Abfahrt aufs Land

China Millionen Wanderarbeiter ziehen durch Chinas Städte und finden keine Jobs. Um Proteste zu vermeiden, will sie die Regierung in ihre Heimat zurückschicken

Mit grimmiger Miene steht der Bauernsohn Yao Chunli vor der Eingangstür der Verpackungsfabrik "Zhongbao". Seit vier Tagen wandert er auf der Suche nach Arbeit durch das Fabrikviertel "Süden Nr. 5" in Chinas südlicher Produktionsstadt Dongguan. Neben gelbgrauen Betonfabriken säumen kleine Garküchen und Kramläden die Straßenzüge im Stadtteil Houjie. Jahrelang wurden in der 1,5-Millionen-Stadt nahe bei Hongkong in Hunderten Manufakturen Turnschuhe, T-Shirts und DVD-Player für den Export produziert. Nun stehen viele Fabrikhallen schon seit Monaten leer, Läden haben die Rollgitter heruntergelassen, Müll liegt auf den Straßen, Polizisten laufen 24 Stunden am Tag Streife – Plakate mit der Aufschrift "Hart durchgreifen für den sozialen Frieden" hängen zwischen Laternenmasten.


Die südliche Provinz Guangdong galt lange als ökonomisches Aushängeschild Chinas und sorgte 2008 für fast zwei Drittel der landesweiten Ausfuhren, doch mit der Krise schwinden Absatzmärkte und Aufträge. Nach Angaben der Provinzbehörden sind mehr als ein Viertel der Betriebe pleite. Wer bisher überlebt hat, zahlt oft nur noch Hungerlöhne. Für 2009 erwartet der Provinzsekretär von Guangdong bestenfalls eine Stagnation, unter der auch Millionen von Wanderarbeitern zu leiden haben. Mindestens 20 Millionen dieser Industrienomaden haben im Vorjahr ihren Job verloren. Wie Yao Chunli ziehen sie nun auf der Suche nach Arbeit durch die Straßen der großen Städte und tun das in aggressiver Stimmung. Der chinesische Gewerkschaftsfunktionär Sun Chunlan spricht davon, "feindliche Kräfte aus dem In- und Ausland" könnten die Situation zu einem politischen Umsturzversuch nutzen.

Wanderarbeiter gelten als potentielle Unruhestifter, haben sie doch kaum etwas zu verlieren. Eine Mischung aus Überlebensdrang und Abenteuerlust treibt die überwiegend jungen Männer bäuerlicher Herkunft in die Städte, angelockt vom modernen, schnellen Leben, an dem teilzunehmen aber oft unmöglich ist, da sie mit einem Teil ihres Gehalts die Verwandten auf dem Land versorgen müssen.

Im Augenblick steht auch das in Frage, die Krise fordert ihren Tribut, so dass Wanderarbeiter nur noch wandern und kaum noch arbeiten können. Chinas Exporte sind im Januar im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahres um 17,5 Prozent geschrumpft, die Rezession ist allenthalben spürbar und sorgt in manchen Küstenregionen für Erwerbslosenquoten um zehn Prozent, auch wenn die Wanderarbeiter in derartigen Statistiken oft gar nicht vorkommen. Die müssen unter großen Entbehrungen überwintern, mieten sich in Massen-Schlafsälen für einen Yuan pro Bettplatz ein – umgerechnet etwa 10 Euro-Cent –und hoffen auf die nächste Anstellung wie ein Geschenk des Himmels.

Monster abschießen

Yao Chunli kann noch von Glück reden. Er darf vorübergehend in der kleinen Werkstatt seines Schwagers Wu zwischen den Maschinen übernachten. Beide stammen aus der demselben Dorf in der Provinz Guanxi, sieben Zugstunden von Dongguan entfernt.

