Wochenthema

Wir machen trotz Krise weiter wie bisher - das könnte zum Problem werden

Krise | 10.06.2009 05:00 | Axel Brüggemann

Land Guck-in-die-Luft

Überall in Europa wird protestiert. In Deutschland sind die Krisen-Meldungen zwar besonders verheerend, aber wir machen weiter wie bisher. Das könnte zum Problem werden

Als Gesine Schwan während ihrer Präsidentschaftskandidatur überlegt hat, ob es in Deutschland auf Grund der Weltwirtschaftskrise zu sozialen Unruhen kommen könnte, wurde sie umgehend zurückgepfiffen. Sofort ließ Angela Merkel verkünden, dass die Bundeskanzlerin diese Sorge nicht teile, und selbst SPD-Chef Franz Müntefering erklärte: „Deutschland ist stark. Es gibt Vertrauen in die, die politisch handeln, in Gewerkschaften und die Arbeitgeberverbände.“ Aufstand in Deutschland? Undenkbar. Basta!

Die deutsche Politik leistet sich nicht einmal mehr radikale Gedanken. Sie soll schön sein, unaufgeregt und rational. So wie unsere Vorgärten – und wenn sie droht, wild zu wachsen, wird sie von politisch korrekten Gartenzwergen ziemlich schnell wieder zu Recht gestutzt.

In anderen Ländern herrschen ganz andere Sitten: Die Arbeiter der französischen „Sony“-Filiale bei Bordeaux haben kurzerhand den Frankreich-Manager Serge Foucher über Nacht in seinem Büro in Pontonx-sur-l‘Adour festgehalten und bessere Abfindungen verlangt, als das japanische Stammhaus ihr Werk schließen wollte. Sie scheinen ein historisches Protest-Gen zu haben, in dem der Geist Robespierres, Sartres und Asterix’ schlummert. Dagegen scheinen die Deutschen eher durch die historischen Gene des Untertans determiniert. Bloß keine Aufregung, bloß nichts Verbotenes – bloß nicht aus dem Rahmen fallen. Immer schön Lächeln! Gerade in der Krise.

Arbeiter in Frankreich haben die französischen Manager des deutschen Reifenherstellers Continental wüst beschimpft und mit Eiern beworfen, als die eine Kündigungswelle planten. In Deutschland reichte es, dass die Firmeneigentümerin und Milliardärin Maria-Elisabeth Schaeffler auf einer Protestkundgebung der Arbeiter kurz Tränen vergoss, um den Mob zu erweichen. Auf dem gemeinsamen Marsch für Staatshilfen hat sie ihren Pelz abgelegt und die Betonfrisur zum schlichten Pferdeschwanz gebunden. So ging sie Seit’ an Seit’ mit ihren Arbeitern, die sich zuvor noch über Schaefflers „Menschenführung nach Gutsherrenart“ mokiert hatten.

Die Deutschen wollen ihre Ruhe

Die Welt steckt in einer der größten Krisen, und während unkonventioneller Protest wie in Frankreich fast überall in Europa gang und gäbe ist, scheint Gesine Schwan sich – was Deutschland betrifft – zu irren: Die Deutschen wollen Ruhe statt Unruhe. Und Wladimir Iljitsch Lenin hat einmal mehr Recht. Er traute den Deutschen keine Revolution zu, weil er befürchtete, dass sie sich erst eine Bahnsteigkarte kaufen würden, bevor sie den Bahnhof stürmen.

Natürlich handelt es sich bei genauerem Hinsehen weder in Frankreich noch sonstwo auf der Welt um wirkliche Revolutionen. Statt einer Guillotine haben die Arbeiter in Pontonx-sur-l‘Adour ihrem Manager Wasserflaschen hingestellt und seine Familie verständigt, dass es etwas später wird. Mit ihren politischen Aktionen stellen die Franzosen auch nicht die Grundlagen ihres Staates in Frage. Im Gegenteil: unkonventioneller Protest gehört zur Landeskultur – und damit zum demokratischen Dialog.

Überhaupt scheint die Grundeinstellung zum Protest in anderen Nationen gesünder zu sein als hierzulande. Aktionen wie die Geiselnahme eines Spitzenmanagers sind nur möglich, weil sie von einem Großteil der Franzosen als legitimer Ausdruck der Ohnmacht und der Wut verstanden werden. Als Reaktion auf eine Situation, in der weder Wahlen noch andere Mittel den politischen Dialog von Bürgern, Wirtschaft und Politik vorantreiben können. Diese Protest-Aktionen haben das (übrigens zum Teil durchaus erfolgreiche) Ziel, miteinander ins Gespräch zu kommen. Sie beleben die historische Tradition einer Demokratie, die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf der Straße erkämpft hat – und diese Werte im Notfall auch hier verteidigt.

