Wochenthema

Deutschland muss sich der Moral und Logik des Krieges entziehen

Leitartikel | 22.04.2010 13:00 | Jakob Augstein

Die Wahl der Waffen

Der Krieg hat seine eigene Moral. Er ist ein Angriff auf die zivilen Gesellschaften des Westens. Dem müssen wir uns widersetzen

Oberst Klein wird in die deutsche Nachkriegsgeschichte eingehen. Er befahl das Massaker von Kunduz und wird nicht vor Gericht gestellt. Er verstieß gegen eine Vielzahl militärischer Regeln, und die Justiz erklärt sich für nicht zuständig. Der Mann, der in seinem Namen eine ebensolche contradictio in adjecto birgt wie die irrige Formulierung von den friedensstiftenden Militäreinsätzen, an denen sich die Bundeswehr mit zunehmender Selbstverständlichkeit beteiligt, dieser Mann kann allen deutschen Soldaten künftig als Vorbild dienen: Die wahllose Tötung von Menschen, seien es Zivilisten oder Kämpfer, Männer oder Frauen, Greise oder Kinder, ist im Krieg Alltag und kein Vergehen, und die Justiz ist nicht zuständig. Man kann getrost damit rechnen, dass die eigene Gerichtsbarkeit der Bundeswehr sich des Falles, wenn überhaupt, dann gnädig annehmen wird.

Bundeswehr und Bundesregierung waren erfreut, dass Richter und Staatsanwälte sich nicht mit Oberst Klein befassen werden. Es hieß, diese Entscheidung gebe den Soldaten nun Rechtssicherheit. Die Soldaten können mit mehr Sicherheit töten. Es wird ihnen nichts geschehen. Wenn Oberst Klein davonkommt, wird jeder andere auch davonkommen. 91 Menschen verlieren ihr Leben, und es wird niemand zur Rechenschaft gezogen. Es geschieht einfach. Das ist die Wirklichkeit des Krieges. Diese Wirklichkeit greift die Moral der deutschen Gesellschaft an, so wie sie die Moral aller Gesellschaften auf Dauer angreift, die sich im Krieg befinden. Die Frage nach Schuld und Unschuld des Einzelnen, die in der Zivilgesellschaft Grundlage jeden staatlichen Eingriffs ist, spielt im Krieg keine Rolle mehr. Es dürfen alle sterben. Die Schuldigen und die Unschuldigen. Die Männer und die Kinder. Im Tode sind sie alle gleich. In der Entscheidung zur Luftsicherheit hat das Bundesverfassungsgericht geschrieben, dass Menschen nicht „verdinglicht und zugleich entrechtlicht“ werden dürften, dass der Staat sie nicht als „bloße Objekte“ behandeln dürfe. In Afghanistan gilt das nicht. Das ist die Hölle des Krieges, die General Sherman meinte. Er hatte South Caroline verwüstet. Er wusste, wovon er sprach.

Wunsch nach dem Erhabenen

Die Wirklichkeit des Krieges bringt die Teilung in Gut und Böse mit sich, die Überhöhung der eigenen Opfer und die Erniedrigung des Gegners. Als wieder vier deutsche Soldaten in Afghanistan getötet worden waren, sprach der Generalinspekteur der Bundeswehr von der „Heimtücke und Hinterlist“ der Aufständischen. Und ein anderer General nannte sie „ruchlose und feige Männer“. Da werden Bilder erzeugt. In den Zeitungen wird schon wieder von den „Gefallenen“ gesprochen. Ein altmodisches Wort, das die Toten des Krieges von allen anderen Toten unterscheiden soll, sie hervorheben, ihnen etwas Erhabenes geben soll.

Wie „tapfer“ mögen wohl die westlichen Truppen den Afghanen vorkommen, wenn sie mit unbemannten Kampf-Drohnen und überschallschnellen Präzisionsbomben angreifen? Und wie erhaben ist es, in Afghanistan zu „fallen“ und nicht wieder aufzustehen, in einem Krieg, der nach allem menschlichen Maß nicht zu gewinnen ist, weil er sich nicht gegen einen militärischen Gegner richtet sondern gegen eine andere Kultur, weil mithin seine Ziele keine militärischen sind, sondern kulturelle? Stellen sich die deutschen Generäle solche Fragen noch? Stellt die Bundesregierung sich solche Fragen noch?

Die Gesellschaft muss sich dem Gift des Krieges widersetzen. Der Freitag veröffentlicht darum in dieser Ausgabe die Bilder von Angehörigen der Opfer von Kunduz. Und wir haben uns an einer Ausstellung beteiligt, in der diese Bilder der Öffentlichkeit gezeigt werden. Wir sollten diese Bilder vor unserem inneren Auge neben jene der getöteten Deutschen stellen. Und dann sollten wir beschließen, unsere Soldaten aus Afghanistan abzuziehen. Sofort.

Die eigene Schwäche anerkennen

Der schwächer werdende Westen kann das, was er für die universellen Menschenrechte hält, nicht weltweit durchsetzen. Wir mögen noch Mühe haben, das anzuerkennen: Aber die absoluten Wahrheiten der Aufklärer halten den kulturrelativistischen Wirklichkeiten nicht stand, die schon Johann Gottfried Herder und noch vor ihm Giambattista Vico beobachtet haben. Wir stehen ja nicht in Afghanistan, um Hamid Karsai zu schützen, der mittels Wahlfälschung an der Macht blieb, gute Kontakte zum Drogenhandel hat und die westliche Allianz mittlerweile selbst als „Eindringlinge“ bezeichnet. Und wir stehen auch nicht in Afghanistan, um Schulen und Straßen zu bauen. Diese Illusionen sind schon lange vor den Angriffen vernichtet worden, bei denen nun wieder vier Deutsche gestorben sind.

Wenn man alle Argumente bis an ihr Ende verfolgt, wenn man alle Lügen und Vorwände durchdrungen hat und wenn man auch alle falschen Hoffnungen auf eine Besserung für die Menschen in diesem Land verworfen hat, die es ja vielleicht zu Recht einmal gegeben haben mag, dann bleibt nur ein Argument, das den Verbleib Deutschlands am Hindukusch rechtfertigen kann. Und das ist die Bündnistreue. Wir führen Krieg aus Bündnistreue. Das ist die Politik von Angela Merkel. Dafür wird man sich ihrer erinnern: Als Kadett der Amerikaner in einem sinnlosen Krieg.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Hans Kelsen schrieb am 22.04.2010 um 18:38
Ich kann Ihnen nur voll zustimmen.
Ein kleine Ergänzung möchte ich noch hinzufügen: Oberst Sanftleben alias Georg Schramm verwies auf die Unfähigkeit des Westens das Scheitern eingestehen zu können. Dies ist aber nicht nur ein charakterliches Problem, sondern auch ein Politisches: Wie wäre die nächste humanitäre Intervention nach einem Scheitern in Afghanistan begründbar?

Grüße
Fritz Teich schrieb am 22.04.2010 um 20:13
Der Schramm hat zwar eine gute Sache gesagt, die Unfaehigkeit, das Scheitern zuzugeben, ansonsten war der Clip aber auch etwas duemmlich. Der Job der Soldaten wird zu einseitig dargestellt. Es wird nicht nur auf deutscher Seite gestorben, gelegentlich sterben auch andere.
B.V. schrieb am 22.04.2010 um 18:42
Ein sehr guter Artikel, der alles sagt! Es wird Zeit für breit angelegten Widerstand gegen diesen Krieg.
Joachim Petrick schrieb am 23.04.2010 um 22:31
davor muss der Deutsche Bundestag dazu gebracht werden, einzugestehen, dass der Deutsche Bundestag mit Wirkung vom 12. eptember 2001 der Welt als NATO- Partner den Krieg erklärt hat.
Es geht folglich nicht nur um ein Ausstiegsszenario aus Afghanistan, sondern um eine Beendigung der kKiegserklärung.
SchmidtH. schrieb am 22.04.2010 um 18:58
Wie wird es auch diesem guten Beitrag ergehen? Gelesen, vergessen. Bewirkt er etwas? Glaube nicht, wenn sich nur eine derartig kleine Wochenzeitschrift wie der "Freitag" dieses Problems auf diese kritische Weise annimmt.

Heute fand ich von Hans Peter Schütz folgenden guten, ja sehr treffenden Beitrag bei "Stern-online".

Allein die Überschrift bringt es auf den Punkt:

"Merkel offenbart hilflose Arroganz"

Ja, genau und noch viel mehr. Doch hier wird ein Handeln, Nichthandeln, Lassen, Unterlassen, Scheinhandeln, welches als REGIEREN daherkommt als das entlarvt was es eigentlich ist, die personifizierte hilflose Arroganz.

Auch Helmut Schmidt macht deutlich (Zeit-Magazin), wohin uns diese Art, die hier praktizierte Simulation von Regieren, dieser von mir immer wieder beklagte Hang sich anderen "anzubiedern", führen kann und wird.

Sie haben Recht Jakob Augstein, wenn Sie schreiben, hier reduziert sich "vermeintliche" Bündnistreue zu einer Art Kadettentum.

