Wochenthema

Das größte Hindernis für einen Frieden in Nahost heißt Israel

Israel | 02.04.2009 05:00 | Uri Avnery

Krieg für immer

Neue Regierung in Israel: Rassisten, Nationalisten, Zionisten, Opportunisten – Benjamin Netanyahu nahm für seine große Koalition, was er kriegen konnte

Israels künftiger Premier hat bewiesen, dass er ein unübertrefflicher Politiker ist. Benjamin Netanyahu hat sich den Traum eines jeden Theaterbesuchers erfüllt: einen guten Platz in der Mitte. In seiner neuen Regierung kann er die Faschisten am rechten Flügel gegen die Sozialisten am linken ausspielen, Liebermans Säkulare gegen die Orthodoxen von Shas. Eine ideale Lage.

Mehr zum Thema: Netanyahu unterwegs in die Nahost-Sackgasse

Die Koalition ist groß genug, um immun gegen Erpressung einer ihrer Partner zu sein. Sollte die Arbeitspartei die Koalitionsdisziplin brechen, kann Netan­yahu immer noch die Mehrheit kommandieren. Vorerst aber gilt, nur weil die Partei von Ehud Barak mitspielt, verwandelt sich eine Regierung von Aussätzigen, die von der ganzen Welt als verrückter Haufen von Ultra-Nationalisten und Rassisten angesehen würde, in ein ausbalanciertes Kabinett der Mitte. Und all dies, ohne im geringsten den Charakter dieser Allianz zu verändern.

Eifrigster Unterstützer dieser Meisterleistung war Avigdor Lieberman, Israels neuer Außenminister. Dieser extreme Rassist und Geistesbruder des Franzosen Jean-Marie Le Pen war ehrlich besorgt, was ihn erwarten würde. In seiner Phantasie sah er sich schon, wie er seine Hände Hillary Clinton entgegenstreckt und der Gruß unerwidert bleibt. Das Hinzukommen von Labor löst dieses Problem. Wenn sich Sozialdemokraten der Regierung anschließen, dann muss all dieses Gerede von Faschismus Unsinn sein. Offenbar ist Liberman missverstanden worden. Er ist gar keine Faschist – Gott bewahre. Er ist auch kein Rassist, nur ein rechter Demagoge, der die Emotionen der Massen ausnutzt, um Stimmen zu sammeln. Welcher Politiker tut das nicht?

Warum hat Barak das getan?

Tatsächlich, der ganzen Regierung ist von Ehud Barak das Zertifikat „koscher“ ausgestellt worden. Er setzt die glorreiche Tradition der Arbeitspartei fort, sich politisch zu prostituieren. 1977 schloss sich Moshe Dayan der Likud-Regierung von Menachem Begin an und gab ihr so ein Koscher-Zertifikat, als die ganze Welt Begin für einen nationalistischen Abenteurer hielt. 2001 schloss sich Shimon Peres der Regierung von Ariel Sharon an, als die ganze Welt in Sharon den Mann sah, der für das Massaker von Sabra und Shatila verantwortlich war.

Warum hat Barak dies getan? Und warum unterstützt ihn die Mehrheit von Labor? Ganz einfach, man empfindet sich als Regierungspartei, ist nie etwas anderes gewesen. Schon 1933 übernahm die Arbeitspartei die Führung der zionistischen Bewegung, um später den israelischen Staat ohne Unterbrechung zu beherrschen, bis Begin 1977 an die Macht kam. 44 Jahre hatte sie fast alles in der Hand: die Armee, die Sicherheitsdienste, das Bildungs- und Gesundheitssystem, die Histadrut, die einst allmächtige Gewerkschaft. Macht ist ein Teil der DNA dieser Partei – allein das bestimmt ihren Charakter, ihre Mentalität, ihr Weltbild. Diese Partei ist nicht in der Lage, Opposition zu sein. Ich beobachtete ihre Mitglieder in der Knesset während der kurzen Perioden, in denen sie in der Opposition festsaßen. Sie waren niedergeschlagen und jammerten. Dutzende von ihnen wanderten verloren in den Korridoren herum, wie verirrte Seelen. Wenn sie zum Rednerpult gingen, klangen sie wie Regierungssprecher.

