„Die Deutschen duzen sogar Gott“

Alltagsrituale (7) So erleben Zuwanderer den hiesigen Alltag: Philip und Arachne van der Eijk kämpfen sich durch die bizarren deutschen Gewohnheiten des Duzens

So zahlreich wie die Sterne auf der europäischen Flagge sind die Konventionen, wie man sich anspricht. Es sind in Deutschland ganz andere als in unserer niederländischen Heimat und in Großbritannien, wo wir die letzten 15 Jahre gewohnt haben. Es spiegelt sich darin nicht einfach nur die Sprache, sondern es geht auch um Umgangsformen und die Beziehungen, in denen man zueinander steht.

Nach unserer Ankunft in Berlin waren wir bei den ersten Treffen mit neuen Kollegen sehr damit beschäftigt, unauffällige Nachforschungen anzustellen, wen wir wie ansprechen sollen. In der akademischen Welt redet man oft Englisch miteinander, dort ist die sprachliche Regelung eindeutig. Das macht es auf den ersten Blick leichter: Jeder, vom Institutsleiter bis zum Hausmeister, wird mit Vornamen und „you“ angesprochen. Dennoch sagen manche Deutsche in Berlin wieder „Herr van der Eijk“, nachdem sie bei einer Konferenz auf internationalem Terrain bereits beim „Philip“ angekommen waren.

"Dear Mister" statt "Hi"

In England haben wir festgestellt, dass diese Vornamen-Regelung mehr als bloße Möglichkeit denn als freundschaftliches Angebot zu verstehen ist. Tatsächlich sind die angelsächsischen sozialen Gefüge so fein austariert, dass man bereits aus der Intonation eines Satzes erkennen kann, wie zwei Personen zueinander stehen – von der Körpersprache ganz zu schweigen. Wenn es einem nicht passt, wie einen jemand anspricht, gibt es verschiedene Wege, diese Person wortlos an ihren Platz zu verweisen: beispielsweise indem man ein paar Sekunden länger als normal wartet, ehe man antwortet, kaum merkbar zurückweicht oder den Körper leicht versteift.


Bei unseren britischen Studenten war es auffällig, dass sie mit uns oft in leiserem Tonfall und zögerlicher als untereinander gesprochen haben. Im Schriftverkehr waren sie gemessen daran sehr forsch und begannen manchmal eine E-Mail mit einem flotten „Hi“ oder gar keiner Anrede. Die deutschen Studenten hingegen sind sehr förmlich, zumindest überschreiben sie E-Mails artig mit „Dear Mrs. Van der Eijk“. Aber auch im privaten Umfeld von Akademikern würde es in England kaum vorkommen, dass eine Person eine andere anspricht, ohne von einer dritten vorgestellt worden zu sein. In Deutschland ist man direkter, man kann sofort aufeinander zugehen. Für das weitere Verhalten werden die Regelungen klar ausgesprochen, nichts wird dem Zufall überlassen. Man kann das „Du“ direkt anbieten, dann schüttelt man sich meist die Hände, nennt noch mal den eigenen Vornamen (der andere kennt ihn bereits) und hat somit den Pakt auf das Du geschlossen. Dass es zu Situationen führt, in denen man gewisse Kollegen duzt und andere siezt, wird offenbar hingenommen und weder als peinlich noch als exklusiv empfunden.

Sagen wir zu schnell Du?

Überhaupt schüttelt man sich in Deutschland unglaublich häufig die Hände, oft schon morgens, wenn man sich zum ersten Mal auf dem Flur trifft. Das ist verwirrend. Denn in Großbritannien gibt man sich die Hand nur bei zwei Begegnungen: der ersten und der letzten. Im Milieu der Uni kommt es jedoch regelmäßig vor, dass Engländer sogar dieses Duzen gerne vermeiden möchten und beim ersten Kontakt mit einem unbekannten Kollegen einfach sagen: „We have met, haven’t we?“