In Deutschland ist das anders. Hier werden zum Teil schon freie Gedanken als Querulantentum verurteilt: Die Debatte um Investoren, die sich wie Heuschrecken verhielten, war 2005 ein Beispiel für die Art, wie man hierzulande mit einer provokanten These umspringt. Erst kürzlich wurde der Präsidentschaftskandidat Peter Sodann in die politisch unkorrekte Ecke gestellt, weil er laut überlegte, ob Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann vielleicht in den Knast gehöre. Hier ist schon das provokante Gedankenspiel als Staatsrisiko verpönt. Und auch das hat natürlich historische Gründe: Wir tragen Heinrich Manns Untertanengeist der Kaiserzeit noch immer in uns. Kein anderes demokratisches Land denkt so sehr in „die da oben“ und „wir da unten“ und zieht daraus die Konsequenz, dass Politik im Grunde eine Angelegenheit der Politiker ist – und nicht des Demos, des gesamten Volkes. Während Franzosen in der Krise auf die Straße gehen und ihre Politik zurückfordern, maulen die Deutschen lieber über ihre eigene Machtlosigkeit. Außerdem herrscht hierzulande die verständliche Angst, dass politische Enttäuschung schnell in Radikalität umschlagen kann.

Der "Cocooning-Effekt"

Das alles führt dazu, dass Deutschland ein weltweites Phänomen in der Weltwirtschaftskrise darstellt. Auf der einen Seite trösten uns täglich Experten, dass die Talsohle spätestens im Sommer erreicht ist, auf der anderen rechnet die Regierung mit Steuerausfällen von 316 Milliarden Euro bis 2012 – mit einer Rekord-Verschuldung. Die Schizophrenie der Nachrichten ist zur Alltäglichkeit geworden. Und trotzdem scheinen die Deutschen noch immer unbeeindruckt von der Krise zu sein.

Angeblich ist die Warennachfrage kaum gesunken, sie hat sich lediglich verschoben. Statt Fernreisen boomen nun Möbelhäuser und Outdoor-Shops. Experten nennen das den „Cocooning-Effekt“: Statt auf die Straße zu gehen, ziehen sich die Deutschen in ihre Wohnzimmer zurück. Sie gehen campen, statt zu Sit-Ins. Und warum sollten sie auch beunruhigt sein? Schließlich reden Kanzlerin und der Vizekanzler die Nation im Wahlkampf wieder gesund – und glauben, in der Krise ein Vertrauen zu finden, das sie vor kurzem noch verspielt hatten.

Zwar gelten 13 Prozent der Bundesbürger als arm, weitere 13 Prozent leben von Sozialtransfers und jeder fünfte Deutsche lebt von weniger als der Hälfte des Durchschnittseinkommens, aber gegenüber der Menschenrechts-Abteilung der UN erklärt die Bundesregierung die Armut in Deutschland zu einem „statistischen Problem“.

Die politische Optimismus-Rhetorik wird durch das Schweigen der bereits betroffenen Krisenlämmer bestätigt. Wer sich für einen Augenblick von den abstrakten Krisenszenarien anonymer Großbanken und Großkonzerne, die im Fernsehen im Vordergrund stehen, abwendet und in seine Nachbarschaft statt in die Glotze schaut, beobachtet, dass die Krise auch in Deutschland längst angekommen ist: Selbstständige, Freiberufler und Mittelständler, die ohne Kurzarbeitergeld, Krisensubventionen und Staatshilfen auskommen müssen, kämpfen schon jetzt gegen finanzielle Engpässe. Für sie ist Armut kein statistisches, sondern ein reales Problem geworden.

Wer will sich schon als Krisenopfer outen?

Die Betroffenen können keine Firmenchefs als Geisel nehmen und haben nicht einmal die Zeit, ihren Protest herauszuschreien. Hinzu kommt die deutsche Scham, als Verlierer dazustehen: Wer will sich schon als Krisenopfer outen, während der Rest des Landes noch in den Straßencafés Latte Macchiato schlürft?

In anderen Ländern ist der Protest eine Sache der gesamten Nation: Spektakuläre Aktionen einzelner Betroffener sorgen für ein kollektives Bewusstsein, weil sie nicht als radikaler Akt wahrgenommen werden, sondern als Hilferuf, den Motor der Demokratie anzukurbeln: den gleichberechtigten Dialog der unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen. Protest ist in Ländern wie Frankreich kein Phänomen der Destabilisierung eines Landes, sondern der Sensibilisierung der Nation.

So wie Deutschland bei der Fußball-WM gelernt hat, dass Nationalstolz nicht unbedingt eine Gefahr in sich tragen muss, wird es in Zukunft vielleicht lernen müssen, dass wütender Protest durchaus hilfreich sein kann, wenn er die Dialogkultur des Staates fördert. Noch scheint Deutschland Angst zu haben, für Gerechtigkeit zu protestieren – weil es befürchtet, dass politischer Protest in der Krise in eine Katastrophe führen könnte. Dabei bewirken die Muskelspiele der Politiker und das lethargische Schweigen der Menschen, die bereits von der Krise betroffen sind, mittelfristig keine die Stabilisierung der Demokratie. In Frankreich sucht sich der Frust vieler Arbeiter seine unkonventionellen politischen Ausdrucksmittel. In Deutschland droht sich eine unzufriedene, schweigende Mehrheit unterhalb der optimistischen, politischen Krisen-Inszenierung zu bilden. Und das wäre nicht nur gefährlich, sondern – wie die Geschichte lehrt – dann doch wieder typisch deutsch.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Hans Kelsen schrieb am 10.06.2009 um 10:33
Sehr treffend. Danke.
Wenn man sich die heutige Debatte um '68 oder der Anti-AKW etc. anschaut, und wie negativ sie im Großteil der Medien dargestellt werden(zumindest mein Eindruck), versteht man warum Protest so unbeliebt ist.
Gruß
misterl schrieb am 10.06.2009 um 10:41
Treffend.