Ich würde sogar weitergehen. Hier wird eine Art "Söldnertum" zum Regierungshandeln einer Einzelnen erhoben. Denn wie bei der Fremdenlegion gibt der Herr dem, der sich ihm unterwirft, eine neue Identität.
llocke schrieb am 22.04.2010 um 19:13
Joachim Petrick schrieb am 23.04.2010 um 22:28
wer ist fritzchen?
Fritz Teich schrieb am 22.04.2010 um 19:41
<<
gegen eine Vielzahl militärischer Regeln
>>

Das ist doch wirklich nicht das Problem. Und rechtswidrig wird sein Handeln dadurch erst Recht nicht. Er hat auf die falschen Leute gehoert, naemlich den unsaeglichen Gouverneur der Gegend, seine Politik war falsch. Im DLF laeuft gerade ein Interview mit einem, der dort war und von der Nettigkeit der Taliban berichtet......einem Herrn Reuter.
Fritz Teich schrieb am 22.04.2010 um 19:43
Man muss das mal umdrehen: den Befehlen gehorchen, dann handelt man rechtmaessig?
Technixer schrieb am 22.04.2010 um 19:45
Die Gründe für diese Kriege (Irak und Afghanistan) liegen auf der Hand, wirtschaftliche und geopolitische Ursachen, bis zum Russen ist es ja nicht mehr weit. Da dieser bereits seine Unterseeboote außerhalb der 200 Milenzone die Flagge hissen läßt, kreist man ihn an Land lieber schnell ein bevor er auf dumme Gedanken kommt.

Solange dieses Wirtschaftssystem nicht zusammen bricht, solange bleibt alles beim Alten. Es ist das elendliche Wachstumsparadigma, welches für alles Leid auf unserem blauen Planeten verantwortlich ist. Afghanistan hat nunmal das Pech arm zu sein und wenig erschlossen, aber über reiche Rohstoffvorkommen zu verfügen.

Im Irak findet ein ähnliches Schauspiel statt (entschuldigt den Sarkasmus).

Das wunderbare EU Projekt droht an der Gier der Kapitalmärkte zu zerfallen. Das bei der Deutschen Bank für ihr Verhalten noch keine Brandsätze reingeflogen sind, ist wiedereinmal typisch für den deutschen Gemütsmichel.

Der Krieg ist ach so fern und berührt keinen der 6,7 Millionen Hartz IV Empfänger direkt. Allerdings fragen sich viele davon, warum Sozialleistungen gekürzt werden (wegen dem angeblichen Sparzwang) und auf der Gegenseite der Krieg 785 Millionen Euro pro Jahr kosten soll.
Nun kann man ja juristisch vom NATO Bündnisfall sprechen, ins rechte Licht rückt der ethisch moralisch falsche Eroberungskrieg noch lange nicht.

Es ist eben NICHT zu allgemein formuliert, wenn man die westlichen Wirtschaftformmodelle als wesentlichen Kriegstreiber festlegt (Blackwater et al).
Es ist eben NICHT zu allgemein formuliert, wenn man 24% Renditeziele als Triebkraft für das immer-schneller-immer-mehr Wachstum als Ursache allen Übels aufzeigt.
Solange die Menschen das nicht verstehen und dagegen stimmen und ihre Ärsche immer und immer wieder auf die Straße bewegen, solange ist auch keine Lobby für die Schwachen da.
Fritz Teich schrieb am 22.04.2010 um 20:10
<<
Es ist eben NICHT zu allgemein formuliert, wenn man die westlichen Wirtschaftformmodelle als wesentlichen Kriegstreiber festlegt (Blackwater et al).
>>

Doch! Blackwater ist nicht typisch fuer westliche Armeen und auch nicht typisch fuer die westlichen Wirtschaftsmodelle.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 22.04.2010 um 23:42
Laut SIPRI machen deutsche Rüstungsexporte 10% des weltweiten Militärbedarfs aus. Deutschland ist nach der USA und Russland der weltweit drittgrößte Exporteur....
Ja, die Ziele sind geopolitischer und wirtschaftlicher Natur und finden in der Bevölkerung Akzeptanz, weil sie vorgeben, Demokratie und Menschenrechte zu verbreiten. Sie sind aber nichts anderes als ein Mittel zur "Öffnung der Märkte' in einer globalisierten Welt.
Joachim Petrick schrieb am 23.04.2010 um 22:26
und Bundespräsident Horst Köhler ist immer noch nicht bereit, an Särgen von getöteten Bundeswehrsoldaten/innen zu stehen,um den Angehörigen in die Augen zu sehen, hat Bundespräsident Horst Köhler doch im Jahre 2005 im Wege der mysteriös vorzeitigen Auflösung des Deutschen Bundestages auf Drängen von Bundeskanzler Gerhard Schröder, ganz nebenbei das Mandat für den Afghanistan Krieg verschwiemelt gefordert und befördert..
Fritz Teich schrieb am 24.04.2010 um 14:00
<<
Laut SIPRI machen deutsche Rüstungsexporte 10% des weltweiten Militärbedarfs aus.
>>

Ganz richtig und uebel, vor allem im Zusammenhang mit Griechenland, ABER: was hat das mit Blackwater zu tun???? Das ist noch ein Tick mehr.
Fritz Teich schrieb am 22.04.2010 um 19:49
<<
Wir stehen ja nicht in Afghanistan, um Hamid Karsai zu schützen, der mittels Wahlfälschung an der Macht blieb, gute Kontakte zum Drogenhandel hat und die westliche Allianz mittlerweile selbst als „Eindringlinge“ bezeichnet. Und wir stehen auch nicht in Afghanistan, um Schulen und Straßen zu bauen. Diese Illusionen sind schon lange vor den Angriffen vernichtet worden, bei denen nun wieder vier Deutsche gestorben sind.
>>

Warum stehen wir denn in Afghanistan? Damit Karzai uns als Eindringling bezeichnen kann. Es geht naemlich um seinen Willen und nicht um unseren. Das ist ISAF! Einen besseren Willen der Afghanen gibt es nicht, wenn wir ihn nicht akzeptieren, dann muessen wir gehen. Und wenn Karzai will, dass wir Schulen bauen, dann ist genau das der ISAF-Auftrag. Alles andere ist Mord! Wenn er lege artis ausgefuehrt wird, dann mag der Mord kein Kriegsverbrechen sein, der Krieg ist dann aber ein illegaler Angriffskrieg, wie fast alle Kriege der USA.
Fritz Teich schrieb am 22.04.2010 um 19:51
Das Verbot von Angriffskriegen ist eine solche Selbstverstaendlichkeit, dass das Herumeiern mit Vico etc nur den Verdacht naehrt, man meine es nicht ganz ernst.
Fritz Teich schrieb am 23.04.2010 um 00:16
Christian Bommarius koennte darueber schreiben und Vico erwaehnen und es waere witzig, wenn auch nicht immer richtig.
Fritz Teich schrieb am 22.04.2010 um 20:00
<<
Wir führen Krieg aus Bündnistreue. Das ist die Politik von Angela Merkel. Dafür wird man sich ihrer erinnern: Als Kadett der Amerikaner in einem sinnlosen Krieg.
>>

Das ist ja sehr schoen, dass es endlich auch Herr Augstein gemerkt hat, es ist aber keine Erfindung von Frau Merkel, es ist das Delemma der deutschen Politik von Anfang an. Genscher hat es ziemlich lange herausgezoegert mit einem verfassungsrechtlichen Argument, das zwar nicht zutreffend war, aber funktionierte. Wenn man etwas dagegen tun will, dann man man aehnlich wie Genscher argumentieren, aber voelkerrechtlich. Indem man sauber zwischen ISAF und Enduring Freedom unterscheidet und feststellt, dass Enduring Freedom zumindest heute voelkerrechtswidrig ist. Der Bundestag sollte mal darueber nachdenken. So kann Merkel, der die gegenwaertige Situation sicher auch nicht swympatisch ist, ihr Gesicht bewahren und einfach sagen: sorry, tut mir leid, mein Bundestag hats mir verboten.
Fritz Teich schrieb am 22.04.2010 um 20:06
Der einzige, der sich einigermassen "maennlich" verhaelt, ist unser junger Verteidigungsminister. Unser Bundestag besteht nur aus Flaschen, die mehr oder weniger offen Enduring Freedom zur offiziellen Linie machen wollen. Das waere dann der Schritt vom nicht-internationalen zum internationalen Konflikt. Das sagt zwar keiner, so isses aber. So isses auch schon, wenn man vom Buergerkrieg spricht, denn Buegerkrieg ist eben eine Buergerkriegspartei gegen die andere, nur beide zusammen sind aber das Afghanistan von ISAF.
Fritz Teich schrieb am 23.04.2010 um 01:22
Wobei das fuer G. sehr risikolos war, da er damit bei Crystal offene Tueren einrennt.
Joachim Petrick schrieb am 23.04.2010 um 22:20
geht es um volle Flaschen oder um Leergut als Ersatz für Lehrgeld auf dem Niveau von Sold?
Fritz Teich schrieb am 24.04.2010 um 14:04
Sold, etwas zu primitiv gedacht. Mir hats gefallen, die Typen rauszuschmeissen. Kundus war falsch, was stoert Dich an dieser erfrischend klaren Aussage?
mustermann schrieb am 22.04.2010 um 20:42
Erbärmlich, was das deutsche Bush-Zäpfchen und die Steinmeier-SPD heute im Bundestag von sich gegeben haben. Die Junkies auf der Straße und die Groß-Importeure im Multi-Milliarden-Geschäft freut es, weil der Preis stabil bleibt. Und "um den sozialen Gürtel enger schnallen zu können", nach der NRW-Wahl und in den nächsten Jahren überhaupt, hilft der Krieg auch ungemein.
misterl schrieb am 22.04.2010 um 21:58
Denke ich an Afghanistan denke ich automatisch an Wiederaufbau, Bilder aus einem unwirklichen Land nach der Apokalypse, traurige Gesichter, Kriminalität, Terror und Fundamentalismus und an Pakistan und Plutonium.

