Am Ende der Nacht

Fragmentarisch Clemens Meyers Roman "Als wir träumten" als Soziogramm einer verlorenen Jugend

Umfangreiche Romane von jungen Schriftstellern sind selten. Noch seltener sind diese dann aber auch gut. Clemens Meyers Debütroman Als wir träumten ist beides. Auf über fünfhundert Seiten entwirft der noch nicht einmal dreißigjährige Autor ein komplexes und in seinen Ambivalenzen mitunter verstörendes Bild einer perspektivlosen Jugend im Leipzig der späten achtziger und frühen neunziger Jahre. Auch wenn so die geschichtlichen Ereignisse den Alltag der jugendlichen Protagonisten notwendigerweise immer wieder kreuzen, ist es doch kein klassischer Wenderoman. Die angesichts der dargestellten Brutalität oft nüchterne Erzählung scheiternder Träume, unmöglicher Utopien und sprachloser Ängste ergibt vielmehr ein literarisches Soziogramm von großer Aktualität.

Vorneweg: Es ist kein einfach zu lesender Roman. Obwohl bereits zu Beginn in wenigen Seiten der Ablauf der zu erzählenden Geschehnisse skizziert wird, setzt sich die Geschichte erst nach und nach puzzleartig zusammen. Jenseits einer schlichten Chronologie vollzieht der Text episodenhaft die Erinnerungssprünge des an seinen Lebensereignissen fast durchdrehenden Erzählers nach. Die sich daraus ergebende Schwierigkeit, die Ereignisse in ihrer Zeit genau zu verorten, sind gewollt und konsequent, entsprechen sie doch dem Fragmentarischen der Erinnerung selbst. Man muss sich auf diese Logik der Erzählung einlassen können, die keine vernunftgesteuerte ist, sondern eine der Nacht - des assoziativen Träumens dieser bestimmten Jugend.

Die Erzählung beginnt unvermittelt. Situiert in einer nur umrissartig gezeichneten, wohl psychiatrischen Anstalt setzt der Ich-Erzähler und Protagonist Daniel auf nicht einmal acht Seiten den Rückblick auf seine Kindheit und Jugend um die Wende herum in Leipzig in Szene. Blitzlichtartig werden Erinnerungen wachgerufen: an halb besinnungslos durchsoffene Nächte mit den Freunden; an jugendkriminelle Karrieren zwischen Diebstahl, Drogen und Gewalt; an fast geschehene und real eingetretene Tode; an die Gegenwart an der Grenze zum eigenen Wahnsinn. Das ist mehr als der Topos der "wilden Jugend" üblicherweise hergibt und weit von nostalgischen oder ironisch überzeichneten Jugenderinnerungen der "Generation Pop" - Ost wie West - entfernt. Die Grundstimmung des Romans ist vielmehr eine melancholische, durchaus im engeren psychoanalytischen Sinn. Der Text erweist sich als Trauerarbeit: Die Rückholung der Ereignisse in die Erinnerung des Erzählers bezeichnet den Versuch, den vielfach erfahrenen Verlust von Leben nachzuvollziehen, zu verstehen, "warum das alles so gekommen ist".

In den verbleibenden fünfhundertzehn Seiten wird der Leser im Bemühen, die Frage zu beantworten, immer tiefer in diese Logik hineingezogen. Die im Eingangskapitel skizzierten Biographien werden ausdifferenziert, Erzählteile eines in seiner vermeintlichen Zwangsläufigkeit immer deutlicher werdenden Lebenspuzzles gelegt. So entsteht ein Panoptikum jugendlichen Lebens zwischen gesellschaftlichen Anpassungszwängen und Aufbegehren, in dessen Mittelpunkt die Schulclique um Daniel, Rico, Mark, Stefan und den kleinen Walter steht. Noch zu DDR-Zeiten wachsen sie in einem Leipziger Vorort in einem Arbeitermilieu auf, in dem Alkoholismus und Gewalt allgegenwärtig sind. Die Schule mit ihrer ideologischen Bespielung erscheint nur als ein weiterer Ort von Fremdbestimmung. Die ersten Konflikte mit Autoritäten sind vorprogrammiert: Tadel durch Lehrer und Direktoren, weil Piratenspiele spannender sind als Pionierübungen, Schulverweise. Sie werden zu Außenseitern gemacht, die auf der Straße, in der Clique ihr anderes Leben suchen, ihr Glück: brutale Kämpfe mit benachbarten Gruppen, die eine Hierarchie aus körperlicher Kraft und Furchtlosigkeit schaffen, Diebstähle, die als kleine Mutprobe beginnen und schnell zum folgenreichen Alltag werden, Drogen, die zuerst konsumiert, dann verkauft werden. Die gesellschaftlichen Konsequenzen sind entsprechend: Arbeitsstunden in sozialen Einrichtungen, Jugendarrest, Knast.

