Abschied vom Arbeitsalltag

Medientagebuch Das "Kanzleramt" im ZDF ähnelt einer psychotherapeutischen Klinik - aber nicht seinem Vorbild

Das Kanzleramt ist kein Dschungelcamp, in dem jeden Tag Sensationelles passiert. Das Kanzleramt ähnelt eher einer Werkstatt, von der manche Zulieferanten und viele Abnehmer abhängig sind. Das Kanzleramt bietet auch nicht fortgesetzte Höhenerlebnisse. Es sind eher die Mühen der Ebene, die den Arbeitstag im Kanzleramt ausmachen, und die sind bekanntlich so grau wie der Alltag der Sterblichen. Selbst der Arbeitstag eines Kanzlers ist kein permanenter Bühnenauftritt, obwohl der gegenwärtige Amtsinhaber viel davon versteht. Amtsalltag ist: Vorlagen- und Akten studieren, Besprechungen und Beratungen, von denen manche ad hoc, andere mehr routinemäßig zustande kommen. Meldungen kommen herein und gehen heraus. Telefoniert wird viel, wenn es sein muss rund um den Erdball. Ab und zu ereignen sich freilich auch Tragödien. Komödien sind allerdings zahlreicher - hier wie überall.

In der Werkstatt Kanzleramt arbeiten viele wichtige Leute und einige noch wichtigere. Die Mehrzahl der Mitarbeiter verbringt allerdings ihren Arbeitstag so unauffällig pflichtbewusst, dass sie jeden Regierungswechsel überleben. Manche überwintern sogar auf ihren Bürostühlen in Erwartung, dass die nächste Regierung sie auftaut. Wie in jedem Betrieb gibt es Wuseler, deren Wuseligkeit entweder ihrer Natur oder ihrer Bedeutung, der selbst gemachten oder amtlichen entspricht. Ab und zu ereignen sich wie im richtigen Leben auch Krisen. Dann ist die Luft im Kanzleramt eisenhaltig. Die Anspannung erreicht dann auch die Vorzimmer, während manche Hinterzimmer davon weiterhin gänzlich unberührt bleiben.

Ich gebe zu, diese Realität liefert keine Dramaturgie für eine Fernsehserie, die bekanntlich auf Spannung angewiesen ist. Der Ablauf der realen Kanzleramtsarbeit enthält mehr Leerstellen, als es Werbepausen im Privatfernsehen gibt. Sieht man sich dagegen das "Kanzleramt" im ZDF an, ist Dauerstress angesagt. Im Film hat das Kanzleramt mehr mit einer psychotherapeutischen Klinik und einem globalen Kriminalkommissariat gemeinsam als mit seinem realen Vorbild. Freilich gibt es auch in den Höhen der Politik Menschen, die von schweren Schicksalsschlägen getroffen, aus der Bahn geworfen, verzweifelte Säufer oder gar Schläger werden. Das verdient, ob bei Ministern oder Pförtnern, Mitleid. Die Regel ist das allerdings ebenso wenig wie außerhalb des politischen Betriebs.

Eine schöne Abteilungsleiterin wie in der ZDF-Serie für Außenpolitik ist im Kanzleramt nicht unvorstellbar. Aber als Kriminalkommissarin im Kampf gegen internationalen Terrorismus wäre sie möglicherweise doch wohl eine Fehlbesetzung. Auch diese beneidenswerte Frau wird mehr mit Analysen internationaler Entwicklung, Abstimmung mit Auswärtigem Amt und Entwicklungsministerium, Vorbereitung von internationalem Treffen des Kanzlers, Strippenziehen per Telefon, Arbeitsessen und in diversen Kontakten beschäftigt sein als mit der "Detektivarbeit im Feld".

Im realen Kanzleramt passiert es nicht jeden Tag "Mogadischu", gibt es nicht regelmäßig ein Misstrauensvotum gegen den Kanzler oder Ministerrücktritte, und ein Ereignis wie der 9. November 1989 kommt in jedem Jahrhundert nur einmal vor. Was tun?, sprachen die Drehbuchautoren. Dramaturgie durch fiktionale Kompression! Das ergibt im Glücksfall einen spannenden Film. Tragik, Rührung, Mitleid, Spannung - eventuell ein Quäntchen Lustig-Menschliches, das ist der Stoff zur Kanzleramtsklamotte. Des Kanzlers Rücken erwischt eine Turbulenz im Flugverkehr, er findet Heilung bei einem kauzigen Kanzlerdoktor, was dem Zuschauer das Amüsement eines heiter-skurrilen Dialogs beschert. Alles Zutaten für einen Quotenfüller. Ob´s reicht für eine Serie, werden wir sehen.

Berlin bietet schönere Bilder als das provinzielle Bonn. Die Büros im Berliner Kanzleramt sind offenbar von Stardesignern gestylt, in der Ausstattung kommt der Film der Wirklichkeit ziemlich nahe. Es geht halt einfach flott zu in Berlin. In Bonn war das anders. Das Bonner Bundeskanzleramt hatte mehr Verwandtschaft mit einer mittelstädtischen Sparkasse. Die Berliner Symbiose von Glas und Beton gibt dagegen mehr her - an Wucht. Dafür ist sie wahrscheinlich weniger funktional, auf jeden Fall aber öffentlichkeitswirksamer. Die Berliner Politik ist repräsentativer, deshalb auch virtueller. Das Bonner Kanzleramt war umgeben von knorrigen Bäumen in einem alten Park eingebettet und vom Rhein begrenzt. Das Berliner Kanzleramt wetteifert mit einer Umgebung, die durch Masse und Größe beeindrucken will. Reichstag in Berlin und Bundestag in Bonn ist wie Palast und Hütte.

Das, was manche als das Provinzielle an der "Bonner Republik" verspottet haben, hat allerdings einer republikanischen Politik gut getan: selbstbewusste Bescheidenheit. Für große Auftritte bietet das Rheinland weder mental noch historisch den richtigen Resonanzboden. Große Auftritte hatten wir in der deutschen Geschichte allerdings schon viele. Nicht alle haben uns gut getan.

Aber war Adenauers Politik deshalb schlechter, weil er abends in Rhöndorf Rosen züchtete, mittags ein Schläfchen machte und von Partys wenig hielt? Ja, ja vielleicht ist das alles sentimentale Nostalgie, beschienen von der goldenen Abendsonne der Erinnerung. Die Zeiten ändern sich. Die Wirkkraft der nationalen Politik wird schwächer und ihre Geltungssucht - kompensatorisch? - stärker. Die Medien begleiten und forcieren diesen Prozess. "Action" ist gefragt. "Drive" muss die Sache haben, vor allem "neu" muss alles sein, was Beachtung finden will. Marketing ersetzt Programm.

Aber vielleicht sind die neuen Macher nur die Gemachten und die Programmierer lediglich die vom Zeitgeist Programmierten? Was sie in der Fernsehserie machen, geht jedenfalls nicht ans Eingemachte des Kanzleramtes.

Kanzleramt läuft immer mittwochs um 20.15 Uhr im ZDF.


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00:00 01.04.2005

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