Wir sind nun selber dort. Als Armee im "umgangssprachlichen Krieg" mit einem öffentlich dargelegt idealistischen Ansatz. Scheinbar/offensichlich abgründig gescheitert. Wie kann die Niederlage grösser sein? Wie kommt man da wieder raus?

Ich denke wieder an traurige Gesichter, Kriminalität, Terror und Fundamentalismus und an Pakistan und Plutonium.

Wahl der Waffen? Kann man die jemandem da unten wirklich überlassen als rethorische Gegenfrage mit dem Zusatz was tun?

Ich bin mir als Zaungast in der deutschen Informationslandschaft immer noch sehr unsicher.

"Und das ist die Bündnistreue. Wir führen Krieg aus Bündnistreue."

Ja, aber gibt es keine Restsorgen um Pakistan und deren Plutonium, die uns nicht mehr ganz so versteckt seit den Plänen von Obama zur Abrüstung und zum Strategiewechsel vielleicht motivieren aus ganz anderen Gründen doch noch vor Ort zu bleiben?
Fritz Teich schrieb am 23.04.2010 um 00:35
Wenn ich an Pakistan denke und an das Atom, denke ich an das Max-Steenbeck Gymnasium in Cottbus, eine Genieschmiede, und Siemens vor und nach dem Krieg. Max Steenbeck war zuerst nicht dafuer vorgesehen, mit den russischen "Werner von Brauns" nach Russland zu ziehen um dort irgendwelchen Schweinkram auszuhecken, hat es aber doch nach Russland mitgeschafft. Hat behauptet, den Kommunismus zu lieben und alles zu tun, was sie von ihm wollten oder so. Dort baute er eine Zentrifuge, die war ungelogen 100 mal besser als die ueblichen dieser Sorte, ein Zentrifugenspezialist des Max Steenbeck Gymnasiums mag das naeher erklaeren. Die baute er dann, als er nach einigen Jahren entlassen und wieder in Westdeutschland war, fuer Siemens nach. Siemens verkauft diese Nuklearsparte an Degussa, die verkaufen die Firma nach Holland und die Hollaender suchten nun einen Uebersetzer fuer all das Zeug. Aushang am schwarzen Brett der RWTH Aaachen und es meldet sich ein fleissiger armer pakistanischer Student. Und der kapiert sofort, was er da in den Haenden haelt, der heute beruehmte Professor K.

Afghanistan scheint vor allem eine Projektion zu sein. Es mag aermer sein als wir uns das vorstellen koennen, mit allen Konsequenzen der Armut wie Kinderhandel, abgesehen von Strassenraeuberei, es gibt aber noch die Taliban und sicher auch ueberhaupt ganz vernuenftige Leute, es ist ein altes Land mit einer alten Struktur und wahnsinnig ist da niemand.
Fritz Teich schrieb am 23.04.2010 um 00:39
Ausserdem moechte ich mal wissen, was am Fundamentalismus auszusetzen ist, was soll das ueberhaupt sein? Dass die Leute nicht den Freitag lesen?
misterl schrieb am 23.04.2010 um 14:24
@Fritz Teich #1 Wo stand der Begriff "wahnsinnig"?

@Fritz Teich #2 Fundamentalismus ist die mentale Grundlage für geistige wie reale Unbeweglichkeit. Daran ist also alles mögliche auszusetzen.
Joachim Petrick schrieb am 23.04.2010 um 22:16
hier zeigt sich einmal mehr auf erschreckende Weise, wie der Atomsperrvertrag von 1957- 68 von den unterzeichnenden Staaten willentlich wie fahrlässig missachtet, unterlaufen wurde und wird.

damals im jahre 1968 gab es fünf Atomstaaten, heute sind es bereits neun Atomstaaten.

Wer da behauptet, die friedliche Nutzung der Kernernergie sei von der militärischen Nutzung zu trennen, will die Völker der Welt für dumm verkaufen und sich selber auf hoher Gehaltsbasis gelich mit.
misterl schrieb am 24.04.2010 um 07:39
Unabhängig vom Wahrheitsgehalt.

Was helfen dies Nachbetrachtung über politisches Versagen heute? Erwüchse aus der möglichen Überlassung Pakistans an ein fundamentalistische Regime mit Talibanbeteiligung nicht neues Versagen, so es wie mit dem Eintritt in diesen Krieg bereits entstanden ist? Wann mit wem und wie verlassen wir diese Versagenskettenreaktion?

Die Antwort finden wir nicht mehr in den 50er oder 60er Jahren.
Fritz Teich schrieb am 24.04.2010 um 14:07
Am Fundamentalismus kann man gerne etwas aussetzen, geistige Festigkeit anderer ist aber allein noch kein Kriegsgrund.
Fritz Teich schrieb am 24.04.2010 um 14:08
<<
Atomsperrvertrag
>>

Hast Du den Vertrag mal gelesen? Der ist garnichts!
ruckizucki schrieb am 22.04.2010 um 22:00
Interessant und erschreckend zugleich fand ich einen Artikel des Kabarettisten Dr. Satori auf seiner Homepage 'PSEUDOLUS'. Er lässt die Kanzlerin Angela Merkel als Gastautorin auf seinem Blog schreiben. Da vergeht einem die 'Kriegerei', nachdem das durchgelesen hat...
archinaut schrieb am 23.04.2010 um 00:01
"Die Gesellschaft muss sich dem Gift des Krieges widersetzen."
Ja so ist es,
jeder tote Soldat
und jeder tote Zivilist
macht die Umkehr nur blutiger.
Eine andere Richtung gibt es nicht.
Fritz Teich schrieb am 23.04.2010 um 00:10
<<
jeder tote Soldat
und jeder tote Zivilist
>>

Schoen, "jeder Tote" reicht.

Fuer mich war das Schluesselerlebnis, wie diverse JAGs es fuer ganz selbstverstaendlich hielten, dass die US army 10.000 Iraker, die sich auf der Irakischen Seite der Grenze vor Kuweit in Schuetzengraeben eingebuddelt hatten, mit Bulldozern plattmachen durften. Das duerfen die Taliban mit deutschen Soldaten jetzt auch, wenn die sich als mehr als ein technisches Hilfswerk oder Polizeiersatz aufspielen, dort Krieg gefuehrt wird. Polizei und Krieg mag aehnlich aussehen, es ist aber nicht das gleiche und es ist schon gar nicht ein Streit um Worte, die Ziele sind ganz andere.
Joachim Petrick schrieb am 23.04.2010 um 22:09
erst gab es angeblich gar keinen Krieg in Afghanistan, übergangslos gerät der afghanische Zustand nun mit dem Konzept ds "Partnering" zum totalen Krieg in der Region des Kaukasus.
Fritz Teich schrieb am 23.04.2010 um 00:03
<<
Die Soldaten können mit mehr Sicherheit töten. Es wird ihnen nichts geschehen.
>>

Da waere ich mir als Soldat nicht so sicher.
Cato42 schrieb am 23.04.2010 um 05:32
Vasallentreue gegenüber
der Besatzungsmacht USA.
Fritz Teich schrieb am 24.04.2010 um 14:11
<<
Vasallentreue gegenüber
der Besatzungsmacht USA.
>>

Quatsch! Die USA sind keine Besatzungsmacht, aber an sich unsere besten Freunde, like it or not...
Margareth Gorges schrieb am 23.04.2010 um 07:22
»Dieser Krieg war, ist und bleibt falsch«

In seiner Erwiderung auf die Regierungserklärung zum Krieg in Afghanistan verwehrt sich Gregor Gysi dagegen, dass ausgerechnet denen der Respekt für die getöteten Soldaten abgesprochen wird, die für den Frieden sind. Und erinnert:

»Es wäre gut gewesen, wenn der Bundestag auch für die afghanischen Toten aufgestanden wäre.»

Der Kanzlerin hält er vor: »Keine Ihrer Begründungen für den Krieg überzeugt, deswegen müssen Sie sich Tag für Tag neue einfallen lassen. Nicht wir wollen kopflos aus diesem Krieg raus: Sie sind kopflos reingegangen.«

Afghanistan braucht eine Verhandlungslösung, eine Verhandlungslösung braucht einen Waffenstillstand und ein Waffenstillstand braucht den Abzug der ausländischen Truppen.

==> Rede von Dr. Gregor Gysi
Technixer schrieb am 23.04.2010 um 11:54
Wie wahr Herr Gysi! Es ist auch wichtig die Rhetorik der Neoliberalen immer wieder auf zu decken. Deren Scheinargumentation greift so herrlich gut. Sonst würden nicht so viele Menschen Positionen beziehen wie Herr Teich.

