Alle haben die Hand in der Hose

Berlin Festival Ihre Bühnenshow, eine Mischung aus Punk-Konzert und Sexshow, gelten als wegbereitend für die Electroclash-Bewegung: Peaches über Theater, Geschlechter und Haare

Die Sängerin – oder sollte man besser sagen Entertainerin? – könnte man als Gallionsfigur des popkulturellen Gender-Diskurses bezeichnen, seitdem Peaches 2000 mit expliziten Texten zum Thema Sex und einem Video, in dem Schamhaarwälder aus ihrem Schritt wachsen, die Aufmerksamkeit auf sich zog. Mit dem ersten Album The Teaches Of Peaches hat sie damals ein neues musikalisches Genre geboren. Es heißt Electroclash und Peaches wird nicht müde, immer neue, eigensinnige Geschwister zu erfinden, in diesem Jahr „I Feel Cream“. Doch das eigentlich Spannende ist die Frau hinter der Kunstfigur: Merill Nisker. An diesem Wochenende ist die 40-jährige Kanadierin in ihrer Wahlheimat auf dem Berlin-Festival zu hören.

Der Freitag: Waren Sie schon immer so selbstbewusst?
Peaches: Nein, schon als Kind war mir ziemlich egal, was die anderen wollten oder erwarteten. Ich war damals wie von einem anderen Stern. Ich habe nie wirklich zugehört oder darauf gehört, was beispielsweise meine Lehrer gesagt haben. Das war damals schon meine unterbewusste Taktik, nicht einfach irgendwelchen Autoritäten zu folgen. Und je mehr ich mich damit auseinandersetzte, desto näher kam ich dem Ziel, eine starke Persönlichkeit zu sein.

Hat das auch damit zu tun, dass Sie auf einer jüdischen Privatschulewaren?
Sicherlich. Ich musste dort Dinge lernen, bei denen ich nicht wusste, warum und wozu ich sie lernen sollte. Die Lehrer haben ihre Sache einfach nicht gut gemacht, deshalb habe ich ihnen auch nicht zugehört. Es mangelte an einer kreativen Form des Lehrens. Das war einfach nicht das, womit sich ein sehr kreatives, antiautoritäres Kind beschäftigen wollte. Abgesehen davon wusste ich ganz und gar nicht, was ich wollte oder was mir gegen den Strich geht. Ich habe nie darüber nachgedacht. Ich hatte keinerlei Ambitionen, überhaupt war ich noch nie ambitioniert. Auch als ich Teaches Of Peaches gemacht habe, hatte ich keinerlei Ambitionen, ein internationaler Pionier einer neuen, anderen Art von Musik zu sein.

Haben Ihre Eltern Ihre kreative Entwicklung gefördert oder kam das eher von selbst?
Also, mein Vater war professioneller Baseballspieler und meine Mutter hat Psychologie studiert. Sie waren beide sehr offen, sehr liberal. Aber es war nicht so, dass es Musiker, Performer oder Künstler in meiner Familie gab. Dieses Gebiet war meiner Familie, also auch mir, ziemlich unbekannt, fast schon fremd. Doch wir gingen öfter ins Theater, als ich noch sehr klein war. Da ein Teil unserer Verwandtschaft in New York lebte, sind wir dort hingefahren, um uns Stücke anzusehen. Nachdem ich das erste Mal dort war, wollte ich unbedingt Theaterintendantin werden. Das hat mich schon immer sehr interessiert, und an der Highschool habe ich bei tollen Programmen mitgemacht. Danach habe ich auch Theaterwissenschaften studiert. Ich kam zuerst gar nicht auf die Idee, dass ich Musik machen könnte.

