Wochenthema

Wie Börsen-Zocker den Menschen die Nahrung rauben

Ernährung | 09.09.2010 10:30 | Michael Krätke

Geschäft mit dem Hunger

Fonds und Banken wetten an Terminbörsen auf steigende Rohstoffpreise. Die Zockerei hat Folgen: Die Welt steht vor der nächsten Nahrungsmittelkrise

Die Geschichte werden einige kennen: Ein aufstrebender Autor will ein Stück schreiben über einen aufstrebenden Helden der Finanzwelt. Der Schreiber will verstehen, was sein Held so treibt. Doch kann ihm niemand erklären, was da an den Börsen vor sich geht. Die Getreidebörse von Chicago erweist sich als unbegreiflicher, jeder Vernunft barer „Getreidesumpf“, den die Akteure selbst nicht durchblicken. Das Stück wird nie geschrieben. Der Autor, Bertolt Brecht, beginnt stattdessen, Marx zu studieren. Dann erst habe er seine eigenen Stücke verstanden, heißt es. Das Ganze spielt 1928, im Jahr darauf beginnt die Große Depression.

Börsengeschäfte können den Tod bringen. Denn an den Warenbörsen der Welt wird auch mit Nahrungsmitteln gehandelt und der Nahrungsmittelpreis für Milliarden Menschen bestimmt.

In unseren Breiten bedeutet Armut nicht gleich den Hungertod. Für über eine Mil­liarde Menschen aber ist Unterernährung real. Ebenso real wie die gigantischen Mengen an Nahrungsmitteln, die pro Jahr erzeugt werden und ausreichen, mehr als die heutige Weltbevölkerung zu ernähren. Dennoch gerät die Welt von einer Lebensmittelkrise in die nächste.

Es ist wieder soweit

Derzeit ist es wieder so weit. Vor wenigen Tagen protstierten in der mosambikanischen Hauptstadt Maputo Tausende gegen die gestiegenen Brot- und Energiepreise. Die Polizei schoss scharf, es gab mindestens zehn Tote. Bereits 2007 und 2008 stiegen die Preise vieler Nahrungsmittel dramatisch. Sie verdoppelten oder verdreifachten sich für Weizen, Reis und Mais und erreichten teils die höchsten Werte seit 30 Jahren. Der Reispreis zum Beispiel stieg um fast 180 Prozent in weniger als zwei Jahren. Alles starrte auf die Finanz- und Bankenkrise, während sich im Hintergrund eine Lebensmittelkrise von enormer Härte anbahnte. Mindestens 120 Millionen Menschen stürzten unter die Armutsschwelle. In etlichen Ländern des globalen Südens, die dank der Globalisierung keine Nahrungsmittel mehr exportieren, sondern sie importieren müssen, brachen Hungerrevolten aus – es kam zu Unruhen in mehr als 30 Staaten.

Während momentan in Deutschland ein Konjunkturschub beschworen wird, schießen weltweit die Preise für Kaffee, Kakao, Zucker und Milchprodukte in die Höhe. Gleiches gilt an den Warenterminbörsen für Getreide, Soja und Reis. Die wichtigsten Handelsplätze befinden sich in New York (NYMEX /COMEX) und in Chicago mit dem schon 1848 gegründeten Board of Trade (CBOT) sowie dem 1898 entstandenen Chicago Mercantile Exchange (CME). In Europa werden Nahrungsmittel und Rohstoffe an Warenterminbörsen in London, Paris (Matif), Amsterdam und Frankfurt/Main (Eurex) gehandelt, auch in Mannheim, seit 1998 sogar in Hannover. Überall dort werden Agrarprodukte nicht in natura, sondern in standardisierten Einheiten gehandelt. Die Kauf- und Verkaufskontrakte beziehen sich auf einen bestimmten Termin in der Zukunft und heißen „Futures“. So kann man beispielsweise mit Getreide handeln, bevor es ausgesät ist – ein spekulatives Geschäft mit den Erträgen und Agrarpreisen der kommenden Monate.

Brotpreis in Russland

Ende 2007 flüchteten auch die Schwergewichte unter den Finanzmarktakteuren (voran die Hedgefonds) vor der Finanzkrise und wertlosen Giftpapieren, um in die Spekulation mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen einzusteigen. Die Warenterminbörsen wurden jäh überrannt, die Folge war eine Explosion der Rohstoff- und Ölpreise. Unweigerlich stiegen auch die Preise jener Nahrungsmittel, die an den normalen Warenbörsen gehandelt werden. Fonds wie Banken verdienten sich ein paar goldene Nasen mehr, trotz Krise. In Deutschland warb die Deutsche Bank bei Anlegern mit glänzenden Gewinnaussichten dank steigender Agrarpreise.

Die Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) hat nun gerade angekündigt, sich auf dem Agrargipfel im Januar 2011 in Berlin und auch auf dem G-20-Gipfel im Juni 2011 gegen missbräuchliche Spekulationen auf Agrarmärkten einsetzen zu wollen. Doch verriet Aigner auch sofort, dass sie bislang weder Vorschläge noch Konzepte habe. Das Thema sei „sehr komplex“. Man möchte ergänzen: und die Lage für die Bundesregierung eher entspannt.

Denn im September 2010 hat sich die Panik vor drohenden Staatsbankrotten in Griechenland, Spanien oder Portugal wieder gelegt, so dass die Preise der Staatspapiere wie auch die Zinsen sinken. Eben deshalb aber sind die Spekulanten nach ihren Fischzügen bei den hoch verschuldeten Staaten wieder an die Warenterminbörsen zurückgekehrt, um sich an Rohstoffe und Nahrungsmittel zu halten. Chinesen oder Brasilianer erleben kleine Wirtschaftswunder. Reichliches und gutes Essen gilt als wichtiges Statussymbol in diesen Ländern, wichtiger noch als das Auto. Noch ein Grund mehr für lukrative Anlagemöglichkeiten, die satte und vor allem schnell Gewinne einbringen – Agrofutures erfüllen diesen Zweck.

Jubel der Spekulanten

2007 und 2008 gab es schlechte Getreideernten in Australien, einem der größten Weizenexporteure der Welt. 2010 gibt es Dürrekatastrophen in Russland. Die Ernteausfälle treiben den dortigen Brotpreis um mehr als 20 Prozent hoch. Wenn die Regierung in Moskau die Nahrungsmittelexporte einschränkt – gerade hat Ministerpräsident Wladimir Putin das Exportverbot für Weizen sogar verlängert – , sorgt das für Jubel bei den Spekulanten. Zwar werden nicht alle Nahrungsmittel an den Warenterminbörsen gehandelt, aber jene für die Ernährung der Weltbevölkerung wichtigsten wie Weizen, Reis, Soja und Mais auf jeden Fall.

Die US-Aufsichtsbehörde Commodity Futures Trade Commission (CFTC), die ihren Blick auf die Warenterminbörsen in den USA richtet, hat mehrfach konstatiert, dass die Preisbestimmung bei den Agrofutures mit Angebot und Nachfrage, mit Ernteaussichten und Absatz nichts mehr zu tun hat. Die Manie der Märkte lässt die Preise extrem schwanken. Obwohl die Nahrungsmittelproduktion kaum steigt oder stagniert, explodiert die Zahl der Agrofutures. Wurden vor ein paar Jahren noch rund 30.000 Weizenfutures pro Tag in Chicago gehandelt, sind es heute mehr als 250.000.

Natürlich spekulieren dabei die großen Geldherren wie die Deutsche Bank oder die BN Paribas nicht selbst, sondern lassen spekulieren – durch dafür geschaffene Spezialfonds, die auf ganze Bündel von Agrarprodukten spekulieren. Deren Zahl hat sich in den vergangenen zwei Jahren rasant erhöht. Je mehr Spekulanten an den Warenbörsen unterwegs sind, desto heftiger die Wirkung der Spekulation auf die Nahrungsmittelpreise. Nur zwei Prozent der gehandelten Agrofutures führen zu einer wirklichen Transaktion im Warenhandel – sprich: zur tatsächlichen Lieferung der Ware im Austausch gegen das Wertpapier zum Verfallstermin. Der ganze große Rest ist reine Spekulation – auf steigende oder fallende Preise – und dient allein der Bereicherung.

Veitstanz der Börsen

Der Lebensmittelpreisindex der Welternährungsorganisation (FAO) wird für einen Warenkorb mit den wichtigsten Nahrungsmitteln der Erde berechnet, von denen nicht alle an den Börsen gehandelt werden, was den Preisauftrieb zwar dämpft, aber nicht aufhält. So stiegen von 2007 zu 2008 die Lebensmittelkosten in den ärmsten Ländern zwischen 30 und 37 Prozent, dann 2008 nochmals zwischen 37 und 40 Prozent. Es folgte eine Erholung im Sommer 2009, aber seit Dezember 2009 weist der Trend des FAO-Index wieder nach oben.

FAO-Experten konstatieren deshalb den Ausbruch der nächsten Hungerkrise, die sich kaum aufhalten lässt. Denn die fast risikolose Spekulation an den Warenterminbörsen ist ein Milliardengeschäft, für das man noch weniger Eigenkapital braucht als im Aktienhandel. Das Geschäft korrumpiert die Produzenten nachhaltig, denn weltweit versuchen die Bauern, dem Veitstanz der Börsen zu folgen, um ein wenig mitzuverdienen. Schlechte Nachrichten also für die Ärmsten dieser Welt – sie zahlen die Zeche für die Rallye an den Warenbörsen. Mit millionenfachem Hunger, mit zehntausendfachem Tod.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
THX1138 schrieb am 09.09.2010 um 12:20
Speziell am Weizen- und am Ölpreis konnte man die Entwicklungen besagter Rohstoffspekulationen gut mitverfolgen. Bei den Warentermingeschäften liegt einiges im Argen, nach Angaben der BIZ ist das Volumen der Kontrakte auf Soft Commodities seit Ausbruch der Finanzkrise nur kurz zurück gegangen (Deleveraging), um jetzt wieder stark anzuziehen- vor allem auch im Bereich der Devisen, was sich mindestens ebenso verheerend auswirken kann, je nach dem, wie stark eine Volkswirtschaft auf den Import (von Nahrungsmitteln) angewiesen ist. Ein guter Artikel zu den Entwicklungen an den Warenterminmärkten- und den preislichen Folgen im physischen Handel- kam einmal in der FAZ:

www.faz.net/s/Rub58BA8E456DE64F1890E34F4803239F4D/Doc~E57844E12E9D04ABF981400EB012B973E~ATpl~Ecommon~Sspezial.html
THX1138 schrieb am 09.09.2010 um 21:36
Weder der FAZ-Artikel, noch der darin enthaltene Link funktionieren einwandfrei, also hie rnoch einmal beides:

hsgac.senate.gov/public/_files/052008Masters.pdf

www.faz.net/s/Rub58BA8E456DE64F1890E34F4803239F4D/Doc~E57844E12E9D04ABF981400EB012B973E~ATpl~Ecommon~Sspezial.html

Ich finde, da bleiben nicht mehr viel Fragen offen.
THX1138 schrieb am 09.09.2010 um 21:37
Gut, der FAZ-Link funktioniert schon wieder nicht, item: erster Link funktionuert dafür einwandfrei.
mh schrieb am 09.09.2010 um 21:49
ich kürz die links immer

snipurl.com

ergibt dann:

snipurl.com/12a2db
mh schrieb am 09.09.2010 um 12:38
"Die wichtigsten Handelsplätze befinden sich in New York (NYMEX /COMEX) und in Chicago mit dem schon 1848 gegründeten Board of Trade (CBOT)"

die frankfurter börse feiert heute ihren 425. geburtstag.

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der weizenpreis war 2008 im future bei einem hoch von 1349,50 und notiert aktuell bei 713,00 .. also 47,13% niedriger.

der weizenpreis erreichte diesden höhepunkt im märz 2008. also 7 monate vor der lehman-pleite und im gleichen monate wie beim zusammenbruch von bear sterns. damit ausgeschlossen was krätke hier behauptet, dass die spekulanten in rohstoffe flüchten konnten und dort ihr geld retteten...

.... denn der weizenpreis fiel dann auf 425,50 im tief und pendelte zwischen dieser marke und 600 dollar. im mai 2009 lag er sogar bei 673,50 dollar. damals gab es keine wochenthemen über hungertote.

die panikmache des steuerexperten krätke rührt aus dem anstieg auf nun 713... grund für die hungertoten soll sein, dass die weizenpreise durch spekulanten gestiegen sind.

warum sind die leute vor einem jahr bei 673,50 nicht verhungert? diese fragen stellt sich krätke nicht. er will bashen und die realität verzerren. ekelhaft.

