Wochenthema

Es gibt kein richtiges Einkaufen im falschen Wirtschaftssystem

Kopenhagener Gipfel

Ein Klima des Misstrauens

Abigail Edge/David Adam, The Guardian
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Fünf Gründe | 12.11.2009 07:00 | Kathrin Hartmann

Bio ist nicht fair

Es gibt kein richtiges Einkaufen im falschen Wirtschaftssystem. Ethischer Konsum ist bloß ein Ablasshandel zur Wahrung eigener Besitzstände

Wer Fischstäbchen isst, rettet die Meere, wer Bier trinkt, rettet den Regenwald, und wer Porsche fährt, rettet das Klima. Wer heute Einkaufen geht, könnte glauben, die Rettung der Welt stehe unmittelbar bevor. Es gibt kaum ein Unternehmen, das nicht seine „Verantwortung“ auf seiner Internetseite betont und nicht wenigstens ein Produkt auf den Markt gebracht hat, das moralischen Anforderungen genügt.

Dass der Kunde begreift, unter welchen Bedingungen Produkte hergestellt werden, darauf arbeiten Umweltorganisationen schon seit Jahrzehnten hin. Mithilfe des Drucks öffentlicher Empörung sollen Politiker dazu gebracht werden, verbindliche Standards und Gesetze zu etablieren. Der ethische Konsum enthält dagegen keine Forderungen an die Politik, sondern nur an Unternehmen. Die Idee hinter der Konsumentendemokratie ist simpel: wenn genug Leute faire, ökologische und klimaverträgliche Produkte kaufen, stellen die Unternehmen nur noch „gute“ Produkte her. Und tatsächlich, wenn es der Kunde denn wünscht, bekommt er Klimaschutz und Menschenrechte in den Supermarkt gestellt: „Gutes Gewissen“ ist das neue emotionale Attribut der alten Warenwelt.

Mal abgesehen von der Frage, ob es nicht zynisch ist, die Verwirklichung von Menschenrechten und Klimaschutz davon abhängig zu machen, ob dem Kunden beim Einkauf der Zustand der Welt durch die Rübe rauscht: Im Handel verläuft die Kommunikation auf jeden Fall nur zwischen Anbieter und Kunde. Angebot, Nachfrage und reale Probleme sind aber fast nie deckungsgleich, ums Ganze kann es dabei also nie gehen. So dient der ethische Konsum vor allem dem eigenen Wohlgefühl: Eine Befindlichkeitsweltrettung, die nicht weh tut, die nicht nach allgemeinen Lösungen sucht, sondern vielmehr individuelle Erlösung verspricht.

So gesehen ist ethischer Konsum ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Die Unternehmen bieten dem Kunden eine bequeme Infrastruktur fürs gute Gewissen, die Kunden lassen sie dafür mit allem weiteren in Ruhe. Man kann ethischen Konsum also als eine Art Ablasshandel bezeichnen, er dient der Wahrung eigener Besitzstände.

Preisdumping mit Ökosigel

Es gibt ja auch nicht für jedes Produkt einen korrekten Ersatz, allenfalls die punktuell etwas bessere Alternative. Bio ist nicht gleich fair, fair ist nicht gleich bio – und wenn noch der CO2-Verbrauch dazu kommt, wird es vollends kompliziert. Der Kunde kann sich meist nur für ein einziges ethisches Kriterium entscheiden, kauft aber alles mit, was sonst noch so am Produkt hängt.

