„Jetzt nichts zu tun, würde mich krank machen“

Widerstand Unbekannte ­haben den Grünen-­Politiker Ferhad Ahma am zweiten Weihnachtsfeiertag verprügelt. Nun wird er zum Gesicht der ­Exilsyrer in Deutschland

Die Platzwunde am Auge ist verheilt. Die Blutergüsse an Armen und Beinen sind fast abgeschwollen. „Körperlich geht es allmählich wieder“, sagt Ferhad Ahma. Über den Rest spricht der 37-Jährige mit der weichen Stimme und den nachdenklichen Augen nicht viel. Nicht über die Angst, die ein nächtlicher Überfall hinterlassen kann. Nicht über die Drohbotschaft, die Unbekannte mit Schlagstöcken überbrachten. Es soll nur um die politische Sache gehen, um das Aufbäumen in seiner Heimat Syrien, um mehr als 6.000 Tote, zigtausend Häftlinge und Verletzte. Nicht er, der hier in einem Kreuzberger Café unbehelligt seinen Tee trinken kann, soll im Vordergrund stehen. Und doch steht er genau dort. Und das hilft auch seinem politischen Anliegen.

Gegner des Staates

Seit dem zweiten Weihnachtsfeiertag ist Ferhad Ahma so etwas wie das Gesicht der syrischen Opposition in Deutschland. An jenem 26. Dezember saß Ahma wie fast jeden Tag bis spät in die Nacht an seinem Laptop: die Mails lesen, die ihn im Minutentakt mit Informationen der Protestkomitees in Syrien versorgen, skypen mit Mitstreitern, hektisch aufgenommene Videos der Demonstrationen des Tages sichten. Gegen zwei Uhr nachts klopfte es plötzlich an Ahmas Wohnungstür. Er hörte Satzfetzen wie „Polizei“ und „kontrollieren“. Als er die Tür öffnete, drückten ihn zwei „arabisch aussehende“ Männer in den Flur und prügelten wortlos mit Schlagstöcken auf ihn ein. Erst als ein aufgeschreckter Nachbar seine Wohnungstür öffnete, ließen die Eindringlinge von ihm ab und flüchteten.

Für Ferhad Ahma steht fest, wer da zugeschlagen hat und dabei „gezielt meinen Kopf“ treffen wollte. „Das waren Schergen des Regimes. Alles andere ist für mich ausgeschlossen.“ Er weiß, dass er auf einer Liste des syrischen Innenministeriums als „Gegner des Staates“ steht. Er hat sich als Regimegegner exponiert in Exilgruppen. Seit Oktober ist er Vertreter im Syrischen Nationalrat (SNC), einer Art Ersatzparlament der syrischen Aufstandsbewegung mit Vertrauten aus dem Inland und dem weltweiten Exil.

Der Hintergrund dessen, was Ahma über den Überfall schildert, liest sich im Bericht des deutschen Verfassungschutzes so: „Die syrischen Dienste überwachen im In- und Ausland oppositionelle Gruppierungen und Einzelpersonen, in denen sie eine Gefahr für das Regime sehen (...). Für ihre Aktivitäten unterhalten sie eine Legalresidentur an der Syrischen Botschaft in Berlin. Die dort abgetarnt tätigen hauptamtlichen Nachrichtendienstangehörigen führen ein Agentennetz in Deutschland und sind bemüht, dieses auszubauen(…). Zur Einschüchterung von Regimegegnern schrecken sie nicht vor Repressalien gegen Betroffene oder deren im Heimatland lebende Angehörige zurück.“ Das Auswärtige Amt nahm den Überfall auf Ahma immerhin so ernst, dass es den syrischen Botschafter verwarnte: Man dulde auf deutschem Boden keine Einschüchterungsversuche gegen Regimegegner.

Einschüchterungsversuche – Ferhad Ahma kennt sie von Jugend an. 1974 in der Grenzstadt Kamischli im kurdischen Nordosten Syriens geboren, erlebt er, wie sein politisch aktiver Vater wochenlang im Gefängnis verschwindet. Als Gymnasiast wird er selbst mehrfach verhört. Schließlich flüchtet er mit 21 Jahren über die Türkei nach Deutschland. Ahma zahlt für die Flucht mit der Trennung von der Familie. Aber er hat Glück hier. Er wird als Asylberechtigter anerkannt, kann studieren. Mittlerweile arbeitet er als Dolmetscher für deutsche Behörden. Neben der syrischen Staatsbürgerschaft hat er auch einen deutschen Pass. Und weil er „nicht nur in Deutschland ankommen wollte, sondern auch in der deutschen Gesellschaft“, engagiert er sich seit Jahren bei den Grünen und in der Berliner Lokalpolitik.