-------------------------

80% der erwerbstätigen arbeiten in der landwirtschaft.

das problem mozambiques ist, dass es als armes land von der wirtschaftskrise besonders betroffen ist. es konnte von der ach so tollen rohstoffwelt, siehe ausführungen von krätke, nicht profitieren, da die nachfrage schlichtweg rückläufig war.

und jetzt passiert da folgendes: die weizenpreise steigen ob der schlechter ausfallenden weltweiten ernte (wetter, feuer etc.). diese preise werden versucht von den produzenten durchzusetzen .. was die arme bevölerung aber nicht stemmen kann. also wird das zeugs einfach eingelagert und andere abnehmer gesucht. die gewinne werden optimiert. durch die einlagerung erfolgt eine weitere verknappung, was die preise nochmals steigen lässt.

wer glaubt, dass das ein problem von mozambique ist... der sollte sich versichert sein lassen, dass dieses prinzip auch in deutschland funktioniert. bei uns geht man sogar soweit die brötchenpreise wegen des hohen weizenpreises anzuheben ... obwohl weizen a) ja bereits viel billiger ist als "damals" als die preise deswegen schonmal angehoben wurden und b) in so nem brötchen nur 1% weizen drin ist.

mfg
mh
j-ap schrieb am 09.09.2010 um 14:19
Danke, mh.

Ich habe es ja mittlerweile aufgegeben, hier noch etwas zu dem Thema zu schreiben, insbesondere nicht unter Artikeln von Herrn Krätke. Ein Professor für Ökonomie, der am hellichten Tag und allen Ernstes erklärt, daß zuerst die Preise steigen und anschließend Güter knapp werden, der wird vermutlich auch praxeologisch die Knappheit von Eicheln im Winter mit dem klandestinen Treiben der Eichhörnchen erklären, die sich pünktlich zum Herbst darauf verlegen, den Eichelmarkt zu cornern.

Und wenn dann auch noch ein Artikel zum Thema Preisentwicklung erscheint, der noch nicht einmal in einem abgelegenen Nebensatz den Umstand erwähnt, daß steigende Preise vielleicht auch etwas damit zu tun haben könnten, daß in den letzten zwei Jahren allein die FED Zahlungsmitteläquivalente im Umfang von etwa 4 Billionen USD geschöpft hat (wir erinnern uns: um die berühmte Outputlücke zu schließen, von der Keynesianer immerfort faseln), dann kann man getrost die Segel streichen.

Unter dem Artikel steht »Er [Krätke, Anm.] schreibt seit 2004 regelmäßig für den Freitag« — stimmt, zum Leidwesen seiner Leser aber scheinbar seitdem mit immer demselben Artikel.

Gruß,
J. A.-P.
mh schrieb am 09.09.2010 um 14:25
das ärgerlichste an diesem artikel ist, dass wir einen ähnlichen artikel bereits vom guardian hatten und unter diesem die erklärungen standen. ich meine, jap, dass du doch auch dabei warst.

dieser artikel hier, ignoriert nun die einwände seinerzeit einfach und wiederholt, was damals schon fälschlich behauptet wurde.

mfg
mh
j-ap schrieb am 09.09.2010 um 14:44
Ja eben, mh, eben:

Unmoralisch, unentschuldbar (Der Freitag, 18.08.10)

Ich und Technixer hatten dieses Thema zuvor auch schon auf dem Schirm, und ich erinnere mich dunkel, daß es zum Ende des letzten Jahres auch schon einmal hier durchexerziert wurde — den Link suche ich nun allerdings nicht mehr raus.
merdeister schrieb am 09.09.2010 um 16:35
Für die Vernetzung von Redaktion und Community ist das kein gutes Zeichen...

(Ich weiß: Eulen, Athen und so)
Rapanui schrieb am 14.09.2010 um 01:14
@ mh am 09.09.2010 um 12:38

Die Intention von Herrn Krätke ist es sicher nicht, die komplexen Zusammenhänge von Finanzströmen bei Warentermingeschäften umfassend darzustellen, sondern den politischen Zusammenhang zwischen einem Menschenrecht, nämlich dem auf Nahrung und den gegenwärtigen ökonomischen Grundlagen auf denen die Verteilung der Nahrung basiert, zu erläutern. Das geschieht für den hier zur Verfügung stehenden Umfang in einer ausreichenden Qualität. Die wesentliche Aussage lautet: Ja es gibt diesen Zusammenhang und er ist kritikwürdig. Der Tenor in der Diskussion zwischen deren wesentlichen Diskutanten mh, jap, thx ist aber: Krätke "Leidwesen", "igoriert", "Keynsianer faseln"; "ideologischer Dogmatismus", so als hätte Krätke nicht in seiner wesentlichen Aussage recht.

mh verleugnet in seinem Posting vom 09.09., 12.38 Uhr glatt einen Zusammenhang zwischen Warentermingeschäften und konkretem Nahrungsmittelmangel. Das tut mh unter anderem dadurch, dass er behauptet, der Höhepunkt des Weizenpreises sei 7 Monate vor dem Zusammenenbruch eingetreten. Meint mh denn, dass der Weizenpreis erst ab dem Zusammenbruch von LB hätte steigen dürfen? Das würde die interessante Annahme voraussetzen, dass die wesentlichen Investoren bei LB, völlig überrascht von der Pleite gewesen sein müssen und dann in einer Art Panik erst nach der Pleite "in den Weizen" geflüchtet sind.

Die Argumentation im zweiten Teil von mh ist da schon seriöser und beschreibt die für die Produktion von Nahrungsmitteln signifikante Abhängigkeit von den klimatischen und meteorologischen Verhältnissen. Das aber erläutert auch Krätke. Krätke erläutert auch das Verhalten der lokalen Anbieter, welches mh hier zu erläutern einfordert. Wenn ich berücksichtige, dass Krätke den Schwerpunkt seines Artikels klar auf die Warentermingeschäfte setzt und nicht auf andere ökonomische Parameter (Zölle, Eigenversorgung, Infrastruktur), reicht das auch vollkommen aus.

In der aktuellen Fachdiskussion zu den Ursachen für den rapiden Anstieg der Lebensmittelpreise, der ja unbestritten ist und weltweit zu schweren Unruhen geführt hat, werden eine ganze Reihe von Ursachen aufgezählt: Aufstieg der Mittelschichten in Indien und China, Verdrängung der Nahrungsmittel durch Verwendung als nachwachsende Rohstoffe (z.B. Energie), Anstieg der Rohölpreise und zu einem ganz erheblichen Teil die Chicagoer Warenterminbörse.

Man könnte darauf verweisen, dass sich Krätke etwas einseitig mit den Warentermingeschäften befasst. Bitte. Zu der hier geäußerten scharfen Diskreditierung seiner Person und Fachkompetenz sehe ich keinen Anlass.
Technixer schrieb am 09.09.2010 um 18:00
Deswegen schreibt auch kein "echter" Wirtschaftsprofessor über das Thema. Ich habe zumindest noch keinen deutschen Artikel über die Spekulation bzw. die Erklärung über Funktionsweise und Auswirkungen gelesen (außer den von Paul Krugman den j-ap gepostet hatte).

Dafür können zwei Gründe in Betracht kommen: a) entweder hält es kein seriöser "linker" Wirtschaftswissenschaftler für nötig oder b) der Sachverhalt ist zu komplex um ihn in einem Zeitungsbericht zusammenfassen zu können.

Ich wäre jedenfalls dafür, dass bspw. Heiner Flassbeck einen solchen Erklärungsansatz liefern würde.

Ergänzend zur Person Krätke wäre zu sagen, dass er nicht ganz frei von ideologischem Dogmatismus ist. Und davon bin ich mal überhaupt kein Fan.

Grübelnd grüßt der Technixer
j-ap schrieb am 10.09.2010 um 09:26
Lieber Technixer,

damit wir uns nicht falsch verstehen: Von Krätke gibt's durchaus Lesenswertes, aber der Artikel da oben und seine diversen Weiterungen und Varianten gehören sicherlich nicht dazu. Das ist gute alte Populärökonomie, die nach meiner Affassung nicht nur sachlich schlicht falsch ist, sondern auch programmatisch wenig hilfreich ist, weil da im Grunde steht: Es könnte alles so schön sein, wenn es nur die bösen Spekulanten und die Börsen nicht gäbe, die den Welthunger zu verantworten haben.

Daß derlei ernsthaft Anhänger findet und nahezu keinen Widerspruch erntet, hängt auch damit zusammen, daß der Wirtschaftsunterricht nicht nur hierzulande auf einem Niveau stattfindet, der im Grunde genommen ein Skandal ist.

Grüße zurück,
J. A.-P.
mh schrieb am 10.09.2010 um 09:38
genau: dieser artikel ist nicht hilfreich!

mfg
mh
Giuseppe Navetta schrieb am 11.09.2010 um 00:51
@Technixer

Unabhängig von dem oben aufgeführten Artikel, Michael R. Krätke gehört nicht zur vulgärmarxistischen Fraktion, da ich seine wissenschaftliche Arbeit zum Teil kenne.

Eine Einschätzung Heiner Flassbecks ist ganz gut diesem im Deutschlandfunk gefürten Interview zu entnehmen:



Giuseppe Navetta schrieb am 11.09.2010 um 01:15
Hier der Original-Link bei www.dradio.de:
snipurl.com/12lill
Technixer schrieb am 12.09.2010 um 22:49
Vielen Dank Guiseppe. Ich habe das Interview gern gehört :-)

Die ruhige Art von Herrn Flassbeck lässt mich immer wieder erstaunen. Er war auch mal auf so einem Idiotentreff der ÖRs u.a. mit Rainer Brüderle, welcher ihm ständig ins Wort gefallen ist und nur Weichgespültes von sich gab. Herr Flassbeck ist trotzdem (äußerlich und verbal zumindest) ruhig geblieben. Meinen Respekt hat dieser Mensch jedenfalls. Nochmals vielen Dank.
Giuseppe Navetta schrieb am 13.09.2010 um 21:55
@Technixer

Konnte ihn auch in Vorlesungen oder Vorträgen an meiner Fakultät bzw. meinem Department erleben - er ist sympathisch, kein akademischer Standesdünkel, den man ja leider zu häufig in der deutschen Wissenschaftslandschaft antrifft, so ergaben sich auch gute wie ebenso kontroverse Diskussionen. Außerdem hält er die keynesianische Flagge in einem fast gleichgeschalteten Umfeld hoch und ganz gleich wie man dazu stehen mag, meinen Respekt hat er.
salvo schrieb am 10.09.2010 um 10:38
ich würde den selbsternannten Experten,die hier mit dieser typisch deutschen Arroganz und Besserwisserei auftreten, empfehlen, sich dringend mit der MMT (Modern Monetary Theory) auseinanderzusetzen.
Ein guter Ansatzpunkt wäre der Blog des australischen Ökonomen William Mitchell

bilbo.economicoutlook.net/blog/

Wer nämlich von angeblichen zu viel gedruckten Geldmengen spricht, welche die reale Ökonomie überfluten, zeigt, dass er von der Funktionsweise der real existierenden fiat currency systems nichts aber gar nichts begriffen hat. Das große Problem ist, dass gerade in deutschland der ökonomische Diskurs von Menschen geführt wird, die obwohl sie keine Ahnung haben, meinen, sie wüßten alles besser, und mindestens ebenso gefährlich wie aufklärungsresistent sind
mh schrieb am 10.09.2010 um 10:49
deine aussage ist so unscharf, dass sie nicht mal als kritik durchgeht. dass geld nicht "gedruckt wird" dürfte jap genauso klar sein wie mir. bei den amis liegt der anteil unter 1%.

ansonsten war hier eine klar formulierte erwiderung, warum obige theorie blödsinn ist. dass geldströme dennoch in den preis reinfummeln streitet hier keiner ab. jedoch beschleunigen sie nur die entwicklung...sie lösen sie nicht aus.

ich werde immer dann skeptisch, wenn jemand die ultimative ökonomie entdeckt haben will... es gibt keine absoluten wahrheiten, du brauchst sie uns hier also auch nicht anbieten... zumal immer noch der grundsätzliche einwurf fehlt, der dein posting zu mehr, als nur werbung, machen würde.

mfg
mh
j-ap schrieb am 10.09.2010 um 11:40
So ist es, mh.

Daß Geld schon längst nicht mehr »gedruckt« wird, man diese Formulierung aber trotzdem immer noch benutzt, wenn man Geldschöpfung meint, sollte doch eigentlich sonnenklar sein für jemanden, der sich so gewaltig viel auf seine Fachkompetenz einbildet.