Aufregen schadet der Gesundheit und das zu Zeiten der Praxisgebühr. Ernsthaft, quasi am Nebentisch in bürgerlicher Umgebung aufgeschnappt:

"Ich schalte die Nachrichten nicht mehr ein. Die ganzen Meldung kann man ja nicht mehr ertragen."

Deutschland, Frühjahr 2009, ziemlich tief im bürgerlichen Westen.
h.yuren schrieb am 10.06.2009 um 11:45
das beste an dem artikel ist meines erachtens das bild aus dem struwwelpeter und die bildunterschrift, dazu passend der titel des artikels.

die einzelheiten dann über die unterschiede in der reaktion auf die krise in der brd und in france kommen mir vor wie ein appell an die deutschen, sich eine scheibe vom großen bruder abzuschneiden. aber solche beweggründe bewegen natürlich nichts.

weder franzosen noch deutsche haben begriffen, dass die krise nur ein symptom ist, aufregung hin ruhe und ordnung her. die regierenden aller länder sind per definitionem auf ruhe und ordnung aus. wenn der kahn aber ein leck hat, dumme liese, dumme liese, wat dann? und der kahn, der uns trägt, hat ein ziemlich großes leck.

mit medienwirksamen protestaktionen wird das nicht gestopft. etwas mehr schiffsbaukunde ist wohl nötig.
Axel Brüggemann schrieb am 10.06.2009 um 22:33
Lieber H.Yuren,
Ihr Kommentar hat mich sehr amüsiert! Ud ich befürchte: Sie haben ein bisschen Recht! Aber dummerweise sind es nicht nur die Politiker, die ihre RUhe haben wollen - sehe den Kommentar von Hans L. Und deshlab reicht Protest allein auch nicht aus: Es beginnt viel tiefer! Und ich glaube, dass es dort beginnt, wo jede Interessensgruppe nur für sich agiert. Wichtig ist, dass Protest ein Mittel der Gesamtheit einer Bevölerung ist, dass er von Solidarität lebt - und diesr Solidarität sollte Ihre Überzeugung zu Grunde liegen, dass das Schiff ein Leck hat und wir es nur zusammen flicken können!
misterl schrieb am 11.06.2009 um 16:38
Lieber Axel Brüggemann.

Die Leute werden aber nicht darin ausgebildet solidarischen Protest zu entwickeln. Zumindest nicht solange, solange es einer bürgerlichen Mitte zum einen schuldlose zum anderen mit einem klaren Schuldigen wirklich schlecht geht.

In einer solchen Lebenswirklichkeit ist man im Mittel im Westen (noch) nicht angekommen. Zumal auch eines zu bedenken gilt: solidarischen Protest gegen etwas zu entwicklen, ist schwer zu enttwicken aber deutlich leichter als solidarischen Protest für etwas. Derzeit gülte es solidarischen Protest gegen etwas zu entwckeln und das klappt nicht im Ansatz, wie solle dann das Gegenteil gelingen, also gemeinsam ein Leck flicken?

LG
misterL
Axel Brüggemann schrieb am 15.06.2009 um 10:34
Liber Mr. L,

muss man zum Protest wirklich ausgebildet werden? Und wie sollte eine solche Ausbildung aussehen? Ich glaube, dafür müsste tatsächlich so etwas wie Solidarität erkannt werden - denn daran hapert es doch: Jeder protestiert nur, wenn er selbst betroffen ist. Dabei sind wir bei den meisten Problemen inzwischen alle betroffen. ICh glaube, das es darum auch ein der "Ausbildung" gehen sollte - die Kraft einer offenen, freien und demokratischen Gesellschaft zu erkennen.
misterl schrieb am 15.06.2009 um 13:30
Lieber Axel Brüggemann.

Protest, ziviler Ungehorsam oder einfach nur politisch, sachlicher Widerspruch. Ja, offensichtlich muss man dazu "ausgebildet" werden. Wobei das nicht als Schulfach zu verstehen ist (oder doch)? Ich habe da keinen Masterplan (wäre zwar schön) aber ist nicht so. Mangelndes Selbstbewußtsein der Jugend kann es kaum sein. Das ist deutlich ausgeprägter als zu anderen Zeiten (ich bin schon etwas älter).

Am Ende bleibt es also bei Beobachtung.

Wieviele Infotainmentsendungen liefen bisher auf den öffentlich rechtlichen Kanälen seit Beginn der großen Ablenkung duch SC bis heute mit Publikum im Rund und wie oft gab es auch nur einen (gesendeten) Zwischruf von dort? Wann ist jemals jemand aufgestenden und hat zu Protokoll gegeben Herr/Frau Experte/Expertin und/oder Politiker/Politikerin sie erzählen Unsinn? Artiger (Nicht-)Applaus quer duch die dort sitzenden Generationen ist die einzig Form öffentlich wahrnehmbaren aufrechten Ganges.

Vielleicht liegt im tiefen Wunsch von "Ruhe haben wollen" ja auch die frustierte Erkenntnis unerhört zu bleiben und/oder keinen vertrauten Ansprechparnter mehr zu finden. Die Welt ist schrecklich und sie hat beschlossen schrecklich zu bleiben.

Protest, ziviler Ungehorsam oder einfach nur politisch, sachlicher Widerspruch. Nein, offensichtlich muss man dazu doch "ausgebildet" nicht werden, hätte man Vertrauen, dass es jemand hört.