Täuschen für das Vaterland

Ich wäre nicht überrascht, würde Ehud Barak auf einer Klausel im Koalitionsabkommen bestehen, dass man ihn als Verteidigungsminister auf Lebenszeit ernennt. Regierungen kommen und gehen, aber Ehud Barak muss Verteidigungsminister bleiben – ob die Regierung nun eine rechte oder ein linke ist, eine atheistische oder theokratische. Es ist gleichgültig, wie er seinen Job erledigt, seine Bewertung kann nichts weniger als perfekt sein.

Was wird diese Regierung also tun? Lieberman, Netanyahu, Barak, Elli Yishai von Shas und Danny Hershkovitz von der Splitterpartei Jüdisches Haus sind sich völlig einig, was die Palästinenser betrifft. Alle stimmen darin überein, einen palästinensischen Staat zu verhindern. Keiner will mit Hamas reden. Alle unterstützen die Siedler. Alle sind davon überzeugt, dass ein Frieden nicht nötig, sondern für uns schädlich ist. Es war schließlich Barak, nicht Netanyahu, der einst den Satz prägte: „Wir haben keinen Partner für Frieden.“ Was wird also die Plattform dieser Regierung sein? In vier Worten: Täuschen für das Vaterland. Weil vor Netanyahu ein riesiger Brocken liegt: die USA.

Mit List sollst du Krieg führen

Während Israel einen Sprung nach rechts gemacht hat, taten die USA das Gleiche nach links. Man kann sich kaum einen größeren Kontrast vorstellen als den zwischen Netanyahu und Obama. Israels künftiger Premier ist sich dessen sehr wohl bewusst, vielleicht mehr als jeder andere israelische Politiker. Er wuchs in den USA auf, nachdem sein Vater, ein Professor für Geschichte, in Jerusalem zu der Überzeugung kam, dass ihm wegen seiner rechtsextremen Einstellung der akademische Aufstieg verweigert würde, und nach Amerika ging. Dort besuchte Benjamin die Universität und spricht heute das amerikanische Englisch eines Handelsreisenden.

Wenn es etwas gibt, das praktisch alle Israelis von rechts bis links eint, dann ist es die Überzeugung, dass die Beziehungen zu den USA lebenswichtig für die Sicherheit ihres Staates sind. Netanyahus Hauptsorge wird es deshalb sein, einen ernsthaften Bruch zwischen beiden Ländern zu verhindern. Ehud Barak wurde genau deshalb in die Regierung geholt, um einen solchen Crash zu vermeiden. Doch wie macht man das? Die Lösung findet sich in der Bibel: „Denn mit List sollst du Krieg führen.“ So haben seit Beginn des Zionismus seine politischen Führer gewusst, dass ihre Vision ein großes Maß an Tarnung benötigt. Es ist unmöglich, ein Land wie Palästina zu übernehmen, das von einem anderen Volk bewohnt ist, ohne das Ziel zu vertuschen und seine Taten vor Ort hinter einem Schirm blumiger Worte zu verbergen.

Nun ist es Netanyahus Mission, den USA und Europa zu suggerieren, unsere neue Regierung sehne sich nach Frieden, drehe tatsächlich jeden Stein um und suche den Frieden – während sie genau das Gegenteil tut. Die Welt dürfte von einer Flut aus Erklärungen und Versprechen überschwemmt werden, begleitet von jeder Menge leerer Gesten und Konferenzen. Netanyahu, Liberman und Barak werden mit der Arabischen Friedensinitiative herum spielen. Sie werden darüber reden, sie deuten und Bedingungen stellen, die sie jedes Inhaltes berauben. Aber Täuschungen brauchen nicht nur den einen, der täuscht, sondern auch den anderen, der getäuscht werden will. Netanyahu glaubt, Obama will getäuscht werden. Warum sollte er sich mit Israel streiten, sich mit der mächtigen Pro-Israel-Lobby anlegen, wenn er sich mit beruhigenden Worten aus Jerusalem zufrieden geben kann? Ist Obama bereit, die Rolle des betrogenen Liebhabers zu spielen? Ich hoffe, es gibt ein schallendes Nein.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Sawo schrieb am 02.04.2009 um 11:19
Die Chancen eines "schallenden Nein" Obamas zu den zu erwartenden Tricksereien und Täuschungen der neuen israelischen Regierung stehen so schlecht wie eh und je: "Jerusalem ist die Hauptstadt Israels und muss ungeteilt bleiben" erklärte er - unter Missachtung diverser Beschlüsse des UN-Sicherheitsrates - seine Haltung im Juni 2008 vor dem AIPAC, womit er die Annexion des Ostteils von Jerusalem durch die Israelis als erster US-Präsident anerkannte. Gleiches wird wohl auch für die israelischen Siedlungen in der Westbank gelten - das Haupthindernis für einen Friedensvertrag zwischen Palästinensern und Israelis. Und auch zum Überfall auf Gaza schwieg er - kein gutes Omen für einen neuen Aufbruch, für "Change".
JanKuehnemund schrieb am 03.04.2009 um 22:16
“Das größte Hindernis für einen Frieden in Nahost”, stellen Sie fest, “heißt Israel”. Und was macht man am besten mit einem Hindernis, liebe Redaktion? Aus dem Weg räumen? Beseitigen? Ausmerzen? Oha!