Traurig und wütend

Seit zehn Monaten, seit die Menschen in Syrien gegen die Gewaltherrschaft Bashar al-Assads auf die Straße gehen, gibt es jedoch für Ahma und seine in Deutschland lebenden Landsleute nur ein Thema: Wie den Widerstand in der Heimat unterstützen? Wie aus dem Exil heraus zivilgesellschaftliche Strukturen und demokratische Netzwerke aufbauen für eine Zeit nach dem Sturz des Assad-Regimes? Rund 50.000 gebürtige Syrer leben in Deutschland. Viele kamen als Studenten oder Ärzte. Andere als Asylsuchende. Über 12.000 syrische Flüchtlinge zählt die aktuelle Statistik, mit unterschiedlich sicherem Aufenthaltsstatus, und es werden von Monat zu Monat mehr. 2.600 neue Asylanträge registrierte das Bundesamt für Migration im letzten Jahr. 80 Prozent mehr als im Vorjahr.

In der großen syrischen Exil-Community hat sich seit dem Aufstand gegen Assad vieles verändert. Zuvor nach Volksgruppen oder Religion zersplitterte Grüppchen formieren sie sich nun in Dachorganisationen wie dem Syrischen Nationalrat oder in einem Netzwerk von Hilfsorganisationen. „Wir haben jetzt ein großes gemeinsames Ziel“, sagt Ahma. Die Fernsehbilder aus Syrien zu sehen, die Nachrichten zu hören von getöteten Freunden und inhaftierten Verwandten, ist für Exilanten wie ihn oft kaum zu ertragen: „Man fühlt sich nicht unbedingt hilflos, aber man wird traurig und wütend, dass die Weltgemeinschaft auch nach zehn Monaten Widerstand und Tausenden Toten den Menschen in Syrien immer noch nicht die nötige Aufmerksamkeit und Unterstützung gibt.“ Ahma selbst ist im Dauereinsatz, gibt Interviews, reist zu Oppositions-Treffen, berichtet im Bundestag, versucht Stiftungen, Verlage und Nichtregierungsorganisationen zu gewinnen für praktische Nachhilfe in Sachen Demokratieaufbau. „Jetzt nichts zu tun“, sagt er, „würde mich krank machen“.

Aber was lässt sich tun von Deutschland aus? Syrische Ärzte schmuggeln über Kuriere Medikamente und Lazarettausstattung, Netzwerke wie der deutsch-syrische Sozialverein „Lien“ sammeln Geld für syrische Aktivisten und ihre Familien. Und Anfang Januar haben sich deutsche Menschenrechtsorganisationen und syrische Exilgruppen zu einer bundesweiten Hilfsinitiative zusammengeschlossen. „Adopt a Revolution“ – adoptiere eine Revolution – heißt das Patenschaftsprojekt, das jenseits von Partei- und Religionszugehörigkeit eine Brücke schlagen will zwischen deutscher Zivilgesellschaft und syrischen Basisgruppen. In direktem Kontakt zu den mittlerweile 300 lokalen Koordinierungskomitees in Syrien wird über Spenden und Dauerpatenschaften Hilfe gesammelt: für klandestine Unterkünfte, Medikamente, Flugblätter. Vor allem aber für die Lebensader der syrischen Opposition, die sie mit dem Exil verbindet: Internet- und Smartphoneverbindungen, Satellitentelefone.

Was Ferhad Ahma am meisten sorgt? Nicht, dass die Schläger wiederkommen könnten – wieder lenkt der Mann mit der dunklen Brille von sich ab auf die politische Sache: „Dass die Menschen in Syrien irgendwann die Hoffnung verlieren und dann die Tendenz zur Militarisierung des Widerstands wächst.“ Und wovon Ahma träumt? Von einer Filiale des Goethe-Instituts in seiner Heimatstadt. Das wäre für ihn das Symbol: Es ist geschafft. „Dann wäre ich persönlich glücklich.“

Vera Gaserow ist freie Journalistin und schrieb im Freitag zuletzt über Polens Atomwende

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12:29 30.01.2012

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