Land Guck-in-die-Luft

Krise Überall in Europa wird protestiert. In Deutschland sind die Krisen-Meldungen zwar besonders verheerend, aber wir machen weiter wie bisher. Das könnte zum Problem werden

Als Gesine Schwan während ihrer Präsidentschaftskandidatur überlegt hat, ob es in Deutschland auf Grund der Weltwirtschaftskrise zu sozialen Unruhen kommen könnte, wurde sie umgehend zurückgepfiffen. Sofort ließ Angela Merkel verkünden, dass die Bundeskanzlerin diese Sorge nicht teile, und selbst SPD-Chef Franz Müntefering erklärte: „Deutschland ist stark. Es gibt Vertrauen in die, die politisch handeln, in Gewerkschaften und die Arbeitgeberverbände.“ Aufstand in Deutschland? Undenkbar. Basta!

Die deutsche Politik leistet sich nicht einmal mehr radikale Gedanken. Sie soll schön sein, unaufgeregt und rational. So wie unsere Vorgärten – und wenn sie droht, wild zu wachsen, wird sie von politisch korrekten Gartenzwergen ziemlich schnell wieder zu Recht gestutzt.

In anderen Ländern herrschen ganz andere Sitten: Die Arbeiter der französischen „Sony“-Filiale bei Bordeaux haben kurzerhand den Frankreich-Manager Serge Foucher über Nacht in seinem Büro in Pontonx-sur-l‘Adour festgehalten und bessere Abfindungen verlangt, als das japanische Stammhaus ihr Werk schließen wollte. Sie scheinen ein historisches Protest-Gen zu haben, in dem der Geist Robespierres, Sartres und Asterix’ schlummert. Dagegen scheinen die Deutschen eher durch die historischen Gene des Untertans determiniert. Bloß keine Aufregung, bloß nichts Verbotenes – bloß nicht aus dem Rahmen fallen. Immer schön Lächeln! Gerade in der Krise.

Arbeiter in Frankreich haben die französischen Manager des deutschen Reifenherstellers Continental wüst beschimpft und mit Eiern beworfen, als die eine Kündigungswelle planten. In Deutschland reichte es, dass die Firmeneigentümerin und Milliardärin Maria-Elisabeth Schaeffler auf einer Protestkundgebung der Arbeiter kurz Tränen vergoss, um den Mob zu erweichen. Auf dem gemeinsamen Marsch für Staatshilfen hat sie ihren Pelz abgelegt und die Betonfrisur zum schlichten Pferdeschwanz gebunden. So ging sie Seit’ an Seit’ mit ihren Arbeitern, die sich zuvor noch über Schaefflers „Menschenführung nach Gutsherrenart“ mokiert hatten.

Die Deutschen wollen ihre Ruhe

Die Welt steckt in einer der größten Krisen, und während unkonventioneller Protest wie in Frankreich fast überall in Europa gang und gäbe ist, scheint Gesine Schwan sich – was Deutschland betrifft – zu irren: Die Deutschen wollen Ruhe statt Unruhe. Und Wladimir Iljitsch Lenin hat einmal mehr Recht. Er traute den Deutschen keine Revolution zu, weil er befürchtete, dass sie sich erst eine Bahnsteigkarte kaufen würden, bevor sie den Bahnhof stürmen.

Natürlich handelt es sich bei genauerem Hinsehen weder in Frankreich noch sonstwo auf der Welt um wirkliche Revolutionen. Statt einer Guillotine haben die Arbeiter in Pontonx-sur-l‘Adour ihrem Manager Wasserflaschen hingestellt und seine Familie verständigt, dass es etwas später wird. Mit ihren politischen Aktionen stellen die Franzosen auch nicht die Grundlagen ihres Staates in Frage. Im Gegenteil: unkonventioneller Protest gehört zur Landeskultur – und damit zum demokratischen Dialog.

Überhaupt scheint die Grundeinstellung zum Protest in anderen Nationen gesünder zu sein als hierzulande. Aktionen wie die Geiselnahme eines Spitzenmanagers sind nur möglich, weil sie von einem Großteil der Franzosen als legitimer Ausdruck der Ohnmacht und der Wut verstanden werden. Als Reaktion auf eine Situation, in der weder Wahlen noch andere Mittel den politischen Dialog von Bürgern, Wirtschaft und Politik vorantreiben können. Diese Protest-Aktionen haben das (übrigens zum Teil durchaus erfolgreiche) Ziel, miteinander ins Gespräch zu kommen. Sie beleben die historische Tradition einer Demokratie, die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf der Straße erkämpft hat – und diese Werte im Notfall auch hier verteidigt.

