Sérgio Costa
17.01.2011 | 14:45 20

Am laufenden Rand

Schweigen Thilo Sarrazin war der Mann des Jahres 2010. Warum der trotz gegenläufigem Hype keineswegs überholte Postkolonialismus daran etwas ändern sollte

Gesellschaftliche Themen durchlaufen, wenn sie in der Öffentlichkeit diskutiert werden, eine bestimmte Karriere. Sind sie einmal auf die Agenda der großen Medien gelangt, werden sie zumeist intensiv debattiert. Danach passieren sie entweder mühevoll die Hürden, die auf dem Weg zum Ende eines politischen Entscheidungsprozesses stehen. Oder, das ist die einfachere und häufigere Variante, sie geraten wieder an den Rand der Wahrnehmung, aus dem Fokus des öffentlichen Interesses. Der Hochzeit der Debatte kommt dabei eine nicht unbedeutende Funktion zu: In den Thematisierungsschüben stellen sich die Positionen und Akteure heraus, die dauerhaft in der Meinungs- und Willensbildung zu einer bestimmten Fragestellung gehört werden. Wer sich in diesem ungemein dichten Diskussionsmoment nicht äußert, wird es später schwer haben, die Kompetenz seines Beitrags und die Relevanz seiner Position zu behaupten.

Für den konkreten Fall – die jüngste intensive Debatte um „Integration“ und „Islam“ in Deutschland – heißt das: Man kann nun Bilanz ziehen, welche Stimmen durch die Debatten legitimiert worden sind. Und dabei fällt die Abwesenheit von Beiträgen kritischer Sozial- und Kulturwissenschaftler auf, insbesondere der in Deutschland neu etablierten postkolonialen Studien. Schaut man in andere Länder, nach Großbritannien, Frankreich oder in die USA, ergibt sich ein anderes Bild. Dort stellen die im Postkolonialismus fundierten Positionen einen zentralen Bestandteil der öffentlichen Diskussion zu Themen wie Migration, Rassismus oder Islam dar. Wieso ist das in Deutschland nicht so?

Die Erklärung für die politische Abstinenz des Postkolonialismus liegt sicherlich nicht in den analytischen Grenzen der Theorie selbst begründet. Denn Einwände aus postkolonialer Perspektive, die sich vorbringen lassen gegen die dilettantischen und unsicheren Streifzüge von Thilo Sarrazin und anderen Publizisten durch die komplexen Wissenschaftsfelder von Intelligenzforschung, Religionssoziologie oder Demografie, liegen auf der Hand. Ähnliche rechtspopulistische Tiraden wurden von Autorinnen und Autoren aus dem postkolonialen Lager in anderen Kontexten prägnant dekonstruiert und beispielhaft entkräftet. So kann man in Edward Saids 1978 erschienem Klassiker Orientalismus und in seinem politischen Engagement gegen den Irakkrieg Argumente finden, um die gegenwärtige Ethnisierung der Migranten als schlichtes Mittel zur (Re-)Konstruktion des Selbst, in diesem Fall „der Deutschen“ zu erkennen. Bei Said kann man weiterhin nachlesen, dass Orientalisierungs- oder Ethnisierungsversuche besonders dort virulent werden, wo die Grenzen zwischen dem imaginären „Wir“ und dem konstruierten „Anderen“ beginnen, unschärfer zu werden. Wenn also „arabische“ Rapper die deutsche Sprache für die Musik der „deutschen“ Jugend verwenden oder „türkische“ Kommissare im Tatort ermitteln, der medial-psychoanalytischen Großcouch der Nation, müssen Nationalisten die Grenzen wieder ziehen, um deutlich zu machen, wer wirklich „Deutscher“ ist.

Verweis auf die „Subalternen“

Weitere Argumente lassen sich leicht in neueren Untersuchungen von Soziologen wie Paul Gilroy und Jan Nederveen Pieterse über europäische (postkoloniale) Städte finden. Gegen Debatteure, die im rückwärtsgewandten Bild homogener Nationen verhaftet sind oder in multikulturellen Vorstellungen, die eine visuelle Vielfalt der Kulturen wie in Musikvideos oder Werbekampagnen aufrechterhalten wollen, zeigen diese Autoren, dass Multikultur (nicht Multikulturalismus!) das gegenwärtige Europa kennzeichnet. Und Multikultur schließt Rassismus und (Selbst-)Entfremdung selbstverständlich nicht aus. Dennoch entfalten sich im Alltag immer auch neue Formen des Miteinanders (conviviality), in denen angebliche ethnische Zugehörigkeiten keine wichtige Rolle mehr spielen.

