150 Gramm bleiben übrig

Ukraine Mütter suchen vergeblich nach ihren im Bürgerkrieg vermissten Söhnen. Die Behörden wiegeln ab und schweigen
Lily Hyde | Ausgabe 14/2016 1

Andrey Lozinsky, ein 21-jähriger Rekrut der 93. Ukrainischen Panzerbrigade, steht Ende August 2014 mit seiner Einheit vor den Toren der Stadt Ilowajsk im Osten, um verlorenes Gelände von den Aufständischen zurückzuerobern. Kurz vor dem Gefecht kann er noch einmal mit seiner Mutter telefonieren. Yadviga Lozinsky sitzt zu dieser Zeit in ihrem Büro im 350 Kilometer westlich gelegenen Dnipropetrowsk. Sie unterhalten sich nicht lange. Als Yadviga hört, wie im Hintergrund ein anderer Soldat sagt: „Sie werden uns orten“, beendet sie das Gespräch. Jeder weiß, dass Anrufe auf Mobiltelefonen an der Front dem Feind die Position des Teilnehmers verraten können.

An jenem Tag hat bereits ein anderer Soldat aus der 93. Brigade zu Hause angerufen: Artyom Kalyberda erreicht seine Mutter Svetlana und die Schwester Lena. Er erzählt ihnen, dass die 93. bei Ilowajsk komplett eingekreist sei. „Seit drei Tagen gibt es nichts mehr zu essen. Morgen sollen wir ausbrechen. Ich weiß nicht, was ich machen soll.“ Artyom ist 24 und Lenas kleiner Bruder. Einen Belagerungsring zu durchbrechen, das klingt nach purem Wahnsinn. „Bleib, wo du bist“, fleht Lena ihn an.

Am nächsten Morgen, dem 29. August 2014, liegt über der Ostukraine ein brütend heißer Spätsommer: Der Mais steht überreif auf weiten, flachen Schlägen, die Sonnenblumen lassen verwelkte Köpfe hängen. Der Krieg dauert nun schon Monate. Offiziell ist es – damals wie heute – überhaupt kein Krieg, sondern eine „Anti-Terror-Operation“, die von der Regierung im Kiew gegen den separatistischen Aufstand im Donbass befohlen wurde. Mitte August sind die ukrainischen Streitkräfte durch eine große Zahl von Rekruten aufgestockt worden. Viele werden in der Gegend um Ilowajsk stationiert.

An diesem 29. August gegen neun Uhr beginnen die Soldaten ihren Rückzug. Man hat ihnen sicheres Geleit zugesichert. Sie dürfen sich durch einen „grünen Korridor“ aus dem Belagerungsring zurückziehen. Über das, was dann geschieht, kursieren bis heute widersprüchliche Versionen. Während Yadviga und Svetlana den ganzen heißen Tag über mit wachsender Panik auf ein Lebenszeichen ihrer Söhne warten, ereilt sie am Abend die Nachricht von einem militärischen Desaster im Raum Ilowajsk. Ein erst 13 Monate später veröffentlichter Untersuchungsbericht der ukrainischen Rada hält fest: Es seien 366 ukrainische Soldaten und Freiwillige gefallen, 429 verletzt, 128 in Gefangenschaft geraten. 158 würden vermisst. Andrey Lozinsky und Artyom Kalyberda, die sich auf dem gleichen Lkw befanden, gehören zu den Vermissten.

Mehr als anderthalb Jahre lang unternehmen ihre Mütter Yadviga und Svetlana alles ihnen Mögliche, um herauszufinden, was mit ihren Söhnen passiert ist. Geschlagen mit der Gleichgültigkeit und Inkompetenz der Behörden werden die beiden Frauen enge Freundinnen und bilden zwischenzeitlich den Kern eines Netzwerks von Müttern, Ehefrauen und Töchtern, die dafür kämpfen, die Wahrheit zu erfahren.