Es ging ja auch nur darum, daß dieser Aspekt bei der Analyse noch nicht einmal erwähnt wurde. Um zu merken, daß ich nicht beliebig lange Geld schöpfen kann, das sich zwar nicht unmittelbar auf die Güterpreise auswirkt, via Vermögenspreisinflation aber letztendlich doch, braucht's eigentlich auch nicht so arg viel Phantasie, oder?
mh schrieb am 10.09.2010 um 11:57
zumindest braucht man es in einem kommentar, in dem es auch darum nicht geht, nicht ständig erwähnen müssen.

sonstn landen wir dabei, dass es jedesmal einer wissenschaflichen abhandlung bedarf und die bietet dieser eigenartige blog nun auch bei weitem nicht.

mfg
mh
j-ap schrieb am 10.09.2010 um 12:52
Aber wenn ich einen Kommentar zu einem Thema in einem Publikumsorgan veröffentliche, der einen recht komplexen Zusammenhang auf einen einzigen Grund (hier: Spekulation) reduziert und auf dieser reduktionistischen Basis dann auch noch Verantwortlichkeiten zuweist, dann grenzt das Weglassen entscheidender anderer Gründe meines Erachtens schon ans Verwerfliche.
mh schrieb am 10.09.2010 um 13:07
ich meinte das ja nun auch auf dich bezogen, hier in den kommentaren. und das gilt auch für mich. da wird nur der fehler benannt, nicht das große ganze behandelt.

was krätke da treibt ist nochmal eine andere nummer. der verfasst mit journalistischem anspruch, unter professoralem glanze, eine vermeintliche analyse, über die jeder linke, nach uwe theel, sich empören müsste und jene leute gelten hier ja auch als zielgruppe, irgendwie.

krätke schreibt nicht der aufklärung wegen, er schreibt seiner meinung wegen. und leider gottes bietet der freitag dieser meinung immer wieder platz. egal, wie falsch sie ist...

... was mich dabei übrigens noch zusätzlich betrübt ist, dass in einem anderen artikel dann schon wieder dinge drinnen stehen, anhand derer man auch von selbst hätte erkennen können, dass krätke blödsinn schreibt.

aber da ist die redaktion nicht in der lage sowas zu bemerken und das dürfte daran liegen, dass die alle kein sonderlich tiefgehendes verständnis von der materie haben... was ich für gefährlich halte, va wenn sich dann politische themen mit wirtschaftlichen vermischen.

aber wahrscheinst reden wir uns dann hier auch nur wieder die finger fusselig und nächste woche kommt der nächste krätke'sche blödsinn. unbemerkt von jenen, die das reinstellen.

mfg
mh
j-ap schrieb am 10.09.2010 um 13:32
ich meinte das ja nun auch auf dich bezogen, hier in den kommentaren.
Okay, das war offensichtlich ein Mißverständnis. Sorry.

Zum Rest: Jawohl. Das Problem ist, daß der Freitag keine Wirtschaftsredaktion hat. Hatten wir das nicht schon mal thematisiert?
merdeister schrieb am 10.09.2010 um 13:39
Bezugnehmend auf die Aufhebung zwischen Redaktion und Community schreibe ich hier mal die Stelle eines Redakteurs für den Wirtschaftsteil des Freitag aus.

Ab 1.2.2011
merdeister schrieb am 10.09.2010 um 13:40
"kommenden Wirtschaftsteil"

oder

""noch zu gründenden Wirtschaftsteil"
j-ap schrieb am 11.09.2010 um 16:33
Ab 1.2.2011
Angesichts der Tatsache, daß am 21.12.2012 die Welt untergeht, muß ich leider vorsorglich ablehnen, merdeister.
merdeister schrieb am 13.09.2010 um 20:21
Der Weltuntergang fällt aus, 57% sind dagegen.
Amsterdamned schrieb am 10.09.2010 um 14:07
Der Freitag sollte deutlich höhere Qualitätsanforerungen an seine Kolumnisten stellen.

Meinung und Interpretation ist eine Sache, Verzerrung von Fakten und sachliche Unkenntnis eine andere. Dass derartiger Dumpfsinn aus noch durch einen "Professor für Ökonomie" produziert wird steigert das Ganze ins Abstruse. Die Liste der Verfehlungen ist zu lang, um sie alle zu kommentieren. Meine Vorgänger haben das oben zum Teil schon getan, dafür Dank.

Im Artikel wird das eigentliche Problem ganz am Rande erwähnt, dann aber schnell getarnt, durch dessen Verknüpfung mit ideologisch motivierten und nicht zu beweisenden Statements: ” Chinesen oder Brasilianer erleben kleine Wirtschaftswunder. Reichliches und gutes Essen gilt als wichtiges Statussymbol in diesen Ländern, wichtiger noch als das Auto. Noch ein Grund mehr für lukrative Anlagemöglichkeiten, die satte und vor allem schnell Gewinne einbringen – Agrofutures erfüllen diesen Zweck.” Chinesen und Brasilianer (und übrigens auch noch Inder, etc, also eine nicht gerade kleine Anzahl von Menschen) erleben nicht kleine, sondern zum Teil riesengrosse Wirtschaftswunder. Ernährungsgepflogenheiten ändern sich schnell, generell wird mehr Fleisch gegessen, was den Getreidepreis treibt (Die Produktion eines Kilos Fleisch erfordert 7 Kilo Getreide). Need I say more.

“ In etlichen Ländern des globalen Südens, die dank der Globalisierung keine Nahrungsmittel mehr exportieren, sondern sie importieren müssen, brachen Hungerrevolten aus – es kam zu Unruhen in mehr als 30 Staaten.” Wohl kaum ist es so, dass diese Länder “dank der Globalisierung keine Nahrungsmittel mehr exportieren”, denn Globalisierung und Freihandel sollten eigentlich dafür sorgen, dass bedingt durch komparative Kostenvorteile gerade MEHR Nahrungsmittel “in den Länder des globalen Südens” produziert und exportiert werden. Ausser der bereits erwähnten weltweiten, REALEN Lebensmittelverknappung, sind meiner Ansicht nach eher korrupte Regime und deren Machenschaften für Hungerrevolten verantwortlich, so wie auch in Mosambik.

“Natürlich spekulieren dabei die großen Geldherren wie die Deutsche Bank oder die BN Paribas nicht selbst, sondern lassen spekulieren – durch dafür geschaffene Spezialfonds, die auf ganze Bündel von Agrarprodukten spekulieren.” Na und? Was will der Autor hiermit eigenlich sagen? Ausserdem ist es BNP Paribas. Und wieso “Geldherren”? Na gut, schaffen wir Banken doch einfach ab!

“Denn die fast risikolose Spekulation an den Warenterminbörsen ist ein Milliardengeschäft, für das man noch weniger Eigenkapital braucht als im Aktienhandel.” Wie bitte, “risikolos”? Schon mal von Margin Calls gehört? Und generell gilt, je weniger Eigenkapital (oder mehr Leverage), desto risikovoller ist die Anlage. Kleines Einmaleins, Herr Professor.

“Ende 2007 flüchteten auch die Schwergewichte unter den Finanzmarktakteuren (voran die Hedgefonds) vor der Finanzkrise und wertlosen Giftpapieren, um in die Spekulation mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen einzusteigen.” Hedge Fonds sind beleibe keine Schwergewichte. Schwergewichte sind dann schon eher z.B. Pensionskassen, Regierungen und andere Asset Manager, die wiederum für Pensionskassen, aber auch Kleinanleger arbeiten (oh, … Sie und ich, nicht nur die bösen Spekulanten). Und das “Flüchten” von Investoren ist wohl eher die sehr rationale Suche nach den höchsten Renditen (vielleicht auch für die Finanzierung von Herr Rätkes Rente?). Die intelligenteren dieser Investoren haben demograpische und ökonomische Trends erkannt und haben in Nahrungsmittel investiert. Investiert. Oder ist das jetzt auch “pfui”?

Von einem war ich allerdings nach dem Lesen des Artikels überrascht: Die so modische Prügel von Hedge Fonds und deren “Short Investments”, d.h. des Anvisierens von sinkenden Preisen bleibt aus! Wahrscheinlich daher, dass es nicht so richtig in die Message des Autors passt: Sollte es wirklich so sein, dass durch “Spekulation” Preise übertrieben augeblasen werden (was zu gewissen Zeitpunkten natürlich absolut möglich ist), so finden sich genügend rationale Investoren, die “short” gehen, d.h. auf sinkende Preise spekulieren, was den Exzessen mit Futures ein Gegengewicht bietet.

Insgesamt finde ich den Artikel so mit ideologischem Pathos durchzogen, dass sich schon vor der Beleuchtung der Argumente die Nackenhaare sträuben. Marx hat seinen verdienten Platz in den Geschichtsbüchern, zur Erklärung moderner, ökonomischer Sachverhalte sollte der Auto doch etwas über den Tellerrand hinausblicken. Wirtschaftspolitik ist komplex und niemand kann behaupten, dass Ei des Kolumbus gefunden zu haben. Die Finanzkrise hat gezeigt, dass es viel zu verbessern gibt. Hoffen wir, dass Herr Rätke in diesem Zusammenhang nicht zuviel Beachtung findet.
Technixer schrieb am 10.09.2010 um 17:20
Wenn ich so eine Grütze schon lese. "oh, … Sie und ich, nicht nur die bösen Spekulanten" ist klar der berühmte Kleinsparer. Komisch nur das gerade mal 4% der Deutschen in Aktien oder Fonds investiert.

Wer postiert sein Geld in Pensionskassen? Nur diejenigen Arbeitnehmer welche es sich leisten können nochmal 50, 100 oder mehr Euros von ihrem Lohn abgehen zu lassen. Das Durchschnittseinkommen beträgt für einen Haushalt (wobei man von zwei Verdienern ausgeht!) popelige 2700,-€. Nach Abzug von Miete und Lebensmittel bleiben 1375,-€ im Schnitt. Wenn dann noch ein oder zwei Kinder dazukommen, überlegt man es sich zweimal ob man noch in eine Pensionskasse einzahlt.

Solcherlei vorgetragenen "ideologischen Pathos" über die Befürwortung und angeblichen Sinn von Finanzmärkten kenne ich zur genüge von der CDU. Den beliebten Kleinsparer haben die nämlich angeführt um einer Finanztransaktionssteuer entgegen zu "argumentieren. Der Kleinsparer wäre ja derjenige welcher bei jeder Transaktion vom Konto aus draufzahlen müsste. Wir reden von einer Steuer von 0,05% pro Transaktion!

Da ist er wieder der Kleinsparer, welcher angeblich mit für die Krise verantwortlich ist.

Diese "Kleinsparer" haben keine Aktien, Lebensversicherungen oder dergleichen, sie spekulieren nicht mit Futures oder Wechselkursen, so etwas können nur Leute die Geld haben.

"Exzessen mit Futures ein Gegengewicht bietet. " ist klar, weil auch die gleiche Menge von Kapital dagegen gewettet wird ;-)

Auf der einen Seite wird immer wieder vom Herdentrieb an der Börse gesprochen, andererseits sollen angebliche Gegengewichte existieren da ja genügend auf das Gegenteil wetten. Was meinen Sie denn warum selbst die Börsianer bei dieser Aktion von Attac applaudiert haben?

Giuseppe Navetta schrieb am 10.09.2010 um 23:18
@Technixer
...Fehlallokation, externe Effekte (siehe Artikel), fehlender Wettbewerb aufgrund oligarchischer Strukturen, um nur einige Beispiele zu nennen, sind die Regel und nicht die Ausnahme im Investmentbanking, das gesamte Geschäftsfeld ist weit entfernt von idealtypischen Vorstellungen eines freien Marktes, auch wenn es so aussehen mag...derlei Problematik wird übrigens auch intern diskutiert...stattdessen argumentieren unsere üblichen Kombattanten mit einzelnen Daten, wie dem Preis x zum Datum xy...
Gewisse Ressourcen sollten der Finanzspekulation entzogen werden, nicht mehr und nicht weniger! Und wer heutzutage noch damit argumentiert die Volatilität der Finanzmärkte sei durchweg ein Segen für die Volkswirtschaften, möge mir das mal widerspruchfrei darlegen!
mh schrieb am 10.09.2010 um 23:34
"Gewisse Ressourcen sollten der Finanzspekulation entzogen werden, nicht mehr und nicht weniger!"

dafür habe ich mich u.a. schon länger ausgesprochen... das ändert nurn nichts daran, dass krätke unter falschen vorraussetzungen und mit abstrusen theorien argumentiert.

mfg
mh
THX1138 schrieb am 11.09.2010 um 10:46
@Technixer: "Wer postiert sein Geld in Pensionskassen? Nur diejenigen Arbeitnehmer welche es sich leisten können nochmal 50, 100 oder mehr Euros von ihrem Lohn abgehen zu lassen."

