Alleinsein. Tagebuch eines Solisten.

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Das Büchlein mit den folgenden erschütternden Aufzeichnungen lag im Berliner Tiergarten zwischen einem Ficus Benjamini und einer Pappel. Gefunden und entziffert von Thilo Bock


Dienstag
Bin jetzt schon seit ungefähr 425 Tagen, drei Stunden und 55 Minuten allein.

Allein und verlassen. Verlassen von Kathleen. Oder wie die hieß. Wundere mich ohnehin seit 425 Tagen, drei Stunden und 55 Minuten, warum ich sie nicht einfach vergessen kann. Ihren Namen. Ihre blauen Augen. Diese roten Lippen, die stets so schön Worte formen konnten. Und überhaupt ihre Form, also nicht nur die der Worte oder die der Lippen, sondern die Form ihres Körpers...

Mensch, Dirk, reiß dich mal zusammen! Kathleen war doch nur eine Affäre. Und bloß, weil sie meine einzige Affäre war, ist und (wer weiß das schon?) vielleicht bleiben wird, deshalb muss ich sie doch nicht hochstilisieren zur Liebe meines Lebens. Wirklich nicht! Es gibt mindestens eine Person, die ich mehr mag als Kathleen. Das bin ich. Deshalb macht es mir auch gar nichts aus, allein zu sein.


Donnerstag- seit 427 Tagen, sieben Stunden und einer Minute allein
Ertappe mich immer öfter dabei, mit mir selbst zu reden. Wäre ja noch akzeptabel, wenn es sich dabei lediglich um laut ausgesprochene Gedanken handelte, aber ich verstricke mich immer öfter in Streitgespräche mit mir selbst, die so unversöhnlich enden, dass ich mir schwöre, nie wieder auch nur ein Wort mit mir zu wechseln. Welch Schmach ist es dann aber, mich dabei zu ertappen, wie ich mit mir darüber rede, was es zum Abendessen geben soll.

Freitag- seit 428 Tagen, einer Stunde und sieben Minuten allein
Habe mir einen Ficus zugelegt. Irgendwo war zu lesen, diese Pflanze sei der ideale Partner eines Singles. Der Ficus heißt Benjamin. Steht jedenfalls auf seinem Namenschild.

Drei Stunden und 56 Minuten später
Bin wohl kein idealer Single, mittlerweile geht mir dieser blöde Ficus total auf die Nerven, so vorwurfsvoll wie er mich die ganze Zeit anstarrt. Habe sogar die Wohnung verlassen, weil ich es nicht mehr in seiner Gegenwart aushielt, aber draußen war einfach zu viel los. Als ich zurückkam, stand diese Ausgeburt einer Pflanze immer noch so da wie vorher. Ist mir irgendwie der Kragen geplatzt. Bin ich laut geworden. Habe ich den Kerl angebrüllt, er könne ja gehen, wenn´s ihm bei mir nicht passt. Seine stoische Ruhe macht mich wahnsinnig. Mit Benjamin kann man sich überhaupt nicht streiten. Das macht einfach keinen Spaß. Das ist wie mit Kathleen.

Ach! Kathleen!

Wer ist eigentlich Kathleen?


Mittwoch - seit 433 Tagen, fünf Stunden und 16 Minuten allein
Heute war ich gut gelaunt. Er regnete in Strömen und die Straße vorm Haus war menschenleer. Selbst Benjamin wirkte fröhlich. Auf mich jedenfalls. Richtig einschätzen konnte ich ihn noch nie. Aber inzwischen weiß ich mehr von ihm, als mir vielleicht lieb ist. Er ist wohl die unhöflichste Pflanze, die ich kenne, und ich kenne viele Pflanzen. Mit fast allen Bewohnern des Tiergarten bin ich per Du. Nur diese eine plappernde Pappel ist bei mir unten durch! Egal, Benjamin jedenfalls hat, als ich ihm mein Lieblingslied vorspielte, ein paar Blätter fallengelassen. Das ist doch! Mir fehlen die Worte.

Donnerstag - seit 434 Tagen, null Stunden und einer Minute allein
Das mit dem Benjamin und mir konnte nicht gut gehen. Ich hab ihn heute Nacht ausgesetzt. Ich habe ihn neben die plappernde Pappel gepflanzt. Sollen sich die beiden doch ihre Mäuler zerreißen über mich (oder wie die auch immer kommunizieren), und wenn Kathleen mal vorbeikommt, und ich bin mir sicher, dass sie die Pappel noch oft besucht... Ach! Mir doch egal. Weiß gar nicht mehr, wer Kathleen überhaupt ist. Irgendso ´ne Affäre von mir. Glaube ich.

Mittwoch - seit 440 Tagen, drei Stunden und fünf Minuten allein
Sollte mir vielleicht ein Tier kaufen. Viele Menschen, die es nicht mit anderen Menschen aushalten, halten sich ein Tier. Mit dem kann man auch reden, ohne dass es seltsam wirkt. Und es kann auch keine Blätter verlieren, wenn man ihm mal ein Lied vorspielt. Gewisse Tiere fallen allerdings von vornherein weg wegen des Lärms, den sie machen. Elefanten zum Beispiel. Oder Hirsche. Hunde sind mir sehr unsympathisch, Katzen zu anschmiegsam, und Kaninchen taugen wohl nur als Fellhandschuhe. Und ein Vogel kann einem zu leicht entfleuchen.