Listen, überall Listen

„Normalerweise hätten wir uns nie kennengelernt. Heute danken wir Gott, dass wir uns haben“, meint Svetlana Kalyberda. Es scheint eine Ewigkeit her, dass sie die Stimmen ihrer Söhne ein letztes Mal gehört haben. Seither verweigern die Behörden eine klare Auskunft darüber, wer dafür zuständig ist, das Schicksal von Andrey und Artyom zu klären – die Polizei, der Militärstaatsanwalt, das Oberkommando der Armee oder der Sicherheitsdienst SBU?

Es existiert keine zentrale Datenbank mit den Namen vermisster Soldaten. Der SBU hat eine Liste veröffentlicht, der Innenminister eine andere. Beide haben Hotlines für betroffene Familien eingerichtet, aber wenn es überhaupt gelingt, dort jemanden zu erreichen, wird die Auskunft erteilt – man solle anderswo anrufen. Soldaten, die von ihren Familien bereits begraben wurden, tauchen Monate später plötzlich auf Vermisstenlisten auf. Andere, nach denen noch gesucht wird, landen auf Erinnerungstafeln für Gefallene. Einem Soldaten, von dem seit August 2014 jede Spur fehlt, wird im Mai 2015 ein Einberufungsbescheid zugestellt.

„Man hört nur Ausreden und Ausflüchte“, sagt Svetlana. „Vielleicht gibt es interne Order, nicht nach außen dringen zu lassen, was wirklich geschehen ist. Bisher haben wir alles, was sich in Erfahrung bringen ließ, selbst in Erfahrung gebracht.“

„Ich glaubte, das sei nicht mein Krieg“, meint Yadviga. „Doch dann kam er ohne Einladung zu mir nach Hause und wurde mein Krieg.“ Sie spendet den Sold ihres Sohnes, der ihm als vermisstem Soldaten weiter ausgezahlt wird, für die Pflege von Verwundeten oder die Bestattung von Gefallenen. In dem vollgestopften Zimmer, das Andrey sein Leben lang mit den Eltern geteilt hat, gibt es wenig, was auf ihn hindeutet. Seine Freundin Lera hat zur Erinnerung sein Rasierwasser mitgenommen. Der Computer, mit dem er oft bis in den frühen Morgen gespielt hat und seine erschöpfte Mutter am Einschlafen hinderte, ist von einem Stapel Papiere verdeckt. An der Wand darüber hängt ein Bild von Andrey in Uniform. Er hat den Kopf nach hinten geneigt, wirkt stolz und erinnert an seine Mutter.

Bevor ihr einziger Sohn geboren wurde, arbeitete Yadviga in einem Institut, das sich mit Flugzeugbau beschäftigte. Sie hatte gehofft, Kampfpilotin zu werden, doch nur wenige sowjetische Mädchen konnten sich solche Träume erfüllen. Als die Ärzte ihr sagten, dass sie ein Mädchen erwarte, glaubte sie ihnen nicht: „Ich wollte einen Jungen, der später einmal Kosmonaut sein würde ...“

Im September 2014 sichtet Yadviga Bilder von Gefallenen, die kurz nach den Gefechten um Ilowajsk in die Leichenhallen von Saporischschja und Dnipropetrowsk gebracht wurden, von der Regierung kontrollierte Städte, unweit von Ilowajsk. Niemand hatte die Bestatter dort darauf vorbereitet, mit so vielen Toten und deren Angehörigen umgehen zu müssen. Außerdem wurde offenbar, dass es der Ukraine für den Kriegsfall an den nötigen forensischen Identifikationssystemen fehlte. Einer sowjetischen Tradition folgend, hatte man Soldaten oft ohne Erkennungsmarke an die Front geschickt. Es gab zudem keine zentrale Datenbank, die bei Gefallenen eine Identifizierung erleichtern konnte.

