„Ich kann nicht zwei Mütter haben“

Alltagsrituale (16) Wie erleben Zuwanderer ihren Alltag in Deutschland: Der Amerikaner Colin G. Smith wollte in der neuen Sprache heimisch werden. Aber was ist mit seiner Muttersprache?

"Going native“ ist ein englischsprachiger Ausdruck, der zum ethnologischen Jargon gehört. Der Ethnologe, der sich anschickt, „heimisch zu werden“, möchte sich vom Beobachter einer Kultur zu deren Mitglied wandeln, etwa durch Heirat, Adoption oder sonstige kulturelle Assimilierung.

Ob es möglich ist, durch rituelle Aufnahme oder langjährige Integrationsbemühungen in einer fremden Kultur wirklich „heimisch zu werden“ und sie gleichsam wie Einheimische von innen zu kennen, gehört zu den großen Streitfragen der wissenschaftlichen Ethnologie. Dass dies aber nicht nur möglich, sondern im Falle von als exotisch geltenden Kulturen besonders großartig ist, nimmt wahrscheinlich jedes Kind an, das Tarzan-Hefte und verwandte Fantasieliteratur liest. Zumindest kam es bei mir so: Ich habe, nach viel Lektüre im Tarzan- und Fremdenlegion-Genre, in einem noch zarten Alter Peter O‘Toole in seiner berühmten Rolle als arabischkundiger Guerillaanführer unter den Beduinen in Lawrence von Arabien gesehen. Der Eindruck dieses einheimischen Fremden muss tief gesessen haben. Denn als ich viele Jahre später nach Deutschland zum Studieren kam, hatte ich irgendwoher die aberwitzige Idee, dass ich im hiesigen Alltag wie ein „native“ meinen Weg finden könnte.

Nun führt der einzig wirkliche Weg, in einer fremden Kultur „heimisch“ zu werden, über das Lernen der Sprache. „Going native“ ist also in einem gewissen Sinn nur möglich, wenn man ein „native speaker“ werden kann. Doch gerade hier stößt die lebhafte anthropologische Fantasie auf eine schwierige soziale Wirklichkeit. Denn auch bei erfolgreicher Tarnung jeglichen Akzents und der Beherrschung von noch so vielen lokalen Wendungen gilt, dass Fremde immer noch Fremdsprachler sind – unabhängig davon, wie hoch der Grad ihrer sprachlichen Kompetenz sein mag.

„Going native“ ist keine Option

Schuld am Scheitern meiner vollständigen sprachlichen Integration hatte also nicht so sehr die Gemeinschaft meiner deutschen Mitmenschen – die waren und sind wohlwollend gegenüber sprachlichem Integrationseifer –, sondern vielmehr ein bestimmter Begriff: der des „native speaker“. Denn es gehört von selbst zu diesem Begriff, dass man kein „native speaker“ werden kann, solange man selbst nicht ein „native“, also ein Eingeborener, ist. Was die Sprache angeht, scheint „going native“ also keine Option zu sein.

Das kann man gut am deutschen Begriff des „Muttersprachlers“ beobachten. Die familienbezogene Metaphorik in diesem Wort ist deutlich zu bemerken. Wenn eine Sprache zu mir in einer verwandtschaftlichen Beziehung steht, ist das schon ziemlich exklusiv. Zwei Mütter kann ich nicht haben. Diese Konnotation scheint mir aber schwer mit der Tatsache in Einklang zu bringen, dass viele Muttersprachler gleichzeitig mehrsprachig aufwachsen (auch wenn sie natürlich nur eine Mutter haben und mit dieser Mutter in nur einer einzigen Sprache sprechen).

Womöglich trägt aber auch Wilhelm von Humboldt, als Gründungsvater der modernen Sprachwissenschaft, Schuld an meiner gescheiterten sprachlichen Integration. Humboldt erklärte nämlich die Sprache zum „bildenden Organ“ des Denkens. Das bedeutet: Die spezifischen Merkmale meiner Sprache werden auf das Denken übertragen. Gleichzeitig hielt er die verschiedenen Sprachen für Ausdrücke eines nationalen Charakters und Träger einer „eigentümlichen Weltansicht“. Die Erlernung einer „fremden Sprache“ soll daher mit der „Gewinnung eines neuen Standpunktes“, einem neuen Blick auf die Welt, einhergehen. Es sei aber nicht möglich, eine Fremdsprache wahrhaftig ganz zu lernen, da man immer die eigene sprachliche Herkunft in die neue Sprache hineintrage.

Die Schwiegermuttersprache?

Wilhelm von Humboldt hat damals etwas Wahres gesagt. Allerdings stellen heutige Linguisten die Bindung der Sprache an eine Nation (zum Glück!) infrage. Was aber soll man als sprachlicher „Lawrence“ tun? Insbesondere: Wie beschreibt man die Beziehung zu einer Sprache, die im Alltag zur zweiten Natur geworden ist, aber doch nicht als die eigene angesehen wird? Sie zur „Stiefmuttersprache“ zu erklären, wäre jedenfalls keine glückliche Lösung, und auch eine „Schwiegermuttersprache“ werden einige verständlicherweise nicht haben wollen. Die „Vatersprache“ ist bereits gut aufgehoben als die spezifische Sprache des Vaters in einer multilingualen Erziehungssituation. Für die mobilen Menschen, die in einer oder mehreren fremden Sprachen heimisch werden wollen oder es schon sind, trifft einiges zu, das für den wahren T. E. Lawrence galt. Er war nämlich etwas kühn, etwas romantisch – und zu einer Zeit, in der dies nicht üblich war, ein uneheliches Kind.

Das wars: Mit dieser Folge endet die Reihe Wie uns die Anderen sehen, konzipiert von Hanna Engelmeier und Marco Formisano. Für die Serie hatten wir eine besondere Gruppe von Zuwanderern in Berlin um ihren alltagskulturellen Blick auf die Stadt gebeten: Wissenschaftler, Architekten, Mediziner, Schauspieler und Künstler haben von ihrer bisweilen schon vertrauten, aber oft auch noch fremden Heimat erzählt. Durch ihre Arbeit haben sie einen geregelten Zugang zur Stadt und zu den Bewohnern, aufgrund ihrer Herkunft ein besonderes Gespür für die Unterschiede in der Bedeutung alltäglicher Praktiken. Sämtliche 16 Teile dieser Alltagsrituale-Serie unter anderem mit spontanen Italienern, höflichen Japanern und fluchenden Georgiern finden Sie online in unserem Archiv. Viel Vergnügen beim (Nach)-Lesen.

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09:35 24.05.2011

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