Eine kritische Reaktion auf die aktuellen Angriffe, die angeblich „intergrationsunwillige“ Migranten in den Blick nehmen, kann sich überdies an vielen Studien der (postkolonialen) Rassismusforschung orientieren. Im Rahmen der Untersuchung zu whiteness in den USA oder zur „Rassialisierung“ von Differenzen in Lateinamerika ist das diskursive Schema schon lange beschrieben worden, auf das in der jetzigen Diskussion in Deutschland zurückgegriffen wird. Wenn „subalterne“ Gruppen eine Verbesserung ihrer Aufstiegschancen erfahren – und das ist eindeutig der Fall im Deutschland unserer Tage –, suchen die Profiteure der alten, ungleichen Chancenstrukturen nach neuen Begründungen für ihre Überlegenheit – weg von der sozialen und kulturellen Ebene, hin zu den biologischen Differenzen. Da diese angeblich unüberwindbar sind, verleiht der Biologismus dem Herrschaftsdiskurs die (scheinbare) Beständigkeit, die durch den Aufstieg der „Subalternen“ gefährdet wird.

Das postkoloniale Repertoire verfügt über zahlreiche Instrumente, die bereits in ähnlichen Diskussionen ihre argumentative Effizienz bewiesen haben. Liest man zum Beispiel in der klassischen Auseinandersetzung der postkolonialen Studien um die Frage der Repräsentation der „Subalternen“ nach, stößt man bei Gayatri Chakravorty Spivak oder Ella Shohat unmittelbar auf Argumente, die die gegenwärtigen Versuche „deutscher“ Frauen und Männer, im Namen der Rechte der „Kopftuchfrauen“ zu sprechen, als grotesk entlarven. In solchen Fällen ermächtigt der Verweis auf die „Subalternen“ nur die Sprechenden selbst, während die Stimme der Unterdrückten verschwiegen wird.

Ein Schweigen, zwei Antworten

Man könnte die Aufzählung postkolonialer Anregungen zur aktuellen Debatte in Deutschland noch weiterführen. Man könnte die Ausführungen Homi K. Bhabhas oder Stuart Halls zur relationalen Konstruktion von Differenzen hinzuziehen oder die Arbeiten von Nilüfer Göle zum europäischen Islam der Einfachheit halber gleich wortwörtlich auf Deutschland übertragen. Aber dabei würde man nur feststellen: Ein Mangel an triftigen Argumenten herrscht keineswegs.

Und es ist auch keineswegs so, dass das Projekt des Postkolonialismus überholt sei. André Lepecki – ein in Brasilien geborener, in Portugal aufgewachsener, in den USA lebender und unter anderem in Deutschland arbeitender Kurator und Dramaturg, der zu den führenden postkolonialen Theoretikern mit Blick auf performative Künste zählt – hat unlängst darauf hingewiesen, dass es zwar modisch geworden sei, das zu behaupten (weil das akademische Feld wie alle anderen Bereiche unserer Gesellschaft der Unterscheidung von In/Out, der Vorstellung von Hypes unterliegt) – das wir tatsächlich aber in einer Zeit der Neokolonialisierung leben. Warum aber schweigt der deutsche Postkolonialismus weitgehend zur „Integrations/Islam-Debatte“? Ich kenne zwei Antworten.

Der erste Grund für das Schweigen ist institutioneller Natur. Die postkolonialen Studien haben sich in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen, asiatischen oder amerikanischen Ländern erst sehr spät konstituiert. Zwar gibt es heute bereits einige etablierte Zentren und Schriftenreihen in renommierten deutschen Universitäten beziehungsweise Verlagen. Wie die Soziologin Encarnación ­Gutiérrez-Rodríguez von der University of Manchester aber feststellt, entsteht der wissenschaftliche postkoloniale Diskurs völlig losgelöst von den postkolonialen sozialen Bewegungen. Dazu kommt, dass sich der akademische Postkolonialismus heute wie alle anderen wissenschaftlichen Strömungen um Anerkennung und Ressourcen im Rahmen einer reformierten Wissenschaft bemüht, die politisches Engagement nicht nur nicht belohnt, sondern es mitunter sogar bestraft.