Gäste werden in England meist ausgesucht höflich und herzlich empfangen, sie bekommen Geschenke in die Hand, auch wenn selbige nicht gedrückt wird. In Deutschland wird bei solchen Gelegenheiten manchmal noch geküsst, was in den Niederlanden ebenfalls üblich ist, im Rhythmus links-rechts. In Großbritannien sind wir Jahre lang ungeküsst durchs Leben gegangen, nun müssen wir umschulen. Überhaupt wird es im privaten Umgang erst richtig knifflig: Wir Niederländer scheinen für manche Deutsche einfach zu schnell mit dem „Du“ herauszurücken. Zumindest entsteht dieser Einruck, wenn man mit Bekannten beim Abendessen sitzt und Paare den gesamten Abend übereinander reden, in dem sie sich gegenseitig als „meine Frau“ oder „mein Mann“ bezeichnen. Dabei sitzen sie nebeneinander! Warum vermeiden sie die Nennung ihres Vornamens?

Eine bedeutsame Ausnahme gibt es allerdings: Gott. In Deutschland wird Gott geduzt. „Gib, dass wir Dein Wort verstehen“. Das wussten wir schon aus der deutschen Bibel und wir haben es in einer Berliner Kirchengemeinde wieder erfahren. Dort wurden wir als Teil der kirchlichen Familie sofort geduzt. Aus unserer niederländischen Heimat war uns das fremd. Man duzt dort fast jeden, nur Gott garantiert nicht. Auch im Englischen wird in der Kirche häufig noch auf ‚thou’ und ‚thy’ zurückgegriffen. Nach nur vier Monaten in Berlin haben wir zumindest diese bedeutsame deutsche Eigenart schon verinnerlicht. Wir würden daher neben dem Hamburger „Sie“ (Philip, kommen Sie mal?) gerne noch das „überraschende Du“ in unsere Liste auffälliger deutscher Anreden aufnehmen.

Protokoll: Hanna Engelmeier

Die Anrede und andere Umgangsformen

Der Wirrwarr der Anreden stammt aus der Zeit des alten Europa, das nur Gesellschaften mit differenzierten Höflichkeitsformen kannte. Die Stilistik der Anreden und Gesten war in den Schichten, die den ‚Ton’ angaben, eine ausgebildete Kunst. Die Töne waren in jeder Nation, oft auch in den Regionen, verschieden. Seit der englischsprachigen Globalisierung setzen sich relativ homogene Formen der Begrüßung, der Anreden und Abschiede durch. Der Kanon der Höflichkeiten der jeweiligen Kulturen wird bleiben, aber an Bedeutung verlieren. Schon heute bilden sich internationale Standards der Kommunikation, welche den wissenschaftlichen, geschäftlichen und geselligen Verkehr erleichtern. Es wird lässiger und informeller zugehen, dabei kann es auch schön und funktional sein, kulturell distinktive Formen des Umgangs zu beherrschen. Wir wollen zwar die Leichtigkeit der Kontakte, schätzen aber auch den Reichtum der feinen Unterschiede in der Art, wie sich Kulturen ausdrücken, so viele kleine Malheurs uns dabei widerfahren mögen.

Hartmut Böhme lehrt Kulturtheorie am Kulturwissenschaftlichen Seminar der Humboldt-Universität Berlin. Er begleitet die Serie mit kurzen, theoretischen Einordnungen

In der Reihe Wie uns die Anderen sehen, konzipiert von Hanna Engelmeier und Marco Formisano, haben wir eine besondere Gruppe von Zuwanderern in Berlin um ihren alltags-kulturellen Blick auf die Stadt gebeten: Wissenschaftler, Architekten, Mediziner, Schauspieler und Künstler erzählen von ihrer bisweilen schon vertrauten, aber oft auch noch fremden Heimat. Durch ihre Arbeit haben sie einen geregelten Zugang zu Stadt und Bewohnern, aufgrund ihrer Herkunft ein besonderes Gespür für die Unterschiede in der Bedeutung alltäglicher Praktiken. Im nächsten Teilder Serie erklärt der Georgier Temo Kurzchalia, warum sich das sexuell konnotierte Beschimpfen der Mutter in Deutschland nie durchsetzen konnte.

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11:50 17.08.2010

Ausgabe 38/2020

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hibou | Community