Alleine die US-Pensionskassen verwalteten 2006, also kurz vor Ausbruch der Krise, insgesamt 6,351 Billionen US-Dollar, Grossbritannien 954 Milliarden und Japan 711 Milliarden Dollar. Das sind Grössenordnungen, die kaum unterschätzt werden können. 2006 betrugen die Pensionskassenvermögen weltweit 16 Billionen (!) US-Dollar! Zum Vergleich: das BIP der Bundesrepublik betrug 2009 (geschätzte) 2,9 Billionen US-Dollar, dasjenige der Schweiz 480 Milliarden. Zwischen 1993 und 2001 betrug die Zuwachsrate des Fondsvermögens durchschnittlich 8 Prozent p. a., blieb bis zum Ausbruch der Finanzkrise konstant und ist seither naturgemäss im Fallen begriffen.
mh schrieb am 11.09.2010 um 11:03
in den usa ist das auch anders gregelt. da gehört das einzahlen in eine pensionskasse oftmals mit zum gehalt.

die pensionskassen wiederum sind die größten geldgeber für private equity gesellschaften. derweil sind die vehikel der versicherungen, sowas wie pimco (allianz) die größten geldgeber für staatsanleihen .. da ist viel geld "des kleinen mannes" drin. sei es die renten, lebensversicherungen, bausparen, ganz normale versicherungen etc.pp

mfg
mh
THX1138 schrieb am 11.09.2010 um 11:31
@mh: "Es ist allles sehr spekulativ geworden", hat sogar Peter Brabeck, ehemaliger CEO von Nestlé letzthin auf die Frage geantwortet, wie gross der Einfluss der Finanzmärkte auf die Preise von Agrarrohstoffen sei, "wichtiger als die Ernte ist heute, ob die Pensionskasse Calpers entscheidet, mit 750 Mio. Dollar in der Rohwarenmarkt einzusteigen (...)."

Genau deshalb ist mir das Feindbild Bank- welches im obigem Artikel einmal mehr aufgewärmt wird- auch zu einfach gestrickt: Da machen es sich gewisse Kreise einfach viel zu einfach. Das sog. Geld des kleinen Mannes spielt eine eminent wichtige Rolle auf den internationalen Finanz- und Kapitalmärkten!

Noch ein Vergleich zu den 16 Billionen Dollars an Pensionskassengeldern, um zu verdeutlichen, von was genau wir da sprechen (@Technixer): Die weltwirtschaftliche Gesamtleistung von einem Jahr liegt z. Z. bei gut 56 Billionen US-Dollar.
j-ap schrieb am 11.09.2010 um 11:35
mh / THX1138:

Genau diesen Aspekt, den Sie hier gerade behandeln, hatten wir doch dieser Tage auch nebenan:

Zaungäste der Gesellschaft?, dort relativ weit unten.

Aber scheinbar ist das alles immer in den Wind geschrieben. ...
mh schrieb am 11.09.2010 um 12:36
ja ist es, weil es auch hier immer nur um meinungen geht und nicht darum, wie die dinge wirklich sind.

es scheint mir aber auch ein genereller irrtum von uns zu sein, denn der freitag hat den zusatz meinungsmedium... offensichtlicher kann man es nun vielleicht auch gar nicht mehr formulieren.

mfg
mh
Technixer schrieb am 12.09.2010 um 03:18
Natürlich war mein Kommentar zu kurz gefasst. Das Ausmaß amerikanischer Rentenfonds war mir zwar insgesamt nicht bekannt. Mehrheitlich bezog sich meine Aussage allerdings auf Deutschland. Wie mh das auch schon andeutet, die Amis haben ein ganz anderes System. Und wie dufte das funktioniert sieht man daran, dass etliche Rentner plötzliche keine Rente mehr bekommen, weil?, ja genau, irgendwie Finanzkrise und so...

Auch ist mir bekannt, dass in den letzten Jahren mittels Steuerung durch die Politik in die privaten Anbieter etliche Milliarden geflossen sind. Sonst hätte sich Raffelhüschen nicht auf einer Versammlung der großen Versicherungskonzerne hingestellt und großspurig verkündet er habe die Politik überzeugt, sie (die Versicherungen) müssten nur noch die Verträge abschließen.

Desweiteren ist mir durchaus bewusst, dass die Arbeitgeberbeiträge zur staatlichen Rentenkasse (Umlage finanziert) seit Beginn der Regierung Schröder um über 20% gesunken sind. Diesen Verlust können diese natürlich nicht kompensieren. Die Ankündigungen waren also self fullfilling prophecy's... und so weiter und so fort.

Trotz alledem, wie hoch sind die Zahlungen aus privater "Rente" (aka Riester und Co)? Worauf beruhen die Gewinne welche in Form von Renten dann ausgezahlt werden sollen?
Den Löwenanteil trägt immer noch das Umlage finanzierte Rentensystem. Die meisten Menschen in Deutschland haben keine Aktien. Ihr persönlicher Anteil am Pensionsfond/Rentenfond/Riestertopf und Co, ist gering. Dementsprechend sind natürlich auch Auszahlungen gering, quasi ein Zubrot zur gesetzlichen Rente.

Auf diese Richtigstellung kommt es mir an. Gerade Neuliberale und Konservative fabulieren gerne den Kleinsparer herbei. Er wäre massiv mit betroffen oder würde die Krise mit seinen paar Kröten mit verursacht haben. Als ob der auch nur die Möglichkeit dazu hätte sich a) über den Fond und dessen Investitionsfelder zu informieren und b) bei seiner persönlichen geringen Investitionsmenge (in der Summe viel) auch den Antrieb dazu hätte seiner Versicherung auf die Finger zu schielen.

Ich wiederhole mich, wenn ich darauf hinweise, was die Nachdenkseiten vor ein paar Monaten schon publiziert haben: Menschen die einen Nettoverdienst von bis zu 1200,- € haben sparen am wenigsten. Im Gegenteil die darunter Liegenden haben sogar ein Minus von ca. 0,4%.

Das heißt der Großteil der deutschen Bevölkerung KANN gar keine Aktien, Fonds, Bonds und Co haben und sind sie nicht mal ansatzweise für den fabrizierten Mist verantwortlich! Man versucht mit solchen rhetorischen Tricks den schwarzen Peter Denjenigen zuzuschieben welche am aller wenigsten dafür können.
THX1138 schrieb am 12.09.2010 um 12:38
Dutschland als allgemein gültiges Beispiel heranzuziehen ist meiner Ansicht nach eine etwas zu kurze Sichtweise. Alleine die schiere Höhe der um den Globus fliessenden Rentengelder zeigt, in welcher Grössenordung der Einfluss des kleinen Mannes gesehen werden muss- auch wenn er weder direkt noch indirekt Einfluss auf die Anlagestrategie seiner Pesnionskasse nehmen kann. Er hat zu akzeptieren, was das Management macht, stillschweigend, versteht sich. Mir ging es lediglich darum, aufzuzeigen, dass Pesionskassen insgesamt einen enormen Eindluss auf das Geschehen an den FInanz- und Kapitalmärkten haben.

Als Schweizer mit Pensionskasse- es gibt keinen Arbeitnehmer, der über keine Pensionskasse verfügt, dieses System der zweiten Säule, wie man es hier nennt, gibt es erst seit 1987- habe ich wahrscheinlich einen grundlegend anderen Bezug zu Kapital gestützten Rentensystemen, als Du. Ich sehe darin vor allem Vorteile: Das Kapital lässt sich z. B. jederzeit abziehen- für den Erwerb von Wohneigentum, die Gründung einer eigenen Firma oder für den Fall, dass man auswandern will. Wohlgemerkt: die Pensionskassenbeiträge werden allmonatlich vom Lohn abgezogen und von Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber zu 50 Prozent paritätisch getragen. Und wenn das Kapital vom Eigentümer abgezogen wird, dann können auch die Arbeitgeberbeiträge abgezogen werden!

Doch das ist ja kein Artikel über Renten, ergo zurück zum Thema: Wenn man die Entwicklungen an den Finanz- und Kapitalmärkten kritisieren will- absolut zu recht übrigens- dann muss man das Augenmerk auch auf die Herkunft der Gelder legen- und nicht nur auf die Banken. Darum ging es mir.
j-ap schrieb am 12.09.2010 um 15:05
Hallo Technixer,

man nimmt am Finanzsystem nicht erst dann teil, wenn man Aktien, Bonds, CFDs kauft oder ein Sparbuch unterhält und man ist auch keineswegs unbeteiligt, nur weil man am Monatsende nichts mehr hat, was man auf die hohe Kante legen kann.

Auch für HartzIV-Bezieher werden Renten- und Krankenversicherungsbeiträge geleistet, immerhin herrscht hierzulande eine allgemeine gesetzliche Versicherungspflicht. Zunächst werden die nur auf dem Papier »angeschrieben« (genau wie bei den Beamten), aber wenn die dann tatsächlich zum Arzt gehen, dann wird aus diesen virtuellen Beiträgen eine ganz reale Angelegenheit, denn der Arzt lebt nicht von Nektar und Ambrosia. Gesetzliche Versicherungen, d.h. öffentlich-rechtliche Körperschaften, sind zwar keine Pensionskassen wie in Amerika, aber auch sie veranlassen Buchungsvorgänge, und diese Buchungsvorgänge finden nicht irgendwo auf dem Mond statt, sondern innerhalb des Finanzsystems.

Deshalb sitzt auch bei noch so kleinen Peanuts irgendwo jemand, der dafür Liquiditätsmanagement betreiben muß: weil es für jeden möglichen Zahlungsstrom — egal ob bei der Krankenkasse ober beim Lidl, der eine Staude Sellerie beim Lieferanten bezahlt — irgendwo einen in der Zukunft liegenden, aber feststehenden Zahlungszeitpunkt gibt. Bis der eintritt, muß jemand dafür sorgen, daß das Geld genau diesen Weg und keinen anderen nimmt. Wenn er's nicht hat, muß er's finanzieren, auf kurze oder lange frist, und wenn er's schon heute hat, dann wird er's irgendwo parken, bis er's braucht — in Staatsanleihen, Swaps, Repos, Tagesanleihen usw. usf.

Das alles ist nun sehr in Triviale heruntergebrochen, soll aber verdeutlichen: Es gibt, mit wenigen Ausnahmen, keine Nichtteilnehmer am System, unabhängig davon, ob man die Staatsanleihe nun selber kauft oder nicht.
THX1138 schrieb am 12.09.2010 um 22:06
"Es gibt, mit wenigen Ausnahmen, keine Nichtteilnehmer am System"

Greift mir zu kurz: Man darf den Eigenhandel der Finanzakteure nicht vergessen, den Obama gerne endlich regulieren würde.

Nein, jetzt die ganze Hauptverantwortung auf die Allgemeinheit abzuwälzen- jeder ist irgendwie Teil dieses Systems- das geht auch nicht, das ist mir zu billig. Immerhin hat es unsere bis vor Kurzem vorherrschende Wirtschaftsideologie (ein anderes Wort wäre jetzt fehl am Platze) z. B. den Unternehmen erlaubt, den Faktor Kapital zuungunsten des Faktors Arbeit aufzuwerten: die Lohnquote (der Anteil der Löhne am Bruttoinlandprodukt) in Kontinentaleuropa ist während der letzten gut 20 Jahre von 66 auf 55 Prozent zurückgegangen. Spiegelbildlich dazu stieg dafür die Gewinnquote- also der Anteil der Unternehmensgewinne am Bruttoinlandprodukt (BIP)- in den Jahren vor der Krise umso stärker an, was vor allem auf die unablässig steigenden Kapitalerträge zurückzuführen sein dürfte: So hat sich zum Beispiel der Anteil des Finanzsektors an den Gewinnen amerikanischer Unternehmen seit 1980 praktisch verdoppelt und lag 2007 bei fast 40 Prozent. Wohin ein guter Teil des an u. a. beim Faktor Arbeit eingesparten Geldes geflossen ist- zusammen mit den Renten- und sonstigen Vorsorgegeldern- muss nicht lange diskutiert werden: man liess einfach das Geld für einen arbeiten.
Technixer schrieb am 12.09.2010 um 22:20
So gefällt mir das :-) THX1138 und j-ap. So lässt sich doch der Fakt näher beschreiben und jeder der die Kommentare liest lernt mglw. dazu und wir kommen der Wahrheit ein kleines Stückchen näher.

Herr Allensteyn-Puch, es wäre mir neu das unsere Gesetzlichen ihr Kapital mittels Anlagestrategien vermehren. Meines Wissens ist denen das Agieren an den Märkten verboten. Daher verstehe ich Ihre Argumentationslinie nicht so ganz bzw. kann sie leider nicht nachvollziehen.

