Afrika gibt es nicht

Hungersnot Die Bilder aus Somalia zeigen wieder einen von Horror und Elend geschüttelten Kontinent. Sie verstellen den Blick auf seine eigentlichen Schwierigkeiten

In Somalia herrscht Hungersnot. Wieder einmal. Damit haben sich unsere traditionellen Erwartungen auch wieder einmal erfüllt: Afrika als Kontinent der Katastrophen und des Hungers. Unser Problem besteht darin, diese neuen Meldungen der Hungerkatastrophe zugleich ernstzunehmen – ernster, als dies bisher der Fall ist – aber uns den Blick dadurch nicht auf die Realität Afrikas verstellen zu lassen. Sie ist wesentlich vielschichtiger.

Zuerst einmal: Der Hunger am Horn von Afrika, vor allem in Teilen Somalias, aber auch in Kenia und Äthiopien ist real und keine Erfindung der Medien. Die UNO spricht inzwischen offiziell von einer Hungersnot, und weder heute noch in der Vergangenheit hat sie diesen Begriff zu schnell oder leichtfertig verwandt. Die UNO verfügt über strenge Kriterien, bevor sie den Begriff verwendet. Tatsächlich sind schon mehrere Zehntausend Menschen in Somalia an Hunger und Unterernährung gestorben. Das Weltkinderhilfswerk der UNO, das weiter vor Ort tätig ist, warnte vor dem Tod von 500.000 Kindern, sollte keine schnelle Hilfe bereitgestellt werden. Insgesamt wird fast die Hälfte der somalischen Bevölkerung in nächster Zeit auf Hilfe angewiesen sein, dazu noch einmal fast die doppelte Zahl in den Nachbarländern: insgesamt bis zu zehn Millionen Menschen.

Zu spätes Handeln

Allerdings: Die plötzlichen Alarmmeldungen bieten auch Anlass zu Kritik. Schon seit dem vergangenen Jahr zeichnen sich Dürre und Not ab, aber kaum jemand hat rechtzeitig die nötigen Folgerungen daraus gezogen. Der UN-Generalsekretär weist jetzt darauf hin, dass die Vereinten Nationen bereits seit Monaten vor der heraufziehenden Hungersnot gewarnt haben. Und von der Hilfsorganisation Oxfam hören wir, es handele sich um einen „katastrophalen Zusammenbruch der kollektiven Verantwortung der Weltgemeinschaft“. Das ist richtig. Es ist nicht das erste Mal, dass die Welt bei großen Katastrophen erst zu handeln beginnt, wenn es eigentlich schon zu spät ist.

Doch obwohl Tausende leiden, wird noch immer diskutiert. Einerseits schrillen inzwischen die Alarmglocken, andererseits erklärt ein Hörfunkkorrespondent, Dürren am Horn von Afrika seien eigentlich nichts Außergewöhnliches. So richtig beruhigen mag das nicht. Und die islamistischen Shabaab-Milizen, die große Teile Somalias kontrollieren, erklären, dass es sich zwar um eine Dürre, aber keine Hungersnot handele – und die UNO die Probleme politisiere. Noch vor kurzem hatte man angedeutet, wieder internationale Hilfsorganisationen ins Land lassen zu wollen, nun schließen die Milizen das wieder aus. Sie scheinen sich selbst nicht einig zu sein, ob die akute Not eine Hungersnot ist oder nicht. Ihnen scheint es vor allem auf die Kontrolle der Bevölkerung anzukommen und darauf, durch fremde Helfer nicht an Legitimität zu verlieren.

Auch das kommt einem vertraut vor. Aber wer denkt, Afrika sei der Kontinent des Chaos, wo an jeder Ecke das Elend lauere, dem muss man mit dem Titel eines Buches von 1996 antworten: Afrika gibt es nicht. Die Realität ist vielschichtiger als das Klischee.

Denn Afrika ist auch im Aufschwung. Teile des Kontinents haben sich zuletzt erfreulich entwickelt. In Ost- und Westafrika lagen selbst 2009, auf dem Tiefpunkt der Weltwirtschaftskrise, die realen Wachstumsraten zwischen fünf und sechs Prozent. Uganda und Mosambik erreichten nach dem Ende ihrer Bürgerkriege über ein Jahrzehnt lang Wachstumsquoten von über sieben Prozent. Die Wirtschaft Angolas wuchs ein Jahrzehnt lang mit durchschnittlich über elf Prozent schneller als die chinesische. Und es ist eine neue Mittelschicht entstanden, sie beginnt, die Sache Afrikas in die Hand zu nehmen, nicht nur wirtschaftlich. Die Revolutionen in Tunesien und Ägypten werden bis nach Kapstadt genau verfolgt. Andernorts ist man manchmal schon weiter. Ghana gilt als bekanntes Beispiel für die Entwicklung hin zu einem funktionsfähigen und legitimen Staatsapparat. Doch trotz dieser positiven Beispiele: Gelöst sind die wirtschaftlichen und sozialen Probleme Afrikas noch lange nicht.

Bürgerkriege und Staatszerfall

Wo es weiterhin humanitäre Krisen und Katastrophen gibt, müssen wir deren Gründe analysieren, statt diese für afrikanische Folklore zu halten. Dabei stoßen wir schnell auf eine Mischung ökologischer und oft global bedingter Ursachen – wie die Klimaveränderung, die in ökologisch sensiblen Regionen tatsächlich zu Dürren oder einer Ausdehnung von Wüsten führen kann. Afrikaner haben zu dieser Veränderung aber am wenigsten beigetragen. Dazu kommen Bürgerkriege und Staatszerfall. Auch diese sind nicht „typisch afrikanisch“, sondern kommen und kamen bekanntlich auch auf dem Balkan, in Afghanistan oder anderswo vor. Ökologische, soziale oder wirtschaftliche Probleme werden meist erst dann zu humanitären Katastrophen, wenn die betroffenen Gesellschaften nicht über die politischen Mechanismen verfügen, mit ihnen umzugehen.

Genau das erleben wir heute in Somalia: ein Ausbleiben des Regens, eine schwere Dürre – und zugleich das politische Unvermögen der somalischen Gesellschaft und der internationalen Gemeinschaft, die Krise kurzfristig zu bekämpfen und deren Ursachen langfristig zu überwinden.

Jochen Hippler lehrt Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen

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