Wann und wie kamen Sie zur Musik?
Mit 18 habe ich begonnen, Gitarre zu spielen, während ich mit irgendwelchen Hippies herumsaß und Pot rauchte. Nach und nach merkte ich, dass Musik das war, was ich machen wollte. Und wozu ich anscheinend auch Talent hatte: Ich saß mit meiner damaligen Freundin in einem Club und wir spielten Folk, ohne groß darüber nachzudenken – das gefiel den Betreibern und von dem Tag an spielten wir dort jede Woche vor ungefähr 250 Menschen. Plötzlich war ich Musikerin geworden. Ich habe diese Fähigkeiten aber auch anders eingesetzt, zum Beispiel als ich Kindergartenkinder unterrichtet habe. Da das bisherige Konzept sehr langweilig war, habe ich ein Programm entwickelt, das aus Musik-und Schauspielunterricht bestand. Von dem Geld, was ich mit dem Unterricht verdiente, konnte ich mir wiederum musikalisches Equipment kaufen, und mir so auch immer neue Dinge beibringen. Das war alles, ich würde sagen, sehr organisch.
Irgendwann fing ich an, in Bands zu spielen, und als alle, mit denen ich bis dahin Musik gemacht hatte, weggezogen waren, kaufte ich mir eben eine Maschine, um das Fehlen meiner Bandmitglieder zu kompensieren. Das erste Album Teaches of Peaches ist also nur deshalb entstanden, weil ich niemanden mehr hatte, mit dem ich spielen konnte.

Sie beschäftigen sich sehr intensiv mit der Geschlechter-Frage. Gab es dafür einen Auslöser?
Diese Geschichte habe ich nie zuvor erzählt: Im Alter zwischen sieben und vierzehn habe ich jeden Sommer auf dem Land verbracht. Bis ich dann aufs College ging. Und dort gab es ein Mädchen, mit dem ich sozusagen groß geworden bin, Susan. Sie war das einzige Mädchen außer mir und wir verstanden uns von Anfang an sehr gut, und waren unglaublich vertraut miteinander. Und dieses Mädchen wusste, seitdem sie sieben Jahre alt war, dass sie gerne ein Junge sein wollte. Wir hatten auch eine richtige Rollenverteilung – ich war das Mädchen, sie der Junge. Wenn man uns zusammen sah, dachten die Leute immer, sie wäre ein kleiner Junge. So fing es an. Mit vierzehn erzählte sie mir dann, dass sie lesbisch wäre. Ihre Mutter warf sie daraufhin aus dem Haus. Als sie zwanzig war, besuchte sie mich und plante, sich umoperieren zu lassen. Sie wurde Shawn, doch das war natürlich alles sehr kompliziert. Dabei wollte sie eigentlich immer nur eins: eine Frau heiraten und ein Mann sein. Vor fünf Jahren ist sie gestorben. Natürlich hat sie mich stark beeinflusst und für dieses Thema sensibilisiert. Quasi von Kindesbeinen an.

Amanda Palmer von den Dresden Dolls hat mal gesagt, dass es sehr viel Mut und Kraft bräuchte, als Frau High Heels zu tragen und dabei seine unrasierten Achseln zur Schau zu stellen. Würden Sie dem zustimmen?
Unsere Gesellschaft hat auf jeden Fall ein gestörtes Verhältnis zu Körperhaaren, überhaupt zu Körperlichkeit. Aber das ist alles trotzdem irgendwie Blödsinn. Dass es diese Diskussionen überhaupt gibt. Was wirklich wichtig ist, ist sich selbst treu zu bleiben. Ich finde es eher problematisch, dass es niemandem bewusst ist, wie viele Freiheiten wir Frauen in der Hinsicht haben. WIR können uns wenigstens aufstylen. Wenn Männer das machen, werden sie als Schwuchteln beschimpft. Oder wenn wir das Beispiel Sexualität nehmen: wenn zwei Frauen zusammen sind, gefällt es Männern und Frauen gleichermaßen gut. Frauen haben so viele Optionen. Sie mögen sich noch so sehr über diesen ganzen Gender-Shit aufregen. Männer haben das nicht, es sein denn, sie wollen als schwul angesehen werden. Das tut mir leid. Ich habe meine Meinung gegenüber Männern diesbezüglich geändert. Es ist einfach schwierig für sie, sich auf vielfältige Art und Weise auszuleben und es ist für sie genauso schwer, mit Frauen, die ihre Möglichkeiten voll ausschöpfen, umzugehen.