Das irgendwie jeder Teil des Systems ist scheint mir eine Binsenweisheit zu sein. Also ist jeder für alles irgendwie verantwortlich, weil alles mit allem zusammenhängt? Sie merken, so wird kein ganzer Schuh draus. Es gibt klare Verantwortliche aus dem Teilsystem Finanzmärkte. Die Gesetzeslage ist allerdings so, dass keiner haftbar gemacht werden kann (siehe hier und hier). Denn wie soll man jemanden "böse" Absichten oder "Profitgier" vorwerfen, er hat ja nur im Sinne der Firma agiert (bspw. HRE).
THX1138 schrieb am 12.09.2010 um 22:22
Geradezu exemplarisch für die von mir erwähnten Entwicklungen stand bis vor gut einem Jahr der renomierte, deutsche Sportwagenhersteller Porsche, der im Geschäftsjahr 2007/2008 einen Gewinn vor Steuern von 8,569 Milliarden Euro erzielte, wovon allerdings nur gerade eine Milliarde Euro (!) auf den Automobilbau zurückzuführen waren. Der Rest resultierte hauptsächlich aus Wertpapiergeschäften- „ein Kunststück, das nur funktionierte, weil Porsche da schon längst zu einem Hedge-Fonds mit angeschlossener Autofabrik geworden war.“, wie die FAZ später anmerkte.

Ich wüsste nicht, wo da die Allgemeinheit beteiligt gewesen sein soll.
j-ap schrieb am 13.09.2010 um 00:08
(THX1138 schrieb am 12.09.2010 um 22:06)

Ich rekapituliere hier noch einmal kurz:
Krätkes Aussage war die, daß die Spekulanten an den Börsen zuerst die Preise hochtrieben, weil das idealerweise a) nahezu ohne Eigenkapitaleinsatz und b) ohne Risiko funktioniere, und anschließend aufgrund dieser Preisentwicklung die Güter (hier: Nahrungsmittel) knapp würden.

Im Anschluß daran hatten Sie richtigerweise angemerkt, daß die Rolle der Finanzmärkte eine zunehmend wichtigere und entscheidendere ist, woraufhin Technixer bemerkte, daß die, die wenig bis nichts haben, mit dieser Entwicklung schon deshalb nichts am Hut hätten, weil die Mehrzahl der Menschen in diesem Land schlicht keine Aktien, Fonds, Bonds usw. usf. erwerben könnten, da dazu schlicht die Mittel fehlten.

So.

Und darauf bezog sich meine Antwort, daß es nahezu keine Nich-Teilnehmer am Finanzsystem gäbe, und zwar unabhängig davon, ob jemand höchstpersönlich Aktien, Fonds, Tagesgeld usw. usf. erwirbt.

Von Verantwortung, Schuld, Vorwerfbarkeit oder dergleichen war da nie die Rede, THX, insofern verstehe ich auch nicht, daß Sie nun einen Einwand widerlegen wollen, der nie fiel.

Ob einem das nun paßt oder nicht und ob man das gut findet oder nicht, ist hier nicht die Frage. Selbstverständlich kann ein Kleinsparer nichts »dafür«, was mit dem Geld, das er als Lohn bekommt, als Steuer bezahlt, aufs Sparbuch bringt oder zur bloßen Subsistenz verausgabt, passiert. Aber entscheidend ist doch, daß ohne ihn der Kreislauf nicht funktionieren würde. So virtuell dieses System mittlerweile ist — ganz und gar ohne reale Grundlage funktioniert's ja nicht.

Und wenn Sie dann im folgenden auf die Rolle der Firma Porsche eingehen, dann haben Sie die andere Hälfte der Geschichte vergessen: Jawohl, im Bilanzjahr 07/08 überstieg der Gewinn von Porsche nicht nur jedes bisherige Maß, sondern lag insofern auch jenseits von Gut und Böse, als dieser Rekordgewinn in erster Linie aus dem Wertpapiergeschäft stammt und jenes nicht zum Geschäftszweck der Firma gehörte.

Was Sie allerdings bei dieser Schilderung nicht erwähnt haben ist der klitzekleine, aber sehr wesentliche Umstand, daß auf den Rekordgewinn ein Rekordverlust folgte, der die vorher unangreifbar scheinenden Firma Porsche immerhin um ihre Eigenständigkeit brachte, weil sie nun Teil von VW ist.

Das ist übrigens insofern bezeichnend, als Krätke weiter oben demselben Muster folgt: Jetzt, da der Weizenpreis oben ist, wird ein »Schnitt« gemacht und das Bild unter die Lupe genommen, als wär's kein dynamischer Prozess, sondern ein statischer Zustand. Dasselbe haben wir zu hören bekommen, als der Ölpreis bei 160 Dollar pro Barrel stand. Da traten plötzlich Experten vor die Kamera, die in allernächster zeitlicher Nähe ein Ansteigen des Preises auf 200, 250, 300, 500 und 700 Dollar prognostizierten, incl. Zivilisationsende, Untergang des Okzidents und Ausgehen der Lichter.

So kommen wir jedenfalls nicht weiter.
j-ap schrieb am 13.09.2010 um 00:12
Ich wüsste nicht, wo da die Allgemeinheit beteiligt gewesen sein soll.
Wo kam denn das Geld her, THX1138?
THX1138 schrieb am 13.09.2010 um 11:15
Woher das Geld kam? Grösstenteils vom Kapital- oder vom Geldmarkt. Ich weiss schon, worauf Sie hinaus wollen- und was ich nicht genug betont habe: Die meisten Kritiker sehen nur die Banken und andere Akteure an den Finanz- und Kapitalmärkten. Woher die Gelder- also die zentrale Ressource kam- wird in der Hitze des Gefechts gerne vergessen. Was das Grundübel der ganzen Krise ist und war, ist die enorme Liquidität, die da immer wieder anschwillt- und an den Seitenlinien verharren muss, solange sie nicht sinnvoll investiert werden kann. Dieses ganze Geld kam und kommt von der Allgemeinheit, u. a. eben dem kleinen Mann nämlich (auch in Form seiner / unser aller Depositen). Dann floss vor der Krise noch enorm viel Geld aus dem Nahen Osten und den Schwellenländern in die Märkte des Westens, die ja irgendwie angelegt werden mussten. All die zweifelhaften Finanzprodukte sind im Endeffekt ein Produkt dieses Geldstromes.

Zu Porsche: Was Sie wiederum vergessen, ist die Tatsache, dass die Verluste wiederum hauptsächlich aus der misslungenen Übernahme von Volkswagen resultierten. In diesem Falle ging es mir lediglich darum- off topic, ich weiss- aufzuzeigen, wie dieser Wandel hin zum Kapitalgewinn (und u. a. weg vom Faktor Arbeit) in der Realität ausgesehen hat- als exemplarisches Beispiel sozusagen.
Rapanui schrieb am 14.09.2010 um 00:11
@ j-ap am 11.09.2010 um 11:35

Hallo Jap,

wir haben die Diskussion um die Pensionsfonds unter diesem Link geführt, nicht ausführlich und vor allem nicht vergeblich:

Unser Diskurs entfaltete sich entlang folgender Meinungsverschiedenheit:
Jap: argumentiert, dass an der Rüstungsproduktion auch ein Angestellter der Rüstungsindustrie gut verdient; unmittelbar durch sein Gehalt, mittelbar durch die Anlage seines in einem Pensionsfond angelegten Ersparnissen, die dieser z.B. in General Dynamics, Halliburton oder Northrop Grumman investiert; somit wären diese Fonds nicht als Hebel zur Akkumulation für die Reichen geeignet, weil alle gleichermaßen davon profitieren
Rapanui: argumentiert, dass die Pensionsfonds sehr wohl für die Akkumulation für die Reichen und Superreichen geeignet sind; nicht weil die darin statisch ihr Geld anlegen, sondern weil sie die systematisch besseren Informationen haben, wie sich Kurse entwickeln und danach dynamisch ihre Investments platzieren; bzw. gleich darüber entscheiden welcher Pensionsfond steigt und welcher fällt

Das Geld des "Kleinen Mannes" spielt in dem von THX1138 behaupteten Sinne überhaupt keine "eminent wichtige Rolle" Es spielt die Rolle des einfachen Soldaten in der Massenarmee des 20. Jahrhunderts. Natürlich steht der Soldat im Kugelhagel und geht das volle Risiko ein. Vor lauter Blut und Kommandogebrüll sieht er aber nicht, dass das Gemetzel aus Sicht des Felderren definierte Durchbruchsabschnitte, Reserven, Flanken und Feuermanöver hat, das es einer Strategie folgt und er nur Mittel und nicht Zweck ist.

Genauso wird das "Geld des Kleinen Manes" von den heutigen Feldherren des Finanzmarktes dirigiert. Es ist natürlich unbenommen, dass, wenn der Kleinanleger die Panik bekommt, die ganze Front ins Wanken gerät. Genauso kann die Euphorie des Finanzsoldaten den Durchbruch bringen. Aber um bei diesem anschaulichen Beispiel zu bleiben: Der Soldat ist in der Regel tapfer und sei es nur aus Angst - er bleibt bis zum Verrecken in der Frontlinie. Er kennt nur sein Schützenloch und weiß schon nichts mehr von der Nachbarkompanie.
Ferdinand schrieb am 12.09.2010 um 01:16
Na gut, in diesem Artikel sollten wohl die explizit die Auswirkungen der Geschäfts und Finanzwelt auf die Rohstoff/Lebensmittel Situation gezeigt werden.

Fairerweise muss man bei diesem Thema immer und immer wieder noch betonen, dass wir ,Menschen in Deutschland, Europäer die Menschen der sog. dritten Welt aufessen. Über 50% der Getreide Ernte geht an die Tiere. Wir vernichten dabei Lebensmittel.
weinsztein schrieb am 12.09.2010 um 03:55
Sollten Michael Krätkes Positionen zu diesem Thema wirklich so leicht zu widerlegen sein - wie gesagt, zu diesem Thema - würde ich (Laie!) gerne weiter mitlesen. Bisher las ich allerlei Gezeter und Statistikhuberei. Schön wäre auch eine Teilnahme von Herrn Krätke an dieser Diskussion.

Nicht ohne Amusement verfolge ich seit längerem die Wutschnaubereien von mh unter den Beiträgen von Herrn Krätke.

Und: lieber mh, warum wutschnaubst Du so, neuerdings ja-psend begleitet?
mh schrieb am 12.09.2010 um 13:08
weil der mann penetrant und permanent selbst die einfachsten zusammenhänge falsch darstellt und damit versucht seine krude weltsicht zu beweisen. und wenn er dinge gerade mal nicht verdreht, dann simplifiziert er sie so, durch ausgelassene informationen, dass sie ihm reinpassen.

ich hab kein problem damit, wenn man wirtschaftliche vorgänge aus einer linken weltsicht heraus betrachtet. nur müssen dann schon wenigstens mal die grundlagen stimmen. darauf basierend kann man dann wenigstens debattieren... so aber, bleibt nur die falsche darstellung.

und ja mei, die grundlagen sind in diesem sektor nun halt großteils statistischer natur. das kann ich nicht wirklich ändern.

und dabei widerspreche ich hier noch nicht mal der ansicht, dass bei grundlegenden dingen wie strom und nahrung keine spekulation erlaubt sein sollten. das erreicht man aber sicher nicht dadurch, dass man falsches behauptet... im gegenteil, dadurch wird es dogmatisch und verhindert sinnvolle veränderungen.

mfg
mh
THX1138 schrieb am 12.09.2010 um 17:33
Interessant ist es halt immer wieder, wie Menschen reagieren, wenn man sie mit statistischen Fakten konfrontiert: Das entzieht den meisten politischen Diskussionen augenblicklich jeden ideologischen Rauch...
mh schrieb am 12.09.2010 um 17:56
www.brandeins.de/aktuelle-ausgabe/artikel/die-welt-in-zahlen-86.html

Anteil der Deutschen, die meinen, die Wirtschaft eines Landes sei für den internationalen Einfluss entscheidend, in Prozent 59

Anteil der Deutschen, die sich nach eigenen Angaben für Wirtschaft gar nicht oder wenig interessieren, in Prozent 87
Phineas Freek schrieb am 12.09.2010 um 16:19
…japsende Anarchokapitalisten und hochintelligente, extrem geile Finanzstalinisten proben im virtuellen Kampf gegen die vielfältigen und Rufschädigenden Verunglimpfungen des freien Handels die Einheitsfront…
j-ap schrieb am 12.09.2010 um 16:25
Na, da können wir aber froh sein, daß es hier wenigstens noch Kapazitäten wie Sie gibt, die mh und meinereiner immer wieder und wo nötig »einnorden« und die Diskussion wieder in fachliche Bahnen lenken.
Phineas Freek schrieb am 12.09.2010 um 17:13
Hochverehrter Jap,

es ist mir eine große Freude zur Hebung Ihres Frohsinns einen klitzekleinen Beitrag geleistet zu haben. Dieser kann ja auch schon mal beim ununterbrochenen Dauerbloggen leicht verlustig gehen.
Oder gefällt Ihnen die Schublade nicht, weil Sie ein Gegner des Privateigentums und freien marktwirtschaftlichen Handels sind?
Dann klären Sie mich doch bitte auf und zeigen auch mal dem vorlauten Pöbel, was eine einordnende Harke in die korrekten fachlichen Bahnen ist.
j-ap schrieb am 12.09.2010 um 17:44
Lieber Phineas,

gut, daß Sie's ansprechen, das ist nämlich in der Tat ein Widerspruch, der aber nicht meiner ist, sondern der der Gesellschaft, in der zu leben wir genötigt sind.