Ich weiß es an sich nicht wirklich.
h.yuren schrieb am 11.06.2009 um 13:40
lieber axel, dass du much amused warst bei meinem kommentar, freut mich. dass du mir versicherst, ein bisschen recht zu haben, dito. aber das bild vom kahn mit nem großen leck ist nicht so gemeint, dass das gepanzerte staatsschiff an geld- oder ölmangel manövrierunfähig werden könnte, sondern schmunzelnd oder galgenhumorig so zu verstehen, dass der kahn schon sinkt; nur keiner hats gemerkt, es darf weiter getanzt werden wie neulich auf der titanic nach dem kleinen rempler durch einen eisberg.
ich gebe zu, die metapher ist irreführend, weil man gleich an das loch im geldbeutel in dieser finanzkrise denkt. ich aber denke dabei an den systemfehler, dass interessen den betrieb ausmachen, nicht aber intelligenzen.
protestaktionen sind unentbehrlich. das hat milgram bewiesen. etliche vp's ließen sich durch feedback beeinflussen. aber der versuch wurde dadurch nicht beendet. die (virtuelle) quälerei ging weiter.
so verändern proteste nicht das system, das unverbesserlich ist, weil es auf die tugenden des dschungels setzt. laut art. 1 der menschenrechte hat jede/r vernunft und gewissen. nur dürfen die nicht entscheiden ... naja, das ist nicht sehr neu. es währt schon einige tausend jahre. aber wie gesagt, lange währts nun nimmer.
misterl schrieb am 11.06.2009 um 16:45
Ich frage mich immer sehr grundsätzlich, wie man innerhalb eines Systems sitzend und/oder agierend real ein funktionierendes System entwickeln kann, dass dem System, in dem man sich selbst befindet in keinster Weise ähnelt und doch funktioniert mit all den Wesen, Gedanken und Werten, die im ollen System schon nicht so dolle funktionierten.

Die handvoll Standardfragen, die sich daraus ergeben erspare ich uns mal. ;-)
skorpion schrieb am 11.06.2009 um 17:41
20 Jahre gedenken an die friedliche Revolution in der DDR. Es war eine Feierabendrevolution. Am Tage ging man brav in den Volkseigenen Betrieb und arbeitete für die Erfüllung des Plansolls und abends saß man in trauter Eintracht mit den Stasispitzeln in der Kirche, die einen beteten und die anderen, die von ihren Genossen geschickt waren, wussten nicht so recht, was sie dort sollten. Beide Gruppen hofften vom Mantel der Geschichte gestreift zu werden, was dann auch in der Person von Helmut Kohl und den Konzernherren geschah.

