150 Fahrzeuge und ein Tag liegen vor uns

Polen/Russland Der kleine Grenzverkehr ernährt seine Leute

"Ying Ling" heißt die Zigarettenmarke, die man für zwei Euro an Berliner U-Bahnhöfen kaufen kann. Die Packung erinnert an Camel, die Zigaretten jedoch werden in Russland hergestellt und gelangen auf verschwiegenen Wegen über Kaliningrad und Polen in Richtung Westen.

Seit Einbruch der Dunkelheit bin ich mit Tomasz in seinem Mercedes 220 D, Baujahr 1974, unterwegs. Wir durchfahren eine Sommernacht und die Masuren im Nordosten Polens, wo Tomasz wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt auf einem abgelegenen Bauernhof lebt. Tomasz ist um die 60 und Frührentner, nachdem er bis zur Wende als Lehrer, später beim Roten Kreuz gearbeitet hat. Der private Handel über die russisch-polnische Grenze hinweg hilft ihm, die bescheidenen Einkünfte eines Pensionärs aufzustocken.

Als wir uns hinter Bezledy, dem letzten Ort auf polnischer Seite, der Grenze nähern, werden wir von einer Polizeistreife gestoppt. Tomasz kurbelt die Scheibe herunter. Mit einem Blick auf den Rücksitz, wo sich Taschen, Decken und Lebensmittel stapeln, fragt der Polizist: Auf dem Weg zur Arbeit?" - Tomasz: "Nach Russland." - "Also zur Arbeit", feixt der Polizist, kontrolliert die Papiere und verabschiedet sich.

Seit der so genannten Osterweiterung vom Mai 2004 liegt die russische Exklave Kaliningrad wie eine Insel im vereinten Europa der inzwischen 27 EU-Staaten. Aber auch die angrenzende Wojewodschaft Ermland-Masuren kann auf Eigenheiten verweisen - sie zählt in Polen zu den Regionen mit den höchsten Arbeitslosenzahlen. Dabei ist schon aus der Statistik getilgt, wer wie Tomasz vorzeitig in Rente geht. Gemeinden, in denen über die Hälfte der Einwohner keine reguläre Arbeit hat, sind in dieser Gegend keine Seltenheit. Dariusz Kruczynski, Caritas-Direktor in der Diözese Elk, steht Familien bei, "denen an manchen Tagen das Brot zum Leben fehlt", wie er sagt. Weil Zigaretten, Wodka, Benzin, Diesel und Zucker in Russland deutlich billiger sind als in Polen, bessern sich viele ihren Haushalt dank des "kleinen Grenzverkehrs" auf. Je 10.000 Familien auf beiden Seiten, sagen Schätzungen, ernähren sich vom Schmuggel.

Jeder Kolbenschlag in Tomasz´ Mercedes lässt den Wagen erbeben - die Dämmung muss vollkommen verschlissen sein. Etwas später zeigt sich der tatsächliche Grund des Gedröhnes: Wo früher die Dämmung war, dienen heute Hohlräume dem Transport der Handelsware. Als Tomasz später die Motorhaube öffnet, zeigt sich außerdem, dass der Wagen auf seinem Weg von Deutschland nach Osten eine wundersame Verjüngung erfahren hat: Im Motorraum ist die Jahreszahl 1998 eingeprägt. Auf meine Frage hin lächelt Tomasz. Vor einigen Jahren durften nur Autos nach Polen eingeführt werden, die nicht älter als zehn Jahre waren. Also waren die Wagen nicht älter.