Ich habe dieser Tage nebenher geschrieben, daß der Kapitalismus die falsche Form sei, und das ist auch so. Ich halte ihn für eine im emphatischen Sinne vernunftlose und völlig stumpfsinnige Angelegenheit und es gibt eminent gute Gründe, seine Aufhebung zu betreiben.

Nur — und das ist der springende Punkt —, solange wir in einer kapitalistischen Ordnung leben, bin ich durchaus der Meinung, daß man sie so analysieren soll, wie sie ist, und nicht, wie wir sie gern hätten. Wishing won't make it so.

Und in diesem Zusammenhang ist der Artikel von Krätke nicht nur fachlich einigermaßen hanebüchen, sondern auch, wie oben treffend formuliert wurde, nicht hilfreich. Er streut nämlich wesentlich mehr Sand in die Augen, als er aufklärt.
Phineas Freek schrieb am 12.09.2010 um 22:03
N'abend Lieber Jap,

...bei einer möglichen Stellenausschreibung für den Posten eines Sandmännchens hätte allerdings nicht nur der Krätke allerbeste Chancen - insbesondere wenn es sich um eine Soforteinstellung auf Lebenszeit handeln würd...
Technixer schrieb am 12.09.2010 um 22:43
Man muss j-ap schon Recht geben, dass man sich stehts um eine "richtige" Darstellung bzw. Beschreibung für Prozesse innerhalb unseres Gesellschaftssystems bemühen sollte. Das ist nämlich gar nicht so einfach. Es fällt einem nunmal zu leicht eine rampunierte Statistik zu nutzen, wenn die mit dem eigenen Weltbild nur all zu gut passt. Davor ist niemand gefeit, weil die Abläufe einfach zu komplex sind.

Allerdings gibt es hier in der FC wenigstens genügend Mitglieder die sich bemühen nicht dem Gewäsch von CDU/CSU und FDP anzuhängen und Unfug wie "Der Sozialstaat ist zu teuer." oder "Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt." einen hab ich noch "Rente erst mit 70 ist ein erstrebenswertes Ziel, da wir auch länger leben. Denn die Rente muss bezahlbar bleiben." Ach und weil es so schön war "Wir brauchen die Atomkraft als eine Brückentechnologie, welche unseren Strom bezahlbar hält."

Ich hoffe ihr liegt nicht schon lachend in der Ecke, denn die Sätze stammen nicht von den viel gescholtenen Hauptschülern. Solch einen Sondermüll verbreiten unsere obersten gesetzgebenden Organe.
Wollte nur mal kurz klarstellen woher hier der Wind weht Phineas Freek. Nennen sie es wie sie wollen, mit Hohn und Spot kommt man hier jedenfalls nicht weiter.
Technixer schrieb am 12.09.2010 um 22:45
Korrektur: es schreibt sich natürlich ramponiert
mh schrieb am 13.09.2010 um 09:36
"Es fällt einem nunmal zu leicht eine rampunierte Statistik zu nutzen, wenn die mit dem eigenen Weltbild nur all zu gut passt. "

"Allerdings gibt es hier in der FC wenigstens genügend Mitglieder die sich bemühen nicht dem Gewäsch von CDU/CSU und FDP anzuhängen"

großartige satire, ich gratuliere dir.

mfg
mh
Technixer schrieb am 13.09.2010 um 11:38
Isch verstähe diech nischt finanz-mh.

Bspw. du oder j-ap haben in dem Bereich der Finanzmärkte eine gewisse Belesenheit, wenn nicht sogar als Akteur tätig. Wichtig ist nunmal wenigstens zu versuchen neutral Standpunkte zu beleuchten. Gerade im politisch "linken" Feld geistern bei Marxisten, Leninisten, Trotzkisten und Co Mythen und Sagen über die Funktionsweisen von Geldströmen.

Warum ist es für dich Satire? Ich find das Ganze überhaupt nicht mehr lustig und zwar nicht ein bisschen.
Wer Mechanismen und Funktionsweisen falsch einschätzt, kann sie auch nicht verbessern.
Es gibt gerade bei sogenannten Intellektuellen genügend Patienten welche einem ultimative Wahrheiten verkünden.

Grüße vom Technixer
Giuseppe Navetta schrieb am 12.09.2010 um 23:34
Warum sollte Krätke diesen Kindergarten hier mitmachen, wenn er a), ohne stichhaltige Gegenargumente zu liefern, zuallererst als abstrus oder krude hingestellt wird und b), die Kritiker selbst ihre eingeforderten Qualitätsmaßstäbe - inhaltliche Auseinandersetzung statt Meinungsstammtisch - selber nicht einhalten. Nun, "nichtsdestotrotz" wären Erläuterungen des Autors möglicherweise hilfreich, immerhin kann das Straubhaar, dessen Ansichten ich nun wirklich teile im Zeit-Blog "Herdentrieb" (Lucas Zeise u.a.), ja auch...

Schön wäre es, wenn man, hinsichtlich politisch-ökonomischer Themenzumindest auf das Niveau des genannten "Zeit-Blogs" käme - dieses ewige Getue und Geziecke, wer hier schlauer, eloquenter oder sonstwas ist, um es mal polemisch zu formulieren, interessiert mich nicht sonderlich.
Giuseppe Navetta schrieb am 12.09.2010 um 23:37
...hübsch verschrieben: Ich teile Straubhaars Ansichte nicht ...muß es natürlich heißen!!!!!!!!!!
j-ap schrieb am 12.09.2010 um 23:45
Mh und ich hatte doch die Punkte benannt, die zu kritisieren sind — und übrigens nicht zum ersten Mal. Wohingegen ich bei Ihnen außer opaken Andeutungen noch nicht sonderlich viel gelesen habe, Herr Navetta. Wie wäre es also, wenn Sie, statt routiniert »Stammtisch!« zu schreiben, bei der Sache blieben?
Giuseppe Navetta schrieb am 13.09.2010 um 03:27
@ j-ap

Richtig, ich hatte bisher keine eingehende Einschätzung meinerseits zum Artikel abgeliefert! Hole ich nach!
weinsztein schrieb am 13.09.2010 um 04:12
Lieber Giuseppe Navetta,

ich bin kein qualifizierter Ökonom wie j-ap und mh, das Fach ist mir eher fremd. Die Freitag-Beiträge von Michael Krätke empfinde ich, wohl meiner schlichten Sicht geschuldet, stets als schlüssig.

Bis mh mich mit seinen pfeilschnellen Entgegnungen irritierte, wonach Krätke Schwachsinnigkeiten entlang dümple. Und nun seit einiger Zeit auch j-ap, dessen Seriosität und Wissen zu so vielen Themen mir stets imponierten. Er sieht Krätke als einen Professor für Ökonomie, "der am hellichten Tag und allen Ernstes erklärt, daß zuerst die Preise steigen und anschließend Güter knapp werden". Und ein solcher werde "vermutlich auch praxeologisch die Knappheit von Eicheln im Winter mit dem klandestinen Treiben der Eichhörnchen erklären, die sich pünktlich zum Herbst darauf verlegen, den Eichelmarkt zu cornern".

Ich weiß nicht mehr weiter. Bin ich noch dümmer als mir je schwante? Wie cornert man Eichelmärkte? Was hat es mit dem klandestinen Treiben von Eichhörnchen auf sich. Oder mit ausschweifend-buschigen Eichhörnchen, in Stellung gebracht contra Marx?
mh schrieb am 13.09.2010 um 09:29
ich habe sehr genau skizziert, wo hier der hase im pfeffer liegt und wie der markt reagiert, also warum der weizenpreis hauptsächlich steigt.

mfg
mh
THX1138 schrieb am 13.09.2010 um 11:24
Warum der Weizenpreis hauptsächlich steigt?

"You have asked the question “Are Institutional Investors contributing to food and energy
price inflation?” And my unequivocal answer is “YES.” In this testimony I will explain
that Institutional Investors are one of, if not the primary, factors affecting commodities
prices today."


Michael W. Masters, Managing Member / Portfolio Manager, Masters Capital Management, LLC bei einer Anhörung vor dem US Senat / Committee on Homeland Security and Governmental Affairs vom 20. mai 2008
mh schrieb am 13.09.2010 um 12:29
siehe oben.

diese unproduktive scheiss geht mir langsam aufn keks.

mfg
mh
THX1138 schrieb am 13.09.2010 um 14:14
Ausserhalb von Hunger und Mozambique- ein sowieso komischer Zusammenhang- dürfte den Ausführungen von Michael W. Masters allerdings nicht viel beizufügen sein. Lagerzyklus hin oder her (sofern es den überhaupt betrifft). Natürlich wird auch spekulativ gebunkert. Immerhin haben wir es bei der von mir angegebenen Quelle mit der Meinung eines ausgewiesenen Fachmannes zu tun- Scheiss hin oder her. Und die lässt sich nun einmal nur schwer wiederlegen. Und ob da der Terminhandel oder Indexprodukte dafür verantwortlich sind, ist schlussendlich doch scheissegal: Die Preise entwickeln sich mitunter jenseits der physischen Nachfrage, das ist ein Fakt. Vor oder nach der Lehmanpleite ist auch gleich wurscht: Die Preise sanken im allgemeinen zackig nach der Pleite oder zumindest mit einigen Wochen Verzögerung. Wichtig ist auch, was mit ihnen vor der Pleite passiert ist:

Weizen
Light Crude

Interessant ist doch, dass es in praktisch allen Rohstoffen- vor allem den beiden Meistdikutierten- nach der Lehmanpleite zumindest zu einem starken Einbruch kam- das ist der Punkt. Und das kann beim besten Willen nicht alleine mit dem Gesetz von Angebot und Nachfrage (physisch) erklärt werden. Insbesondere auch deshlab, weil zu diesem Zeitpunkt (2008) noch gar nicht richtig klar war- oder zumindest nicht offiziell kommuniziert worden ist- dass sich die Weltwirtschaft ebenfalls auf Talfahrt begeben wird.
j-ap schrieb am 13.09.2010 um 15:36
Ja, zu diesem Senatsreport (und diversen Nachfolgern, ist ja nicht der erste) gab es schon früher einschlägige Kommentare, die übrigens ganz ähnliche Punkte bringen wie die, die mh und ich hier vorbrachten:

Senate Subcommittee Report on Wheat Futures Speculation Doesn't Prove Any Point

Vielleicht noch zwei Hinweise zur Lektüre:

1. »convergence« heißt, daß Future- und Spotpreis sich während der Kontraktlaufzeit anpassen und schlußendlich zum Verfall exakt gleich sind, da ganz grob Terminpreis = Spotpreis + Zinsen für den Kontraktzeitraum (Cost of Carry sind bei cash settlement de facto 0).

2. »roll over« bedeutet, zum Verfalltermin eines Kontrakts den Kontrakt glattzustellen (bei short: ihn zu kaufen, bei long, ihn zu verkaufen) und ihn durch den dann am nächsten verfallenden Kontrakt zu ersetzen.
THX1138 schrieb am 13.09.2010 um 15:55
Ich sollte vieleicht trotzdem einmal meinen schon lange geplanten Blogbeitrag zum Öl- welche Sorte auch immer- bringen. Und anhand der physischen und kontraktgetriebenen Nachfrage aufzeigen, wo der Hase bei der Preisbildung im Pfeffer liegt- oder des Pudels Kern, je nach dem. Vieleicht sollte man auch schauen, wo der Hund begraben liegt...

Aber eine Frage bleibt: Nach der Lehmannpleite sanken die Preise bei den meisten Rohstoffen schlagartig, wie obige Charts beweisen- ausgerechnet nach der Lehmanpleite! So. Und genau dahinter setze ich ein Fragezeichen. Und mit dem grossen Verfall haben Korrekturen in diesem Ausmass gar nichts zu tun.

Seien wir doch ehrlich- explizit auf die Monate nach der Lehmanpleite bezogen- und unabhängig von Krätkes Text: Hier haben wir es doch ganz eindeutig mit einem enormen Abfluss von Geldern zu tun (Deleveraging), da die Marktteilnehmer so schnell als möglich liquide werden mussten, weil der Geldmarkt nach der Lehmanpleite fast zum Erliegen gekommen wäre! Der Interbankmarkt war ja stocktrocken danach! Alles andere zu behaupten ist doch Nebelgranatenwerferei. Ich denke, wenigstens darauf können wir uns einigen, oder?
j-ap schrieb am 13.09.2010 um 16:20
Aber selbstverständlich sind wir uns da einig, THX1138!