Heute ist es nicht viel anders. Man meldet brav eine Demonstration an und hofft, dass jemand kommt. Im Anschluss marschiert man dann mit 60 oder 300 persönlich interessierten Leuten an desinteressiert schauenden Passanten vorbei durch die Innenstadt. Oder man sammelt streng nach Vorschrift Unterschriften für oder gegen das Aufstellen einer Parkbank an einem bestimmten Platz.
Fazit:
Staatlich genehmigte Proteste haben keine Wirkung. Denn dieses Recht ist so ausgestaltet, dass es wirkungslos bleiben muss. Warum gibt es z. B. keine politischen Streiks? Weil sie im Grundgesetz nicht vorgesehen sind. Übrigens die friedliche Revolution vor 20 Jahren in der DDR war in der Verfassung der DDR auch nicht vorgesehen. Aber sie war erfolgreich.
TorstenHass schrieb am 12.06.2009 um 08:17
In Deutschland brechen erst Unruhen aus, wenn Tempo 130 auf Autobahnen eingeführt wird (Große Revolution!) oder Nichtraucherschutzgesetze (Kleine Revolte). „Kleine Leute, kleine Sorgen. Große Leute, große Sorgen.“ Im Übrigen wundert es nicht, wenn das Konsumklima weiterhin gut bleibt: Alles Ersparte müsste man im Fall der Fälle erst für das Notwendige verfrühstücken – also gibt man es lieber vorher für das Unnötige aus.
ahso schrieb am 12.06.2009 um 19:27
also in der Grundaussage treffend. Aber an zwei Stellen hab ich mich schon ein bisschen gewundert: Zum einen das Abrutschen in "Radikalität": Was ist das? Links? Rechts? Beides? Ich hoffe, sie wollen hier nicht die völlig haltlose Extremismustheorie bestärken, die Symptom des unerträglichen Konformismus in diesem Land ist. Also präzisieren sie: Was ist damit gemeint? Ein "Abrutschen" in den Antikapitalismus wäre meiner Meinung nach kein Absturz, sondern ein konsequentes Weiterdenken.
Und damit sind wir beim Ende ihre Artikels angelangt. "Die Deutschen" haben gelernt das Nationalstolz nicht unbedingt eine Gefahr in sich tragen muss? Als ob Nationalstolz in gewissen kreisen je verpönt geswesen wäre, das Gerede vom "gesunden Patriotismus" der endlich gleich einem Naturbedürfnis über uns kommt ist doch nur dazu da, um die berechtigte Kritik Linker am Nationalismus zu deskriditieren, sie gilt als "verkrampft". Was aber ist verkrampfter und überdeckt gesellschaftliche Spaltungen effektiver als ein willkürlich konstruiertes Kollektiv, über alle sozialen Unterschiede hinweg? Zum Zusammenhang befragen sie Ihren Kollegen Kurz. Um der Gefahren des Nationaltaumels bewusst zu werden, gucken Sie einfach mal in die jüngere Geschichte (Rostock Lichtenhagen).
Axel Brüggemann schrieb am 16.06.2009 um 13:46
Lieber ahso,
ich habe im letzten Kommentar schon etwas dazu geschrieben - mir geht es zunächst nicht um eine Ideologie oder politische Richtung, sondern darum, dass überhaupt um politische Richtungen gestritten wird - und das gemeinsam. Dafür brauchen wir aber eine Identifikation, und das muss natürlich nicht der Nationalismus sein. In meinem Text geht es nicht um konstruierten Nationalismus - im Gegenteil, das sehe ich wie sie: er ist die größte Gefahr! Wohl aber geht es darum, dass Menschen sich auch durch ihre Wut, ihre Freude, ihre Hoffnungen definieren - und wenigstens das ist doch eine Grundlage eines Gemeinwesens oder Staates.Noch einmal: Ja, die Unterschiede der Menschen sind groß (und werden immer größer) und dennoch leben wir als Menschen zusammen - und ich finde, dass nicht einmal diese Klarheit heute Grundlage politischen Handelns ist. Und das ist bedauerlich. Ja, nennen Sie diesen Standpunkt: moralisch! Das bin ich gern.
Liebe Grüße
Axel Brüggemann
h.yuren schrieb am 13.06.2009 um 14:00
tja, axel, es sind doch ganz ordentliche kommentare provoziert worden durch deinen artikel. beter iets dan niets, sagen unsere nachbarn im westen hier.
übrigens ist die große lethargie schon wenigstens zweimal lautstark beklagt worden. das erste mal von günther anders in den 50ern, das zweite mal von hoimar von ditfurth in den 80ern. der eine rettete sich auf das haltgebende adjektiv "apokalypse-blind" und erklärte DEN menschen für antiquiert, der andere konnte sich nicht genug wundern über die "seltsam unwirkliche Bewußtseinsverfassung" und machte sich ans apfelbäumchen-pflanzen...
aber ich muss die kritik von ahso unbedingt noch unterstreichen:
wie konntest du den unerträglichen satz zu papier bringen über den nicht unbedingt eine Gefahr in sich tragenden Nationalstolz?! was für eine lektion sollen die brdler aus dem "Sommermärchen" gelernt haben?!
und auch die noch zu lernende lektion, dass "wütender Protest durchaus hilfreich sein kann" möchte ich uns ersparen; die wut ist nicht besser als der stolz, irrational bis bewusstlos. hatten wir davon nicht schon im übermaß in der geschichte dieser weltregion?!
Axel Brüggemann schrieb am 15.06.2009 um 10:45
Lieber H. Yuren,
ich war einige Zeit unterwegs - und komme deshalb erst jetzt zum Antworten. Ich glaube, dass Wut und Stolz urmenschliche Eigenschaften sind. Und dass es nichts bringt, DEN Menschen als antiquiert abzuhaken, um ein gesellschaftliches Problem zu analysieren. Nein, im Herzen glaube ich an DEN Menschen! Anders können wir auch keinen Staat machen!
Vielleicht habe ich das bei Mozart gelernt: das all zu Menschliche, die Wut, die Leidenschaft, der Stolz sind Eigenschaften, die uns aktiv machen, die uns ausmachen, und, ja, die auch gefährlich sein können. Beim Satz mit dem "Sommermärchen" habe ich selbst gezögert. Aber dann habe ich ihn geschrieben, um einen alten "linken" Gedanken in Frage zu stellen: War es nicht typisch Deutsch, dass in der Krise der Stolz und die Wut unterdrückt wurden - und erst so manipuliert werden konnten? Ich glaube, dass eine Gesellschaft sich (so wie Frankreich, die USA, aber auch Russland und Kuba) Stolz un Wut leisten müssen, denn im Grunde ist sie gesund, wenn sie rechtzeitig und direkt "abgelassen" werden. Typisch Deutsch hingegen ist, vor lauter politischer Korrektheit in eine Situation zu kommen, in der diese all zu menschlichen Gefühle unterdrückt werden - bis sie explodieren. Und das ist allemal schlimmer als ein paar gröhlende Fans zur Fußball WM! Mit diesem (vielleicht schiefen) Vergleich ging es mir allein darum, zu behaupten, dass wir keine Gesellschaft leben können, die unsere Urinstinkte grundsätzlich ignoriert oder abschaffen oder gar verbieten will.
Liebe Grüße
Axel
alexano schrieb am 14.06.2009 um 13:25
Bei der Abfassung des Artikels , so stelle ich mir vor , saßen Sie , Herr Brüggemann , gemütlich in einem Straßencafé in der Fußgängerzone , schauten den unbeschwert flanierenden Menschen zu , und schlürften an einem Capucino .
Und diese freundliche Stimmung verbreitete sich , plätscher plätscher , wie von selbst auch auf dem Papier , das vor Ihnen lag .
Passt genau zu der von Ihnen beschriebenen "Grundgestimmtheit" der Deutschen .
Noch ...
Axel Brüggemann schrieb am 15.06.2009 um 10:39
Lieber Alexano,
wenn Sie wüssten! Kommentare wie Ihrer irritieren mich. Glauben Sie, dass ich nur Worte schreibe und keine Gedanken? Glauben Sie tatsächlich, dass man Texte ohne Grund schreibt, nur um die Seite zu füllen? Glauben Sie, dass einen das Thema über das man schreibt, einen überhaupt nichts angeht? In meinem Text schreibe ich über Freunde, bei denen die Wirtschaftskrise längst angekommen ist - und auch im Alltag einen (freien)Journalisten ist das unübersehbar! Wie stellen Sie sich einen glaubhaften Text vor? Als großes Lamento? Ich halte nichts davon - nein: es muss doch, auch wenn man selbst betroffen ist, selbstverständlich sein, individuelle Probleme mit einem Staat oder mit einer Krise in einen gesellschaftlichen ZUsammenhang zu stellen. Und das funktioniert nicht beim Latte-Trinken! Journalisten sind keine Caféhaus-Beobachter der Welt. Wir leben auch in dieser Welt. Und ich weiß nicht, wie Sie darauf kommen, dass das bei mir anders sein sollte.
Liebe Grüße
Axel Brüggemann
Dirk de Pol schrieb am 14.06.2009 um 22:47
Was den Deutschen widerfahren muss, damit sie quantitativ und qualitativ den A. hochkriegen, hat noch niemand überzeugend zusammenphantasiert ...
Dirk de Pol schrieb am 14.06.2009 um 22:48
und dafür braucht es tatsächlich viel Phantasie ...
Streifzug schrieb am 14.06.2009 um 23:03
Ein erfrischender Artikel.

