Abstieg in den Untergrund

AUFPUTSCHMITTEL Bei Recherchen im Internet stößt man auf ideologisches Hinterland deutscher Neonazis, die ihre Angebote vor allem auf Jugendliche abstimmen

Mit dem Einzug der DVU in den Landtag von Brandenburg wird erneut die Frage laut, wie den massiven Propaganda-Offensiven rechtsextremistischer Parteien wirksamer begegnet werden kann. Dabei richtet sich der Blick vorzugsweise auf jüngste Plakat- und Briefkasten-Aktionen. Weitgehend übersehen wird indes, wie intensiv inzwischen das Internet zur ideologischen Indoktrination missbraucht wird. Hier werden über Websites, die ohne weiteres zugänglich sind, Einstiegsdrogen für ein nazistisches Weltbild frei Haus geliefert. Die entsprechenden Seiten tragen Namen wie Frontsoldat, Odin, Blitzkrieg oder Jungsturm Nord.

Das Kommerzunternehmen Rocknord vereint unter diesem Namen eine Hochglanz-Musikzeitschrift für rech te Skinheads, ein Musik-Label und einen Versandhandel. Als zentrale Figur gilt Thorsten Lemmer, der als smarter Jung unternehmer in Interviews schon einmal durchblicken läßt, wie sehr er die primitive Kundschaft verachtet, von der er lebt. Die Internet-Präsenz wird durch Kooperation mit dem »Nationalen Infotelefon Hamburg« (NIT) des einstigen FAP-Funktionärs André Goertz garantiert. Ein Mann, der auch die Politischen Hintergrundinformationen und Horst Mahlers Unser Land technisch unterstützt.

Aus Furcht vor Hausdurchsuchungen ist Lemmer auf Legalität bedacht. Bei ihm lässt sich nur selten etwas finden, was ausdrücklich indiziert oder verboten ist. In seinem Internet-Gästebuch, in dem sich Besucher verewigen können, behält er sich die Löschung strafbarer Inhalte ausdrücklich vor. Man hat allerdings nicht den Eindruck, dass er davon rege Gebrauch macht - die Zensur trifft wohl auch eher Lemmers Konkurrenten innerhalb der Szene, die ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit als »Profitgeier« anprangern.

Das Rocknord-Gästebuch wird rege frequentiert und als stets aktualisiertes Sprungbrett in die häufig wechselnden Internet-Adressen der illegalen Szene genutzt. »Tiefschürfende« Beiträge wie »Kommunisten sollen verrecken!!!« finden sich neben Empfehlungen anderer Homepages. Folgt man ihnen, ist man im tiefsten Nazi-Sumpf, ohne dass sich Herr Lemmer die Finger schmutzig machen müsste.

Gast bei »Xoom-Juden«
Die deutschsprachigen Nazi-Seiten finden sich im Internet meist als kostenloses Angebot für jedermann, zum Beispiel bei Freeservers, Geocities, Tripod, Yoderanium und Xoom. Offenbar werden solche strafbaren Inhalte immer wieder gelöscht, aber genauso schnell unter anderem Namen erneut eingerichtet. Besonders dankbar sind die deutschen Nazi-Skins ihren Gastgebern nicht. So schimpft beispielsweise Bulldog88 (*): »Die XOOM-Juden ham mir neulich alle meine Seiten gelöscht..., bin jetzt bei Freeservers, und hoffe, die haben keinen Hass auf Nationalisten.«

Trotzdem wird derzeit gerade Xoom am häufigsten von deutschen Neonazis miss braucht. Die Freude von Bulldog88 über seinen neuen Unterschlupf währte übrigens nicht lange. Anfang August sperrte der Anbieter Freeservers seine Seiten mit dem Hinweis, illegale Aktivitäten, Rassismus und Hasspropaganda seien inakzeptabel und führten zur Löschung und Entfernung von ihren Rechnern. Bulldog88 > wird demzufolge noch einmal wechseln.

Zur Begrüßung erfährt man meistens, dass »Juden, Linke und Verfassungsschutz keinen Zutritt« haben. Bei Bosch88 zum Beispiel muss der Besucher folgende Texte per Maus klick bestätigen: »Warning: Zutritt nur der Weißen Rasse gestattet; andere sonstige Spezien (Juden, Nigger, etc.) verlassen bitte sofort diese Hausseite!« - »Bereit, den Weißen Weg zu gehen?«, »Juden raus!«.

