„Viele haben das Gefühl, in Deutschland unerwünscht zu sein“

Im Gespräch Der Migrationsforscher Howard Duncan über Kanadas Einwanderungspolitik und den globalen Wettbewerb um die Qualifizierten

Der Freitag

: Herr Duncan, Kanada konzentriert sich darauf, die Zuwanderungszahlen zu halten, statt zu versuchen, die Geburtenrate anzuheben. Warum?

Howard Duncan: Letzteres hat Kanada versucht, aber es hat nicht funktioniert. Die erreichbaren Steigerungen der Geburtenzahlen sind zu gering. Solange wir dagegen die Zuwanderungszahlen auf dem derzeitigen Niveau halten, wird die Bevölkerung in den nächsten 25 Jahren weiter wachsen.

Versteht die kanadische Öffentlichkeit die Notwendigkeit von Zuwanderung?

Die kanadische Regierung hat das auf jeden Fall verstanden. In der zurückliegenden Wirtschaftskrise haben viele Länder die Zahl der Einwanderer beschränkt – Kanada nicht.

Was macht Kanada für Migranten so attraktiv?

Kanadas offene Wirtschaft, die für zahlreiche Arbeitsmöglichkeiten sorgt; Kanadas moderne, demokratische, aufgeschlossene Gesellschaft. Ich glaube nicht, dass sich Migranten Sorgen machen, ob sie in Kanada Opfer von Diskriminierung werden könnten. Kanada bemüht sich schon seit langer Zeit erfolgreich um Migranten, so dass es inzwischen viele ausdifferenzierte ethnische Gemeinschaften im Land gibt. Das allein bewegt Menschen aus den gleichen Herkunftsländern, nach Kanada zu emigrieren, weshalb wir ein Programm für die Familienzusammenführung haben. Wenn sie zum Beispiel junge Zuwanderer aus Indien haben, die ihre Freunde und Familien bei der Einwanderung unterstützen, so führt dies zu einer Kettenreaktion.

Bemerken Sie den zunehmenden weltweiten Wettbewerb um qualifizierte Arbeiter?

Ja, absolut. Wir standen schon immer im Wettbewerb mit den Vereinigten Staaten. Sie sind weltweit das Ziel erster Wahl von Migranten. Daher musste Kanada sehr hart arbeiten, um die genannten Bedingungen zu schaffen. Im Jahr 2008 kam der größte Teil aus China, gefolgt von Indien, den Philippinen und an vierter Stelle den USA. In Kanada gibt es Migranten aus nahezu allen Ländern der Welt. Das ist ein Vorteil für Einwanderungsländer, da auf diese Weise keine bestimmte Gruppe dominiert. Meiner Meinung nach spielt das auch eine Rolle, wenn Menschen darüber nachdenken zu emigrieren.

Sind neu in den Wettbewerb eingetretene Länder zu bemerken?

Die Fähigkeit der Europäischen Union, Migranten anzuziehen, ist durchaus ernst zunehmen. Dennoch glaube ich nicht, dass irgendein Land der EU einen besorgniserregenden Konkurrenten darstellt, da die Einwandererzahlen von Hochqualifizierten noch sehr gering sind. In Deutschland sind es zum Beispiel nur einige Hundert.

Was würden sie Deutschland empfehlen, um seine Zuwanderungspolitik zu verbessern?

Zunächst müsste sich Deutschland auf internationaler Ebene Öffentlichkeitsarbeit machen und sich ernsthaft als Einwanderungsland präsentieren. Diese Ansage muss vom Kanzleramt kommen und bis nach unten durch die Ministerien erfolgen. Ich glaube, viele potenzielle Zuwanderer entscheiden sich gegen die Emigration nach Deutschland, da sie das Gefühl haben, dort unerwünscht zu sein – auch wenn das wahrscheinlich ein Trugschluss ist. Deutschland haftet der Ruf des Gastarbeiter­landes an, in dem sich Migranten nur auf eine beschränkte Zeit aufhalten dürfen.