Raus aus der Akademie

Die andere mögliche Antwort für die Zurückhaltung der deutschen postkolonialen Studien liegen im politischen Feld selbst. Als neu etablierter Forschungsbereich fällt es dem deutschen Postkolonialismus schwer, sich im diskursiven Minenfeld der Migrationsdebatte zu positionieren. Emanzipatorische und herrschaftskritische Argumente verlieren dabei ihre Eindeutigkeit, weil die Debatte Sachverhalte miteinander vermengt, zu denen die postkolonialen Studien dann als Aporien erscheinen können. Anders gesagt: Wenn der Postkolonialismus das Bild der homophoben muslimischen Männer nuancieren will, kann es ihm zugleich nicht darum gehen, Schwulen und Lesben ihren Freiraum zu entziehen. Wenn der Postkolonialismus die pauschale Kriminalisierung junger Migranten aufdecken will, darf er dabei das Gebot eines gewaltfreien Miteinanders nicht in Frage stellen.

Die postkoloniale Antwort auf diese zweifellos tückische Machtkonstellation kann jedoch in keinem Fall ein indifferentes Schweigen bleiben. Hier muss das postkoloniale Feld seine Fähigkeit auf die Probe stellen, Essenzialismen zu dekonstruieren, künstliche Polarisierungen aufzubrechen, um eine neue Begrifflichkeit auf die Tagesordnung zu setzen. Wie für den Marxismus oder für die Kritische Theorie, aus denen der Postkolonialismus in gewisser Weise hervorgeht, stellt das politische Geschehen der Nährboden dar, aus dem eine kreative und qualifizierte postkoloniale Wissenschaft wächst (oder eben nicht). Einem rein akademischen Postkolonialismus würde schnell die Luft ausgehen.

Sérgio Costa ist Professor für Soziologie und Direktor des Lateinamerika-Instituts der Freien Universität Berlin

Kommentare (20)

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mabli 18.01.2011 | 18:49

@ hump van weyden

Kann es sein, dass Sie eher derjenige sind, der hier akademische Grabenkämpfe austrägt ud um seine Pfründe fürchtet?
Anders kann ich mir nicht erklären, dass sie es nötig haben, auf dem Artikel von Herrn Costa so herum zu hacken. Es geht ihm doch wohl um die Frage warum sich Vertreter des Postkolonialismus nicht an der politischen Debatte beteiligen.
Übrigens könnten sie in dem Buch "Einführung in postkoloniale Theorie" von Nikita Dhawan und María do Mar Castro Varela nachlesen,dass die Ansätze die unter postkoloniale Theorie fallen sehr disparat sind. Und einige davon sich sehr wohl auch auf Marx berufen neben den sogenannten Poststrukturalisten.
Oder auch dass Deutschland mit seiner Wissensproduktion zur Zeit der Kolonialisierung auch zu dem Bild von Kolonialherren und Kolonisierten beitrug.
Oder dass es unter dem Begriff postkoloniale Theorie sehr wohl kritische Diskussion darüber gibt inwieweit Migranten als Intellektuelle in westlichen Ländern nicht eine Machtposition in der Produktion von Wissen der ehemaligen Kolonialländer besetzen.
Sie offenbaren mit ihrer Kritik leider gerade die Ignoranz gegenüber einer möglichen globalen Perspektive auf Strukturen von Ausbeutung und soziale Kämpfen und die Fallstricke, die es dabei gibt.

Nelly 19.01.2011 | 00:04

Mann oh Mann, ich bin ja auch an einer Uni. Bin ich froh, daß ich Experimente machen kann und mich nicht im komplett datenfreien Raum bewegen muß. Womit man aber auch alles seine akademischen Brötchen verdienen kann !

Ähm, wie war das noch mal gleich: " Wenn „subalterne“ Gruppen eine Verbesserung ihrer Aufstiegschancen erfahren – und das ist eindeutig der Fall im Deutschland unserer Tage"wie das, ich dachte, die "Chancen" würden immer ungerechter verteilt – " suchen die Profiteure der alten, ungleichen Chancenstrukturen nach neuen Begründungen für ihre Überlegenheit ..."
Mit anderen Worten, seitdem Jugendliche mit muslimischen Migrationshintergrund (Achtung - "Migrationshintergrund" darf man bald nicht mehr sagen ! neue Anweisung von Öztürk ) die Charts der höheren Bildung anführen, suchen die auf die niederen Bildungsränge Verdrängten nach "neuen Begründungen für ihre Überlegenheit" ???
Irgendwas hab ich hier nicht verstanden, der Artikel fing irgendwie mit "Sarrazin" an, aber etwas muß da beim Wörterwürfeln nicht ganz so geklappt haben. Oder kann mir hier jemand aus der Patsche helfen ?