In Deutschland ist das anders. Hier werden zum Teil schon freie Gedanken als Querulantentum verurteilt: Die Debatte um Investoren, die sich wie Heuschrecken verhielten, war 2005 ein Beispiel für die Art, wie man hierzulande mit einer provokanten These umspringt. Erst kürzlich wurde der Präsidentschaftskandidat Peter Sodann in die politisch unkorrekte Ecke gestellt, weil er laut überlegte, ob Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann vielleicht in den Knast gehöre. Hier ist schon das provokante Gedankenspiel als Staatsrisiko verpönt. Und auch das hat natürlich historische Gründe: Wir tragen Heinrich Manns Untertanengeist der Kaiserzeit noch immer in uns. Kein anderes demokratisches Land denkt so sehr in „die da oben“ und „wir da unten“ und zieht daraus die Konsequenz, dass Politik im Grunde eine Angelegenheit der Politiker ist – und nicht des Demos, des gesamten Volkes. Während Franzosen in der Krise auf die Straße gehen und ihre Politik zurückfordern, maulen die Deutschen lieber über ihre eigene Machtlosigkeit. Außerdem herrscht hierzulande die verständliche Angst, dass politische Enttäuschung schnell in Radikalität umschlagen kann.

Der "Cocooning-Effekt"

Das alles führt dazu, dass Deutschland ein weltweites Phänomen in der Weltwirtschaftskrise darstellt. Auf der einen Seite trösten uns täglich Experten, dass die Talsohle spätestens im Sommer erreicht ist, auf der anderen rechnet die Regierung mit Steuerausfällen von 316 Milliarden Euro bis 2012 – mit einer Rekord-Verschuldung. Die Schizophrenie der Nachrichten ist zur Alltäglichkeit geworden. Und trotzdem scheinen die Deutschen noch immer unbeeindruckt von der Krise zu sein.

Angeblich ist die Warennachfrage kaum gesunken, sie hat sich lediglich verschoben. Statt Fernreisen boomen nun Möbelhäuser und Outdoor-Shops. Experten nennen das den „Cocooning-Effekt“: Statt auf die Straße zu gehen, ziehen sich die Deutschen in ihre Wohnzimmer zurück. Sie gehen campen, statt zu Sit-Ins. Und warum sollten sie auch beunruhigt sein? Schließlich reden Kanzlerin und der Vizekanzler die Nation im Wahlkampf wieder gesund – und glauben, in der Krise ein Vertrauen zu finden, das sie vor kurzem noch verspielt hatten.

Zwar gelten 13 Prozent der Bundesbürger als arm, weitere 13 Prozent leben von Sozialtransfers und jeder fünfte Deutsche lebt von weniger als der Hälfte des Durchschnittseinkommens, aber gegenüber der Menschenrechts-Abteilung der UN erklärt die Bundesregierung die Armut in Deutschland zu einem „statistischen Problem“.

Die politische Optimismus-Rhetorik wird durch das Schweigen der bereits betroffenen Krisenlämmer bestätigt. Wer sich für einen Augenblick von den abstrakten Krisenszenarien anonymer Großbanken und Großkonzerne, die im Fernsehen im Vordergrund stehen, abwendet und in seine Nachbarschaft statt in die Glotze schaut, beobachtet, dass die Krise auch in Deutschland längst angekommen ist: Selbstständige, Freiberufler und Mittelständler, die ohne Kurzarbeitergeld, Krisensubventionen und Staatshilfen auskommen müssen, kämpfen schon jetzt gegen finanzielle Engpässe. Für sie ist Armut kein statistisches, sondern ein reales Problem geworden.

Wer will sich schon als Krisenopfer outen?

Die Betroffenen können keine Firmenchefs als Geisel nehmen und haben nicht einmal die Zeit, ihren Protest herauszuschreien. Hinzu kommt die deutsche Scham, als Verlierer dazustehen: Wer will sich schon als Krisenopfer outen, während der Rest des Landes noch in den Straßencafés Latte Macchiato schlürft?

In anderen Ländern ist der Protest eine Sache der gesamten Nation: Spektakuläre Aktionen einzelner Betroffener sorgen für ein kollektives Bewusstsein, weil sie nicht als radikaler Akt wahrgenommen werden, sondern als Hilferuf, den Motor der Demokratie anzukurbeln: den gleichberechtigten Dialog der unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen. Protest ist in Ländern wie Frankreich kein Phänomen der Destabilisierung eines Landes, sondern der Sensibilisierung der Nation.

So wie Deutschland bei der Fußball-WM gelernt hat, dass Nationalstolz nicht unbedingt eine Gefahr in sich tragen muss, wird es in Zukunft vielleicht lernen müssen, dass wütender Protest durchaus hilfreich sein kann, wenn er die Dialogkultur des Staates fördert. Noch scheint Deutschland Angst zu haben, für Gerechtigkeit zu protestieren – weil es befürchtet, dass politischer Protest in der Krise in eine Katastrophe führen könnte. Dabei bewirken die Muskelspiele der Politiker und das lethargische Schweigen der Menschen, die bereits von der Krise betroffen sind, mittelfristig keine die Stabilisierung der Demokratie. In Frankreich sucht sich der Frust vieler Arbeiter seine unkonventionellen politischen Ausdrucksmittel. In Deutschland droht sich eine unzufriedene, schweigende Mehrheit unterhalb der optimistischen, politischen Krisen-Inszenierung zu bilden. Und das wäre nicht nur gefährlich, sondern – wie die Geschichte lehrt – dann doch wieder typisch deutsch.

Von Axel Brüggemann ist gerade das Buch Wir holen uns die Politik zurück im Eichborn-Verlag erschienen

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Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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