Dass der Inhalt der meisten Seiten eindeutig strafbar ist, dürfte den Akteuren bewusst sein. Sie glauben, sich hinter der vermeintlichen Anonymität des Internets verstecken zu können, was jedoch illusionär ist, denn jede Aktion im Netz hinterläßt Spuren. So ist es beispielsweise dem US-Provider von freien Homepages ohne weiteres möglich zu ermitteln, von welchem Rechner aus die verbotenen Seiten eingespielt werden. Ob bundesdeutsche Sicherheitsbehörden allerdings das nötige Fingerspitzengefühl für eine freiwillige(!) Kooperation aufbringen, darf bezweifelt werden. Nichtsdestotrotz werden immer wieder Betreiber von Nazi-Seiten ermittelt. So klagt beispielsweise Donnergott alias Meck88 in seinem Gästebuch: »Die Seite kann im Moment nicht aktualisiert werden, da der Staat ja meinte, die Seite würde gegen § 86, 86a, 185 usw. (Verbreitung von Propaganda und Kennzeichnen verfassungwidriger Organisationen, Beleidigung - d. A.) verstoßen. Computer, CDs und Sonstiges wurde beschlagnahmt, dafür wurden aber zwei Anklagen dagelassen. Aber die Schweine können sicher sein: Ich lass mich nicht unterkriegen!!! Heil Euch!« - Ihm antworten Fans, unter anderen schreibt Stinger88, nach eigenen Angaben »ein 18-jähriger NS-Skin aus Italien, dem Reich Mussolinis«: »Heil Dir Kamerad! Deine Seite ist echt klasse! Schon Scheiße, das mit der Beschlagnahmung... Aber es wird die Zeit kommen, da werden diese Scheiß-Juden Schweine dafür bezahlen! Und diesmal brauchen wir wirklich Gas! Zyklon B wird Euch da wie Atemluft vorkommen!!!!!!...«

Anleitung zum Bomben-Bau
Der Mordaufruf von Stinger88 ist beileibe kein Einzelfall, sondern eher der normale Umgangston in diesen Kreisen. Ähnliche Ausfälle findet man auf vielen der hier erwähnten Homepages, in den Gästebüchern und natürlich in dem Bereich, der die Szene zusammenhält - in den Songs der Musikgruppen.

Die Seite »German Oi Center« bietet eine praktische Anleitung für rechten Terror. Unter dem Titel »Der kleine Sprengmeister« erhält man eine detaillierte, mit Fotos in der Machart einer Bastelanleitung versehene Instruktion - zum Beispiel zum Bau von Rohrbomben aus handelsüblichen Einzelteilen. Der Autor und Betreiber der Seite demonstriert die Schlagkraft seines Produktes durch Fotos von Sprengversuchen an einem Wohncontainer, bei denen nicht nur die Tür, sondern auch das Innere zerstört wurden.

Während im Internet bisher in dieser Szene dilettantisch gestaltete Fan-Seiten mit wenig Inhalt und kurzer Lebensdauer überwogen, ist seit einigen Monaten ein neuer Trend zu beobachten. Es entstehen immer mehr semi-professionell aufgemachte und regelmäßig gewartete Seiten. Zum Beispiel RACnet mit Konzerthinweisen und -berichten und Peerenpage mit einem umfangreichen Archiv an Songtexten.

Dabei leistet sich die Nationale-Aktions-Front (NAF) als eine der wenigen Ausnahmen einen kommerziellen Provider und eine eigene Domain und wandelt auf dem schmalen Grat zwischen Legalität und Illegalität. Anmelder der Domain ist Thomas Scharfy, früher unter dem Pseudonym »Gonzo« Betreiber der Mailbox »Empire« innerhalb des neonazistischen Thule-Netzes. Inzwischen haben bei der NAF auch das rechtsextreme Dark-Wave-Magazin Europakreuz und Die weißesten Seiten von Süddeutschland Unterschlupf gefunden, die anderswo gelöscht wurden.

Bei allen Seiten fällt auf, sie sind eng miteinander vernetzt, in den Gästebüchern gratulieren sich die Betreiber gegenseitig und geben zu erkennen, dass sie zum Teil persönliche Kontakte pflegen. Es gibt zahlreiche Links zu neonazistischen Organisationen und rechtsextremen Zeitschriften, aber kaum Querverbindungen in den Teil der Skin-Szene, der sich vergleichsweise unpolitisch gibt - zumindest nicht offen neonazistisch.

