Cosmo

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RE: Heiß genug gegessen | 04.09.2019 | 22:02

Man muss auch nicht jedes Wort der Wagenknecht auf die Goldwaage legen. Es ist ja nun nicht so, dass ein möglicherweise etwas unbedacht formulierter Facebook-Post einer ohnehin bald scheidenden Fraktionsvorsitzenden ernsthafte Auswirkungen hat. Das Problem der Linken hieß nie Wagenknecht, und genau das haben die letzten drei Wahlen gezeigt. Hier haben nämlich die Parteivorsitzenden die Linie vorgegeben, während Sahra Wagenknecht monatelang öffentlich praktisch nicht mehr wahrnehmbar war, das Ergebnis ist bekannt. Das war absolut vorhersehbar, weil die Idee, dass massenhaft situierte Grünen-Wähler und EU-Fans die Linke wählen, von Anfang an völlig abwegig war. Natürlich gibt es auch Gutverdienende mit sozialem Verantwortungsgefühl, die die Linke erreichen kann. Der Kern einer linken Partei, insbesondere einer Partei, die deutlich links der SPD stehen will, müssen aber zwangsläufig immer Menschen sein, die von einer linken Wirtschaftspolitik besonders profitieren würden. Alles andere ist völlig abwegig und kann unmöglich funktionieren. Die Linke hat so, wie sie sich aufgestellt hat, keinerlei Funktion mehr im Parteiensystem. Das Soziale vertritt sie nicht mehr glaubwürdig, für das Linksliberale gibt es bereits die Grünen.

RE: Doch nicht so heiß gegessen | 02.09.2019 | 22:31

"Aber wie die SPD-Spitze, ist auch die Linkenführung beratungsresistent......bis zum bitteren Ende"

Richtig. Das erkennt man bereits ein Tag nach den Wahlen an den Analysen. Natürlich fanden die Linke fast alle total super, konnten sie aber aus taktischen Gründen nicht wählen (Kipping), die Linke muss jetzt eine neue Identität definieren, um sich ihrer veränderten Rolle als 'etablierte Kraft' (??) zu stellen (Gysi), Schuld an den Wahlergebnissen sind außerdem vornehmlich 'strukturelle Schwächen' (Riexinger). Man kann sich ungefähr denken, was bei der 'schonungslosen Analyse' herauskommt, die Jan Korte einfordert (allerdings natürlich erst für nach der Thüringen-Wahl): man wird die Sache so gut es geht schönreden, sich irgendwelche Pseudogründe für das Desaster aus den Fingern saugen, um am Ende festzustellen: der Weg ist schon richtig, man ist ihn nur nicht entschieden genug gegangen, und muss jetzt dringend irgendwelche Arbeitsgrüppchen gründen, die über 'neue' Konzepte nachdenken. So ähnlich kennt man das schon von der SPD. Vormachen sollte man sich aber nichts: Kipping und Riexinger haben ebenso wie damals Schröder und Müntefering die Mehrheit der Partei hinter sich. Das Wagenknecht-Lager hat in der innerparteilichen Auseinandersetzung klar den kürzeren gezogen.

So haben wir nun zwei linke Parteien, die ihrem Untergang entgegen siechen. Man kann es positiv sehen: wenn (mindestens) eine der Parteien beim Status einer Splitterpartei angelangt ist, entsteht immerhin wieder Raum für Neues. Denn eins ist auch klar: das linke Potential in Deutschland mag nicht mehr so groß sein wie früher, mag durch den seit Jahrzehnten herrschenden neoliberalen und zunehmend auch rechten Zeitgeist stark geschwächt sein, ist aber definitiv noch vorhanden und kann insgesamt sicher 35-40% der Menschen erreichen. Zumal von AfD bis Grünen keine Partei über ein glaubwürdiges soziales Profil verfügt.

RE: Doch nicht so heiß gegessen | 01.09.2019 | 23:49

Ist es nicht. Bei der Linken steht es im Parteiprogramm. Einfach informieren und nachlesen.

RE: Doch nicht so heiß gegessen | 01.09.2019 | 23:19

Die völlig weltfremde (und für nicht wenige auch beängstigende) Forderung nach uneingeschränkter Migration hat sicher zum desaströsen Ergebnis der Linken beigetragen. Aber wieso sollte ihre (vermeintliche) Fixierung auf den Osten ihr bei ostdeutschen Wahlen geschadet haben?

Mein Eindruck ist, dass sich die Linke von vielen Milieus, die sie einst breit unterstützt haben, sehr bewusst und gezielt entfremdet hat. Man war sich sicher, diese Milieus nicht mehr zu benötigen, ganz offensichtlich zu sicher. Letztlich ist man zu so etwas wie einem müden Abklatsch der Grünen verkommen, was naturgemäß dazu führt, dass viele Menschen nicht mehr wissen, wofür es die Linke eigentlich noch braucht. Beigetragen zu diesem Kurs der Anpassung und Profillosigkeit (die sich übrigens bereits in den teilweise völlig aberwitzigen Regierungsbeteiligungen der Linken gezeigt hat) hat nach meiner Meinung (die sich zugegebenermaßen ausschließlich auf persönliche Eindrücke stützt und auch falsch sein mag) der persönliche Ehrgeiz von Leuten wie Gysi, Anerkennung vonseiten der westdeutschen Eliten zu erfahren.

