Abgesang auf die Republik

Medientagebuch Der "Fall Deutschland" entpuppte sich als medientechnische Umsetzung der Agenda 2010

Krimi oder Krankheitsfall? Der Fall Deutschland im ZDF gehört zu Letzterem, obwohl die dräuende Begleitmusik eher zu einem Kriminalfall gepasst hätte. Statt spannender Aufklärung folgte jedoch ein Schnipsel-Potpourri à la Knopp-His-Story, statt fundierter Analyse oder wenigstens einer umfassenden Anamnese lieferten die Autoren Stefan Aust und Claus Richter einen schnoddrig-schnöden Abgesang auf die Republik. Es war beileibe nicht witzig, obwohl sie sich um ironische Einsprengsel wie Werbespots aus den fünfziger Jahren bemühten. Und es war schon gar nicht wissenschaftlich, trotz - oder wegen? - der Herren Wirtschaftswissenschaftler Sinn und Miegel.

Verständlicher wurde es auch nicht, auch wenn "Familie Harmeling aus Wolfsburg, die seit Generationen bei VW arbeitet", sich so angepasst vor der Kamera im Sinne der neoliberalen Linie präsentiert hat, wie es netter nicht sein konnte. Ach ja, "Familie Harmeling", ein Bild aus dem Biedermeier, typisch für die Filmdramaturgie. Immer wieder tauchte das vollständige Familienfoto im ovalen Rahmen auf, und immer wieder mal spazierte die propper angezogene Mehr-Generationen-Familie mit Hund durch die blühende Landschaft. Gesprochen haben selbstverständlich die Männer der Familie, nur zuletzt fehlte offenbar der männliche Nachwuchs, und der weibliche "Lehrling bei VW" ( wo denn? was denn? wie denn?) sagte genauso brav wie die männlichen Familienmitglieder ihren Text auf. Das war schon alles an "Basis". Der große Rest kam aus den Mündern bedeutungsschwerer Funktionäre aus Politik, Wirtschaft und Gewerkschaft.

Die Dreh-Methode zielte offenbar auf das an die hektischen Musikclips gewöhnte MTV-Publikum. Nach dem Motto: viel Material, viele Köpfe, viele Schlagzeilen und noch mehr Sprüche wurde das Ganze im Fünf-Sekunden-Takt über drei Folgen durchgepeitscht, dass einem beim Zuschauen Hören und Sehen verging. Der tiefe Griff in die Archiv-Kiste zog ans Licht, was nicht neu und in dem schnellen Bildwechsel einfach nur zu bunt wurde. Adenauer, Erhard, Brandt, Schmidt, Kohl, Schröder - alle setzten der Reihe nach "teure" Wohlstandsgesetze durch, alles nur wegen ihrer Wiederwahl. Mag ja sein, sagte sich da der gebeutelte Zuschauer, angenagt von schlechtem Gewissen, wenn er, beziehungsweise sie, schon mal das in Anspruch genommen haben, von dem es hieß, dass "Mutterschutz, Bafög, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall" den Staat "in den Ruin" getrieben haben. Klein wurde der gemeine Zuschauer vor der Wucht der satzlangen Donnerschläge. Politikersequenzen aus dem Bundestag wurden in ihrer leeren Aussage nochmal durch den Off-Text und der wiederum durch die Worthülsen der rund 30, zu Kronzeugen bundesdeutscher Wirtschaftspolitikgeschichte stilisierten Interviewköpfe kommentiert. Dabei fielen einem sofort sämtliche Skandale ein, die diesen Machtinhabern zugeschrieben wurden, hier aber natürlich keine Erwähnung fanden. Sie wurden ja nicht kritisch und mit journalistischer Distanz betrachtet, sondern kamen als Altersweise daher. Ganz klar, hier ging es um die medientechnische Umsetzung der Agenda 2010. Hilmar Kopper, Helmut Schmidt, Edzard Reuter, Karl-Otto Pöhl, Otto Graf Lambsdorff, Norbert Blüm, Hans-Jürgen Tiedke, Lothar Späth, Kurt Biedenkopf, Klaus Zwickel, Otto Hahn, Klaus von Dohnanyi - jeder dieser noch lebenden Polit-Pensionäre durfte mehr oder weniger verhalten das Banner der weniger-Staat-mehr-Eigenverantwortung-des-einzelnen-Bürgers schwingen und auf die Linken, die früheren linken Gewerkschafter mit ihren utopischen Lohnforderungen, die Spinner, schimpfen.

Was? "Lafontaine hat die Wahrheit gesagt und verlor die Wahl"? Statt eines inhaltlichen Nachhakens schnell einen grimmigen Helmut Schmidt-Fluch drauf: "Er zog eine ganz falsche Konsequenz!" Nur keine Querdenker, nur keine alternativen Ansätze. Alles war falsch, was einmal der sozialen Gerechtigkeit, Freiheit, Brüderlichkeit gegolten hat, die dynamische Rente, der Föderalismus, die Währungsunion. Es hieß im Off: "Wir" haben die Wahl "zwischen Wiederaufstieg oder dem weiteren Fall Deutschlands". Das Rezept lieferten Aust und Richter auch mit. "Wir" müssen den Gürtel enger schnallen, "wir" müssen klaglos wie "die Harmelings aus Wolfsburg" Lohnverzicht üben und flexibel genug sein, um "überall in der Welt zu arbeiten". Global gesehen sitzt der Konkurrent in China, lokal gesehen wird in Deutschland nicht hart genug gearbeitet. Ergo: "Wir" sind faul und verwöhnt und haben nichts anderes verdient als den tiefen Fall. Einsichten? Klarsicht? Dollpunkte? Nein, nur eine Abfolge von passenden bis unzusammenhängenden Momentaufnahmen und eine Aufzählung von Ereignissen. Dazu muss man feststellen, dass Stefan Aust der Chefredakteur des Spiegel ist, dessen Spiegel-TV den Dreiteiler fürs ZDF produziert hat und dessen "Ideen"geber Gabor Steingart ebenfalls beim Spiegel beschäftigt ist. Ko-Autor Claus Richter ist Redaktionsleiter des ZDF-Politmagazins Frontal 21 und als früherer Polen-Korrespondent noch in bester journalistischer Erinnerung. Tempi passati.

Wer sich an die einstige Rolle des Politmagazins Der Spiegel und an seine legendäre, investigative Vergangenheit erinnert, oder auch an die interessanten, weil spannenden Berichte von ZDF-Korrespondenten, muss angesichts dieser Art Quasi-Dokumentation im Fall Deutschland in tiefe Resignation versinken. Oder drückt auf den Ausschaltknopf. So wie die Zuschauer es getan haben. 3,4 Millionen haben sich den ersten Teil angeschaut, das bedeutete eine Einschaltquote von 19,1 Prozent. Den zweiten Teil sahen sich nur noch 2,7 Millionen an, wobei der Anteil der 14 bis 49-Jährigen um fast die Hälfte schwand, nämlich von 14,6 auf 8,1 Prozent. Und beim letzten Teil sank der Anteil dieser jüngeren Zielgruppe noch mal auf 7,9 Prozent.

Wenn die Programmmacher also die angeblich alles beherrschende Einschaltquote tatsächlich zum Maßstab nehmen, müssten sie dann nicht, statt sich zum Handlanger politischer Interessen zu machen, ihren journalistischen Auftrag ernst nehmen?


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00:00 17.06.2005

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