Das der rechtliche Status der fast 200.000 Söldner überhaupt nicht geklärt ist und das es nicht sein kann, dass Firmen (Blackwater et al) in den NATO Beraterstäben drin sitzen und an den Offensiven mitplanen. Das solche Firmen nicht an Frieden und Demokratien interessiert sind dürfte zumindest den wirtschaftlich denkenden BWLern einleuchten. Man beißt ja nicht die Hand die einen füttert.
Joachim Petrick schrieb am 23.04.2010 um 17:27
wir führen angeblich keinen Krieg in Afghanistan, können diesen aber verlieren!, wie passt das zusammen?

tschüss
JP
Fritz Teich schrieb am 24.04.2010 um 14:13
<<
dass Firmen (Blackwater et al) in den NATO Beraterstäben drin sitzen
>>

Woher weisst Du denn das? Oder: was soll ein Beraterstab sein? Wieso NATO und nicht Pentagon?
Technixer schrieb am 24.04.2010 um 20:22
Blackwater und Konsorten
Afghanistan ist ein Wachstumsmarkt für private Militärdienstleistungen
von Marie-Dominique Charlier
Alien59 schrieb am 23.04.2010 um 07:54
Das ist ein Artikel, der so gut ist, dass ich mir sehr wünschte, ihn selbst geschrieben zu haben. Aber dann würde er sicher sehr viel weniger Aufmerksamkeit finden, also ist es gut so wie es ist.
Dem Freitag meinen Dank, dass man hier an die Menschen denkt.
oca schrieb am 23.04.2010 um 08:51
Die doppelten Standards von "Gefallenen" hier und "Kollateralschäden" dort, von "tapferen Soldaten" und "hinterlistigen Feiglingen" sind gut beobachtet. Vielen Dank, Jakob Augstein, dass Sie darauf aufmerksam machen.

Eine kleine, aber sehr wichtige Ergänzung möchte ich Ihren letzten Sätzen aber noch hinzufügen:

"Wir führen Krieg aus Bündnistreue. ... Als Kadett der Amerikaner in einem sinnlosen Krieg."

Doch diese Bündnistreue ist kein Selbstzweck, sie hat einen politischen Sinn: international in der ersten Liga mitspielen zu dürfen.

Nicht für die US-amerikanischen, sondern für die deutschen Großmachtbestrebungen lässt die Bundesregierung in Afghanistan sterben und töten.
oca schrieb am 23.04.2010 um 08:58
... denn Sie sehen an vielen Kommentaren hier: Die Toten von Kundus gehen auf deutsche Rechnung, doch die Verantwortung wird auf die USA abgewälzt, indem Deutschland als ihre willige Marionette dargestellt wird. Schuld sind "eigentlich" doch immer die Amis. Dass Deutschland aus eigenem politischen Interesse Kriege führen könnte, ist vielen Deutschen nicht vorstellbar. Das ist wahrer Patriotismus!
Joachim Petrick schrieb am 23.04.2010 um 22:06
gerade hat ein deutsches Gericht Obest Georg Klein von strafechtlichen Ermittlungen freigestellt, jeden Anfangsverdacht einer Straftat des Oberst Klein für null und nichtig erkärt und damt offengelegt, dass Deutschland sich seit der Ausrufung des Ernstfallles durch die NATO am 12. September 2001 nach Nine Eleven als NATO- Bündnispartner im Kriegszutsand befindet.
Die Agenda 2010/Hartz IV ist auf diesem Hintergrund des Kriegsdauerzustandes seit 2001 historisch neu bewertet, wohl als Kriegsfinanzregime in einer Kommandowirtschaft im NATO- und €- Währungsraum zu deuten.
Mehr Kriegserklärung als die Einführung der Hartz IV Basta- Gesetze im Jahre 2003 war bisher nicht, außer, dass Bundeskanzler Gerhard Schröder scheinbar ohne Not im Jahre 2005 vorzeitig die Fliege machte und für die rotgrüne Bundesregierung die Notbremse zog,.
tschüss
JP
SchmidtH. schrieb am 24.04.2010 um 10:25
Leider nicht Joachim Petrick. Nein, es war kein deutsches Gericht welches hier zu befinden hatte. Es war die Bundesanwaltschaft, eine an Weisungen gebundene Behörde.

Somit wurde uns, dem Bürger, eine öffentliche Beweisaufnahme vorenthalten, verweigert, aus politischen Gründen, wie stark anzunehmen ist.

Verwunderlich allerdings, wie passiv sich die Medien verhalten. Niemand scheint sich tatsächlich mit der Begründung auseinandersetzen zu wollen. Und genau diese Begründung gäbe genug Anlass nachdenklich zu werden.
Selbst bei der rechtlich vorgeschriebenen "ex-ante"- Betrachtung, Einschätzung, Bewertung hätten die Bundesanwälte eigentlich zu einer anderen Darstellung des Geschehens kommen.

Ich kann mich nicht des Eindrucks erwehren, aber hier wurde etwas passend gemacht. Und niemand regt sich so richtig auf. Man geht zur Tagesordnung über. Wenn man noch einmal die ganze Diskussion nach dem Ergeignis und vor dieser Einstellung des Verfahrens Revue passieren lässt, kommt man sich vor, als sei man im falschen Film gewesen.

Nicht die Einstellung kam überraschend, diese war politisch gewollt, nein, die Begründung lässt einen an diesem System zweifeln und einen schalen Nachgeschmack zurück.

www.generalbundesanwalt.de/de/showpress.php?themenid=12&newsid=360
oca schrieb am 24.04.2010 um 10:47
Vielleicht lässt die BRD ja in fünfzig Jahren irgendwo eine Gedenkplakette anbringen, die an das Kriegsverbrechen der Bundeswehr bei Kundus erinnert. Die kann man dann zur Begründung heranziehen, dass man aus der Vergangenheit gelernt habe und nun wieder irgendwo einen Krieg zum Wohle der Menschheit führen müsse.

Wahrscheinlicher ist aber, dass das Verbrechen in den nächsten 20 Jahren einfach nicht erwähnt und danach als alte Kamelle abgetan wird. Vergangenheits"bewältigung" auf Deutsch.
Fritz Teich schrieb am 24.04.2010 um 14:15
<<
jeden Anfangsverdacht einer Straftat des Oberst Klein für null und nichtig erkärt
>>

Muss man auch mal LESEN, bevor man irgendwelche Theorien verbreitet.
Fritz Teich schrieb am 24.04.2010 um 14:21
<<
www.generalbundesanwalt.de/de/showpress.php?themenid=12&newsid=360
>>

Ist nur eine Presseerklaerung und absolut richtig, was die Anwendung des Kriegsrechtes betrifft. Klein kriegt der Sache nach einen Idiotenbonus ("durfte davon ausgehen") und die Sache wird aus Mangel an Beweisen eingestellt. Die Bundesanwaltschaft hat lediglich die Frage nach dem voelkerrechtlichen Mandat nicht gestellt. Haette sie das getan, waere die Sache vielleicht anders ausgegangen. Vielleicht waere das Merkelchen drangewesen.
Katharina Körting schrieb am 23.04.2010 um 09:45
Ja, sie tragen schwer an ihrer Verantwortung - an der Last ihrer PR-Optimierung: Wer trauert wo am effektivsten, und wie verhindere ich, dass der andere wirkungsvoller am Sarg steht?

tinyurl.com/zc5qpx
Katharina Körting schrieb am 23.04.2010 um 09:47
Joachim Petrick schrieb am 23.04.2010 um 21:56
Danke für den Link
Ehemaliger Nutzer schrieb am 23.04.2010 um 10:29
Moral selbst ist zwar debattierbar, wurde allerdings trotzdem von den verantwortlichen Politikern, nämlich von der damaligen Rot-Grünen Regierung, begraben.

Es war der Grüne, Tom Königs, der als HRSG in Kabul niemals die Beendigung der kontra-produktiven Parallel-Mission "Enduring Freedom" verlangte. Königs hat für ein unvorstellbar hohes Gehalt geschwiegen. Die Schwarz-Gelben geniessen jetzt nur die günstige Gelegenheit ihre politischen Unterstützer aus der Industrie mit Aufträgen zu versorgen (Diskussion über bessere Bewaffnung).

Wenn nun "Bundeswehr und Bundesregierung erfreut (waren), dass Richter und Staatsanwälte sich nicht mit Oberst Klein befassen werden", ist dies eine logische Folge die auf die zuvor begangenen Fehler aufbaut. Ich meine das die Politiker rechtlich zur Verantwortung gezogen werden müssen, nicht ein Oberst Klein. Es geht hier um die Einhaltung des Grundprinzips der Linken gar nicht erst dort zu sein und nicht um semantische Eiertänze.