Und innenpolitisch?

Darüber hinaus muss die Regierung der deutschen Öffentlichkeit verständlich machen, dass Zuwanderung in ihrem Interesse liegt und die Regierung diese unter Kontrolle hat.

In Deutschland fürchten Teile der Bevölkerung, dass Immigranten die Sozialsysteme missbrauchen könnten. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Meinungsumfragen zeigen Jahr für Jahr, dass die kanadische Öffentlichkeit die Zahl der Zuwanderer für angemessen hält. Wir kennen drei großen Gruppen: Wirtschaftsmigranten, so genannte family class migrants und Flüchtlinge. Von Flüchtlingen erwarten die Kanadier, dass sie die Unterstützung des Staates in Anspruch nehmen werden. Die family class migrants werden von Familienmitgliedern finanziert. Und Wirtschaftsmigranten kommen ins Land, um zu arbeiten oder Geschäfte zu machen - also Jobs zu schaffen. Es existiert sicherlich eine gewisse Sorge über die gegenwärtige Arbeitslosigkeit unter den Qualifizierten. Das aber wird typischerweise als Problem der Anerkennung ausländischer Zeugnisse formuliert und als Zeichen, dass mehr Hilfe nötig ist.

Viele Herkunftsländer der Migranten beklagen mittlerweile den Abfluss qualifizierter Kräfte.

Das unterscheidet sich von Staat zu Staat: Auf den Philippinen werden mehr Krankenpfleger ausgebildet, als das Land benötigt. Damit wird absichtlich ein Überschuss an Personal auf dem heimischen Markt hergestellt. Ein Problem für die Philippinen sind Ärzte, die das Land verlassen. Interessanterweise schulen sich Ärzte zu Krankenpflegern um, um in diesem Beruf im Ausland zu arbeiten. Der Westen muss mit Ländern wie den Philippinen zusammenarbeiten, um die Migrationsströme so zu lenken, dass kein allzu großer Schaden in den Herkunftsländern entsteht.

Wenn ein Grund für die erfolgreiche Integration der Zuwanderer die bereits bestehende ethnische Vielfalt ist, hat Deutschland ein Problem, oder?

Es braucht politische Führung. In Kanada, Australien und Neuseeland gibt es keine politischen Parteien, die gegen Zuwanderung sind. Es bedarf aber natürlich auch eines strategischen Programms, die Aufnahme von Zuwanderern zu organisieren, die Integration zu gestalten und sicherzustellen, dass die Menschen in die Arbeitswelt aufgenommen werden. Die im Ausland erworbenen Fähigkeiten und Abschlüssen müssen anerkannt werden. Die deutsche Sprache muss intensiv vermittelt werden.

Deutsch wird weniger gesprochen und gilt als schwerer als Englisch.

Es werden sicherlich große finan­zielle Investitionen in Sprach­training notwendig sein, aber es ist nicht unmöglich. Nehmen Sie Israel: Jeder, der Jude ist, kann dort hinkommen, auch wenn er kein Hebräisch spricht – genau ­genommen spricht kaum einer von den Immigranten Hebräisch. Sobald Sie ins Land gelangen, wird mit der Sprachausbildung ­angefangen, damit die Leute sofort einer Arbeit nachgehen können. Man hat sich entschieden, einen enormen Betrag in die ­Integrationsarbeit zu investieren. Deutschland wird den gleichen Weg gehen müssen. Es kann ge­lingen.

Howard Duncan leitet seit 1997 das Metropolis Project, ein internationales Netzwerk für vergleichende Politikwissenschaft, das sich mit Themen wie Migration, Integration und multi-kulturelle Gesellschaft befasst. Der studierte Philosoph und Anglist hat in Ottawa studiert und in Ontario promoviert

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06:00 10.08.2010

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