Es war in den vergangenen Jahren schon schwer erträglich, zweiwöchentlich die Kaffeesatzleserei Ihres “Nahost- und Energie-Experten” Mohssen Massarrat zu ertragen, seine vollkommen falsche und bis zum Erbrechen wiederholte Ankündigung eines unmittelbar bevorstehenden Angriffskrieges der USA und Israels gegen den Iran - und seiner impliziten These, alleinverantwortlich für Krieg und Konflikt sei schließlich “die Atommacht Israel”.

Ebenso wenig delektabel die ehrenrührigen Artikel von Arafats ehemaligem menschlichen Schutzschild Uri Avnery. Alle paar Wochen (je nach nahöstlicher Großwetterlage auch mal allwöchentlich) rechnet er moralinsauer aber faktenarm jüdische Schuld gegen palästinensisches Leid auf - Ihnen Grund genug, ihn als Israels Vorzeigelinken, -juden, -israeli, -friedenaktivisten, immer wieder unkommentiert zu Wort kommen zu lassen oder ihm als authentischer Stimme mit affirmativen Fragen zu schmeicheln. Avnery ist ganz sicher Antizionist, wenn er auch vielleicht kein Antisemit ist. Aber die er mit Argumenten versorgt, die sind ganz sicher welche.

Als Abonnent des Gedruckten verfüge ich über eine Winzigkeit mehr Macht, als die LeserInnen Ihrer Internetseite. Ich sollte sie nutzen, so leid es mir tut um all die schönen Artikel im Kulturteil der Zeitung.