Meyers Roman ist hoch politisch, gerade weil der Politik darin nur eine unbedeutende Nebenrolle zukommt. Es geht um die sehr aktuelle und weit reichende Frage, welche Perspektiven in der gegenwärtigen Disziplinargesellschaft Menschen ohne ökonomische Ressourcen und soziales Kapital haben (können) - es geht um das menschliche Bedürfnis nach Anerkennung. Durch das Ende der DDR wird ein gesellschaftliches Zwangssystem, in dem diese bestimmte Jugend keinen Raum - und eben keine Anerkennung - fand, durch ein anderes ersetzt, dessen Mittel vielleicht subtiler, aber doch wirkungsvoll waren und sind. Die Gesellschaft produziert stets ihre "Anderen", vor denen sie sich schützen zu müssen glaubt.

Das verzweifelte Begehren der ausgeschlossenen Jugendlichen nach einem glücklichen Leben - einem einfachen Dazugehören - jenseits der zerrütteten Familien und der sie umgebenden Zwangssysteme scheitert. Es ist die vermeintliche Notwendigkeit dieser Lebensläufe, die offensichtliche Ausweglosigkeit innerhalb des sehr detailliert aufscheinenden sozialen Milieus, die den Roman nachhaltig im Bewusstsein verankern. Denn umso schärfer zeichnen sich die Träume der Jungen ab, die identitätsstiftend sind, ihr Leben bestimmen, ihre Werte: vom Aufstieg des Fußballvereins in die erste Bundesliga, vom Sieg des als einer der ihren erkannten Boxers Rocchigiani gegen den "Gentleman" Maske, von ihrem eigenen illegalen Technoclub am Rande der Stadt, von der großen und einzigen Liebe. So schnell wie die Träume enden, so schnell wächst das Bewusstsein, nicht dazu zu gehören, Verlierer zu sein - eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, denn sie wissen um die sicheren Folgen ihrer Taten, die sie dann doch begehen, weil sie diese für unausweichlich halten. Nicht einmal der Tod kann da etwas ändern. So avanciert der Roman von der austauschbaren Beschreibung einer delinquenten Gang zu einem sehr aktuellen Soziogramm einer hoffnungslosen Jugend, deren Brutalität und Unbelehrbarkeit auch Ausdruck ihrer nicht zur Sprache kommenden Ängste sind.

Die dabei vorhandenen Ambivalenzen zeigen sich am deutlichsten bei Daniel, der trotz der väterlichen Fußball-Gewalt-Alkohol-Eskapaden, der hilflos schimpfenden Mutter und der Spirale der eigenen kriminellen Karriere immer wieder die Möglichkeit des Ausbrechens hatte, die er nie wahrnehmen konnte: nicht als guter DDR-Pionier mit schulischen Auszeichnungen, nicht nach dem Drogentod seines guten Freundes Mark. Eine Szene in der Mitte des Romans ist hierfür beispielhaft. Es ist die Erinnerung an einen Abend mit Mark, der wieder einmal in einem Einbruch endete, schicksalhaft für Daniel, der "da nicht reinwollte, bis jetzt war es nur Hausfriedensbruch, das gab höchstens ein paar Stunden, wenn sie uns erwischten, aber ich ahnte, nein, ich wusste, dass wir da unten in der Halle irgendeinen Scheiß machen würden." Es kommt, wie Daniel es vorausgesagt hat: "Die Karre fährt durch die Halle. Ein Regal kippt um. Die Frontscheibe ist weg. Mario sagt uns die besten Oldies an. Alle Typen klingen wie Elvis. Wir hupen. Ich pisse zum Fenster, während die Karre im Kreis durch die Halle fährt. Irgendjemand ist vorne am Tor. ›Sie kommen‹, schreit Mark. Sie kommen." Zugleich jedoch offenbart sich Daniels ausgeprägte Sorge um Mark, als dieser Ecstasy nehmen möchte: "Ich nahm die Pille. Mark schrie. Ich sah die Pille noch kurz auf ihrem Weg in die Halle. ...›Du beschissenes Dreckschwein, du hast meine Pille totgemacht, Danie, warum?‹ ... ›Mensch Mark, du bist mein Freund...‹" Auch dieses kurze Bewusstsein des Anders-sein-könnens hält den letztlich tödlichen Ablauf der Ereignisse nicht auf.

Die zu Beginn des Romans vom Erzähler gestellte Frage, warum alles so gekommen ist, entpuppt sich im Nachhinein als irrelevant, der Versuch, sie zu beantworten, als vergebliches Unterfangen. Konnte es je anders kommen? Der Text als Erinnerung eines am Leben Gescheiterten kann nur in der logischen und unabänderlichen Konsequenz des Scheiterns enden. Die Frage, die nicht der Roman, sondern wir Leser als Teil dieser Gesellschaft zu beantworten haben, müsste vielmehr lauten: Lässt sich auch eine andere Geschichte erzählen?

Clemens Meyer: Als wir träumten. Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main 2006, 528 S., 19,90 EUR


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00:00 17.03.2006

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