Ein paar Beispiele: Wer bei Lidl „bio und fair“ kauft, unterstützt gleichzeitig das Preisdumping des Konzerns, der Lebensmittelproduzenten weltweit in die Armut treibt. Wer „grünen Strom“ von einem herkömmlichen Anbieter bezieht, unterstützt Kern- und Kohlekraft. Wer sich Adidas-Turnschuhe aus recycelten Autoreifen kauft, spart vielleicht Ressourcen, akzeptiert aber die Bedingungen in den Sweatshops. Es gibt kein richtiges Einkaufen im falschen Weltwirtschaftssystem. Dieses aber zementiert der ethische Konsument, wenn er meint, die dringend nötigen Gesellschaftsdebatten den PR-Abteilungen der Konzerne überlassen zu können. Die sind ja nicht zuerst an der Rettung der Welt interessiert, sondern schlicht an dem, was sie früher schon interessierte: möglichst hoher Profit.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
SvenMaximilian schrieb am 13.11.2009 um 00:43
Wenn die inhaltliche Logik des Buches auch nur annähernd so erbärmlich ist wie die des Artikels dann tut es mir um die Bäume leid. Sechs. Setzen.
quarktasche schrieb am 14.11.2009 um 20:32
Und was schlagen Sie vor, Frau Hartmann? Nichts mehr kaufen?
Deaktivierter Nutzer schrieb am 14.11.2009 um 20:47
Eigentlich sind das Binsenweisheiten. Dass die Wirtschaft alles, aber auch alles, was bei der werten Kundschaft gut angesehen ist, in die Warenstylingstrategien (einschließlich des Drumherum wie Werbung) mit einbaut, ist ein alter Hut. Sie haben schon in den frühen siebzigern mit Revolte geworben, warum nicht mit Öko, Fair und all dem.
Die Frage müsste viel grundsätzlicher ansetzen, welche Funktion hat Konsumkritik in einer Konsumgesellschaft?
Achtermann schrieb am 14.11.2009 um 21:22
Immerhin hab' ich was gelernt. Ich wusste nicht, was LOHAS ist. LOHAS, haben meine Nachforschungen ergeben, steht für „Lifestyle of Health and Sustainability“. Das ist wohl richtig modern.

Schon etwas merkwürdig, über die PR-Abteilungen der Konzerne zu schwadronieren und das Blog gleichzeitig zu einer PR-Unterabteilung in eigener (kommerzieller) Sache zu gebrauchen.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 15.11.2009 um 14:07
Die LOHAS' sind so eine typische Erfindung der Marketing-Strategen, die ja immer diese Zielgruppenschächtelchen basteln. Wer einen gesunden und nachhaltigen Lebensstil pflegt, sollte in dem Moment, wo er/sie zum LOHAS erklärt wird, aufhorchen und sich fragen, was er/sie falsch gemacht hat.
sinucello schrieb am 19.11.2009 um 20:43
Kritischer und bewusster Konsum ist richtig und wichtig, Greenwashing dagegen nicht. Die Unterstellung, ein Öko-Konsument würde nur sein Gewissen beruhigen und sich damit ein ethisches Ruhekissen erkaufen wollen, finde ich unpassend und unangebracht. Gerade das Beispiel Lidl hat einen gewaltigen Basic-Hinkefuß. Das Buch werde ich mir ganz sicher nicht kaufen. Liebe Frau Hartmann, investieren Sie Ihre Zeit doch bitte lieber in das Verfassen einer Anleitung für ein Ihrer Meinung nach sinnvolles Konsumverhalten.
zuzieB schrieb am 20.11.2009 um 18:27
"Gutmenschen"-Bashing verkauft sich gut, so sieht es aus. Wer sich wirklich Gedanken macht, kauft keinen Biokaffee bei Lidl und auch keine angeblichen Öko-Adidas. Und wer sich Gedanken macht, bildet sich auch nicht ein, die Welt mit dem Wochenend-Einkauf zu retten. Man kann politisch arbeiten UND gutes Zeugs kaufen UND Geld an gute NGOs spenden... manchmal schafft man das nicht alles, aber den Leuten die Motivation zum Engagement nehmen, ist einfach nur arrogant und doof.
shewek schrieb am 01.12.2009 um 15:46
Die Kommentare hier mal wieder! Anscheinend sind hier lauter nicht-linke Ökokonsumenten unterwegs. Verblüffend, dass eine mehr oder weniger progressive Zeitung doch eine Menge Leser anzieht, die unfähig zur Kapitalismuskritik sind.

An die LOHAS, Konsum-Ökos und Grün-Realos: Ihr werdet an den Weltverhältnissen wesentlich nichts verbessern, da Ihr nur die nützlichen Wirrköpfchen der Industrie seid. Euch gibt es sogar schon in der Werbung!
Samai schrieb am 06.12.2009 um 15:54
ach leute, wenn man sich die frau mal anschaut, wie sie so dasitzt in ihrem h&m-schick und sich hübsch empört, das ganze dann bei randomhouse gut vermarktet und von dem geld vermutlich jede menge mist kauft (sicherlich bevorzugt bio), sieht man doch unmittelbar, dass die sich mit ihrem klugen buch ein eigentor schiesst. frau hartmann steckt mit sicherheit mit beiden bestiefelten beinchen mindestens so tief im mist dieses wirtschaftssystems wie jeder andere auch. und meint aber, es besser zu wissen. nun ja, sie kommt von neon(!), da muss man wohl nachsichtig sein.
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