MP3-Versionen hebeln Verbote aus
Neben politischen Pamphleten, Gästebüchern, Konzertberichten, Hakenkreuzgrafiken und Hitlerbildern haben die meisten Seiten eine weitere »Aktion« zu bieten: die sogenannten MP3-Dateien, das heißt, so ziemlich alles, was wegen NS-Propaganda oder Gewaltverherrlichung indiziert oder beschlagnahmt ist, gibt es als MP3-Datei im Netz. Auf diesem Wege finden gerade die übelsten Machwerke weite Verbreitung. Während beschlagnahmte CDs bisher im Ausland gepresst wurden und konspirativ nur die engere Szene erreichten, werden MP3 Versionen per Internet breit gestreut. Mit entsprechender Software lassen sie sich per CD-Brenner in normale Audio-CDs wandeln. Damit sind Verbote und Indizierungen von Nazi-Musik weitgehend ausgehebelt. Die Peerenpage formuliert es entsprechend drastisch: »BPJS verrecke!« - gemeint ist die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BPJS), die in letzter Zeit die Verbreitung von CDs mit Nazi-Musik als eindeutigen Straftatbestand bezeichnet hatte.

Während der circa 14-tägigen Materialsammlung für diesen Artikel fielen etwa 600 Megabyte mit einschlägigen deutschsprachigen MP3-Dateien an. Dies entspricht einer Spieldauer von über zehn Stunden. Neben einzelnen Titeln sind da auch ganze CDs abrufbar, von Gruppen wie A.D.F., Landser, Die Härte, Stahlgewitter, Weißer Arischer Widerstand und Zillertaler Türkenjäger.

Bei den professionellen Combos wird ein geschlossenes Weltbild vermittelt, mit dem sich die Akteure offenbar bestens auskennen. Es dominieren klassische antisemitische Verschwörungstheorien, ein religiös anmutender Kult um die Nation, Aufrufe zur physischen Liquidierung alles Fremden und eine Vergötzung Hitlers. Dabei überrascht selbst hartgesottene Beobachter, welch zentrale Rolle der Antisemitismus in der Tradition der Verschwörungstheorien um die »Protokolle der Weisen von Zion« wieder hat und wie offen dies an Vernichtungsphantasien gekoppelt ist. Hier vollzieht sich der Schritt von der Leugnung zur offenen Billigung des Holocaust.

Ignatz Bubis, der verstorbene Vorsitzende des Zentralrats der Juden, war zu seinen Lebzeiten das zentrale Hassobjekt der Neonazis. Dass solche und ähnliche Schmähungen wieder möglich sind und nur halbherzig verfolgt werden, dürfte einer der Gründe für Bubis' Wunsch gewesen sein, nicht in Deutschland begraben zu werden.

Das »deutsche Vaterland« habe man zu lieben, heißt es zumeist, auch wenn als Grund nicht viel mehr angeführt wird, als dass man »stolz« darauf sei. Gleichzeitig sind viele Skin-Autoren offenbar getrieben von der Sehnsucht nach einem bierseligen Spießbürgerleben. Ihr Frauenideal ist blauäugig, blond und treu, wobei sich zuweilen eine seltsam ambivalente Mischung aus Hass und Faszination feststellen lässt. Beim Thema »Kinderschänder« beispielsweise dünkt man sich im Einklang mit der großen Mehrheit der Bevölkerung, begnügt sich nicht mit Forderungen nach der Todesstrafe, sondern nimmt das Thema zum Anlass, eigene sexuelle Gewaltphantasien genüsslich auszubreiten. Nicht zufällig dient die wahllos mordende und vergewaltigende Skinhead-Gang aus Stanley Kubricks Film Clockwork Orange der gesamten Szene zu ungebrochener Identifikation. Quelle: Homepage Jungsturm Norden: »An die Kinderschänder! (...) Wir werden nicht eher ruhen bis ihr alle vergast seit.«

Allerdings gibt es in diesem von Doppelmoral geprägten Milieu auch Songs, bei denen man einen deutlich homoerotischen Einschlag bei all dem Gerede von »Kameradschaft« nicht übersehen kann. So säuselt zum Beispiel Nazi-Balladensänger »Patriot 1908« im Duett mit Nazi-Balladensänger »Sleipnir«: »Lang ist es nicht her / als wir uns das erste mal sahen / Nichts stand dagegen, / die Kameradschaft zu bewahren... Dieser Titel wurde laut Radio Nord im Mai 1999 am zweithäufigsten bei den Versendern von Skin-Musik in der Bundesrepublik bestellt.

Kommt es zu Gerichtsverfahren, berichten rechtsextreme Gewalttäter immer wieder, sie hätten einschlägige Musik vor ihren Übergriffen quasi als Aufputschmittel benutzt und seien dann - zumeist alkoholisiert - losgezogen, um sich ein Opfer zu suchen. Die ideologische Indoktrination, der mit diesen Angeboten vor allem Jugendliche ausgesetzt sind, steht außer Zweifel. Im Internet werden ihnen Einstiegsdrogen für ein geschlossenes nazistisches Weltbild verabreicht.

(*) Die Zahl 88 steht als »magische Formel« für »Heil Hitler«.

Unser Autor Stefan Jacoby ist Mitarbeiter des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS).

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00:00 10.09.1999

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