Wenn Politikern klar wird das sie nicht alle Fehler in Untersuchungsausschüsse abschieben können, das sie nicht willkürlich Generäle entlassen können die ihnen nicht passen, werden sich Politiker ihre Entscheidungen zuvor reiflich überlegen!
Ehemaliger Nutzer schrieb am 23.04.2010 um 10:45
Ich will die Verantwortung der Politiker an diesem Beispiel präzisieren: Der damalige Generalstabschef der US Streitkräfte, Hugh Shelton, unter Clinton und dann Bush verweigerte den militärischen Einsatz in Afghanistan (nur mit 700.000 Soldaten). Er sass beim 9/11 im Flugzeug von Washington nach London, wurde von Bush in Pension geschickt und durch einen Falken ersetzt. Damit erst war der Weg für einen Krieg in A-stan ( & Iraq) frei gemacht, dem sich ein Militärchef widersetzte. Und auch beim Krieg in Vietnam waren es die Militärs die auf den Rückzug drängten. Es wäre aus diesem Grund wichtig die Veränderungen die Guttenberg mit seinen Entscheidungen in der Bundeswehrführung eingeleitet hat, sehr kritisch zu beobachten.
Graureiher schrieb am 23.04.2010 um 23:03
Es war der Grüne, Tom Königs…
Vielleicht mal ein wenig Geschichtsforschung betreiben: Jutta Ditfurth, Zahltag Junker Joschka. Da taucht Tom König an prominenter Stelle auf, als Mitglied der Fischer-Gang. Und das waren nun mal keine Pazifisten! Was die dann allerdings zu den Grünen verschlagen hat … auch bei Ditfurth nachzulesen.
Anette Lack schrieb am 23.04.2010 um 10:44
"Die Wirklichkeit des Krieges bringt die Teilung in Gut und Böse mit sich, die Überhöhung der eigenen Opfer und die Erniedrigung des Gegners."

Danke für diesen Artikel, und für diesen Satz.

Belegt wurde er noch einmal durch den Beginn der gestrigen Veranstaltung im Bundestag: Bevor Merkel ihre Regierungserklärung verlas, legte der Bundestag eine Gedenkminute für die vier toten Soldaten ein. Die Abgeordneten erhoben sich von ihren Sitzen. Haben sie das auch für die Opfer des Kunduz-Einsatzes getan? ... Da beginnt ja die oben erwähnte Erniedrigung des Gegners, denn offensichtlich gilt noch immer die Lesart: Deutsche Tote in diesem Konflikt werden hier höher bewertet, stärker betrauert. Dabei ist jeder Mensch, der in diesem Konflikt stirbt und ihn nicht herbeigeführt oder unterstützt hat, unsere Trauer wert.

Dass Merkel immer wieder die Frauen erwähnte, die durch den Einsatz deutscher Soldaten freier würden, und die Verteidigung unserer eigene Freiheit, belegt durch das Struck-Zitat, überzeugte anschliessend nicht mehr. Es klang seltsam kraftlos. Wobei sie durchaus stark begonnen hatte: Nämlich mit der Übernahme von Verantwortung, und das klang echt. Dabei hätte sie es belassen sollen.

Vermittelt wurde in fast allen anderen Reden zwischen den Zeilen, durch den Ton, in dem vorgetragen wurde, der Eindruck einer allgemeinen Bedrückung, fast Beklemmung. Als glaubte kaum noch einer an das, was er dort, mehr oder weniger vehement, verteidigte. Als wären sie letztlich alle Gysis Meinung...

Dabei:
SchmidtH. schrieb am 23.04.2010 um 12:20
Glaube hier sollte Hans-Christian Ströbele nicht unerwähnt bleiben. Seine gestrige Kurzintervention war wenigstens ein kleiner Lichtblick in dieser dumpfen Debatte.

Zu einer Kurzintervention erhält der Kollege Ströbele das Wort.

Hans-Christian Ströbele (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Danke, Herr Präsident. - Mir liegt daran, klarzumachen, dass ich mich nicht für eine verhängnisvolle Kriegspolitik in Afghanistan vereinnahmen lasse. Wenn beispielsweise vonseiten der FDP hier betont wird, der Deutsche Bundestag steht hinter dem Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan, dann sage ich: Ich stehe nicht hinter diesem Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan, und, was vielleicht noch wichtiger ist als die Haltung des Abgeordneten Ströbele, die große Mehrheit der deutschen Bevölkerung steht nicht hinter dem Kriegseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Das müssen Sie einmal zur Kenntnis nehmen.

(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)
Die deutsche Bevölkerung hat recht mit ihrer Ablehnung dieses Einsatzes in Afghanistan. Es ist nicht ein Vermittlungsproblem, wie das offenbar aufseiten der Union gedacht wird. Gestern wurde der Herr General McChrystal in der Ausschusssitzung geradezu angefleht, doch zu sagen, wie man der deutschen Bevölkerung die Notwendigkeit des Afghanistan-Einsatzes vermitteln könne. Der General hat dazu gar nichts gesagt, weil es ganz offensichtlich nicht seine Aufgabe ist. Sie können das auch nicht vermitteln, weil die Auffassung der Mehrheit der Bevölkerung richtig ist. Ein Einsatz, der, wie wir inzwischen von General McChrystal, aber auch vom Bundesverteidigungsminister wissen, in diesem Jahr aus Großoffensiven im Süden, im Osten und auch im Norden Afghanistans besteht, aus Großeinsätzen der Bundeswehr und Großeinsätzen der Alliierten, bei denen unzählige Menschen getötet und bei denen unzählige Menschen wie jetzt in Helmand in die Flucht getrieben werden, ist nicht der richtige Weg, um in Afghanistan zu deeskalieren und um Verhandlungen vorzubereiten. Wir können den Soldaten in Afghanistan deshalb guten Gewissens nicht sagen, dass sie im Namen des deutschen Volkes in Afghanistan ihren Dienst tun; vielmehr müssen wir ihnen sagen, dass sie das zwar im Auftrag einer Mehrheit des Deutschen Bundestages tun, aber gegen den erklärten Willen der Mehrheit der deutschen Bevölkerung.

Und dann die bezeichnende Antwort der FDP-Abgeordneten Hoff. Sie sagte:

Elke Hoff (FDP):

Herzlichen Dank, Herr Präsident! - Sehr geehrter Herr Ströbele, [.........]

[...]Sie wissen, dass General McChrystal gestern sehr klar und deutlich zum Ausdruck gebracht hat, was der Wunsch der afghanischen Zivilbevölkerung ist: Sicherheit, Gerechtigkeit. Dies kann der afghanische Staat zurzeit noch nicht allein gewährleisten. Der überwiegende Teil des Deutschen Bundestages steht Gott sei Dank hinter diesem Einsatz.

Zitat Ende

Mit keinem Wort erwähnt Sie die Stimmung, die ablehnende Haltung der deutschen Bevölkerung.
Anette Lack schrieb am 23.04.2010 um 15:38
Danke, SchmidtH!

Stimmt, Ströbele war bemerkenswert -den habe ich aber dann, durch die lauwarmen anderen Beiträge, glatt vergessen. Und es war doch beschämend, wie wenig Beifall er für seine klaren Worte bekam. Selbst von der eigenen Partei, wie, meine ich mich zu erinnern, der Kommentator etwas süffisant bemerkte...
Joachim Petrick schrieb am 23.04.2010 um 17:35
Danke für den Hinweis
Joachim Petrick schrieb am 23.04.2010 um 21:55
Dein Text berührt mich, weil Du den Finger auf den blinden Fleck regierungsamtlicher, präsidialer, militärbischöflicher Verlautbarungen, angesichts der Opfer unter den Bundeswehrsoldaten/inen in Afghanistan, legst.

Wer die Zivilopfer bei solcher Art amtlichen Anlässen, wie jetzt im Deutschen Bundestag vergißt, signalisert, gewollt und ungewollt, auch den Angehörigen, freunden/innen der Opfer unter den Bundeswehrsoldaten/innen, dass die Trauer als Zivilperson, wenn überhaupt, nur als nachrangig gilt.

jetzt ist die Stunde der großspurigen Militärs in Zivil wie in Uniform angesbrochen, um Staatstrauer zu verordnen oder zu unterlassen!?

Der Afghanistan Krieg im vollen gange, keiner hat diesen Afghnaistan Kkrieg im Deutschen Bundestag erklärt, der Afghanistan krieg wurde in einem nicht legitimiert geheimen Rat von Bundeskanzler Gerhard Schröder, Altbundeskanzler Helmut Schmidt, Bundespräsident Richard von Weizsäcker, Hans Dietrich Genscher am Abend des 11. September 2001 "Nine Eleven" beschlossen und doch kann der Afghanistan Krieg als Absurdistan der NATO- Politik verloren zu Lasten Dritter gehen.

Die von US- General Mc Crystal vorgetragene neue Konzeption des "Partnering" ist der reine Hohn auf viertausend Jahre Ehrenkodex der Afghanen/inen, voran der Paschtunen.

Dieser Ehrenkodex afghanischer Stämme legt, wie einst bei den Indianern Amerikas, fest, dass jedes getötete Mitglied einer Familie eines Stammes, für alle männlichen Mitglieder der Ruf zur Waffe mit dem Ziel der Blutrache bedeutet.

Wer also in Afghanistan einen Kriegsflächenbrand entfachen will, schickt afghanische Soldaten, Polizisten eines Stammes gegen einen anderen Stamm, oder aus demselben Stamm gegen andere Familien des eigenen Stammes.

Diese Strategie haben die Weißen aus Europa in Amerika angewandt, um die Indianer in eine endlose Folge von Stammeskriegen untereinander, gegeneinader zu hetzen, damit die sich gegenseitig demografisch gegen Null bringen, sich die Weißen damals ihre Hände letzendlich in Unschuld waschen konnten.
In Afrika geschah und geschieht dasselbe, nur das jetzt dort sogar Chinesen, Inder, Japaner mit privaten Sicherheitskräften wie in Afghanistan, Irak auf dem Plan sind.