Wu selbst hat nach zwölf Jahren Fabrikarbeit als Maschinist vor einem Jahr seine eigene Werkstatt eröffnet, der die jetzige Wirtschaftsflaute freilich nicht gut bekommt. Dabei glaubte der 40-Jährige, dank der Erdgeschoss-Werkstatt nebst angeschlossener Wohnung mit Koch- und Waschnische erstmals ein Refugium und vor allem Sicherheit für die Familie gefunden zu haben. Bisher stand seine Frau am Fließband und wohnte in ihrem Betrieb, während die elfjährige Tochter bei den Großeltern auf dem Land lebte. In seiner Gutmütigkeit hat Wu außer Yao auch noch seine Schwägerin und deren zwei Söhne sowie eine Schwester vorübergehend aufgenommen. Alle suchen Arbeit, alle müssen versorgt werden, Reis und Gemüse reichen nur von einem Tag zum anderen. Wu stößt Yao an, der vor dem einzigen Computer in der Werkstatt sitzt und Monster abschießt. "Was wird denn nun", fragt er. "Ich weiß es nicht", murmelt Yao und spielt weiter.

Fragwürdige Vermittlungsbörsen

Um sozialen Protesten zuvor zu kommen, hat die Regierung in Peking ein Anti-Krisen-Programm entwickelt, das allein auf Wanderarbeiter zugeschnitten ist. Durch kostenlose Fortbildung soll ein Teil dafür gewonnen werden, aufs Land zurückzukehren. Dort werden "attraktive Arbeitsbedingungen" bei Infrastrukturprojekten angeboten, die mit dem 460-Milliarden-Dollar-Konjunkturprogramm vom Januar finanziert werden. Zudem hat die Regierung an staatliche Betriebe appelliert, Entlassungen so weit es geht zu vermeiden. In Städten mit einem hohen Anteil an Wanderarbeitern gibt es seit kurzem außerdem Arbeitsvermittlungsbörsen, die weniger gebildete oder weniger erfahrene Arbeiter bei der Jobsuche unterstützen sollen.

Aus Sicht von Wang Chunqiao nützt das alles wenig – im Gegenteil, diese Agenturen würden ihm und seinen Kollegen eher schaden, ist er überzeugt. Der 26-Jährige arbeitet seit sechs Jahren in Chinas südlichster Wirtschaftsmetropole Shenzhen nahe Hongkong. Er lebt nicht zwischen den Wolkenkratzern des Zentrums, sondern in einem der ablegenden, grauen Industriequartiere. Vor fünf Tagen ist Wang aus der 22 Zugstunden entfernten Heimat in Zentralchina zurückgekommen. Viele der Vermittlungsbörsen würden mit fragwürdigen Angeboten werben, dafür horrende Gebühren verlangen und die ahnungslosen Klienten anschließend zur Akkordarbeit in kleine Fabriken verbannen, schimpft Wang, ein drahtiger Mann in Jeans und schwarzer Windjacke.


Mit dem Kampf um Rechte hat Wang einschlägige Erfahrungen. Er brachte es zuletzt bis zum Produktionsleiter in der Firma JingKe Optoelectronics Technology. Im September 2008 jedoch wurde ihm fristlos gekündigt, weil er einen Streik aller 200 Fabrikarbeiter gegen die Niedriglöhne angeführt hatte. In zwei Prozessen vor Arbeitsgerichten bekamen Wang und seine Kollegen Recht, aber JingKe Optoelectronics Technology verzögert die Auszahlung der Restgehälter bis heute.

Wang verkörpert den Typ des selbstbewussten Wanderarbeiters, der sich für einen der Macher des chinesischen Wirtschaftswunders hält. Wang kennt das in diesem Jahr verabschiedete Arbeitsvertragsrecht fast auswendig und ist mit anderen vernetzt, die sein Schicksal teilen, vor allem aber sein soziales Bewusstsein haben. Sollten sich Leute wie Wang eines Tages mit frustrierten Arbeitern wie Yao Chunli verbinden, könnte die Volksrepublik bald mit einer ersten authentischen Arbeiterbewegung im postmaoistischen Staat konfrontiert sein.


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12:30 01.03.2009

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