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tomgard 19.01.2011 | 13:11

Der ökonomische, politische, kulturelle Zusammenhang des aktualen, synchronen Daseins der lebenden Generationen ist materielle Geschichte. Sie dem Gesichtspunkt eines diachronischen Ablaufes zu unterwerfen, ist bereits ein Kern des "Diskurses weißer Eliten", den Du, Hump, hier trefflich polemisch angegriffen hast. Auch beim Herrn Marx, es ist der ihm leider unvertilgbar gewordene Rest aufklärerischer Gesinnung gewesen.

Jenen Ablauf - unweigerlich eine Konstruktion, wie Du selbst einräumst - dem erkenntnistheoretischen Schema zu unterwerfen, in dem er als "objektiver Prozess" (Hump) figuriert, ist auf doppelte Weise eine Konstruktion eines "Halb-Bewußtseins" zu nennen, in dem Sinne, wie Du weiter oben Halb-Bewußtsein eingeführt hast.

Denn erstens ist dieser "objektive Prozess" das Ideal eines "Dings an sich", den Du ob seines epistemischen Status mit einer gewissen hörbaren Befriedigung dann "unverfügbar" nennen kannst.
Zweitens aber - und das ist der interessegeleitete, mämlich elitäre Irrtum daran - ist das bewußte Sein, das falsche Bewußtsein in Gestalt des herrschaftlich formierten Daseins der lebenden Generationen integraler Bestandteil des synchronen Gefüges der materiellen Geschichte. Und zwar just derjenige, der die ganze Scheiße zusammenhält - jedenfalls so lang die Waffen schweigen. Auch im Zeitalter des Krieges schweigen sie meistenteils, müssen schweigen, damit auch noch ausgebeutet und nicht nur niedergerissen wird. Das Bewußt-Sein der weißen Eliten gehört nicht weniger und in erster Instanz nicht anders dazu, als das der immigrierten Putzen, die den Dreck aus den Ecken der Hamsterkäfige wischen, in denen der Geist der Macht residiert.

Über das platonische Konstrukt eines Halb-Bewußtseins war der olle Kalle immerhin hinaus. Und ein redlicher Kritiker - ich weiß, das ist schweres Brot - hätte das Rationelle an den Post - Ismen heraus zu arbeiten, also das Unzureichende - nicht bloß das Berechnende - an ihrem Begriff der Synchronie und der materiellen Geschichte.

j-ap 19.01.2011 | 13:44

Okay, Thomas, dann laß es mich mal so formulieren:

Es geht darum, wie die Einheit zu fassen ist, aus der heraus das Einzelne, Besondere (zB das 'Individuum') sich als solche Einzelheit, Besonderheit nicht nur zu erkennen, sondern geradezu erst als solche zu bezeichnen vermag und zwar derart, daß die meisten von diesem Individuum gewählten Bezeichnungen nicht rein willkürlich erfolgen, sondern so, daß andere Individuen diese, wenn auch nicht »genau« so (denn dann handelte es sich bei den bezeichneten Sachverhalten um allgemeine, nicht um besondere), aber doch als einander in Form und Inhalt hinreichend ähnlich auffassen, so daß die Welten dieser Individuen permeabel werden, will sagen: so, daß diese Individuen sich verstehen können.

(Und nein, über die Irrungen und Wirrungen von Kant (nämlich nicht 'Ding an sich' , sondern Transzendentalsubjekt) und Hegel (nämlich Weltgeist) brauchen wir uns hier gar nicht erst zu unterhalten.)

j-ap 19.01.2011 | 15:20

Man kann's an zwei Punkten festmachen, worauf ich hinauswill:

(1) Hump schreibt oben: »Machen und Erkennen fallen nie zusammen, weshalb beständig Diskrepanz vorherrscht zwischen Erfahrungen und Erwartungen im Weltprozeß« (und ich stimme dem übrigens zu).

Du dagegen hast an anderer Stelle schon einmal geschrieben: »Ein Mensch "ist" was er "tut", sowohl aktual, wie geschichtlich, aka biographisch, nämlich in dem Maße, wie er vergangenes Tun im aktuellen neu beruft und formiert. (Tätigkeit ist auch stets theoretisch.) Eine andere "Identität" - das Wort trifft es natürlich nicht - hat kein Mensch, auch nicht der gewaltsam verfaßte Mensch.«

Was trifft denn nun zu?