Der Krieg in der Ostukraine, der vorrangig mit Artilleriegeschossen und Grad-Raketenwerfern ausgetragen wird, ist übermäßig brutal. Bei 40 Prozent der Gefallenen werde – so Dr. Olha Bohomolets, Arzt und Berater von Präsident Poroschenko – der gesamte Körper zerstört. „Ich dachte, ich hätte in den zwölf Jahren, die ich diesen Beruf ausübe, schon viel gesehen, aber als mir klar wurde, was ein Grad-Bombardement anrichtet, wusste ich, das ich noch nichts gesehen hatte.“ Er hält die Hand zu einer Mulde geformt, als bewahre er darin etwas auf. „Manchmal bleiben von einem ganzen Körper nur 150 Gramm übrig.“

Wo es möglich war, notierten die Mitarbeiter der Leichenhalle von Saporischschja postmortale Daten: Größe, Körperform, Haarfarbe, Zahnstatus, besondere Merkmale, persönliche Gegenstände. Doch findet sich bei vielen lediglich der Vermerk: „Männlich, vermutetes Alter 25 bis 35“.

Anfang 2015 wurden die DNA-Labore verschiedener Ministerien endlich in einer nationalen Datenbank zusammengeführt. Inzwischen registriert ein einziges Labor die DNA-Proben aller Kriegstoten, um sie dann mit der DNA von Familienmitgliedern abzugleichen, doch weigern sich viele Angehörige, Proben abzugeben. „Sie misstrauen den Behörden“ – meint Dr. Bohomolets – „und wollen nicht wahrhaben, dass ihre Kinder tot sein könnten.“

Svetlana und Yadviga haben ihre Proben für ein DNA-Profiling abgegeben, nachdem sie ihre Söhne auf keinem der Bilder in den Leichenhallen von Saporischschja und Dnipropetrowsk entdecken konnten. Sie hielten sich danach an die auf Websites geposteten Pässe und Militärausweise von Soldaten, die angeblich irgendwo interniert oder gefallen sind. Sie bekamen Bilder von Menschen gezeigt, die genauso gut tot wie bewusstlos sein konnten.

Hellseher und Hochstapler

Im November 2014 sah Lena Kalyberda, die Schwester von Artyom, auf dem Display ihres Telefons eine unbekannte Nummer. Ein paar Wochen zuvor hatte sie im Internet ein Bild des verschwundenen Bruders gepostet und um Hinweise gebeten. Sie griff nach dem Hörer. Jemand am anderen Ende der Leitung erklärte ihr, er sei Arzt in einem Hospital der Region Luhansk, des Konfliktgebiets nördlich von Ilowajsk. Einer seiner Patienten sei ein großer, dunkler, junger ukrainischer Soldat – er heiße Artyom Kalyberda. „Es gehe ihm schlecht, er brauche dringend Medikamente. Er verstehe, dass ich die nicht selbst vorbeibringen könne, deshalb solle ich Geld schicken“, erzählt Lena. Sie notierte, was der Anrufer sagte: die Beschreibung Artyoms, die Adresse des Krankenhauses, die Art der Medikamente und was sie kosten würden, die Nummer eines Bankkontos. Sie kontaktierte die Bank. Der Name des Kontoinhabers stimmte mit dem überein, den der Anrufer ihr genannt hatte. Sie recherchierte weiter, um festzustellen: Diese Klinik existiert nicht.

Bis Ende 2015 hat Lena, die heute 27 ist, in zwei dicken, abgegriffenen Notizbüchern den Inhalt ähnlicher Gespräche protokolliert. Entstanden ist ein Kompendium verzweifelter Hoffnungen, von Versprechen und Lügen. Sie führte Gespräche mit angeblichen Offizieren der ukrainischen Spionageabwehr, die Hinweise gaben, die nirgendwohin führten, mit Kommandeuren der Aufständischen, die behaupteten, sie würden Gräueltaten der ukrainischen Armee im Donbass rächen.

Es meldeten sich Talkmaster, die darüber nachdachten, den Fall eines Vermissten publik zu machen, dazu Priester, die ihr Trost anboten. Lena ging zu mehreren Hellsehern und schrieb auf, was sie beschworen: Artyom lebt an einem dunklen Ort. Ihm steht ein schwieriger Weg bevor, bis er wieder nach Hause kommt. Sie müsse warten.