Haben Sie das selber auch so erlebt?
Nein, es ist so, dass man mit sehr großem Respekt behandelt wird. Ich kenne so viele starke Frauen. Frauen, die aussehen wie Männer - oder eben auch nicht - und denen mit Respekt entgegengetreten wird. Das Problem für die Männer ist, dass die Frauen ihnen überlegen sind. Nur wir können spüren, ob ihr Schwanz steif oder schlaff ist. (lacht)

Sie erwähnen das gestörte Verhältnis unserer Gesellschaft zu Körperlichkeit. Wie wirkt sich das Ihrer Meinung nach aus?
Man muss doch nur mal den Fernseher einschalten. Das sieht man doch nur operierte Brüste, falsche Nägel und aufgespritzte Lippen, um es mal übertrieben zu sagen. Wegen der vielen sich bietenden Möglichkeiten fällt es den Menschen sehr schwer, sich mit ihrer körperlichen Beschaffenheit zufriedenzugeben, sich so zu lieben, wie sie sind. Und das ist nicht nur in den USA so, die ja gerne für ihre übertriebene Oberflächlichkeit angeprangert werden. Die Europäer leisten sich, was dieses Thema betrifft, eine unangebrachte Arroganz. Wenn ich hier in Deutschland bin, sehe ich mindestens genauso viele Barbiepuppen durch die Gegend laufen, wie in den USA. Da gibt es keinen Unterschied.

Haben Sie das Buch Feuchtgebiete von Charlotte Roche gelesen?
Ja, und ich fand es sehr lustig, sehr unterhaltsam. Wir stecken doch alle unsere Hand in die Hose, kratzen uns am Hintern und riechen dann daran. Wir tun das.

Das mag ja noch einen humoristischen Ansatz haben, aber viele Dinge im Buch sind schlicht und ergreifend ekelhaft. Meinen Sie, die Autorin hat diese extreme Ausdrucksform gewählt um ein politisches Statement zu machen?
Das ist kein politisches Buch, und Charlotte wollte sicherlich auch kein politisches Buch machen. Ich denke, sie hat einfach nur das geschrieben, was ihr gerade durch den Kopf gegangen ist. Feuchtgebiete wird durch die Gesellschaft zu einem Politikum gemacht. Das ist dasselbe Prinzip, was auch bei meiner Person und meinem Auftreten passiert – das passiert dadurch, wie die Leute es sehen und was sie in dieses Buch, beziehungsweise meine Performance, hineininterpretieren. Das erschreckt mich immer wieder, wenn ich merke, dass die Leute doch alle spinnen! Sie können es nicht akzeptieren, wenn eine Frau furzt oder andere Dinge tut, die sich angeblich nicht gehören. Charlotte und ich wollen ja niemandem etwas aufzwingen – weder sie noch ich sagen, dass man sich nicht rasieren darf. Aber es ist doch schon verwunderlich, dass sich Menschen so viel Arbeit aufhalsen, um etwas zu entfernen, das zu ihnen, zu ihrem erwachsenen Ich gehört.

Sie haben ein sehr starkes, provokantes Image von sich kreiert. Wie kann man sich die private Merill vorstellen? Leben Sie privat den Gegenentwurf zu Ihrem Image?
Das geht niemanden etwas an.

Wollten Sie eigentlich jemals bewusst provozieren?
Ich finde es einfach lustig, dass die Leute – wer auch immer sie sein mögen, denn in meiner Welt gibt es solche Menschen nicht – damit nicht zurechtkommen, wie ich auftrete. Es ist doch schon ziemlich dumm, dass es in der heutigen Zeit, die von allen immer als fortschrittlich lobgepriesen wird, immer noch so schockierend ist, wenn man sich auslebt. Es ist ganz wichtig, den Moment zu erkennen, an dem man anfängt, sich davon beeinflussen zu lassen, was andere Menschen denken, wie sie über einen urteilen. Und dann dreht man ihnen den Rücken zu und ignoriert das. Es ist egal, was andere Menschen von dir denken. Du musst glücklich sein.

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16:00 08.08.2009

Ausgabe 42/2021

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