„Wikipedia ist nur dann gut, wenn sie bunt ist“

Im Gespräch Wikimedia-Geschäftsführerin Sue Gardner sagt: Die Online-Enzyklopädie wird nur mit mehr Autorinnen besser

Der Freitag: Worin liegt denn das Problem, wenn 85 Prozent der Wikipedia-Einträge von Männern verfasst werden? Ist es nicht egal, wer eine Enzyklopädie schreibt?

 

Sue Gardner:

Überhaupt nicht. Wikipedia will ja das gesamte menschliche Wissen umfassen. Also brauchen wir sowohl Autorinnen als auch Autoren, Menschen jeglicher Nationalität, politischer Gesinnung und jeden Alters. Die ist eine Frage der Qualität – je bunter, desto besser. Uns mangelt es dramatisch an Frauen. Das müssen wir ändern, wenn wir unseren Job gut machen wollen.

Aber es heißt doch: „Bei Wikipedia kann jeder ­schreiben, der will ...“

Ich versuche, immer ganz genau zu erklären, worum es mir dabei geht: Seit ihren Anfängen ist die Idee der Wikipedia vor allem für Menschen attraktiv, die tendenziell ein eher „männliches“ Verhalten zeigen – die etwa eine hohe Technik-Affinität besitzen, ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein in Bezug auf das eigene Wissen und einen Hang zu Diskussionen. Frauen werden nicht bewusst ausgeschlossen, im Gegenteil ist der Großteil der Community unglücklich damit, dass unsere Autorenschaft so homogen ist. Unsere Herausforderung ist deshalb, die Mechanismen zu reduzieren, die dieses Ungleichgewicht weiter fördern und Frauen abschrecken.

In Diskussionen taucht immer wieder die Vermutung auf, Männer neigten eher zur Obsession mit einem Thema und Wikipedia biete ihnen das perfekte Forum, sich als Experten zu profilieren.

Ja, das höre ich oft. Aber ich habe noch keine wissenschaftlichen Beweise für diese These finden können. Vielleicht ist es wahr, vielleicht nicht. Ich denke, es gibt eine ganze Reihe an kulturell-gesellschaftlichen Faktoren, die dazu führen, dass Frauen sich bei uns weniger beteiligen.

Zum Beispiel?

Frauen haben im Durchschnitt weniger Freizeit als Männer und sind tendenziell weniger an Technik interessiert. Studien legen nahe, dass Mädchen und Frauen seltener als Jungs und Männer einzelgängerische Hobbys pflegen. Und wie schon angedeutet, muss man für Wikipedia sehr von sich überzeugt sein. Immerhin muss man glauben, etwas zu wissen, das es wert ist, mit anderen geteilt zu werden.

Das sind ja alles Faktoren aus der Offline-Welt. Muss sich die zuerst ändern, bevor sich etwas an den Geschlechter­verhältnissen im Netz ändert?

Klar reflektiert Wikipedia die Probleme der Welt außerhalb von Wikipedia. Aber auch wenn ich nicht übertreiben will, würde ich doch behaupten, dass Wikipedia sogar zur Lösung dieser Probleme beitragen kann.

Und wie?

Die Menschen nutzen Wikipedia, um Informationen zu bekommen, die ihnen helfen, ihre Welt besser zu verstehen. Gleichzeitig arbeiten bei Wikipedia intelligente Menschen mit besten Absichten zusammen und werden ebenfalls jeden Tag ein bisschen klüger. Und in letzter Zeit gab es auf unserer Seite eine Menge wirklich interessanter Diskussionen zum Thema „Geschlecht“: Ältere Feministinnen erzählen jungen Männern ihre Geschichte, und zwar Männern, die vermutlich nie zuvor über Geschlechterfragen nachgedacht haben. Es ist herrlich zu sehen, wie sie voneinander lernen und verstehen lernen.

Aber immer wieder berichten Frauen, die für Wikipedia schreiben, von sexistischen Beschimpfungen in den Diskussionen um Artikel. Oder dass ihre Beiträge gleich ganz als „irrelevant“ gelöscht werden – obwohl sie sich sicher sind, die Relevanzkriterien genau beachtet zu haben. Hat die Wikipedia ein Sexismus-Problem?