RE: Doch nicht so heiß gegessen | 01.09.2019 | 22:35

Das beeindruckende ist, dass Gysi, Kipping und Riexinger die Linke vor einem Jahr noch auf einem blendenden Weg gesehen haben. Junge, hippe Neumitglieder, die den Verlust frustrierter Ossis, Arbeitsloser und Gewerkschafter, teilweise mit gewissen Sympathien für die AfD, locker kompensieren können, so war ungefähr zu vernehmen. Der Abstieg der Linken ist nach meinem Eindruck aber schon seit geraumer Zeit überdeutlich spürbar.

Zu groß der Vertrauensverlust bei den Menschen, die die Linke damals insbesondere auch aufgrund der Person Oskar Lafontaine und seiner klaren Sozialstaats-Orientierung gewählt haben.

Auch Protestpartei wollte man nicht mehr sein, man fühlte sich zu höherem berufen, zum 'zentralen gesellschaftlichen Gegenspieler der AfD', ungeachtet der Tatsache, dass für die Linke (im Gegensatz zu den Grünen) im bürgerlichen Lager nichts zu holen ist.

Frau Kipping beklagte vor kurzem sinngemäß, dass die Linke-Wählerschaft so vielschichtig sei, und es die Grünen viel einfacher hätten, die Interessen ihrer Wählerschaft unter einen Hut zu bringen. Auf die Idee, dass sich die Linke dann zwangsläufig auch breiter aufstellen muss, um die verschiedenen Milieus ansprechen zu können, kommt sie freilich nicht. Sie hat ihre Linie in der Partei durchgesetzt, das völlig erwartbare Ergebnis kann man jetzt sehen. Sollte sich die SPD in Zukunft wieder deutlich zum Sozialstaat bekennen (z. B. mit einem Walter-Borjans an der Spitze ist das nicht auszuschließen) dürften für die Linke dramatische Zeiten anbrechen.

RE: Sie steckt noch immer in der GroKo fest | 21.08.2019 | 20:14

Das Problem der SPD ist ganz sicher nicht nur die Spitze, sondern auch die Basis. Das hat die letzte Mitgliederbefragung zum Eintritt in die GroKo sehr deutlich gezeigt. Seit inzwischen mindestens 15 Jahren lässt die Basis zu, dass die immer gleichen Leute mit der immer gleichen Logik die Partei in immer neue, ungeahnte Tiefen führen.

Ein Vorsitzender Scholz wäre der Untergang der SPD. Der Mann denkt ernsthaft, wenn er noch zwei Jahre den Schäuble spielen darf, würde das schon mit der nächsten Wahl. Auf die Idee, dass die Partei dringendst ein eigenständiges, unterscheidbares Profil bräuchte, kommt er gar nicht. Einen bedeutenden Teil der damaligen GroKo-Unterstützer dürfte er aber hinter sich haben.

Allerdings muss man zugeben, dass auch Leute wie Lauterbach und Stegner sicher nicht ansatzweise dazu taugen, die Partei aus ihrer existentiellen Krise zu führen.

Persönlich am Überzeugendsten finde ich das Duo Lange/Ahrens. Immerhin sind beide nicht Agenda 2010-vorbelastet, und Frau Lange macht in Interviews durchaus eine gute Figur.

RE: Sehnsucht nach früher | 21.08.2019 | 19:45

"In der DDR wurde man sozialistisch, aber auch nationalistischer erzogen"

Das sind die typischen Halbwahrheiten, die als Erklärung nicht mal im Ansatz taugen. Natürlich wurde man in der DDR auch nationalistisch erzogen (u.a. um den Rückhalt der Bevölkerung zum System zu stärken). Aber dieser Nationalismus war nicht das, was man heute unter diesem Begriff gemeinhin versteht. Diese Form des Nationalismus ist letztlich gemeinsam mit der DDR verschwunden, weil er nur für diesen Staat 'ausgelegt' war und nur in diesem System Sinn machte. Verbunden war in der DDR alles mit einer sozialistischen Weltanschauung, die natürlich auch internationale Solidarität und Antifaschismus einschloss (ohne etwas idealisieren zu wollen). Von der natürlichen Überlegenheit des deutschen Volkes war nie die Rede.

Der Nationalismus von heute ist sehr viel reaktionärer, chauvinistischer und letztlich auch gefährlicher. Dass er im Osten stärker ist als im Westen (wobei sich hier Osten und Westen m. E. nicht so deutlich unterscheiden wie oft getan wird) mag seinen Grund eher darin haben, dass autoritäre Systeme generell mehr autoritäre Charaktere (im Sinne Erich Fromms) hervorbringen.