Viele Familien führen solche Notizbücher wie einen Almanach der Vergeblichkeit. Man schickt Kleidung, Medikamente und Geld an Kontaktleute, die danach nichts mehr von sich hören lassen. Manchmal bieten die Anrufer scheinbar überzeugende Beweise. Zwei jungen Männern aus Dnipropetrowsk, deren Vater ebenfalls in Ilowajsk verschollen ist, erhielten über soziale Medien eine Fotografie, auf der zu sehen war, dass er gefangen gehalten wurde. Sie fragten, ob sie ihm warme Kleidung bringen könnten. „Kommt, wenn ihr wollt“, lautete die Antwort, „aber ihr könntet im selben Keller landen wie euer Vater.“ Kurz darauf verschwand der Kontakt aus dem Internet.

Zwei Großmütter

Familien haben eine schwarze Liste von Betrügern der Polizei und dem Geheimdienst SBU übergeben. Die Reaktion war immer die gleiche: Wir suchen nach ihnen. Lasst uns wissen, wenn ihr etwas Neues erfahren habt. „Keiner unternimmt etwas“, sagt Svetlana. „Wir kriechen auf unseren Händen und Knien zu ihnen, und sie sagen nur ‚Ja, ja, ja‘, um uns wieder loszuwerden.“

Doch Yadviga gibt nicht auf. Sie sucht weiter Polizeistationen, forensische Labore oder Rekrutierungsbüros der Armee auf, um die Verantwortlichen zu stellen, deren angebliche Untersuchungen zu nichts geführt haben – wenn es die überhaupt je gab. Nach einem ihrer vielen entnervenden Termine steigt Yadviga in das Taxi der energiegeladenen 56-jährigen Irina Semchenko aus Donezk, der Großstadt im Zentrum des Konflikts, ganz in der Nähe von Ilowajsk. Irina ist mit ihrer Familie nach Dnipropetrowsk geflohen.

Als Yadviga ihre Geschichte erzählt, macht Irina ein großzügiges Angebot: „Komm, wir suchen zusammen nach deinem Sohn.“ Sie könnten in Irinas Haus in der Nähe des Donezker Flughafens übernachten. Wenn Yadviga für die Kosten aufkomme, werde man das Taxi nehmen. Irina ist zuversichtlich, dass ihnen bei ihren Recherchen nichts passieren kann. „Wir sind doch nur zwei Großmütter.“

Aber Yadviga will das Angebot nicht sofort annehmen. Sie hofft noch immer, Andrey bald wiederzusehen. Seit Beginn des Konflikts im Osten sind durch die Vermittlung von Hilfsorganisationen einige wenige Gefangene ausgetauscht worden. Auch haben im Herbst 2014 die Regierungen der beiden aufständischen Regionen – der Volksrepublik Donezk (DNR) und der Volksrepublik Luhansk (LNR) – im Verbund mit Russland und der Ukraine einem vollständigen Gefangenenaustausch zugestimmt. Stattfinden soll der am 26. Dezember 2014, und Yadviga hat den Namen Andrey Lozinsky mit eigenen Augen auf einer Liste gesehen, die von der ukrainischen Armee zusammengestellt worden ist.

Vier Tage vor dem geplanten Austausch ruft sie eine gewisse Lilya Rodionova an, die sich im Auftrag der Volksrepublik Donezk um vermisste Personen kümmert. Rodionova, eine ehemalige Hebamme, erklärt gleich zu Beginn des Telefonats, in Donezk gebe es keine offiziellen Listen von Gefallenen, Vermissten und Gefangenen. „Niemand hat sich doch träumen lassen, dass es zum Krieg kommt und man einmal nach Kriegstoten suchen muss.“

Rodionova teilt ungerührt mit, sie habe keinen Andrey Lozinsky auf ihren Listen. Am gleichen Tag meldet sich ein Ermittler der Armee, der sich mit Andreys Fall befasst, um Yadviga zu informieren, dass ihre DNA zum Teil mit der DNA eines Toten aus Ilowajsk übereinstimme. Yadviga weigert sich, das zu glauben, ruft Irina an und lädt deren Taxi mit Zigaretten voll, um die Posten an Straßensperren bestechen zu können. Einen Tag später überqueren die beiden Frauen die Demarkationslinie zum Territorium der Aufständischen.