Die Betäubung der Wahrnehmung wie sie momentan praktiziert wird hat Nebenwirkungen. Sie macht blind für wirkliche Schwachstellen. Meiner Meinung nach steuern wir auf eine Überraschung zu. Ihr Ursprung liegt außerhalb Deutschlands. Ihre Auswirkungen werden Deutschland in massiverem Ausmaß treffen, als manche es sich vorstellen können. Ein eigener Artikel zu dem Thema folgt.
h.yuren schrieb am 15.06.2009 um 12:24
lieber axel, danke für deine antwort. du sagst, du hast gezögert, den sommermärchensatz hinzuschreiben. weil es darin nicht bloß um irgendeinen stolz geht, sondern um den nationalstolz in D? nationale gefühle sind für mich zu viel in einem land mit dieser geschichte. nationalstolz ist etwas, das schopenhauer schon mit einem satz erledigt hat, ein für allemal. sinngemäß sagt er, dass wer auf keine eigene leistung stolz sein könne, der entschädige sich beim staat; oder fußballverein etc. ergänze ich.

günther anders' abqualifizierung oder entschuldigung DES menschen teile ich ausdrücklich nicht.

proteste sind ganz wichtig. das weiß ich vom milgram-experiment. ohne feedback gingen die versuchspersonen durchweg bis zum äußersten. das ist für mich seitdem selbstverständlich.

es ist schwer, zwischen gefühlen und gedanken stets mikroskopisch sauber zu unterscheiden. doch bei dumpfer wut und beim nationalstolz bin ich mir ziemlich sicher, dass diese gefühle durch keinen filter der gedanken gegangen sind. mir graust aus der erfahrung und aus den lektionen der geschichte vor der entfesselung der masseninstinkte. der urmensch war/ist dagegen, glaube ich, meist ein guter kumpel, der nur mühe hat, unter dem schutt der zivilisation/tradition hervorzukommen.
freundliche grüße
helder
Jan Jenke schrieb am 18.06.2009 um 19:29
dass der nationalstolz nicht "durch den filter der gedanken gegangen" wäre, ist doch quatsch.

zunächst kann man nur stolz auf etwa sein, von dem man meint, selbst ein teil zu sein. der nationalstolz setzt also die identifikation mit der jeweligen nation voraus. diese nationale identität wiederum setzt die vorstellung voraus, dass es eine große gruppe von menschen gäbe, die aufgrund gemeinsamer interessen und eigenschaften eine gemeinschaft bilden.

das sind doch schon mal ziemlig viele gedanken die man sich da machen muss - wenn auch die falschen!

gruß
Dattel schrieb am 19.06.2009 um 06:22
Das ist eine ziemlich idealisierte Vorstellung von Nation und Nationalstolz.
Das erste Interesse an einer Nation hat doch immer der Kapitalismus, der die Konkurrenz der Nationalstaaten braucht, um am Leben zu bleiben genauso wie er die Konkurrenz der einzelnen Individuen braucht. Dann ist es wie mit dem Geld, dass die Menschen mit Gewalt (heute eher "Erziehung") dazu gezwungen werden sich mit diesem Abstraktum zu identifizieren. Meisstens ist dieses Abstraktum jedoch viel zu gross fuer eine Identifikation. Wie kann denn Heimat ueber tausende Kilometer und Klimazonen reichen? Dann bleibt der Mensch im kapitalistischen Staat entwurzelt und letztendlich ohne Heimat. Dieser jagt ihn durch seine Flexibilitaetsansprueche von einem Ort zum naechsten. Das kann man nicht mal nomadisch nennen, weil Nomaden ihren Weg genau kennen und die Identifikation mit der Mitwelt stets intakt ist.
Anna Dorothea schrieb am 15.06.2009 um 12:33
Lieber Axel Brüggemann;

"Die Schizophrenie der Nachrichten ist zur Alltäglichkeit geworden". Wie wahr.

