Reinhart Lempp, der die prägende Kraft von Bildmedien auf die Köpfe von Jugendlichen für nahezu verheerend hält. Insbesondere in der Phantasie potenzieller Amokläufer, glaubt Lempp, bauten sich unter dem Eindruck von Spielszenarien und Gewaltbildern Schritt für Schritt regelrechte Nebenrealitäten auf. Diese Parallelwelten können eine Dimension erreichen, die das echte Leben zu verschütten droht. Löst eine Kränkung oder Blamage, etwa in der Schule, dann intensive Gefühle wie Wut oder Scham aus, kann der letzte Bezug zur Wirklichkeit zusammenbrechen. Nun wird der Täter tatsächlich psychotisch. Er taucht komplett in seine Nebenrealität ab. Lempp spricht von einer „Zehn-Minuten-Schizophrenie“ – das ist ungefähr die Zeitspanne, die das Massaker dauert. Die Täter sind nicht geisteskrank, aber vorübergehend werden sie es, sobald der Entschluss zum Amoklauf gefasst ist. Hier offenbart sich auch der klare Unterschied zu Langman: In Langmans Theorie bringen die Täter ihre Störung bereits mit, Lempp zufolge entsteht die Störung im Wechselspiel mit dem kulturellen und sozialen Milieu, in dem die Täter aufwachsen und auf das sie schließlich so brutal reagieren.

Lempps These verschiebt den Schwerpunkt der Problematik genau dorthin, wo es unbequem wird. Die Frage lautet nicht mehr: Wie krank ist der Täter? Sondern: Wer ist hier überhaupt krank – der Täter oder seine Umwelt? Oder beide? Wie Obleser geht Lempp davon aus, dass sich die Täter nicht grundsätzlich von vielen anderen Jugendlichen unterscheiden. Aber sie geraten in eine emotionale Sackgasse. Ohne echten Halt in ihrer Familie, unter dem Triebdruck der Pubertät, in einer Schule, die ohne Gnade auf Leistung pocht, irritiert durch eine ungewisse Zukunft, geraten sie in die Wahnwelt ihrer medial befeuerten Nebenrealität. Der psychotische Ausnahmezustand, der schließlich den Amoklauf ermöglicht, ist also nicht allein das Ergebnis persönlichen Wahnsinns sondern zugleich eine Reaktion auf das Umfeld. Nur beides zusammen, der verwundbare Täter und eine als beängstigend und brutal empfundene Mitwelt, erzeugen das hochexplosive Gemisch, das zum Schulamoklauf führt. Auch der Bielefelder Pädagoge Wilhelm Heitmeyer sieht diese Verquickung persönlicher und sozialer Faktoren. Die Täter stünden in einem für sie unlösbaren Konflikt: Sie sollen stark und erfolgreich sein, aber mit dem dafür notwendigen seelischen Rüstzeug werden sie nicht versorgt. Wie viele andere Jugendliche pflegten sie Überlegenheitsphantasien. Aber ihnen fehle die Möglichkeit, diese in einer Weise umzusetzen, für die man Anerkennung bekommt.

Insofern ist der Schulamokläufer kein kranker Außenseiter: Er teilt die Erfolgs- und Überlegenheitsideologie mit vielen anderen und nicht zuletzt mit der Elite in dieser Gesellschaft. Tim K. hatte wenige Tage vor dem Massaker offenbar beim Tischtennis haushoch verloren, einer Sportart, in der es seinem Vater wichtig war, dass er zu den Siegern zählte. Vielleicht war das der Funke, der in ihm die Katastrophe auslöste. Unter dem Druck von Beschämung und Aggression konnte er den – aus seiner Sicht geringfügigen – Unterschied zwischen der Alltagswirklichkeit und seinen Gewaltphantasien während der Tat nicht mehr erkennen. Von der Polizei in die Enge getrieben, brach seine kurzeitige Schizophrenie am Ende wohl dennoch zusammen. Das mag der Anlass für Tim K. gewesen sein, sich zu erschießen.

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Ihre Freitag-Redaktion

17:05 10.03.2010
Geschrieben von

Hans-Peter Waldrich

Aller Beschreibung spottend.
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Ausgabe 38/2021

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