JP
Ehemaliger Nutzer schrieb am 24.04.2010 um 10:27
Ströbele hatte in einem Interview mit Cristoph Heinemann im Deutschlandradio auch klar gesagt des es ein Fehler der damaligen Regierung (also einschliesslich der Grünen) gewesen sei nach Astan zu gehen.
Fritz Teich schrieb am 24.04.2010 um 14:25
<<
Der überwiegende Teil des Deutschen Bundestages steht Gott sei Dank hinter diesem Einsatz.
>>

Wir leben ja auch Gott sei Dank in einer repraesentativen Demokratie. Sie durfte den Willen der Bevoelkerung gerne ignorieren.

Aber wer bestimmt den Inhalt von "Sicherheit, Gerechtigkeit", der Bundestag oder Crystal oder die Afghanen? Selbstbestimmung ist ohnehin etwas ganz anderes.
ich schrieb am 23.04.2010 um 12:12
Werter Herr Augstein,

ihrem Gedankengang kann ich mich nur in Teilen anschliessen. Als ich den Text zuerst lass, blieb ich bereits im zweiten Satz am Wort »Massaker« hängen. Sofern ich aus meiner oberflächlichen Betrachtung der Medien zum Thema Kunduz in den letzten Monaten ableiten kann, wäre dies genauso zutreffend, wie Sie als Demagogen bezeichnen zu wollen, WAS ICH hiermit AUSDRÜCKLICH NICHT TUE. Bei Wikipedia finde ich zum Thema Massaker unter anderem dies:

»In kriegerischen Konflikten versteht man darunter normalerweise die politisch oder ethnisch motivierte Hinrichtung von Zivilpersonen, Soldaten oder paramilitärischen Kräften nach deren Kapitulation oder nach der Kapitulation ihrer Stadt beziehungsweise ihres Dorfes. Massaker sind somit Massenmorde, die von bewaffneten Einheiten ohne militärische Notwendigkeit außerhalb der eigentlichen Kriegshandlungen verübt werden. Sie dienen der Verbreitung von Terror oder der Abschreckung oder sie sind als systematische Rache- und Strafaktion organisiert.»

Ich glaube da sind Sie Ihrerseits, der von Ihnen konstatierten, durch den Krieg bedingten Überhöhung anheim gefallen und schiessen über das Ziel hinaus.

Viel interessanter finde ich Ihren Gedanken, mal einmal zu überdenken wie man zu seinem Hegemonialanspruch auf universelle demokratische Bürgerrechte durchsetzten kann oder will und welcher Mittel man sich dazu bedient. Jean Baudrillard hat das nach dem 11. September einmal sehr schön gesagt:

»Im Grunde genommen könnte das Gute das Böse nur dann besiegen, wenn es darauf verzichten würde, das Gute zu sein, da es gerade durch Aneignung des weltweiten Machtmonopols den Rückstoß einer proportional entsprechenden Gewalt auslöst.«

Zugegeben auf die aufgeworfenen Frage lässt sich schwer eine Antwort finden, denn als Linker wird man wohl immer zwischen pazifistischen Nichteingreifen und solidarischem Kampf schwanken, was ich jetzt nicht einmal auf den Kampf in Afghanistan bezogen wissen möchte.

Insofern finde ich Ihre Idee die Portraits der Afghanen zu präsentieren, als kampflose Form der Solidarität, als einen zaghaften Schritt Menschen konkret erlebbar zu machen, gut.

Konkret würde ich mich auch freuen von Ihnen zu lesen, welche »Wahl der Waffen« Sie persönlich darüber hinaus vorziehen würden, bzw. welche Sie für dienlich halten.

Mit freundlichen Grüssen.
Lando schrieb am 23.04.2010 um 17:36
Diesem Kommentar kann ich nur beipflichten, insbesondere was die Begrifflichkeit "Massaker" angeht.
Ich persönlich verbinde mit diesem extremen Begriff z.B. Srebrenica oder den Hutu-Tutsi-Konflikt.

Des Weiteren werden auch hier alle gängigen Klischees bedient.
Antworten auf die Alternativen für dieses geschundene Land bekam ich leider auch hier wieder einmal nicht.

Ich hoffe das all die Kritiker, die scheinbar vergessen haben, das Mädchen wieder zur Schule gehen können, Medien wieder zugelassen sind und keine Massenhinrichtungen mehr in Fußballstadien stattfinden, auch so wehement ihr Wort erheben, sollten diese Vorfälle wieder Realität werden!

Gruß
Jakob Augstein schrieb am 24.04.2010 um 09:12
Liebes ich,
nach allem, was ich von diesem Abend in Afghanistan weiß, muss ich tatsächlich von Massaker sprechen. Denn dieser deutsche Oberst hat doch all diesen Menschen niederbomben lassen obwohl er nicht genau wusste, was da eigentlich los ist. Wer sind die? Wieviele? Was machen die da? Welche Bedrohung besteht für "uns"? Wenn die US-Piloten, die ihrer Arbeit vermutlich mit kühler Professionalität nachgehen, diese Bomben eigentlich nicht werfen wollten, dann sagt doch das schon alles.
Wie nennen wir das, was da geschehen ist sonst, wenn nicht Massaker? Einen Unfall?
Das Wort bedeutet das massenweise, wahllose Abschlachten von Menschen. Genau das ist hier geschehen.

Ich bin übrigens kein Pazifist und kann mir vorstellen, dass es Situationen gibt, in denen der Einsatz von Waffen sinnvoll sein kann. Ich kann das aber hier nicht sehen. Die Erfahrung der Russen, die Erfahrung der letzten sieben Jahre, das Nachdenken über die westliche Rolle in der Welt, über den Kulturkonflikt zwischen Islam und Christentum, zwischen globalisiertem Kapitalismus und traditionalen Gesellschaften - all das muss den Beobachter dazu führen, dass dieser Krieg nicht gewonnen werden kann.

Das genügt mir für die Forderung, die deutschen Soldaten unverzüglich abzuziehen.

Ihr JA
Jakob Augstein schrieb am 24.04.2010 um 09:15
Lieber Lando,
der massenweise, wahllose, willkürliche Tod von 91 Menschen ist für mich ein Massaker.

Es ist kein Kriegsziel, dass Mädchen zur Schule gehen können. Das ist ein aus unserer Sicht wünschenswertes Ziel einer gesellschaftlichen Entwicklung. Aber nichts, was man herbeibomben kann.

Ihr JA
Ehemaliger Nutzer schrieb am 24.04.2010 um 09:54
@ JA, das die US Piloten die Bombardierung nicht durchführen wollten wird praktisch ausgeblendet, danke für die Erinnerung.

Auch wenn ich persönlich, wegen der Befehlsstrukturen in der BW, individuelle Verantwortlichkeit nicht gut finde, weil sich verantwortliche Politiker dadurch sicher wähnen können, scheint es die erstrebenswertere Lösung um von jedem Soldaten die Erhaltung gleicher ethischer Standards sicherzustellen. Und so gesehen ist es ein Massaker, nur das Wort ist gewaltig und kann schnell missbraucht werden. Als Beispiel erwähne ich ein ähnliches Word: "Genozid". Der Zülch hatte es bis zur Unerträglichkeit im Zusammenhang von Srebrenica benutzt, bis niemand mehr hinhörte...
misterl schrieb am 24.04.2010 um 10:15
Lieber JA.

Am Anfang stand das Ziel, der vieleicht naive glaube, man zöge nicht in einen Krieg, sondern zur Befriedung in einen Wideraufbau mit militärischen Begleitschutz.

Das es nun doch ein Krieg wurde ist nicht zwingend die Verantwortung deutscher Soldaten - schon gar nicht deren alleinige.

"Ich bin übrigens kein Pazif..."

Einverstanden - mit allem. Auch mit einem "unverzüglichen" nicht dem "sofortigen" Abzug. Nur welche Vorbedingungen gibt es für dafür? Was ist der richtige Zeitpunkt? Eigenes Fehlverhalten? Zuviel eigene Tote? Das Erreichen eines Minimalzieles?

Dazu hätte ich gerne Ihre etwas konkretere Ansicht gelesen.

Danke schon einmal dafür.
misterL
mh schrieb am 24.04.2010 um 11:04
wir sollten alle mal ein paar wochen da unten die sprengsätze wegräumen und uns dann über oberst klein unterhalten.

und das fängt mE auch damit an, dass man aufhört ans militär die erwartung zu stellen, dass ein chirurgisch präziser krieg geführt wird.

man kann nicht, und das halte ich fürt ein großes problem in der betrachtung, auf der einen seite erwarten, dass krieg krieg genannt wird, sich soldaten dann aber so verhalten sollen, als ob es ihn nicht gäbe.

ist man zu vorsichtig und ballert afghanen über den haufen ist man ebenso der arsch, wie wenn man zu lasch ist und die eigenen jungs dran glauben.

diese erwartungshaltung des perfekten, dürfte auf dauer die meisten fehlentscheidungen mit sich bringen. es töten also nicht nur soldaten die menschen.

mfg
mh
ich schrieb am 24.04.2010 um 11:15
Hallo Herr Augstein,

vielen Dank für Ihre Replik. Ich habe mir ja vor meinem Kommentar natürlich auch Gedanken gemacht, wie man das was dort geschehen ist, nennen kann.