Sie passieren die zerstörten Dörfer Osikowe, Nowokateryniwka und Starobeschewe entlang des „grünen Korridors“ von Ilowajsk. Auf den Feldern stehen mannshohe Sonnenblumen, unter denen die Soldaten im August Schutz vor der Hitze suchten. Jetzt sind sie gefroren und hart wie Eisenstäbe. „Ich sah diese furchtbare Straße, die schwarze Erde, die gesplitterten Bäume“, erinnert sich Yadviga. „Und stellte mir vor, wie es dort während der Gefechte ausgesehen haben muss, als Hunderte von Menschen in ein paar Stunden ausgelöscht wurden.“

Wie sich herausstellt, ist das Haus der Taxifahrerin Irina geplündert und leer. Auch die Winterreifen hat man aus der Garage gestohlen. So rutschen die beiden Frauen auf Sommerreifen über Straßen, die mit schwarzem Eis bedeckt und von Artilleriegranaten zersprengt sind. In den Nächten kauern sie sich vor einem glühenden Ofen zusammen und hören die Geschütze feuern, die den Himmel mit den immer gleichen gelben Blitzen erleuchten. Zu Silvester besuchen sie auf Yadvigas Laptop eine Dating-Seite, um nach einem reichen Ausländer Ausschau zu halten, den Yadviga heiraten könnte, sollte Andrey endlich wieder zu Hause sein.

Was für drei Tage geplant ist, dehnt sich auf drei Wochen aus. Als Yadviga schließlich einen Militärkommandeur der Donezker Volksrepublik treffen darf, um ihn mit ihren Beweisen für die Gefangenschaft Andreys zu konfrontieren, fragt der sie nur, warum sie ihrem Sohn erlaubt habe, sich den „faschistischen ukrainischen Folterknechten“ anzuschließen, die den Donbass angegriffen hätten. Sie bricht das Gespräch ab, zieht weiter und kommt noch durch verschiedene Städte, in denen sie Bilder ihres Sohnes und anderer Vermisster der 93. Brigade an Ärzte und Krankenschwestern, Milizionäre und Taxifahrer verteilt.

So viele Gerüchte

Gelegentlich berichten Einheimische von Gefangenen, die in Kellern, notdürftig eingerichteten Lagern und sogar in Privathäusern interniert seien. Um wen es sich handelt, wissen sie selbstverständlich nicht. Auch kursieren Gerüchte, wonach vermisste ukrainische Soldaten zu Hunderten in illegalen Minen arbeiten, die es in der wüstenhaften Industrielandschaft des Donbass reichlich gibt. Eine weitere Version, die Yadviga zu hören bekommt: Gefangene seien nach Russland gebracht worden, um dort als Arbeitssklaven verkauft zu werden. In Kiew heißt es dazu seit Monaten offiziell: Es seien nur 30 Ukrainer, die in russischen Gefängnissen festgehalten würden. Wo sind dann die vielen Vermissten, von denen jede Spur fehlt? Yadviga verbringt einen ganzen Tag im Zentralkrankenhaus von Donezk, um zu recherchieren. Niemand hat ihren Sohn gesehen, niemand bietet ihr an, ihr bei der Suche zu helfen – niemand will ihre Geschichte hören. „Mir war völlig klar, dass sie so reagieren. Es ist schließlich nicht mehr ihr Staat, für den unsere Jungs gekämpft haben“, resümiert sie voller Unbehagen diesen Tag. Nur hat dieser Staat offenbar kein Geld dafür übrig, die Vermissten wiederzufinden.

Nach dem Desaster von Ilowajsk wurden der Verteidigungsminister und der Geheimdienstchef ersetzt. „Doch das System blieb dasselbe“, sagt Yadviga. „Niemand übernimmt Verantwortung.“ Sie ist aus dem Donbass ohne Andrey zurückgekehrt und trotzdem überzeugt, ihren Sohn eines Tages wiederzusehen.

Lily Hyde ist Reporterin des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 20.04.2016