Je enger, desto besser

Nachdem wir die Grenze passiert haben, fahren wir auf russischer Seite an langen Fahrzeugkolonnen vorbei. Hunderte von Personenwagen, Klein- und Reisebussen warten bis zu 72 Stunden auf ihre Abfertigung am Zoll. Offiziellen Schätzungen zufolge dienen vier von fünf Grenzpassagen dem Schmuggel. Eingeweihte meinen, es seien neun von zehn. Seit Schmuggel zum Massenphänomen wurde, haben sich seine Organisationsformen an die legaler Unternehmen angepasst. Tomasz unterscheidet drei Kategorien: Die Besitzer von Personenwagen, die allein oder mit Ehepartner unterwegs sind. Sie entsprechen dem Typ selbstständiger Kleinunternehmer, der selten mehr transportiert als 30 Stangen Zigaretten, einige Flaschen Wodka und das Benzin im gefüllten Tank. Diese Spezies muss die längsten Wartezeiten einplanen - die Gewinnspannen sichern bei monatlich vier bis sechs Touren ein Einkommen, von dem sich leben lässt.

Wer mehr will und über das notwendige Startkapital verfügt, lässt entweder bezahlte Fahrer mehrere Pkw zugleich über die Grenze chauffieren oder kauft sich einen Kleinbus, was den Vorteil einer schnelleren Abfertigung beim Zoll verschafft. Der Besitzer eines Kleinbusses "beschäftigt" in der Regel sieben Mitfahrer, die als Tagelöhner ungefähr 25 Zloty (etwa sieben Euro) erhalten. Als Gegenleistung muss jeder die legale Menge an Zigaretten und Wodka über die Grenze bringen und einen Arbeitstag von acht bis zehn Stunden in Kauf nehmen. Zwar liegt der Monatsverdienst mit 550 Zloty unterhalb des in Polen staatlich garantierten Mindestlohns von 670 Zloty netto, doch ist diese Relation eher fiktiver Natur: Der regionale Arbeitsmarkt in den Masuren bietet bestenfalls kurzfristige Einsätze in der Land- und Forstwirtschaft: Erdbeerpflücken im Akkord für einen Zloty (0,25 Euro) pro Kilogramm oder Pflanzen von Baumsetzlingen für 5,50 Zloty (1,40 Euro) die Stunde.

Äquatortaufe im Schlamm

Als dritte Organisationsform gilt der Schmuggel in Reisebussen. Unter weiter Kleidung werden Zigarettenpackungen eng am Körper versteckt. Je enger, desto besser. Zofia, Mitte 50, erzählt Tomasz von einer Bekannten, lebe ausschließlich von dieser Form des Schmuggelns. Vier bis fünf Mal pro Woche fahre sie mit dem Linienbus ins russische Kaliningrad. Werde nichts konfisziert, verdiene sie durch den Verkauf von Zigaretten nach einer Tour bis zu 140 Zloty (37 Euro). Davon müssten freilich die Reisekosten von 20 Zloty (fünf Euro) sowie das obligatorische Strafmandat für möglicherweise vom Zoll eingezogene Waren subtrahiert werden. Nur wer sich einem "regelmäßigen Handel" verschreibe, könne diese und andere Verluste ausgleichen.

Mittlerweile hat Tomasz eine stattliche Anzahl Zigarettenpackungen, einige Flaschen Wodka und acht Kilogramm Zucker verstaut. Anschließend reihen wir uns in die Schlange der Fahrzeuge vor der Grenzkontrolle ein. Jetzt beginnt das eigentlich Zermürbende für einen Schmuggler: das Warten! Das Warten, bis sich der Schlagbaum öffnet. Die Kolonne sich einige Zentimeter weiter schiebt. Die Grenzer mit ihrem Schichtwechsel fertig sind.

Es ist später Vormittag, die Sonne brennt auf unser Wagendach. In zwei Fahrspuren stehen polnische Schmuggler, eine dritte Spur ist für russische Wagen reserviert. Etwa hundert Meter vor uns scheren etliche Blechdächer nach rechts aus, verlassen das Asphaltband und schlängeln sich ein paar Meter hinunter, um ein Feld aus platt gefahrener Erde zu durchqueren - Läden, Bars, Toiletten und eine Werkstatt säumen die Piste - und nach weiteren hundert Metern wieder auf die Straße zurück zu kehren. "Dól", die "Grube" nennen die Schmuggler diese Abkürzung, die sich bei Regen in eine Schlammgrube verwandelt. "Äquatortaufe" wird die Durchquerung dann genannt.