RE: Mach mal, Pam | 23.06.2019 | 23:14

Naja, es wird nicht nur mit Frauen so umgesprungen, den Umgang mit Kurt Beck habe ich auch als ziemlich übel in Erinnerung. Was die Sache freilich nicht besser macht.

Ein Interview mit der Dame habe ich bisher gesehen, und das habe ich offen gesagt schon als sehr schwach empfunden. Rhethorisch nicht sehr geschickt, klare Antworten vermeidend. Insofern ist die Frage, ob sie als Parteivorsitzende geeignet ist, m.E. durchaus legitim. Das Berufsbild des Politikers geht mit gewissen Anforderungen einher, ohne die es schwierig wird. Insbesondere eine gewisse Überzeugungskraft ist notwendig.

Meinem Vorredner (@Stephan) möchte ich aber widersprechen. Begriffe wie 'Opfer' finde ich nicht mal bei Pubertierenden lustig. Das spiegelt aber die gesellschaftlichen Prioritäten und Anschauungen. Unsicherheit ist Schwäche, am meisten Ablehnungen (bis hin zu Hass) erfahren diejenigen, die im gesellschaftlichen Konkurrenzkampf den kürzeren ziehen oder gar völlig unter die Räder geraten. Reichlich abstoßend.

RE: Die Verliererin im Schatten | 26.05.2019 | 23:46

Es kam, wie es kommen musste, und wie es immer kommt, wenn eine Partei sich freiwillig überflüssig macht, weil sie genauso wird (bzw. werden will) wie eine andere. Ihre ursprüngliche und angesichts viele ihrer Forderungen natürliche Klientel hat die Linke leichtfertig aufgegeben, und bei dem pro-europäischen Teil der Bevölkerung, der in der Regel doch recht situiert ist, kommt eine stramm linke Wirtschafts- und Sozialpolitik naturgemäß mäßig gut an. Statt, wie geplant, massenhaft Wähler der Grünen zu gewinnen, versinkt die Linke sukzessive in die Bedeutungslosigkeit.

Bezeichnend das Interview der taz mit Gysi vor einigen Tagen. Gysi: 'Wir werden nicht mehr gefürchtet, wir haben enorm an Akzeptanz gewonnen, wir haben uns Schritt für Schritt Respekt erarbeitet' etc. etc. Es scheint nur noch darum zu gehen, bei gewissen Teilen der Bevölkerung auf nicht mehr ganz so gewaltige Ablehnung zu stoßen wie in der Vergangenheit. Dass diese Leute freilich dennoch nicht im entferntesten bereit sind, die Ex-SED zu wählen (und es auch nie sein werden, weil es ganz einfach ihren wirtschaftlichen Interessen widerspricht), wird ignoriert.

Flüchten wird sich die Linkspartei jetzt in rot-rot-grüne Kopfgeburten. Die sind inzwischen freilich völlig abwegig. Die SPD taumelt, die Linke ist quasi nicht mehr wahrnehmbar, R2G ist weit von einer Mehrheit entfernt, die Grünen scheinen wenig interessiert.. Natürlich wird in den nächsten Jahren alles auf schwarz-grün hinauslaufen.

RE: Zurück zum Klassenstandpunkt | 12.04.2019 | 00:08

"(...) der prekäre Postbote ebenso wie der/die Transsexuelle, der Migrant ebenso wie die Studentin, die arbeitslose Alleinerziehende im Osten ebenso wie der grün-linksliberale Professor aus Freiburg im Breisgau und der SPD-Kommunalpolitiker, der sich sein soziales Gewissen bewahrt hat ebenso wie die Aktivistin aus der autonomen Antifa. Was wir brauchen, lautet kurzum: Unity!"

Es dürfte nicht einfach werden, diese Interessen wenigstens im Ansatz unter einen Hut zu bringen. Der linksliberale Professor setzt eben völlig andere Schwerpunkte als die arbeitslose Alleinerziehende, und was dieser für wünschenswert halten mag, ist für jene mit nennenswerten Nachteilen verbunden.

Es wird diese Einigkeit auch nicht geben. Es gibt eine zwanghafte Abgrenzung nach unten, auch unter Linken. Ein Mindestmaß an Bereitschaft sich in die Lebenssituation Anderer, insbesondere wenig Privilegierter, hineinzuversetzen, wäre aber zwingende Voraussetzung.

Wir haben aktuell drei linke Parteien. Diese müssen verschiedene Sprachen sprechen, unterschiedliche Klientels gewinnen, statt zu versuchen, sich gegenseitig die Stimmen abzujagen. Nur dann ist eine linke Mehrheit vielleicht irgendwann wieder erreichbar. Aber auch, wenn es diese linke Mehrheit gibt, sollte man sich nichts vormachen: es wird schwierig, widerstreitende Interessen unter einen Hut zu bringen und sowohl den linksliberalen Professor, als auch die arbeitslose Alleinerziehende einigermaßen zufrieden zu stellen.