Dazu zwei Momentaufnahmen der vergangenen Woche:

Mittwoch bei Karstadt in der Hamburger Innenstadt, Mönckebergstrasse, (das "Stammhaus", 900 Angestellte): "Viel Glück wünsche ich Ihnen und Ihren Kollegen noch", sagt eine alte Dame, als sie an der Kasse das Wechselgeld entgegennimmt. Die freundlich-beflissene Miene des Verkäufers weicht einen Moment einer sorgenvollen: "Tja, wir wissen auch nicht, wie es weitergeht", sagt er, gleich darauf mit einem schiefen Lächeln: "Wird schon werden".

Einen Tag später erzählt mir meine Schwester, die in einem Reisebüro der TUI arbeitet, das dort jetzt auch kurzgearbeitet wird. Andrerseits habe sie in dieser Woche ihren bisher höchsten Umsatz in 13 Jahren gemacht: Für 120 000 Euro hat allein sie Reisen verkauft, in drei Tagen. Davon zwei Kreuzfahrten auf die Galapagos Inseln, für 30 000 Euro. Und ein paar "kleinere" für 9, 10 000 Euro. Von Krise sei da nichts zu spüren....
Klemperer schrieb am 15.06.2009 um 12:55
Die Diagnose stimmt (ausser, dass auf Seite 1 gesagt wird, man wähle "tapfer" CDU - die FDP ist aber die Gewinnerin der Krise, noch absurder...). Der Artikel selbst steckt voller Klischees. So sind "die Deutschen" keineswegs "gemütlich", sondern wie viele Bewohner anderer westlicher Länder rasende, gehetzte Marktwirtschaftler, die in allem das Gegenteil von "gemütlich" leben. Man hechelt 14mal per Billigflieger ins lange Wochenende, während das Klischee des Autors noch immer Mehrheiten sieht, die verblödet vor Gottschalk oder Harald Schmidt sitzen und glotzen... Die Phrase "politisch korrekt", hier mal auf die Gegner Sodanns gemünzt, als der im BILD-Stil auf Ackermann schimpfte, benutzen die Gegner genauso - dann ist halt Sodann "politisch korrekt", und Ackermann "wild, frei" und raucht womöglich Gauloises blondes^^. Auch das Bild von der Fussball-WM 2006 ist falsch - manche wollen immer noch nicht wahrhaben, dass Millionen ausländischer Besucher grade von diesen paar Wochen ein zwar geschöntes Bild haben, aber eines, das sie tatsächlich erlebt hatten... Ich würde der Kritik zustimmen, aber wie Brüggemann kritisiert, ist falsch und recht veraltet. Witzig ist, daß jetzt plötzlich überall "Demos" gefordert werden - genau das, was 15 Jahre als "Hippie-Massenhysterie" begeifert wurde. Ganze Feuilletons lebten jahrelang von der Häme gegen engagierte Leute, ganze Unis redeten mehr über "style" und "Pop-Diskurs". Wen wundert es, daß die rasende Gier in den Marktwirtschaften, gepaart mit der Langeweile, nun offenbart, was wir vor der Krise hatten - eine erstarrte Intellektuellenschicht, die sich Minderheiten als Opfer gesucht hatte... Gemütlich war das nicht, und gemütlich ist auch jetzt niemand. Aber von den paar Floskeln abgesehen ist das ein guter Artikel, denn die Krise wird weltweit seltsam "weggewünscht". Damit man wieder rumrasen kann. Die "Gemütlichen" sind fast ausgestorben, die körperbewußten RaserInnen sind seit 15 Jahren da, lieber Herr Brüggemann^^. Konservativ, cool, also indifferent. Dass immer erst eine Krise, und dann nur, wenn sie lange bleibt, das überhaupt in die Köpfe bringt, und man sich noch mit uralten Klischees die Welt erklärt....das ist falsch.
Anna Dorothea schrieb am 15.06.2009 um 13:08
Lieber AB, Kommentar 2;

"Überhaupt scheint die Grundeinstellung zum Protest in anderen Nationen gesünder zu sein als hierzulande."

Mit Solidarität tun sich die Deutschen ja ohnehin etwas schwer. Vielleicht steckt da noch eine Grundangst dahinter, Assoziationen, die den "normalen" Bürger daran hindern, skandierend auf die Strasse zu gehen?

Hier in HH z.B. werden Demo-Teilnehmer - schwupps - einfach und blitzschnell in die Krawall-Ecke gerückt. Gern vom "Hamburger Abendblatt", einer Springer-Zeitung, die sich eines linke Standpunktes noch nie verdächtig gemacht hat, leider eine von nur drei Tageszeitungen hier (die anderen sind Boulevard), sie wird also von vielen gelesen, vermeintlich vertritt sie "das Bürgertum". Darunter versteht sie offensichtlich das Bürgertum im Sinne Theodor Storms, der Proletariat und Bürgertum in seinen Werken gern gegenüberstellte. Die Bürger hielten grundsätzlich die Klappe, gaben höchstens banale Weisheiten zum Besten und lebten ansonsten unauffällig und angepasst, hatten deshalb ein konfliktfreies, aber langweiliges Leben...