Mit freundlichem Gruß, jk
mawi schrieb am 05.04.2009 um 21:04
Danke JanKuehnemund für dieses Statement.
Auch ich werde morgen noch mein Abo kündigen. Bei Massarrats Artikel "Israels Totaler Krieg" vor einigen Jahren war ich bereits kurz davor. Ich hatte nun Hoffnungen, dass mit dem graphischen Relaunch auch inhaltlich etwas Bewegung in den "Freitag" kommt. Die Karikatur vor einigen Wochen bereitete mir schon Bauchschmerzen. Aber dieser primitive Auswuchs von Antizionismus auf der Titelseite, bei dem die Grenze zum Antisemitismus mehr als nur tangiert wird, ist auch für mich nun tatsächlich nicht mehr tragbar.
Eine "linke" Wochenzeitung (gerade aus Deutschland), die für den permanent bedrohten Schutzraum der Shoah-Überlebenden nicht ein Fünkchen Sympathie übrig hat und dies über Jahre in jedem Artikel zum Thema unter Beweis stellt, wird wohl auch gut ohne mich als Leser auskommen.
mawi schrieb am 06.04.2009 um 09:44
Kleine Korrektur: "Israels Totaler Krieg" war wohl nicht von Massarrat, sondern von Rose. Was die Sache nicht weniger ekelhaft macht.
user18 schrieb am 07.04.2009 um 07:00
Wissen Sie jk, die Qualität von Kritik oder Meinung läßt sich an den dazu vorgetragenen Argumenten, Fakten und Tatsachen bemessen.
Ihre "Argumente" bestehen aus dümmlichen Unterstellungen. Da steht Ihnen mawi in nichts nach.
"Wir haben jeden Stein umgedreht!" Wo den? Es gab nie Land für Frieden. Nicht mal das Angebot. Aber über 30 Jahre einen lau-warmen Krieg mit Spaten und Zement.
AufklärungUndKritik schrieb am 08.04.2009 um 18:41
Nach der Übernahme durch J. Augstein war vom "neuen Freitag" vieles zu erwarten. Angekommen ist man nun dort, wo deutsche, zumal "linke" Magazine gerne ankommen: Bei der vornehmsten deutschen Diskursmethode, der "Israel-Kritik". Man holt sich seinen jüdischen Kronzeugen um damit seinen Antizionismus, der den Antisemitismus in sich trägt, wie die Wolke den Regen, zu legitimieren. Nach Widerwärtigkeiten wie Ludwig Watzal, der einen schwedischen Antisemiten erst dann erkannte, als dessen Pseudonym zu Tage trat, nicht schon bei dessen Geschmiere, dass das Mitglied der Bundeszentrale für politische Verblödung noch in höchsten Tönen lobte; nach diesem Schund nun die Feststellung, dass der israelische Staat das größte Problem sei und nicht die Hamas, die historisch im Einklang mit dem schon damals von Deutschland hofierten und geschützten Großmufti von Jerusalem steht und gerne das Ziel verfolgt, das alle Antisemiten verfolgen: Die Vernichtung der Juden und ihres Schutzstaates. Was Avnery und Co. ist nichts anderes als Toleranz gegenüber Vernichtungsantisemiten. So mag Israel Fehler machen, jedoch stehen diese in keinem Verhältnis zu der Bedrohung, die der Staat durch die Hamas, dem Geldgeber Iran und anderen "Israel-Kritikern" steht. Ein wahrhaften Frieden kann es erst geben, wenn Hamas geschlagen wurde. zur Not auch mit dem Ultima Ratio: dem Krieg. Dass dies Deutschland keiner versteht, ist auch Folge des feigen Versteckens hinter dem Verständnis für die Araber, jedenfalls so lange sie in Nahost bleiben, weshalb keiner mehr Antisemit sein kann, sondern durch die moralische Überlegenheit durch die "Aufarbeitung der Vergangenheit", vorgibt, die Welt empathievoll zu "verbessern", sie in Wahrheit jedoch weiter am deutschen Wesen genesen zu lassen. Die Kämpfer für Kultur und Volk, die von Universalismus, also von Menschheit und Zivilisation, nichts halten, haben in ihrem kulturrelativistischen Weltverständnis kein Verständnis von islamischen Antisemitismus, wie ihn die Hamas zeigt. In diesem Sinne: Befreit Palästina. Von der Hamas.
magik3000 schrieb am 27.04.2009 um 23:21
Das größte Hindernis für einen Frieden in Nahost heißt Israel? Wie bitte?

Die Hamas strebt erklärtermaßen nicht nur die totale Vernichtung Israels, sondern gleich die Auslöschung des gesamten jüdischen Volkes an (vgl. Artikel 7 der Hamas-Charta). Jede Kassamrakete, jedes Selbstmordattentat, jede Scharfschützenattacke – sie alle bezwecken lediglich eines: die Vernichtung israelischer Zivilisten. Die Hamas-Führung macht sich im Übrigen keinesfalls die Mühe, dies zu leugnen. Sie bindet den offensichtlich unmenschlichen Charakter ihrer Aktionen vielmehr gezielt in die eigene Propagandastrategie ein.

Ist einer der völkerrechtswidrigen Anschläge von Hamas, Islamischer Dschihad etc. besonders erfolgreich – das heißt: lassen besonders viele Zivilisten ihr Leben – führt dies nicht etwa zu öffentlicher Empörung innerhalb der palästinensischen Gesellschaft, sondern zu Begeisterungsstürmen. Man muss Lieberman nicht mögen (und sollte es nicht). Gleichzeitig darf man aber auch nicht vergessen, mit welchem Hass sich Israel tagtäglich auf palästinensischer Seite konfrontiert sieht.

Natürlich ist Israelkritik nicht mit Antisemitismus gleichzusetzen. Gleichwohl agiert unzweifelhaft derjenige antisemitisch, der im Nahostkonflikt konsequent die Verbrechen der nichtjüdischen Seite ausblendet oder aber deren Ursachen stets im israelischen Lager verortet. Israel hat sich aus dem Gazastreifen zurückgezogen - die Antwort der Palästinenser auf dieses Zugeständnis bestand in verstärktem Raketenbeschuss.

Der Jude Uri Avnery macht sich mit diesem und vielen anderen Artikeln zum Stichwortgeber der Judenhasser. Ich hoffe, Obama kann auf Berater zurückgreifen, denen das Schicksal Israels am Herzen liegt.
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