(2) Soweit ich Dich bislang richtig verstanden habe, muß man mit Deiner Erkenntniskritik zu etwa denselben Schlüssen kommen, wie sie Herr Costa hier präsentiert: Absolutismus des Begriffs als mal besser, mal schlechter camouflierte Herrschaftsambition, die sich in eben der epistemischen Unverfügbarkeit als Unverfügbargemachthaben ausspricht. Anders gesagt: Wer zuerst 'objektiv' sagt, will herrschen.

Allerdings ist diese Deine Kritik (abgesehen davon, daß Du damit selbst ein Urteil mit Anspruch auf objektive Geltung fällst) mit Sohn-Rethel gesprochen: irrelevant, da von einem Subjekt der kapitalistischen Totalität (nämlich Dir) verfaßt und ausgesprochen und damit schon auf nichts anderen zulaufend als die Fortschreibung der existierenden, das heißt auf Kauf und Verkauf der Ware Arbeitskraft lautenden und zurückgehenden Verhältnisse.

chrislow 19.01.2011 | 16:25

Aus dem Artikel:

"Wenn „subalterne“ Gruppen eine Verbesserung ihrer Aufstiegschancen erfahren – und das ist eindeutig der Fall im Deutschland unserer Tage –, suchen die Profiteure der alten, ungleichen Chancenstrukturen nach neuen Begründungen für ihre Überlegenheit – weg von der sozialen und kulturellen Ebene, hin zu den biologischen Differenzen. Da diese angeblich unüberwindbar sind, verleiht der Biologismus dem Herrschaftsdiskurs die (scheinbare) Beständigkeit, die durch den Aufstieg der „Subalternen“ gefährdet wird."

Es scheint mir eher unklar zu sein, ob "ungleiche Chanchenstrukturen" vorhanden waren und wenn ja, ob es ein Problem war und eine Lösung erforderte. Minderheit bleibt Minderheit - weltweit. nur der Umgang mit ihr scheint oft genug unfair gestaltet zu sein. Rassismus ist Verhaltensmuster und entsteht aus einem Vorbild ... welches in den Medien alletage zu entnehmen ist. Und die Muster werden von "Täter" und "Opfer" gleichermaßen benutzt. Es ist schlichtweg die Kanalisierung von Agressionen - damit sie erfasst werden kann.

Zweitens sind die biologischen Differenzen nicht so, wie wenn man sie erkennen will, wenn man sarrazins Buch an manchen stellen zu genau gelesen hat. Was ist Intelligenz? Was ist Robustheit? Und was könnte einer "Rasse" zum Überleben verhelfen? Wir kennen doch alle einen kranken Deutschen ... oder?

Nur zwei Beispiele, die Missverständnisse aufzeigen, wenn Menschen ihre Nase zu sehr in Bücher stecken und nicht mit Realität vergleichen...mit offenen Augen und Geist.

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tomgard 19.01.2011 | 17:15

Lieber Josef,

Vorab:
Wenn der Alfred so'n Quatsch, wie "Subjekt der kapitalistischen Totalität", gejapst haben sollte ;-) (was mich wundert ... wo?) habe ich das gnädig überlesen, schon gar nicht hätte ich das auf mich bezogen ^^, ICH soll sein, was selbst der Staat, der Gesamtkapitalist, bloß ideell ist, weil zwar kraft seiner Souveränität die gesellschaftliche "Totalität" den Handlungshorizont der Handlungen "der" "Agentur der Kapitalistenklasse" bildet, die jedoch wiederum in Handlungen von Staatsagenten zerfallen, die eine eigene politische Kaste bilden, in deren Identität als Kaste die Betreuung der antogonistischen (also unauflöslichen) Gegensätze der kapitalistischen Gesellschaft qua "Verlaufsform" "aufgehoben" werden?
(Sorry für die infinitesimale Verdichtung, aber wie soll ich's sonst in Kürze präsentieren)

Aber "Subjekt" ist das Stichwort.
In den Sätzen, die Du von mir zitierst, habe ich nur den Satz paraphrasiert und a weng spezifiziert:
Ein Mensch ist ... ein Subjekt