Eine Stunden und zwei Minuten später
Ich hab´s! Ich werde mir Guppys zulegen! Guppys sind toll, die halten die Klappe und schwimmen nur still vor sich hin.

Fünf Minuten später
Was ist aber, wenn sich die Guppys gegen mich verbünden? Wenn sie über mich lästern? Ich werde mir also nur einen einzelnen Guppy zulegen.

Donnerstag - seit dreißig Minuten nicht mehr allein
Habe mir einen Fisch gekauft. Allerdings keinen Guppy. Der Mann in der Tierhandlung wollte mir keinen einzelnen verkaufen. Meinte, die gäbe es nur im Zehnerbeutel. Wenn ich nur einen wolle, könne ich den Rest ja aussetzen, aber das war mir ein wenig zu umständlich. Welche Fische es denn einzeln zu erwerben gäbe? Der Mann (übrigens eine äußert unangenehme Erscheinung, wirkte auf mich, als hielte er mich für bescheuert) zeigte mir verschiedene Zierfische, die mir dann aber doch ein wenig zu aufgetakelt rüberkamen. Schon schöne Menschen sind mir suspekt. Das mit Kathleen war mir eine Lehre. Wollte also lieber einen hässlichen Fisch. Der Händler empfahl mir einen Karpfen, konnte mir jedoch keinen verkaufen. Ich solle mal ins Fischgeschäft gehen, da gäb es welche, leider alle tot. Ich ging trotzdem hin. Im Fischgeschäft wurde ich seltsam angeguckt, als ich den Fisch lebendig haben wollte, sie sagten, das sei verboten wegen Tierquälerei und so. Ich musste sie bestechen, weshalb ich dann nicht mehr dazu kam, zu fragen, wie der Karpfen heißt. Naja, immerhin haben sie mir einen alten Eimer mit Wasser gefüllt und meinen neuen Mitbewohner hineinflutschen lassen. In der U-Bahn wurden wir zwei komisch beäugt. Das tat gut. Fühlte Neid.

Freitag - seit einem Tag, fünf Stunden und zehn Minuten nicht mehr allein
Die Gesellschaft von Karl (so habe ich den Karpfen getauft) ist äußerst angenehm. Er ist mobiler als ich dachte. Wenn ich esse, stelle ich seinen Eimer auf den Tisch, wenn ich schlafe, neben mein Bett, und wenn ich aus dem Fenster gucke, guckt auch er aus dem Fenster. Naja, nicht so richtig, durch die Eimerwand kann er leider nichts sehen, aber ich erzähle ihm, was ich sehe. Und wenn was wirklich Interessantes zu sehen ist, hebe ich ihn kurz hoch und zeige es ihm. Mir gefällt, wie angewidert er dann guckt. Ein feiner Zeitgenosse, der Karl.

Sonntag - seit drei Tagen, drei Stunden und elf Minuten nicht mehr allein
Karl mag es, wenn ich ihm auf dem Dudelsack vorspiele. Und er kann genausowenig wie ich nachvollziehen, dass mich kein Orchester aufnehmen will. Die meisten Menschen verstehen eben nichts von guter Musik. Da muss erst ein Karpfen angeschwommen kommen.

Donnerstag - seit sieben Tagen, einer Stunde und 13 Minuten nicht mehr allein
Fürchte, der Eimer ist zu klein gewesen für Karl. Habe ihm daher Wasser in die Badewanne gelassen. Wie er sich freut! Vielleicht sollte ich die Freude mit ihm teilen und zu ihm in die Wanne steigen.

Freitag - seit acht Tagen, drei Stunden und fünf Minuten nicht mehr allein
Oje, oje. Das habe ich nicht gewollt. Wirklich nicht. Mir war Karls Wasser einfach zu kalt, daher hab ich etwas warmes dazu laufen lassen. Und etwas Schaumbad, ich dachte, etwas Seife könnte auch Karl nicht schaden. Erst hatten wir viel Spaß! Karl ist vor Freude auf dem Rücken geschwommen. Doch jetzt, jetzt schwimmt er zwar immer noch auf dem Rücken, aber viel zu weit oben. Mit mir hält´s eben keiner lange aus.

Samstag - seit neun Tagen, einer Stunde und 13 Minuten nicht mehr allein
So, Karl ist wiederauferstanden! Naja, habe etwas nachgeholfen, war noch mal im Fischgeschäft. Und ein richtiges Aquarium hab ich ihm auch gekauft. Jetzt steht Karls Domizil im Regal und er kann die ganze Wohnung überblicken.

Mittwoch - seit 13 Tagen, zwölf Stunden und 33 Minuten nicht mehr allein
Karl glotzt immer so vorwurfsvoll! Karl I. war da diskreter.

Sonntag - seit zwei Tagen, sieben Stunden und drei Minuten wieder allein
Habe es nicht mehr ausgehalten, ständig beobachtet zu werden. Dabei schmeckt mir Fisch gar nicht. Kathleen mochte Fisch sehr gern. Werde jetzt Karls sterbliche Überreste nehmen und zwischen Benjamin und die plappernde Pappel legen. Da wird Kathleen ihn schon finden.

Könnte ja mal nachschauen.


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00:00 12.11.2004

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