Nun hinkt mein Wissenstand dem Ihren in dieser Sache wahrscheinlich einige Meilen hinterher. Sofern ich weiss, lag zumindest im konkreten Fall ein militärisches Ziel vor, nämlich die Verhinderung von Anschläge mit Tanklastern durch die Taliban. Insofern stach mir der Begriff des Massakers unangenehm ins Auge, weil ich bei dem Angriff auch keine Rache - oder Strafaktion sehe.

Mir ging, wie Ihnen auch, als erstes das Wort Unfall oder eher Unglück durch den Kopf, allerdings scheint es mir in seiner alltäglichen Bedeutung zu beiläufig – etwas, das man zu schnell abhaken kann.

Angemessener fände ich dann den Begriff des Versagens, weil man sich dann vielmehr mit der Frage auseinandersetzen könnte, wer versagt hat und wie? Wer trägt die Schuld? Der Kommandeur? Die militärischen Entscheidungsstrukturen? Die Volksvertreter, in dessen Auftrag die Bundeswehr nach Afghanistan entsandt wurde oder letztendlich auch wir als Gesellschaft, die das europäische Staatsmodel als Schablone für Afghanistan anwendet und der Realität vor Ort nicht gerecht werden kann?

Das Wort »Massaker« jedoch setzt für mich so feste Grenzen von Gut und Böse, die eine Beschäftigung mit diesen Fragen unwahrscheinlicher werden lässt. Auf die Frage nach dem Versagen lässt es mich am Ende an Ihrer Antwort, schuld sei »die Politik Angela Merkels«, zweifeln.

Mit freundlichen Grüssen.
ich
ich schrieb am 24.04.2010 um 11:21
@mh

Ich stimme Ihnen zu, daher ein kleiner Nachtrag. In dem von mir weiter oben zitierten Text spricht Baudrillard mit Bezug auf die westliche Welt von einem System, ich zitiere: »dessen Ideal die Parole »Null Tote« ist.«
ed2murrow schrieb am 24.04.2010 um 11:22
Lieber mh,

Ihre Worte ähneln ganz stark dem Echo auf das Buch von Oriana Fallaci „Niente e così sia“ (Nichts und Amen), einer sehr nachdrücklichen Reportage aus Vietnam.

Um es zu veranschaulichen, ein Zitat Fallacis gegenüber einer heute in Italien profilierten Pazifistin: „Was den Krieg betrifft, den Sie nur im Kino gesehen haben, so brauche ich ganz sicher nicht Ihren angeblichen Pazifismus, im ihn zu hassen. Ich kenne ihn nämlich seit meiner Kindheit, seitdem ich mit meinen Eltern dafür kämpfte, um Ihnen und Ihresgleichen die Freiheit zu geben, deren Vorteile Ihr genießt.“

Es kann aber erwogen werden, wo der Leidensdruck erhöht wird.
mh schrieb am 24.04.2010 um 11:24
@ich: versagen wird immer auf das schwächste glied in der kette umgelenkt.

massaker halte ich ebenfalls für sehr unglücklich, fast schon boshaft. das ist der sache nicht dienlich.

warum man es nicht einfach fehlentscheidung nennen kann, ist mir rätselhaft. wem eine fehlentscheidung, die zu 94 (?) toten führte, nicht ausreicht, um wortgewaltig zu agieren, nunja... die nette variante wäre, dass die suche nach einem wort dann zum reinen populismus führte.

als bürger dieses landes würde ich mir aber durchaus meine gedanken machen, wenn eine fehlentscheidung mit 94facher todesfolge nicht zu konsequenzen führen würde. auch weniger populistisch kann sowas wirkung haben.

mfg
mh
ich schrieb am 24.04.2010 um 11:38
@mh

als bürger dieses landes würde ich mir aber durchaus meine gedanken machen, wenn eine fehlentscheidung mit 94facher todesfolge nicht zu konsequenzen führen würde.

Das sehe ich genauso. Leider verliert sich für mich, als durchschnittlich politisch interessierten Menschen, zu viel in der Frage welcher Verteidigungsminister hat wann welche Akte gesehen, als dass man sich man sich mit der konkreten Bedeutung für die Menschen dort und globalen Irrtümern auf westlicher Seite auseinandersetzt. Insofern habe ich ja auch die Fotoserie begrüsst.
mh schrieb am 24.04.2010 um 11:41
@ed:

mit sowas kann man immer und jederzeit kommen. argumente über, für und wider dem krieg sind soviel ausgetaucht, dass ohnehin bereits alles gesagt sein sollte.

dennoch sehe ich hier einen qualitativen unterschied in meiner aussage, ggü. der von dir zitierten. dazu folgende hintergründe:

- ich lehne gewaltsame konfliklösungen jedweder art ab, dazu gehört auch krieg
- ich bin realistisch genug um zu wissen, dass er nicht immer unausweichlich ist

- wenn wir afghanistan runterbrechen, auf das worum es geht, dann verfolgen wir als land und als nato-mitglied da unten vielfach unsere wirtschaftlichen interessen. (geostrategisch wichtige lage, bündnisfall der nato, militärischer zwang innerhalb der eu, aufträge für die deutsche industrie, zugriffsmöglichkeit auf die atommacht pakistan durch einen satellitenstaat afghanistan etc.)

das sind gründe, die würden für mich ausreichen, da sie uns sonst innerhalb des geostrategischen gesamtkonstruktes nachteile bringen würden. politik agiert diesbezüglich außerhalb bürgerlicher ermessungsgrenzen und damit kann ich leben.

was mich an diesem krieg viel mehr stört und worauf auch keiner hinweist, ist die tatsache, dass wir das volk gedanklich vom hilfswerk deutschland zum angriffsstaat deutschland trimmen. der afghanistan-krieg lässt uns mit seiner selbstbetrügerischen argumentation schlussendlich mit einigen moralischen schranken weniger zurück. auch dann, wenn wir ihn jetzt beenden.

ein anderes kernthema habe ich nicht in bezug auf afghanistan, denn ich halte diese empörung über vermeintliche massaker weder für realistisch noch für zielführend. im gegenteil... mit dem begriff wird sogar noch das befördert, was ich als kernproblem ansehe. oder was soll die folge davon sein, wenn sich nun keiner gegen die regierung auflehnt, die ein massaker duldete?

mfg
mh
Fritz Teich schrieb am 24.04.2010 um 14:28
<<
Welche Bedrohung besteht für "uns"?
>>

Auf Bedrohung kam es nicht an, es waren mutmassliche Feinde, mutmassliche Kriegsgegner in der Kriegslogik von Crystal und Co, insoweit voellig zurecht die Bundesanwaltschaft.
Wolfram Heinrich schrieb am 24.04.2010 um 15:16
@Lando
Ich hoffe das all die Kritiker, die scheinbar vergessen haben, das Mädchen wieder zur Schule gehen können, Medien wieder zugelassen sind und keine Massenhinrichtungen mehr in Fußballstadien stattfinden, auch so wehement ihr Wort erheben, sollten diese Vorfälle wieder Realität werden!

Ich möchte bei der Gelegenheit nur mal kurz erwähnen, daß es eine Zeit, in der Mädchen zur Schule gehen konnten, in Afghanistan bereits gegeben hat. Die USA haben damals ultrakonservative Afghanen gebeten, ob sie wohl so freundlich sein könnten, all das wieder rückgängig zu machen.

Ciao
Wolfram
Ehemaliger Nutzer schrieb am 24.04.2010 um 16:26
Und ich möchte mal kurz erwähnen dürfen, dass auch vor dem Anti-Terror-Krieg von Menschenrechtsverletzungen an Frauen berichtet wurde, die in den westlichen Medien kaum Beachtung fanden. Frauengruppen, die an die Frauen im Westen appelierten, gegen diese Missstände etwas zu unternehmen, haben allerdings nie zu einer kriegerischen Auseinandersetzung aufgerufen. Sie beriefen sich auf die Menschenrechte. Die Apelle wurden erst ernst genommen, als der Protest gegen die Verletzung der Frauenrechte instrumentalisiert werden konnte, um ganz andere Interessen durchzusetzen...
misterl schrieb am 25.04.2010 um 00:45
@mh

#1 "was mich an diesem krieg viel mehr stört und worauf auch keiner hinweist [...] schlussendlich mit einigen moralischen schranken weniger zurück. auch dann, wenn wir ihn jetzt beenden."

Das ist offensichtlich. Deshalb muss man an sich nicht darauf hinweisen.

#2 "wenn eine fehlentscheidung mit 94facher todesfolge nicht zu konsequenzen führen würde"

Keine Frage. Aber in Kriegszeiten gibt es üblicherweise erste nach dem Krieg eine eventuell juristische Aufarbeitung. Während Kriegszeiten ist das für die im Krieg real (vor Ort) befindlichen wahrscheinlich schwer kontraproduktiv. Das man in Berlin an der politischen Aufarbeitung fest hält würde ich der grundsätzlichen Einstellung der Mehrheit im Volk zuordnen. Wäre die Stimmungslage dort anders, gäbe es diese auch nicht.

#3 ist das was fehlt. Ein Rückzugskonzept, dass erlaubt die moralischen Schranken wieder in Betrieb nehmen zuläßt. Derzeit gibt es dafür keine Option. Ein Problem. Millitärisch versagt und moralisch dazu.