Wie macht es also das "HA"? (Berechtigte) Proteste in der Schanze (Schanzenviertel) wg, Miet-Spekulanten, die das ganze Viertel verändern und plattmachen: Da waren natürlich die "Autonomen" die Rädelsführer ein paar sind ja immer dabei), pfui, bäh. Gern werden auch die Kosten der Polizeikräfte, die so eine Demo schützen, aufgelistet (Tenor: Sie, der Bürger, bezahlt dies mit seinen Steuergeldern!) Das alles schürt Ressentiments. Mich k.... das, mit Verlaub, schon lange an.

"Lieber St. Florian, verschon mein Haus, zünd´ andere an." Leider auch ein Prinzip, nach dem hier viele noch leben: Solange ich die Füße ruhig halte, wird mir schon nix passieren..." Was für ein fataler Irrtum.

Herzlich, Anna
THX1138 schrieb am 16.06.2009 um 20:20
Betrachtet man alleine die Entwicklungen beim Ölpreis über die vergangenen Wochen, dann wird unzweifelhaft klar, dass "man" offenbar nicht gewillt ist, über die allgemeine, soziale Rethorik, wie sie auch schon am letzten G-20-Treffen zu vernehmen war, hinauszugehen. Brot und Spiele nannte sich dieses Vorgehen einmal vor langer Zeit. Bleiben wir beim Ölpreis, weil er so gut als exemplarisches Beispiel für den gegenwärtigen Stand der Dinge hinzugezogen werden kann:

Kurz nach Ausbruch der ursprünglichen Subrimekrise (und später dann Finanzkrise) lag der Preis pro Barrel noch bei gut 147.-- Dollar (2008). Kurz danach kam er auf bis unter 50 Dollar zurück- obwohl damals, also vor gut einem Jahr, noch gar nicht klar war, dass die Finanzkrise in der realen Wirtschaft ankommen wird. Der Ölpreis implodierte- wie übrigens die Preise bei praktisch allen Commodities- innert weniger Wochen ohne erkennbare Gründe- weder Fundamentaldaten noch politische Veränderungen rechtfertigten diese spektakulären Preisrückgang. Warum also kam er also zurück? Das Phänomen nennt sich im Bankenjargon "Delevaraging"- das rein spekulative Kapital musste aus Liquiditätsgründen aus den Warenteminkontrakten abgezogen werden. Die ausbleibende physische Nachfrage hat dem Ölpreis dann noch den Rest gegeben- und ihn auf zeitweise unter 50 Dollar pro Barrel fallen lassen. Noch im Juni 2008 bezifferten Experten im Zuge einer Untersuchung, die von der Energie- und Handelskommission des US-Senats in Auftrag gegeben wurde, dass der Anteil der Spekulation beim Öl bis zu 50 Prozent des Preises ausmachen würde. Zur Information: Kurz vor dem Ende der grossen Ölpreishausse wurden noch 71 Prozent aller Ölkontrakte ausschliesslich mit kurzfristigen, finanziellen Absichten gekauft. Im Jahr 2000 lag dieser Anteil erst bei 37 Prozent. Auf der anderen Seite machten Käufer, die Öl physisch erwerben (z. B. in Rotterdamm) und mit Future-Kontrakten absichern, nur noch 29 Prozent aus.

Und nun steigt der Ölpreis wieder- ohne erkennbaren Grund. Aber die Öllager rund um den Planeten sind randvoll. Von einem Förderengpass kann z. Z. keine Rede sein (im Gegensatz zu 2007 / 2008). Angebot und Nachfrage liegen in etwa im Gleichgewicht (2008 betand tatsächlich ein leichter Nachfrageüberhang). Warum steigt er wohl? Wir haben es aller Voraussicht nach wieder mit dem genau gleichen Phänomen zu tun, wie dasjenige, das Teil der Krise ist. Wer sind die Marktteilnehmer? Dieselben wie zuvor! Hat irgendjemand etwas davon gehört, das "man" die internationale Finanzarchitektur plant umzubauen- ich meine: Vom Sockel her, nicht von der Eisbergspitze bis etwa einen Meter darunter?

Das System revidiert sich selbst- unter Verwendung einer lautmalerischen, sozialen Rethorik. Die soziale Rethorik ist ein Mittel zum Zweck- und der Zweck heisst Systemerhalt- um jeden Preis!
Dattel schrieb am 17.06.2009 um 09:51
Wir sollten wieder alle auf die Strasse gehen und gegen die Krisenblindheit demonstrieren, denn wir wissen, dass die Ursache tiefer liegt und eigentlich das System an sich ueberwunden werden muesste bevor es zusammenbricht. Wir kaempfen naemlich fuer etwas Besseres danach. Wie sieht das Bessere aus? Interessiert niemanden, weil wir erstmal den Kapitalismus ueberwinden muessen, dann wird da schon irgendwas kommen, was besser als der Kapitalismus ist ohne Markt, ohne Geld, ohne Staat.
Ich finde das immer eine tolle Vorstellung, dann man muesste ja eigentlich nur im Cafe sitzen, Kaffee trinken und warten bis das Uebel sich von selbst aufgehoben hat. Wann werden die Intellektuellen in Deutschland endlich mal begreifen, dass das was danach kommt nicht unbedingt besser sein muss und es darum geht einen Plan einer Alternative auf die Beine zu stellen?
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