Worin wir uns jedenfalls bisher kaum einig sein dürften, ist die Frage, warum das Deleveraging post-Lehman stattfand und was daraus an Befunden abzuleiten ist.
mh schrieb am 13.09.2010 um 17:03
@thx: bist du der meinung, dass der ölpreis bei einer zu erwartenden rezessin steigen sollte?

die grundaussage ist ja immer noch folgende:

spekulation beschleunigt den trend, sie löst ihn aber nicht aus. ein vernachlässigter aspekt ist bei den futuremärkten ist auch, dass es verschiedenste laufzeiten gibt und "getradet" werden immer nur die kurzlaufenden. in den "späteren" kontrakten, die wirtschaftlich erheblich relevanter sind (kurzfristig fängt nur die lieferspitzen ab), sieht die preisgestaltung oftmals erheblich anders aus.

mfg
mh
j-ap schrieb am 13.09.2010 um 19:11
Um zu merken, daß der SZ-Artikel Schmarrn ist, Herr Navetta, muß man lediglich bis zur Bildunterschrift lesen: »Ein Rohstofffonds kauft den gleichen Reis wie die Familie in Asien.«
mh schrieb am 13.09.2010 um 19:27
dirk müller... zu blöd an der frankfurter börse gescheite taxen zu stellen, die einen fairen handel ermöglichen, aber dann über die bösen spekulanten aufklären.

aber zugegeben. ich bewundere es immer wieder, wie man einer zeitgeistigen analyse auch aus dem bereich finanzmarkt den leuten die kohle aus der tasche ziehen kann.

es ist auch eine der grundlegenden regeln der finanzmarktkommunkation, also bücher, börsenbriefe, artikel, dass sie sich nur durch zeitgeistige analyse in nennenswerterweise verkaufen lässt.

vom niveau her ähnlich, da dürfte sich mancher hier wohlfühlen: www.mmnews.de

mfg
mh
Giuseppe Navetta schrieb am 13.09.2010 um 21:42
...ok, die Bildunterschrift ist reißerisch oder typisch journalistisch - der Artikel ist aber gar nicht so übel. Aber sie können den Artikel gerne als Schmarrn bezeichnen, immerhin stammt er von einem bekannten Börsenmakler, der doch wohl seine Produkte kennen sollte. Desweiteren beschreibt er recht grundlegendes zum Thema Warentermingeschäfte in Bezug auf Grundnahrungsmittel ohne gleich für "Nicht-Eingeweihtee", statt "kryptographisch" daherzuplappern.

Mh und seine einzelnen Daten sind recht lustig und zwar nicht wegen schlechter Quellen o.ä., die sind bezogen auf seine Replik völlig uninteressant, sondern weil er Krätke, ob nun zu recht oder unrecht, angreift, um sich dann selber zu widersprechen und nebenbei Mosambik zum Weizenexporteur zu machen - er widerlegt ja überhaupt nichts und bekommt von Ihnen Beifall. Wir können das auch gerne zu dritt Stück für Stück gemeinsam durchgehen.

Und da sie oben ja die Realität der kapitalistischen Marktwirtschaft in der jetzigen Form gerne analysieren, nennen sie mir bitte doch einen volks- bzw. gesamtwirtschaftlichen Vorteil, der durch den intermediären Handel zugunsten der unterentwickelten Regionen entsteht?
j-ap schrieb am 13.09.2010 um 22:16
Das Problem der unterentwickelten Regionen, Signore Navetta, ist nicht der intermediäre Handel, denn wäre das der Fall, dann müßten wir logisch auch den kleinsten Intermediär — das Geld nämlich — abschaffen, sondern der Umstand, daß sich die Wohlstandsbastionen der nordwestlichen Hemisphäre nur allzu gern auf den Freihandel kaprizieren, wenn's darum geht, ihren Ramsch in alle Welt zu verhökern, aber auf einmal ganz knauserig werden, wenn etwa ein afrikanischer Farmer seinen Weizen in die EU exportieren wollte.

(Das ist nur ein abstraktes Beispiel, denn die EU muß, dank horrender Agrarsubventionen, gar keinen Weizen importieren. Aber: Gesetzt den Fall ...)
mh schrieb am 13.09.2010 um 22:30
immer wieder schön ist das beispiel der oldenburger butter, die in afrika billiger verkauft wird als heimische produkte. subventionen sei dank, wird somit auch gleich verhindert, dass vor ort eine produktion entsteht... in der breitenwirkung wird dadurch die selbstversorgung aktiv verhindert. also wenn wir schon über preisbildung sprechen...

müller ist btw. kein future-makler.

mfg
mh
THX1138 schrieb am 14.09.2010 um 07:29
@mh: "spekulation beschleunigt den trend, sie löst ihn aber nicht aus."

Das ist so, stimmt. Die Frage ist nur, in welchem Umfang die Spekulation die Spotpreise beeinflusst: Wäre, um beim immer wieder gerne zitierten Beispiel Öl zu bleiben, die Rekordmarke 2008 von 49 $ pro Fass auch ohne Spekulation (aufgrund der realen Nachfrage) erreicht worden? Wohl kaum. Und wann wäre diese Marke erreicht worden? Wohl Jahre später, denke ich. Ergo wurde dieser rapide Preiszerfall- der ging seinerzeit kurz bis unter die Marke von 50 $ (von ehemals 149 $!)- vor allem durch spekulative Luft ausgelöst. Natürlich wäre der Ölpreis auch ohne Lehmanpleite heruntergekommen, schliesslich wurde den Marktteilnehmern damals schlagartig klar, dass die Krise langsam auch die "reale Wirtschaft" erreichen wird.

Sind die preislichen Verzerrungen, die die Spekulation auslöst, gesund? Und stehen sie in einem vernünftigen Verhältnis zur wirtschaftlichen Entwicklung? Ich denke, das sind Fragen, die man sich angesichts des post-Lehman-Zerfalles schon stellen sollte.
THX1138 schrieb am 14.09.2010 um 07:30
Von 149 $ pro Fass selbstverständlich.
mh schrieb am 15.09.2010 um 11:13
die frage ist wie hoch die verzerrungen wirklich sind.

da landet schnell bei paradoxen wie, dass shortverbote die aktien schneller fallen lassen, wenn sie denn fallen.

der grund ist simplerweise natürlich, dass die kauforders jener fehlen, die ihre shorts mit gewinn decken und zwar auch zu kursen, an denen kaum kaufneigung vorhanden ist.
-------------

und natürlich ist es kein funktionierender markt, wenn ein händler 80% des gesamtumsatzes im öl macht. bei aktienbasierten futuremärkten gibt es da begrenzungen bei 20-25%. kann man auch noch als zu hoch ansehen.

aber über diese entscheidenden details reden wir ja gar nicht. da bleibts dogmatisch bei den oberbegriffen, statt sich die regeln anzuschauen. ;P

mfg
mh
THX1138 schrieb am 15.09.2010 um 16:28
"die frage ist wie hoch die verzerrungen wirklich sind."

Das freilich weiss niemand so genau, leider. Preistreibend wirken sie, die Terminmärkte. Mehr lässt sich dazu genau genommen gar nicht sagen. Der Einfluss dürfte auf jeden Fall erheblich sein. Zumindest saisonal betrachtet: Beim Öl konnte man in den vergangenen Jahren vor der Krise zum Beispiel immer wieder sehr schön beobachten, wie die Preise aller Sorten, die an den Terminmärkten gehandelt werden, jeweils schon vor der Hurricane season zu steigen begannen- wohlgemerkt vor der Saison, also bevor auch nur schon der erste Regenschauer über dem Golf von Mexiko niedergegangen war...
Giuseppe Navetta schrieb am 21.09.2010 um 21:45
Selbstverständlich sind Unterversorgung bzw. sozioökonomische Probleme der Krisenregionen sehr viel struktureller, als das man sie auf ein Phänomen bzw. eine Ursache allein zurückführen könnte.

Was den Freihandel betrifft, gebe ich Ihnen vollkommen recht! Vollständiger Wettbwerb ist ja schließlich nicht mehr als ein theoretisches Konstrukt und der Begriff "Freihandel" bzw. die Forderung nach "Freihandelszonen" auch nicht weniger als Agitationspropaganda um letztendlich ganz andere Ziele zu verfolgen!
Giuseppe Navetta schrieb am 13.09.2010 um 19:18
Spekulation auf Grundnahrungsmittel und andere lebenswichtige Ressourcen sollten verboten werden - ich sehe da auch keine Basis für eine Diskussion... ...und habe auch keine Lust dazu!
mh schrieb am 13.09.2010 um 19:29
mal abgesehen davon, dass ich dieser ansicht zugestimmt habe, was du nun gefliessentlich zum xten-mal überliest, hast du, der aussage nach, nicht mal verstanden dass es darum gar nicht ging.

aber hey, ich gratuliere dir zu deinem status als meinungsinhaber.

mfg
mh
j-ap schrieb am 13.09.2010 um 19:29
Herr Navetta,

zur Not wäre ich damit gar mit Ihnen einverstanden, würde aber nicht soweit gehen, solches ernsthaft mit einer echten Problemlösung zu verwechseln.

»Res extra commercium« gab es schon zu Zeiten der Römer. Das Ergebnis davon war nicht, daß sich gewiße Dinge tatsächlich außerhalb des Kommerzes befanden, sondern daß sich ein schwunghafter Schwarzmarkthandel einstellte, der, wie heute etwa bei Drogen der Fall, die Preise noch weiter erhöhte.
Giuseppe Navetta schrieb am 21.09.2010 um 21:57
@mh

Doch, doch...habe ich vernommen und hat mich gefreut, wenn so ein emotionales Statement hier erlaubt ist!
weinsztein schrieb am 15.09.2010 um 02:59
Noch mal dieses Blog und die Kommentare von oben nach unten gelesen, kommt es mir vor wie ein verabredetes Krätke-Bashing, in dem sowieso "nur 1% weizen drin ist", wie im Brötchen. Der Rest ist Salzwasser mit Zucker drin.
Rapanui schrieb am 15.09.2010 um 21:20
@ weinsztein am 15.09.2010 um 02:59

Hallo Weinsztein,

>>>kommt es mir vor wie ein verabredetes Krätke-Bashing<<<<

und hoffentlich auch gelesen, dass ich in an zwei Stellen dagegen interveniere.

1. 14.09.2010, 00.11 Uhr gegen die hier dargestellte Überschätzung des Einflusses von Kleinanlegern in Pensionsfonds, die quasi in Haftung genommen werden für die Warentermingeschäfte
2. 14.09.2010, 01.14 Uhr, wo ich Herrn Krätke, der ja in erster Linie politisch-ökonomisch argumentiert, gegen die Fachhuberei des Triumvirats verteidige, welches bewusst (?) die dezidiert politische Aussage von Krätke demontiert und sich fachlich gibt; aber, wie ich es beispielhaft an den Pensionsfonds zeige, durchaus kritikwürdig ist

Ich meine, dass hier nicht "hilfreich" gegen einen durchaus "hilfreichen" Artikel geschossen wird.
THX1138 schrieb am 15.09.2010 um 22:08
On mission also, Rapanui- gegen das Triumphirat der Statistik- und Fachhuberei, nehme ich an. Mit was denn genau? Mit den üblichen Floskeln nach marxschem Vorbild (immer wieder, obwohl uns das im 21. Jahrhundert gar nicht mehr weiterbringt), wie man sie von Menschen, die im Grunde nur wenig Ahnung von der eigentlichen Materie haben- und damit meine ich nicht Krätke, obwohl mir der inhaltliche Bogen von den Termingeschäften hin zu den Aufständen in Mozambique alles andere als gefällt, da höchst polemisch (schliesslich hat die Währung von Mozambique ggü. dem südafrikanischen Rand [Südafrika ist der wichtigste Handelspartner] in den letzten Monaten drastisch an Wert verloren, was Krätke in seiner Argumentation gefliessentlich ausblendet)?
THX1138 schrieb am 15.09.2010 um 22:12
"(...) die im Grunde nur wenig Ahnung von der eigentlichen Materie haben, gewohnt ist-"

meinte ich natürlich.
Rapanui schrieb am 15.09.2010 um 23:56
@ THX1138 am 15.09.2010 um 22:08

Hallo THX1138,

Krätke argumentiert auf einer politisch-ökonomischen Ebene. Er stellt einen Zusammenhang zwischen den gestiegenen Preisen und den Spekulationen an der Warenterminbörse in Chicago her. Damit ist er nicht allein: Flassbeck (UNCTAD) schätzt den Anteil der Warentermingeschäfte an den Preissteigerungen auf 50...60%; Zoellnick (Präsident der Weltbank) meint 37%; die FAO schätzt den Anteil auf mindestens 20%. Krätke stellt prinzipielle Zusammenhänge her, er erläutert keine technischen Zusammenhänge. Das würde den Rahmen dieses Artikels auch sprengen.