Das Warten lässt sich verkürzen, wenn man dafür bezahlt. Für Geld, meint Tomasz, sei hier fast alles möglich. Von der Toilettenfrau, über Barkeeper und ambulante Händler bis zu Grenzern und Zöllnern profitiere hier jeder vom Geschäft mit dem Schmuggel. Auf russischer Seite hat der kleine Warenverkehr eine eigene Infrastruktur hervorgebracht - auf der polnischen hebt der "Grenzhandel", wie der Schmuggel dort vorsichtig umschrieben wird, nicht nur die Kaufkraft. Er entlastet die Budgets der Gemeinden. Es kommt durchaus vor, dass Mitbürgern, die soziale Unterstützung beantragen, die Frage gestellt wird: "Haben Sie es schon einmal an der Grenze probiert?"

Als im Vorjahr versucht wurde, für Bewohner der grenznahen Gebiete das Limit der legal transferierbaren Waren herabzusetzen, reagierte die Gemeinde Goldap, indem sie eine Versammlung einberief und den Kleinhändlern erklärte, wie die Regelung zu unterlaufen sei: Sie bräuchten beim Zoll nur eine schriftliche Erklärung darüber vorzulegen, wonach die Waren außerhalb des Grenzbezirkes erworben seien. Die vorgedruckten Erklärungen erhielten die Händler gleich beim Bürgermeisteramt von Goldap.

Jeder Meter ist kostbar

Während Tomasz döst, steige ich aus und schlendere an den wartenden Fahrzeugen entlang. Die Autos stehen Stoßstange an Stoßstange, so dass man zehn Autolängen gehen muss, um in die benachbarte Reihe zu wechseln.

"Entschuldigung, kann ich einmal durch?" "Bitte sehr!" Aus einem Auto dringt der kontinuierliche Basstakt von Hip Hop über den Bandwurm aus Blech. Die Bässe mischen sich mit englischem Pop, und Radio Olsztyn versucht von irgendwoher einem Schlager der sechziger Jahre Geltung zu verschaffen. In einem Wagen vertreibt man sich die Zeit mit DVDs, die auf dem Schirm eines Laptops flimmern. Wie viele Filme ist die Grenze entfernt?

In der "Grube" sind schon Leute in Ohnmacht gefallen, die ein Krankenwagen abholen musste. Kürzlich kehrte ein Schmuggler im Leichenwagen nach Polen zurück. Es kam die Frage auf: Wird ein solches Gefährt auch kontrolliert - und wäre das nicht die Gelegenheit? "Nur Geburten hatten wir noch nie, aber das passiert bestimmt auch noch", ließ mich Tomasz wissen.

Plötzlich wieder Rufe "Abfahrt!" Laufen, Gegenstände werden in den Kofferraum geworfen, Motoren angelassen, Flüche geschrieen! Warum fährt der nicht, wo ist der Fahrer drei Wagenlängen vor uns? Zwei Autos können weiter fahren. Schnell, schnell, wenn nicht alle sofort bereit stehen, fährt jemand von der Seite in die Lücke. Jeder Meter ist kostbar, eine Wagenlänge kann darüber entscheiden, ob man eine weitere Nacht im Auto verbringen darf. Knapp zehn Stunden haben wir gebraucht, um 50 Meter zurückzulegen. Vor uns liegen weitere 100 Meter oder 150 Fahrzeuge und ein Tag.

Erst einen Tag später, am frühen Nachmittag, passieren wir die Grenze ohne jede Beanstandung. Tomasz ist gut gelaunt, die Fahrt hat sich gelohnt, umgerechnet 100 Euro wird er nach dem Verkauf der Waren wohl übrig behalten. Für Diesel und Benzin gibt es Abnehmer in der Nachbarschaft, Zigaretten und Wodka gehen an Zwischenhändler - ein Teil bleibt auf dem heimischen Markt, alles andere wird nach Westeuropa auf den Weg gebracht.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 24.08.2007

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare