„Kann ich mit Ihnen schlafen?“

New Journalism Für sein Buch über die sexuelle Revolution recherchierte Gay Talese neun Jahre lang in Sexkommunen, Pornokinos und Massagesalons – als teilnehmender Beobachter

Nach Alex Comfort sprachen Al Goldstein, der Verleger von Screw, und Nat Lehrman, der Mitherausgeber des Playboy, bevor ein Schriftsteller aus New York das Podium betrat, dessen Name Gay Talese war und der über seine Recherchen für ein Buch über Sex in Amerika berichtete, das bei dem Verlag Doubleday Company erscheinen sollte.

Talese, ein schlanker Mann von 43 Jahren mit dunklen Augen und braunem Haar, das langsam ergraute, war für viele im Raum kein Fremder mehr. Es war schon bei verschiedenen Gelegenheiten in Sandstone gewesen, auch im „Ballsaal“, und sein Buch, das im Entstehen war, hatte bereits eine unglaubliche Publicity in zahlreichen Zeitungen und Magazinen bekommen. Mit ironischem Unterton wurde in Artikeln von seinen journalistischen Praktiken als „teilnehmender Beobachter“ in der Welt der Erotik berichtet, von seiner Vorliebe für Massagesalons, von seinen Nachmittagen in dunklen Pornokinos und seiner Vertrautheit mit Swinger-Clubs im ganzen Land und implizit angedeutet, dass dies nur ein geschicktes Manöver seinerseits war, seinen fleischlichen Lüsten nachzugeben und seine Frau zu betrügen und dies mit dem Mäntelchen der sexuellen „Recherche“ zu behängen.

Diesem Image eines sinnenfreudigen Abenteurers hatte Talese nie ausdrücklich widersprochen, in der Annahme, dass ein solcher Widerspruch ihm als Rechtfertigungsversuch ausgelegt werden würde, zu dem er sich eigentlich nicht genötigt sah, oder man ihn als einen der üblichen Heuchler bezeichnete, die so lange für die Pressefreiheit eintraten, wie es um ihr Recht auf pornographische Lektüre ging, um sie just in dem Augenblick einzuschränken, wenn sie selbst ins Visier der Presse gerieten. Und so versuchte er klarzustellen, dass seine vermeintlich idyllischen Arbeitsbedingungen so berauschend, wie viele Leute offensichtlich dachten, gar nicht waren. Und was ihn am meisten irritierte, war die Tatsache, dass er nach drei Jahren Recherche und unzähligen Stunden des Grübelns an der Schreibmaschine noch kein einziges Wort zu Papier gebracht hatte und noch nicht einmal wusste, wie er das Buch beginnen lassen oder das Material gliedern sollte. Oder ob das, was er über Sex zu schreiben gedachte, nicht schon in Dutzenden von kürzlich erschienenen Büchern von Eheberatern, Sozialgeschichtlern und prominenten Talkshow-Gästen abgehandelt worden war.

Seriöses Vorhaben

Dabei war Talese in letzter Zeit häufig selbst in Talkshows aufgetreten, nachdem ein Journalist ihn in New York als Geschäftsführer eines Massagesalons aufgespürt und einen entsprechend süffisanten Artikel darüber verfasst hatte. Dem daraus entstandenen falschen Eindruck versuchte Talese im Fernsehen entgegenzutreten, indem er die Seriosität seines literarischen Vorhabens, wenn auch manchmal zu verbissen, betonte. Auch seine Rede in Sandstone galt diesem Ziel. Er wollte sich dem Publikum ohne jegliche Selbstbeweihräucherung als pflichtbewusster Rechercheur und Schriftsteller präsentieren, der im Augenblick – ungeachtet persönlicher Verstrickungen und Laster – an seinem wichtigsten Werk arbeitete. Darin wollte er die Menschen und Ereignisse schildern, die in den letzten Jahrzehnten die Neudefinition der Sexualmoral in Amerika entscheidend beeinflusst hatten.

Nachdem Talese den Zuhörern von Martin Zitter, einem jungen Stabsmitglied von Sandstone und einer der wenigen Nackten im Raum, vorgestellt worden war, stand er auf und betrat mit seinem vorbereiteten Text das Podium:

Diese Nation wird langsam, aber sicher von einer lautlosen Revolution der Sinne überrollt, in der alte Konventionen ihre Gültigkeit verlieren. Sogar in der Mittelschicht, auf die sich meine Recherchen konzentrieren, ist eine zunehmende Toleranz für die Darstellung von Sexualität in Literatur und Film zu spüren, ein größeres Verständnis für das, was in den Schlafzimmern bisher als „pervers“ gegolten hat – als da sind: Spiegel an den Wänden, farbiges Licht und Kerzen, Vibratoren neben dem Bett, Satinbettwäsche, Pornofilmkassetten, oraler Sex und viele andere Aktivitäten, die das Gesetz in gewissen Staaten nach wie vor als „Sodomie“ verurteilt. Der Erfolg von The Joy of Sex, ein Buch, das vor ein paar Jahren noch als ‚Schmutz und Schund‘ verdammt worden wäre, ist ein weiterer Beweis dafür, dass der Durchschnittsbürger, was erotische Schilderungen anbelangt, weniger zimperlich geworden ist.

Talese nickte Dr. Comfort zu, dem Verfasser des erwähnten Werkes, der in seiner Nähe saß.

Von diesem Buch sind bis heute 700.000 Exemplare verkauft worden, auch in der Provinz, obwohl darin Zeichnungen von nackten Paaren zu sehen sind, die den Geschlechtsakt in jeder nur denkbaren Stellung zeigen und nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig lassen.

Auf ganz gesitteten Dinnerpartys hört man jetzt Leute, die über die intimsten Aspekte ihres Privatlebens auf eine Weise diskutieren, wie es in den sechziger Jahren gesellschaftlich noch unmöglich gewesen wäre. Homosexuellenbars sind nicht länger Zielscheibe von Polizeirazzien, seit sich die Homosexuellen als Bewegung organisiert haben. Und die meisten Eltern der Mittelklasse haben sich mit der Tatsache ab­gefunden, dass ihre Kinder am College vorehelichen Sex in ihren Wohnungen oder sogar Studentenheimen haben. Und auch wenn ich es nicht beweisen kann, so wage ich dennoch die Behauptung, dass mittlerweile mehr Ehemänner als je zuvor in der amerikanischen Geschichte mit der Gewissheit leben können, dass ihre Frauen nicht jungfräulich in die Ehe getreten sind und, dass sie gelegentlich eine außereheliche Affäre hatten oder haben. Wobei ich nicht behaupte, dass diese Ehemänner darüber begeistert sind, sondern lediglich feststelle, dass der Ehemann der heutigen Zeit, im Gegensatz zu seinem Vater oder Großvater, über eine solche Enthüllung nicht völlig am Boden zerstört und entehrt ist, sondern eher geneigt, Frauen als sexuelle Wesen zu akzeptieren und nur in Extremfällen Zuflucht suchen wird zu Gewalt gegen die Frau oder den Rivalen …

Im Gegensatz zu den meisten im Publikum, die 20 bis 30 Jahre jünger waren als er, konnte sich Talese sehr lebhaft an die rigiden Moralvorstellungen der dreißiger und vierziger Jahre erinnern, wie sie damals vor allem in den Provinzstädten herrschten. Er war in einer konservativen Gemeinde im Süden von New Jersey geboren und aufgewachsen, wo sogar jetzt noch, in den siebziger Jahren, der Verkauf von alkoholischen Getränken verboten war. Als ehemaliger Ministrant erinnerte er sich an die düsteren Prophezeiungen des Priesters, der seinen Pfarrkindern bei der sonntäglichen Messe die Strafe des Himmels androhte, wenn sie ein Buch lasen, das auf dem Index stand, oder sich einen der Filme ansahen, die von der „Legion of Decency“ mit einem Bann belegt waren. In der Pfarrschule wurden er und seine Klassenkameraden ermahnt, nachts auf dem Rücken zu schlafen – die Arme über der Brust gekreuzt und die Hände auf den Schultern. Eine vermeintlich heilige Position, die in Wirklichkeit dazu dienen sollte, Masturbation unmöglich zu machen. Talese war bereits das zweite Jahr auf dem College, bevor er zum ersten Mal onanierte, allerdings nicht mit dem Bild einer Schönheit aus einem der Männermagazine, die er sich nicht zu kaufen traute, sondern erregt von den Gedanken an eine Studentin, mit der er damals flirtete.

Und plötzlich, Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre, schien es ihm, als tauchten die Herrenmagazine aus ihren Verstecken unter dem Ladentisch auf und wurden frei verkauft. Erotische Romane waren nicht länger geächtet, der nackte Körper hielt Einzug im Hollywood-Film. Diese Veränderung machte sich nicht nur in den Großstädten bemerkbar, in denen er als freiberuflicher Journalist oft zu tun hatte, sondern auch in konservativen Gemeinden, zu denen seine Heimatstadt zählte, der er regelmäßig einen Besuch abstattete. Und im Jahre 1971, als er mit den Recherchen für sein neues Buch begann, wurde er gewahr, dass die Amerikaner allem Sexuellen gegenüber aufgeschlossener wurden, dass der Konsum erotischer Artikel immer weiter anstieg. Er spürte die stille Rebellion unter den Angehörigen der Mittelklasse gegen staatliche Zensur und kirchliche Bevormundung, die seit der Gründung der puritanischen Republik ihre repressive Wirkung entfaltet hatten.

Er las Kommentare über Sittengesetze, verfolgte Obszönitätsprozesse, interviewte die Verleger von Screw und ähnlichen Zeitschriften und begann seine persönliche Odyssee in die Welt des Sex damit, Massagesalons aufzusuchen und dort regelmäßiger Kunde zu werden.

Als er in New York zum ersten Mal einen Massagesalon entdeckte, befand er sich mit seiner Frau auf dem Heimweg von P. J. Clark’s Tavern. Über einem Fenster im dritten Stock eines Gebäudes an der Lexington Avenue flackerten rote Neonbuchstaben. „Nacktmodelle“, hieß es da. Er war erstaunt, dass ein derartiges Etablissement so öffentlich zu werben wagte.

Er kam allein zurück

Am nächsten Mittag kam er allein zurück, stieg die drei Treppen hoch und betrat durch einen verhängten Eingang einen Raum, der wie das Wohnzimmer eines alten, heruntergekommenen Hauses aussah. Der Perserteppich war verblichen und abgetreten. Sofas, Tische und Stehlampen stammten offensichtlich vom Trödler, und die stillen Männer mittleren Alters, die wie Patienten beim Zahnarzt auf ihre „Behandlung“ warteten, schienen sich nicht auf die Zeitungen in ihren Händen konzentrieren zu können.

Talese trat an den Tisch des Managers, hinter dem ein junger Mann in Bluejeans saß, der ihm erklärte, dass eine Behandlung von einer halben Stunde 18 Dollar kostete und er sich seine Masseuse anhand des halben Dutzend Fotos aussuchen konnte, die er nun vor Talese ausbreitete. Talese suchte sich eine nett aussehende Blondine mit dem Namen June aus, die im Bikini an einem tropischen Strand posierte, und nachdem er zwanzig Minuten gewartet und sich seine Zeit mit der Newsweek und der Beobachtung lautloser Auftritte und Abgänge anderer Männer vertrieben hatte – die meisten waren in seinem Alter oder älter, trugen Anzug und Krawatte, Geschäftsleute während der Mittagspause, wie er annahm –, winkte der Manager ihm zu. Als Talese sich erhob, sah er ein blondes Geschöpf mit Sommersprossen, das wenig Ähnlichkeit mit dem Foto hatte, vielleicht sogar nicht einmal dieselbe Person, trotzdem aber attraktiv war, im Korridor stehen und auf ihn warten. Sie war schlank und hatte einen leichten Silberblick. Sie trug einen rosa Wickelrock, ein gelbes T-Shirt und hatte Sandalen an den Füßen. Mit einem Frottiertuch über dem Arm führte sie ihn den Gang entlang zu Zimmer Nr. 5.

Mit deutlichem Südstaatenakzent erzählte sie, sie komme aus Alabama. Dort war Talese aufs College gegangen. Sie hörte kurz zu, als er von Alabama schwärmte, und wurde schnell ungeduldig. Dies war ein Geschäftstermin, erinnerte sie ihn, die Zeit lief bereits. Sie sagte, er sollte sich rasch ausziehen und auf den Tisch legen, über den sie das Tuch gebreitet hatte. Anschließend entkleidete sie sich und überraschte ihn mit einem wohlgeformten Körper, den er sehr aufregend fand.

„Öl oder Puder?“, fragte sie und trat an den Tisch.

Unsicher blickte er sich um. „Gibt es hier eine Dusche?“

„Nein.“

„Dann nehme ich lieber Puder, bitte.“

Sie griff nach einer Dose Babypuder, und schon spürte er, wie ihre weichen Hände Brust und Schultern massierten und hinunter zu seinem Bauch und seinen Schenkeln glitten. Er roch ihr Parfüm, spürte, wie seine Handflächen feucht und sein Penis steif wurde. Er schloss die Augen und hörte Seufzer aus den angrenzenden Räumen sowie den Straßenlärm von der Lexington Avenue – das Hupen der Autos, die Geräusche von anfahrenden Bussen, und er dachte an die Kunden und Verkäufer bei Bloomingdale’s und Alexander’s, den Kaufhäusern auf der anderen Straßenseite …

„Möchten Sie etwas Spezielles?“, fragte sie.

Er schlug die Augen auf und sah, dass sie seinen Penis betrachtete.

„Kann ich mit Ihnen schlafen?“, fragte er. Sie schüttelte den Kopf.

„Nein, das mach ich nicht. Französisch auch nicht. Nur mit der Hand.“

„Einverstanden.“

„Das kostet extra.“

„Wie viel?“

„15 Dollar.“

Zu viel, dachte er im Stillen. Doch in seinem erregten Zustand wollte er nicht lange feilschen. Also nickte er und beobachtete neugierig und voller Ungeduld, wie sie seine Lenden mit Puder bestäubte und sich anschickte, ihn zum Orgasmus zu massieren – wobei sie genau den Augenblick abpasste, an dem sie ein Kleenextuch aus der Schachtel neben sich reißen musste.

Manche Leute finden ein solches Erlebnis vielleicht erniedrigend oder deprimierend, doch Talese genoss die seltsame Unpersönlichkeit dieses Kontaktes und besuchte den Salon immer wieder, wobei er nicht nur die Dienste von June in Anspruch nahm, sondern auch die von den anderen Mädchen, und durch sie erfuhr er, dass dies nicht das einzige Etablissement dieser Art in New York war.

Den Rest des Jahres und das kommende Jahr 1972 besuchte er Dutzende solcher Etablissements so regelmäßig, dass er nicht nur die weiblichen Angestellten, sondern auch die jungen Manager und Besitzer näher kennen lernte. Einige hatten englische Literatur studiert oder Journalismus und kannten Taleses Artikel. Sie fanden es „cool“, dass er gleichzeitig Kunde war und über ihre Dienste berichtete. Sie nahmen seine Einladungen zum Essen an, ließen sich ausfragen und gestatteten ihm, ihre richtigen Namen zu erwähnen. Schließlich gaben sie ihm sogar die Möglichkeit, in ihrem Salon als Manager ohne Bezahlung zu arbeiten.

Ein Job im Secret Life Studio

Taleses erster Job war im Secret Life Studio im zweiten Stock des Gebäudes 132 East 26th Street Ecke Lexington Avenue. Etliche Wochen lang arbeitete er von zwölf Uhr mittags bis abends um sechs, den ganzen Frühling und Sommer hindurch. Er war verantwortlich fürs Abkassieren und unterhielt sich mit den wartenden Kunden, ohne dabei die Uhr aus den Augen zu lassen. Wenn nicht gerade Hochbetrieb herrschte, fragte Talese die Masseusen über ihre Kunden aus, was sie ihnen über ihr Privatleben, ihre Frustrationen, Wünsche und Fantasien erzählt hatten. Bald schon gelang es ihm, die Masseusen dazu zu überreden, Tagebuch für ihn zu führen, in dem jeder einzelne Gast genau beschrieben und festgehalten wurde, was hinter den geschlossenen Türen gesagt worden und geschehen war, und welche Gedanken der Masseuse selbst durch den Kopf gegangen waren, während sie die Wünsche ihres Kunden erfüllt hatte. Talese hatte ursprünglich die Absicht, eine fiktive Geschichte über einen Geschäftsmann mittleren Alters und ein Hippiemädchen vom College zu schreiben, die sich in einem Massagesalon begegnen, wo sie gegen Bezahlung seine erotischen Bedürfnisse befriedigt und von seinen Hemmungen finanziell profitiert, bis sie sich allmählich anfreunden und sie ihm hilft, seine Schuldgefühle und seine Verklemmtheit abzulegen. Aufgrund von Hunderten von Gesprächen mit männlichen Salonbesuchern und der Lektüre der Tagebücher bereitete es dem Autor wenig Schwierigkeiten, sich in diese Männer hineinzufühlen. Denn in mancher Hinsicht war er wie sie, und in den Aufzeichnungen der Masseusen fand er immer wieder Äußerungen, die von ihm stammen könnten.

Wie die meisten Männer hing Talese an seiner langjährigen Ehe, die er nicht aufgeben wollte. Er hatte zwar Affären gehabt, doch nie daran gedacht, seine Frau wegen einer anderen zu verlassen, auch wenn er einige von ihnen bewunderte und selbst nach dem Ende ihrer Affäre eine freundschaftliche Beziehung mit ihnen aufrecht erhielt. Prostituierte hatten ihn nie gereizt, zumal die Mädchen vom Straßenstrich gewöhnlich sehr wenig Bildung, dafür aber jede Menge Drogenprobleme hatten und selten attraktiv aussahen. Aber sich von einer attraktiven Masseuse befriedigen zu lassen, von einer Frau, mit der man sich auch über etwas anderes als Sex unterhalten konnte, war etwas ganz anderes.

Der Großteil der Stammgäste fand Onanieren in der Einsamkeit der eigenen vier Wände deprimierend. Die Gegenwart einer Frau, mit der man kommunizieren konnte, und die einem, wenn schon nicht Liebe, so doch wenigstens Verständnis entgegenbrachte, empfanden sie ebenso wie Talese als wohltuend und angenehm. Und im Laufe der Monate betrachtete er die Masseusen zunehmend als eine Art Sexualtherapeutinnen, die lediglich keine Lizenz dafür hatten. Ebenso wie Tausende von Menschen jeden Tag Psychotherapeuten dafür bezahlten, dass sie ihnen zuhörten, bezahlten die Besucher der Massagesalons dafür, dass man sie berührte.

Und wenn der Großteil seiner Geschlechtsgenossen so empfand wie er – seine Gespräche mit ihnen und die Tagebücher brachten ihn zu dieser Überzeugung –, dann schränkten ihre sexuellen Aktivitäten mit einer Masseuse ihre Leidenschaft für ihre Ehefrauen nicht im Geringsten ein. Tatsächlich erzählten viele, sie hätten am Abend nach einer Massage sogar mehr Lust auf ihre Frau. Offensichtlich aktivierten die Masseusen die sexuellen Triebkräfte älterer Herren, gaben ihnen Selbstvertrauen, spornten ihren Eifer an, die Gattin im Bett und außerhalb zufrieden zustellen.

Während der Monate, die Talese hinter seinem Pult im Secret Life Studio stand und später als Manager des Middle East Salons an der 51st Street, passierte es kein einziges Mal, dass eine Frau anrief und fragte, ob auch junge männliche Masseure für Frauen zur Verfügung stünden. Was nicht daran liegen konnte, dass sich Frauen nicht über die Existenz von Massagesalons im Klaren waren, denn in Taxis and Hauswänden und Plakatflächen klebten überall Werbezettel für verschiedene Massagesalons und die Anzeigen in der New York Post und der Village Voice verhießen sinnliche Befriedigung für Männer und Frauen. Talese war davon überzeugt, dass es in New York zahllose Frauen geben musste – Witwen, alte Jungfern, sexuell emanzipierte Angestellte mittleren Alters –, die eine Massage mit allen erotischen Delikatessen einschließlich oralem Sex in einem gepflegten Ambiente durchaus begrüßen würden. Aber die Salonbesitzer, die Talese daraufhin ansprach, versicherten ihm, dass es dafür keinen Markt gab. Mit viel Reklame war ein einschlägiger Salon in einem guten Hotel an der East Side eröffnet worden, dem es jedoch nicht gelungen war, genügend Kundinnen für seine jungen Masseure anzulocken, und bald musste er wieder schließen. Frauen waren offensichtlich nicht bereit, solche Dienste gegen Geld in Anspruch zu nehmen. Frauen waren gewillt, Männer dafür zu bezahlen, dass sie ihnen die Haare wuschen, ihre Kleider entwarfen, ihre kranke Psyche behandelten oder ihnen halfen ihren Bauch loszuwerden – aber nicht für manuelle Stimulation, Cunnilingus oder einen Koitus.

© 2007 Rogner Bernhard

Gay Talese, geboren 1932 in Ocean City, New Jersey, ist einer der renommiertesten Reporter Amerikas und gilt als Mitbegründer des New Journalism. Bekannt geworden ist er für seine extrem aufwändig recherchierten und literarisch geschriebenen Reportagen. Für sein Buch

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09:00 26.12.2010

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