Was dann zu

#4 führt @ich
ich zitiere: »dessen Ideal die Parole »Null Tote« ist.«

Es gibt noch eine andere. Das Verbot mit leeren Händen zurück zu kommen.
mh schrieb am 25.04.2010 um 00:49
eine demokratie könnte weiter sein, als erst im nachinein nach ein paar jahrzehnten die dinge zu klären. dafür haben wir doch die redefreiheit.

gleichwohl ist der hinweis natürlich nicht falsch.

mfg
mh
chapultepec schrieb am 28.04.2010 um 13:29
das klingt so als ob Sie gegen diesen Krieg sind, weil er "nicht gewonnen werden kann". Wären Sie also für diesen Krieg wenn er gewonnen werden könnte?

was sagen Sie dann zu diesem Auszug aus J. Roses "Ernstfall Angriffskrieg"?. Ich meine zu den Argumenten, die er vorbringt um zu belegen das "dieser" Krieg ein Angriffskrieg ist. Ein Akt der Agression
www.offene-linke-ansbach.de/AFB/Audio/rose_juergen/3affenprinzip.mp3
chapultepec schrieb am 28.04.2010 um 13:31
mein obiger Beitrag ist Herrn Augstein adressiert, nämlich was er am 24.04.2010 um 09:12 geschrieben hat...
RAJmue schrieb am 23.04.2010 um 15:22
Sehr geehrter Herr Augstein,

ganz großen Dank für diesen Artikel und dafür, dass Sie der hiesigen Kriegs-Agitprop den Spiegel vorhalten. Natürlich geht es bei diesem Kriegseinsatz um Ambitionen der künftigen, erneuerten, weltweiten Größe Deutschland, wie man dokumentierten programmatischen Äußerungen zur Außenpolitik hinreichend deutlich entnehmen kann. Afghanistan ist die systematische Fortsetzung dieses Einstiegsprogramms, insofern darf man statt Verblendung auch einfach (bösen) Willen unterstellen.

Seitens Militärfunktionären von "feige" bei Kombattanten zu reden, die zweifelsohne wissen, dass ihre Überlebenschancen nicht gut sind, selber aber alles darauf anzulegen, massenhaft fernwirkende, ferngelenkte usw. Waffen aus sicheren Unterständen zur hinreichend kollateralschädigenden Vernichtung loszuschicken (mit der "Gefahr" einiger psychosomatischer Störungen und eventuellen Unwohlseins der Fernlenkhelden) - das ist Westheuchelei in Reinkultur. Dass die Rhetorik dieses Krieges in ihrer Rechtfertigungsautomatik (Der Weltkommunismus bedroht Deutschland, Dominos werden fallen, Freiheit für xyz, potentielle Verräter sind unter uns, (persönlich folgenlose) Verantwortung vor der Welthistorie, mehr bomben - dann wird alles bombig gut, Krieg=Frieden .... usw.) völlig etwa derjenigen des Vietnamkrieges gleicht, das ist nicht wirklich überraschend - Bellizisten greifen immer zu den gleichen Phrasen. Und dass es "keine Alternative gibt", galt im übrigen auch 1914 oder 1939, man muss nur in den Dokumenten dieser Zeit nachlesen. Es ist jämmerlich, was die adelige und nichtadelige Politaille bietet. Oder sollte ein spezielles Charakteristikum von "deutsch sein" darin bestehen, nicht dazulernen zu können?

Mit freundlichem Gruß

RAJ
Joachim Petrick schrieb am 23.04.2010 um 17:23
Hallo JA,
Ihr Artikel belegt, eunmak mehr, dass Empörung erst mit einer Kultur des Mitleidens Wurzeln schlägt.
Danke.

Dem deutschen geicht bin ich übrigens dankbar für folgende Klarstellung:

Oberst Georg Klein wurde gerade von einem deutschen Gericht bescheinigt, dass er sich, entgegen Verlautbarungen, blumigen Sprachregelungen aller Bundesregierungen seit dem Jahre 2001,völkerrechtlich im Krieg befindet, also nicht nach bundesdeutschem Strafrecht bis auf Weiteres belangt werden kann, sondern nur vorab ausschließlich dem Völkerrecht, Menschenrecht, der Haagerkriegsordnung, der Genfer Konvention unterworfen bleibt.

tschüss
JP
ed2murrow schrieb am 23.04.2010 um 18:26




Alles vergessen. Alles vergeblich. Alles vergeben?
ich schrieb am 23.04.2010 um 19:05
@ed2murrow
Bestimmt nicht, denn genau das obere Bild ging mir unter anderem durch den Kopf (nur in Farbe und bewegt), als ich meinen Kommentar schrieb.

Beim unteren verbietet sich ja wohl jeder vergleich mit den deutschen Soldaten in Afghanistan - glücklicherweise.
ed2murrow schrieb am 23.04.2010 um 20:10
Das untere Bild stammt aus der Zeit der sog. Tet-Offensive und zeigt, wie der südvietnamesische Polizeichef Nguyen Ngoc Loan den NFL-Offizier Nguyen Van Lem erschießt.

Sollte der Unterschied etwa darin liegen, dass Oberst Klein „nur“ einen Befehl gab, ohne selbst abzudrücken? Gerade wir sollten doch eigentlich verinnerlicht haben, dass die Zurechnung von Willkürakten innerhalb von Befehlsstrukturen auch mittelbar erfolgen kann. Mir scheint, davon und von „glücklicherweise“ sind wir (wieder) ein ganzes Stück weit weg.
luggi schrieb am 23.04.2010 um 22:39
Hallo ed,
und ich möchte erinnern an die Tigerkäfige auf einer Insel im südchinesischen Meer, dem quasi Vorläufer von Guantanamo und dem damaligen "Waterboarding", das darin bestand, egal was der Gefangene aussagte, er wurde aus dem Hubschrauber in's offene Meer gestoßen, mit verbundenen Augen und Gliedmaßen.

Soviel zum Umgang mit der Freiheit der Anderswollenden.

Die kurze Filmsequenz ist noch erschreckender als das Foto der Erschießung.
Graureiher schrieb am 23.04.2010 um 23:14
"Beim unteren verbietet sich ja wohl jeder vergleich mit den deutschen Soldaten in Afghanistan - glücklicherweise..."
Sind Sie sicher? Kurz, nachdem 4 BW-Soldaten getötet wurden, wurden von eben dieser Bundeswehr 5 afghanische Zivilisten getötet, wieder mal. Zufall, oder Rache?
Ehemaliger Nutzer schrieb am 24.04.2010 um 10:22
Um bei diesem Vergleich zu bleiben:

blog.alexgalmeanu.com/wp-content/uploads/2007/05/preview.jpg">

der Mönch verbrannte sich in Vietnam aus Protest gegen Diem's Unterdrückung. Wie heute von Karzai forderten damals die USA "Reformen" von Diem, die er nicht durchsetzte, genau wie Karzai heute. Ich denke der Krieg dort ist erst am Beginn.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 24.04.2010 um 10:31
burning monk
blog.alexgalmeanu.com/wp-content/uploads/2007/05/preview.jpg">
ich schrieb am 24.04.2010 um 10:41
@Graureiher
Sind Sie sicher?

Nein.

Und wissen Sie, ob es »Zufall« oder »Rache« war?
Georg Erbs schrieb am 24.04.2010 um 13:48
Entschuldigung - jetzt auch noch mein Senf

Diejenigen, die es besser wissen sollten, tun es auch.
Und tun eben nichts.
Wolfram Heinrich schrieb am 24.04.2010 um 18:27
Der Vortrag von Volker Pispers über die Geschichte der USA und des Terrorismus ist nicht mehr ganz rasend von heute (Schröder war damals noch Kanzler), aber immer noch hochaktuell:
www.youtube.com/watch?v=n4H_E8b-qmo
www.youtube.com/watch?v=WOZd3iCknZU
www.youtube.com/watch?v=qRWAyM26YV8
www.youtube.com/watch?v=qQ9Amuri6G8
www.youtube.com/watch?v=Z2ullkbVCL8
(die englischen Untertitel stören nur mäßig)

Ciao
Wolfram
cp schrieb am 25.04.2010 um 12:42
Vielen Dank für die "normative Kraft des Faktischen". In Zeiten, in denen Habermas und Adrono mit Füßen getreten werden
Marek Odem schrieb am 27.04.2010 um 00:32
Lieber Jakob and Friends, jetzt lasst doch endlich mal die Argumente los, man weiß ja gar nicht mehr, ob man Tassen und Schüsseln brennen lassen sollte, in denen Inhalt gedeihen kann. Beste Grüße bei den
Marek Odem schrieb am 27.04.2010 um 00:32
Lieber Jakob and Friends, jetzt lasst doch endlich mal die Argumente los, man weiß ja gar nicht mehr, ob man Tassen und Schüsseln brennen lassen sollte, in denen Inhalt gedeihen kann. Beste Grüße bei den
Lee Berthine schrieb am 29.04.2010 um 11:27
Lieber Marek mit Odem,

hoffentlich hast du immer alle Tassen und Schüsseln im Schrank... ; )
Brunopolik schrieb am 30.04.2010 um 20:43
Kunst/Poetry reagiert darauf mit "Krieges Überhöhung"
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