Das Problem ist weniger Sexismus als eher der Kampf um Vorherrschaft. Textliche Entscheidungen treffen die Autorinnen und Autoren im Konsens. Deswegen ist auch die Verschiedenheit der Mitarbeitenden so wichtig. Je breiter der kulturelle und politische Hintergrund der Schreibenden ist, desto sicherer können wir sein, dass die Kompromisse, die sie durch gegenseitiges Editieren finden, aus Wikipedia eine solide, ergiebige und ausgewogene Quelle machen. Sobald aber eine Gruppe, zum Beispiel Frauen, unterrepräsentiert ist, kommen bei Wiki­pedia Themen zu kurz, die überwiegend Frauen interessieren oder einfach für sie eine andere Relevanz haben als für Männer. Genauso, wenn zu wenige Menschen aus anderen Kulturen mitschreiben – dann ist Wiki­pedia in Themen, die in deren Leben eine Rolle spielen, nicht so gut, wie es sein könnte.

Die Wikipedia repräsentiert immer stärker das geteilte Wissen unserer Gesellschaft. Und das wird von weißen, jungen Männern dominiert.

Das ist die Gefahr. Das Problem ist vor allem, dass Autoren nicht wissen, was sie nicht wissen. Ein Beispiel: Wenn du ein junger Mann von 22 Jahren bist, ist es ein bisschen wahrscheinlicher, dass du noch nie etwas von Doris Lessing gehört hast, als wenn du eine 44 Jahre alte Frau bist. Das heißt zwar nicht, dass du den Doris-Lessing-Artikel gleich als irrelevant löschst, aber es ist ziemlich wahrscheinlich, dass du die Wichtigkeit dieses Eintrages unterschätzt. Genau das nervt und frustriert die Frauen, die sich darüber beschweren, dass ihre Einträge umgeschrieben werden oder über ihre Relevanz diskutiert wird. Im schlechtesten Fall schreiben diese Frauen keine weiteren Artikel.

Dazu ist es für Mädchen und Frauen nicht wirklich „cool“, sich als Wikipedia-Autorin zu outen.

Die Geek-Kultur ist tatsächlich etwas männlich Konnotiertes. Frauen bekommen ihr Leben lang von den Medien eingetrichtert, sie seien Konsumentinnen, aber keine Produzentinnen, Macherinnen. Unsere ganze Kultur entmutigt Mädchen und Frauen, ihre individuellen Leidenschaften zu verfolgen. Stattdessen werden sie angehalten, sich an anderen zu orientieren, um gesellschaftliche Anerkennung zu bekommen. Dass auch Technologie ein gutes Feld ist, um genau das zu erreichen, davon hat unsere Gesellschaft Frauen noch nicht überzeugen können.

Wie wollen Sie das ändern?

Wir starten bald ein Forschungsprojekt, das herausfinden soll, was genau Frauen daran hindert, sich an der Wikipedia zu beteiligen. Dabei werden Ergebnisse sowohl für uns in der Wikimedia Foundation als auch für die Community herauskommen. Außerdem sind in den vergangenen Monaten viele kleinere Initiativen entstanden, um den Frauenanteil zu erhöhen – das freut mich besonders, denn es zeigt, wie ein Kulturwandel einsetzt: nämlich durch die Arbeit der Basis. Es gibt auch

Sue Gardner, Jahrgang 1967, ist seit Dezember 2007 Geschäftsführerin der Wikimedia Foundation in San Francisco. Sie hat selbst einige Jahre lang in der englischsprachigen Wikipedia geschrieben nur gelegentlich und anonym, wie sie selbst sagt. Ihr erster Beitrag war die Bearbeitung eines Artikels zum Canadian Broadcasting Corporation Radio Service, bei dem sie zu dieser Zeit arbeitete. Erst Jahre später wurde ihr bewusst, dass sie damit gegen eine Wikipedia-Richtlinie verstoßen hatte, weil sie sich zu diesem Zeitpunkt in einem Interessenkonflikt befand

Die Revolution haben wir uns anders vorgestellt, heißt das Motto des Berliner Medienkongress von taz und Freitag. Alle Infos gibt es hier:

08:00 07.04.2011

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