Die inhaltlichen und vor allem stilistischen Benchmarks setzt mh gleich mit seinem ersten Beitrag (09.09.2010 um 12:38) und verdirbt damit alles:

"damit ausgeschlossen was krätke hier behauptet, dass die spekulanten in rohstoffe flüchten konnten und dort ihr geld retteten..."; mhs Beweis hatte ich schon kritisiert

"die panikmache des steuerexperten krätke rührt aus dem anstieg auf nun 713... grund für die hungertoten soll sein, dass die weizenpreise durch spekulanten gestiegen sind." Krätke erwähnt diesen Preis nicht, er macht keine Panik, er begründet die Hungertoten nicht kausal aus dem Preis;

mh fragt weiter: "warum sind die leute vor einem jahr bei 673,50 nicht verhungert?" Und antwortet sich auch gleich selbst: "diese fragen stellt sich krätke nicht. er will bashen und die realität verzerren. ekelhaft."

So geht die Diskussion eine Weile weiter. Es wird erst einmal ausführlich auf der Stimmungsebene schwadroniert:
"aber da ist die redaktion nicht in der lage sowas zu bemerken"; "Ich habe es ja mittlerweile aufgegeben, hier noch etwas zu dem Thema zu schreiben, insbesondere nicht unter Artikeln von Herrn Krätke"; "Das ist gute alte Populärökonomie, die nach meiner Affassung nicht nur sachlich schlicht falsch ist, sondern auch programmatisch wenig hilfreich ist, weil da im Grunde steht: Es könnte alles so schön sein, wenn es nur die bösen Spekulanten und die Börsen nicht gäbe, die den Welthunger zu "; "Ergänzend zur Person Krätke wäre zu sagen, dass er nicht ganz frei von ideologischem Dogmatismus ist" usw. usf.

Dann wechselt die Diskussion in ein Thema, was mit dem des Artikels nicht unmittelbar zu tun hat: Pensionsfonds, Kleinanleger.

Um schließlich einige technischen Begriffe durchzugehen. Auf dieser Ebene aber hat sich Krätke gar nicht bewegt. Siehe oben.

Der Tenor der Diskussion ist wie ja auch Weinzstein festellt: Krätke Bashing.

Da keiner aus dem Triumvirat einen Zusammenhang zwischen dem Grundrecht des Menschen auf Nahrung - welches ja ganz offensichtlich durch diese Art von "Wirtschaft" mindestens nicht befriedigt, um nicht zu sagen missachtet wird - und dem kapitalistischen Wirtschaftssystem herstellt wird mit der Diskreditierung Krätkes auch dessen politische Intention in Frage gestellt.

Sie leisten, obwohl Sie ja offensichtlich Fachkompetenz besitzen, keinen Beitrag um die funktionalen Zusammenhängen zwischen Hunger und kapitalistischem Wirtschaftsystem herzustellen. Das Mindestmaß an Respekt gegenüber vielen hundert Millionen Hungernden finde ich in Ihren Beiträgen nicht, sie erwähnen diese nicht einmal. Wenn ich die Äußerungen hier zusammenfasse, dann sind Sie der Meinung, dass nur "Linke", "Dogmatiker" einen solchen Zusammenhang herstellen können. Sie bestreiten sogar, dass es einen solchen Zusammenhang gibt.

Ich steige hier bewusst nicht auf der technisch-fachlichen Ebene ein, das können wir an anderem Orte gern tun, sondern explizit auf der politischen Ebene. Das Problem besteht darin, dass ich nicht möchte, dass dieser Ihr politische Standpunkt hier unwidersprochen bleibt und sich hinter fachlich neutraler Kompetenz versteckt. Darüber können wir uns gar nicht einigen, Ihr politischer Standpunkt schließt meinen explizit aus. Ich hätte mir nun die Zeit nehmen können, um in ein fachliches Geplänkel einzusteigen. Das aber erspare ich mir heute einmal. Ganz bewusst.
weinsztein schrieb am 16.09.2010 um 03:12
Liebe(r) Rapanui,

doch ja, ich habe Ihre Einlassungen mit Vergnügen gelesen. Und versucht, Krätke, mh, j-ap und Ihnen zu folgen. Allmählich klappt es, weil Streit ja hilft.

Für Laien wie mich sind Ökonomie-Themen ein Kreuz wie die Bibel. Aber so langsam lerne ich, auch Dank Ihnen.

Danke.
weinsztein
THX1138 schrieb am 16.09.2010 um 07:25
Hallo Rapanui

"Krätke argumentiert auf einer politisch-ökonomischen Ebene."

Die politisch-ökonomische Ebene entbehrt nicht einer gewissen Fachkompetenz- oder zumindest Kenntnis. Sonst verkommen Diskussionen schnell einmal zu Schattenboxereien. Eine Diskussion sollte auf Fakten aufgebaut sein, sonst ist mir persönlich das ganze Gerüst zu wacklig.

Wieviel der Terminhandel am Spotpreis ausmacht, wurde mancherorten geschätzt- aufgrund der steigenden Kontraktvolumen, wie ich in meinem ganz am Anfang dieses Threads eingefügten Links aufgezeigt habe. Dabei bitte ich ganz speziell die Grafik auf Seite 6 zu beachten. Im Übrigen habe ich auch auf den massiven Preiszerfall post-Lehman hingewiesen, bei dem z. B. der Ölpreis (als exemplarisches Beispiel) innert weniger Monate um fast 70 Prozent (!) zurückgekommen ist. Es ergibt sich aus diesem Zusammenhang von selbst, dass der Anteil des Terminhandels bei der Preisbildung enorm sein muss. Da muss ich nicht mehr speziell erwähnen, dass es sehr wohl einen kausalen Zusammenhang zwischen Hunger und Handel gibt. Was ich hingegen an Krätkes Text kritisiere ist der Umstand, dass er ausgerechnet Mozambique als beispiel für seine belegbare These beizieht- und dabei den Umstand ignoriert, dass die Währung von Mozambique ggü. dem südafrikanischen Rand im gleichen Zeitraum annähernd 50 Prozent an Wert verloren hat. Das halteichpersönlich für ein ausgesprochen relevantes Detail, weshalb der ganze text auch sehr polemisch daherkommt. Und Polemik ist eine Form von Diskurs, in der (relevante) Fakten unterschlagen werden. Aus solchen Lücken speist sich jede Polemik. Ich finde das nicht unbedingt speziell zielführend- und wenn dann gleichzeitig nicht einmal auf die Eigenheiten des Terminhandels eingegangen wird, erst recht nicht.
Rapanui schrieb am 17.09.2010 um 17:38
@ THX1138 am 16.09.2010 um 07:25

Hallo THX,

Danke für Ihre Reaktion und die Präzisierung Ihrer Überlegungen.

Bevor ich auf Details eingehe, möchte ich mein Missfallen an der Tonlage der Diskussionsbeiträge des von mir so wahrgenommenen "Triumvirats" erläutern. Es ist einfach das falsche Verhältnis in diesen Meinungen, zwischen dem dramatischen globalen Hungerproblem und dem Angriff auf "linke Klischees". Nicht linke Klischees sind die Ursache für den Hunger sondern die dogmatische Handhabung von nur wenigen zugute kommenden Marktmechanismen.

Natürlich nutzt Krätke das anschauliche Beispiel des globalen Hungers als Nachweis für das Versagen der, von mächtigen Interessengruppen popagierten, unregulierten Marktmechanismen bei der Lösung eines existenziellen Problems. Man kann ihm nun vorwerfen, dass er den globalen Hunger als Vehikel für ideologische Zwecke missbraucht. Ich aber werte es als eine Suche nach den Ursachen.

Diese in nicht endenwollender rechtsliberaler Propaganda gepushten Marktmechanismen bringens einfach nicht, sie kriegen die Leute nicht satt. It's the economy, stupid! Diese Mechanismen lassen Menschen zynisch verhungern. In einer Art Reflex reagiert vor allem mh auf dieses eklatante Beispiel und drängt die Diskussion von Beginn an in eine nebensächliche Richtung. Aus dem von mir auch andernorts im Forum wahrgenommenen Kontext halte ich das nicht für Zufall. Es ist mir sehr wichtig erst einmal diesen politischen Zusammenhang herzustellen.

Anlass für mich war die Reaktion von "Weinzstein" hier im Thread. Das Ergebnis der Taktik von mh war an dieser Reaktion für mich zu sehen: ein eminent politisches Thema wird zu einem Insiderthema degradiert und verzerrt. Fachbegriffe, ein arroganter Ton und die persönliche Herabwürdigung des Autoren drängen sich vor die politische Brisanz des Themas.

Mocambique: Krätke verweist als Einstieg in das Thema beispielhaft auf die jüngste Hungerrevolte (Anfang September) anlässlich des Erscheinens seines Artikels. Er erläutert keine kausalen Zusammenhänge, sondern sagt einfach Hunger - Unruhe. Ich verstehe nicht, warum Sie das Thema Wechselkurs hier überhaupt einführen. Und wenn Sie das tun: Aus Sicht der Menschen ist erst einmal völlig egal, woran die Preissteigerung liegt, sie nehmen wahr - der Preis ist gestiegen, das kann ich nicht bezahlen, Hunger, Angst, Aufstand... Die Abwertung der Währung eines ökonomisch schwachen Landes kann ganz verschiedene Ursachen haben; in Regel ist es der Versuch die negative Staatsbilanz durch eine Preissteigerung zu Lasten der Bevölkerung, die keinen Zugriff auf Valuta hat, zu korrigieren. In dem Sie das Problem Wechselkurs einführen, verstehe ich Sie so: bringt den Wechselkurs in Ordnung, dann gibt es keinen Hunger. Das aber können Sie doch nicht ernst meinen.

Eigenheiten des Terminhandels: Diese sind beim Herangehen von Krätke zweitrangig, und zwar nicht deshalb weil das Herr Krätke so will, sondern weil die auch wesentlich nur zweitrangig sind. Die Kritik von Krätke richtet sich darauf, dass es wesentliche Bereiche in der Ökonomie - hier die Versorgung mit Nahrungsmitteln - gibt, die man qua sichtlich vorhandenem Beweis, nicht dem Terminhandel, zumindest nicht in dieser Form, überlassen kann. Der Terminhandel hat sich dem Erreichen des politischen Zieles - Menschenrecht auf Nahrung - unterzuordnen. Nicht das Menschenrecht auf Nahrung hat zu verstehen, wie der Terminhandel funktioniert.

Wenn diese grundlegenden Zusammenhänge wieder stimmen, und diesem Ziel dient zweifellos der Artikel von Krätke, dann können die Fachleute des Terminhandels überlegen, wie man diesen effizient organisiert. Dann können kluge, fachkompetente, ethisch bewusste Ökonomen sich ihren wichtigen Aufgaben widmen.

Diejenigen Ökonomen, die dem Hungernden die ökonomischen Zusammenhängen erklären, warum er jetzt verrecken muss, die können sich in der Buchhaltung einer kleinen Kooperative in Mocambique bewähren und Ihre Schuld aus den Jahren 2007....2012 abarbeiten.
Giuseppe Navetta schrieb am 21.09.2010 um 20:30
@Rapanui, @THX1138

Vielen Dank! Endlich mal so etwas wie ein Dialog und kein bloßes "Rumgezicke"!
j-ap schrieb am 18.09.2010 um 16:23
Wer sich für eine seriöse Auseinandersetzung mit diesem zweifelsohne komplexen Thema interessiert, dem empfehle ich hier einmal eine außerordentlich gut kommentierte und nicht verstiegen formulierte Studie von Ende 2009, die sich speziell mit der Lebensmittelpreiskrise von 2007/2008 befaßt.

Das Hauptaugenmerk der Studie richtet sich zwar auf die Reispreise, das macht aber insofern nichts, als sie sich der grundlegenden Problematik widmet, die auch für Weizen gilt.

C. P. Timmer, Reflections on food crises past, in: Food Policy, Bd. 35-1, Februar 2010, S. 1-11.

Der Text ist auch online frei verfügbar via ScienceDirect.
j-ap schrieb am 18.09.2010 um 16:28
Falls der angegebene Link nicht klappen sollte, findet man den Volltext hier: bit.ly/aMfyZD
Rapanui schrieb am 18.09.2010 um 19:34
@ j-ap am 18.09.2010 um 16:23

Vielen Dank für den Link, sehr gut, mal abgesehen von Ihrer Konnotation bei "seriös".

Ich sende einen anderen seriösen Link, der die von mir eingeforderte politisch-ökonomische Komponente in der Diskussion etwas stärker betont. Der Freitag ist keine ökonomische Fachzeitschrift, sondern ein politisches Meinungsmedium. In dieser Hinsicht sind die Aussagen von Krätke hinreichend.

www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2008/juli/der-hungergipfel

Meine Intervention hatte ich begründet. Im Ergebnis stehen Ihre und meine Meinung untereinander im Thread. Nicht mehr und nicht weniger.
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