(Anmerkungen:
(1) Und zwar biologisch ein (repräsentierendes) Gesamtsubjekt aus zellularen Teilsubjekten, vgl. Georg Litsche. Die "Einheit", die Du oben 12:44 problematisch gestellt hast, ist diese Einheit des Gesamtsubjektes, insofern es sich (!) als ein vergesellschaftetesGesamtsubjekt unter anderen konstituiert. Das ist ein eigenen Thema, das hier m.E. keine Rolle spielen muß, da die entsprechenden Bestimmungen in der Debatte, die Du nun aufgemacht hast, unterstellt sind - wissentlich oder nicht.
(2) Der letzte Punkt gilt freilich nur, wenn wenigstens formell die Gegenstände "Bewußtsein" und "Wissen" strikt auseinander gehalten werden, siehe Fortsetzung)

Gewöhnlich ist entgegen aller Widerstände interessierter Dummheit noch ein Einvernehmen darüber herzustellen, daß ein Subjekt Subjekt ist, indem es zweckmäßig handelt, denn immerhin ist diese Tat-Sache zum Ärgernis der Kapitalistenklasse und ihrer politischen Büttel eine von zwei Säulen der ökonomischen Aussaugung und -zehrung von Subjekten geblieben.
Hinsichtlich Denken, Fühlen (Empfinden), Wollen ist die theoretische Entsubjektivierung der Subjekte ideologisch weitgehend durchgesetzt, aber auch das ist ein gesondertes Thema, und daher muß ich hier im Folgenden erst einmal so tun, als wäre dem nicht so.

Dann landen wir bei dem ewigen Zankapfel der ersten drei Kapitel des "Kapital":
Sind die ökonomischen Akteure nun Subjekte ihres Handelns oder sind sie es nicht, haben sie den Subjektstatus an "Dinge", "Fetische", "Strukturen", "(Macht)Verhältnisse" oder eben neuerdings "Diskurse und Narrative" abgegeben, oder nicht.
Marx, soviel sei dazu gesagt, beantwortet die Frage glasklar, wenn auch natürlich noch unvolständig, zum Auftakt des Austauschkapitels am Beispiel des Vertrages. Die Akteure "leihen" - heißt es wörtlich - den Wertformen ihren Willen im persönlich - unpersönlichen Verhältnis des Vertrages, den jeder nur mit einem entgegenstehenden Willen eines anderen eingehen kann, weil nur so das polarische gesellschaftliche Verhältnis hergestellt und exekutiert werden kann, das der Ware, dinglicher Einheit von relativer Wertform und Äquivalentform, im gesellschaftlichen Arbeitsprozess einbeschrieben werde.

Deshalb habe ich dem Thema in der FC einen "Basics"-Text gewidmet.
www.freitag.de/community/blogs/tomgard/basics-1---vertrag---gebrochener-wille

Meine Antwort, die ich oben gegenüber Hump wohl nicht deutlicher hätte machen können:

" (...) ist das bewußte Sein, das falsche Bewußtsein in Gestalt des herrschaftlich formierten Daseins der lebenden Generationen integraler Bestandteil des synchronen Gefüges der materiellen Geschichte (...) derjenige, der die ganze Scheiße zusammenhält - jedenfalls so lang die Waffen schweigen (...) Das Bewußt-Sein der weißen Eliten gehört nicht weniger und in erster Instanz nicht anders dazu, als das der immigrierten Putzen ..."

Ja, die Subjekte bleiben Subjekte IHRES Handelns.

Indem Hump schreibt:
»Machen und Erkennen fallen nie zusammen, weshalb beständig Diskrepanz vorherrscht zwischen Erfahrungen und Erwartungen im Weltprozeß«
aktiviert er, gemessen daran, gleich ein ganzes Fehlerbündel.
(1) "Machen und Erkennen" umgeht derart zielgenau den Begriff der Arbeit , den Du, Josef, ja erklärtermaßen mindestens in der Sohn-Rethelschen Fassung kennst, daß das bei einem Hump kein Zufall mehr sein kann.
(2) In jeder denkbar rationellen Auffassung eines Begriffes "gesellschaftlicher Arbeit" "fallen" "Erkennen und Machen" sehr wohl zusammen, aber natürlich nicht in der Aufgliederung, die sie in einer Klassengesellschaft mit ständischer Gliederung erfährt, zu deren "heimlichen" Haupt sich eine "weiße Elite" wahnhaft erhebt. Hump handelt hier als lustvoller Masochist ...
(2) Sie fallen dennoch auch in jeder Teilarbeit zusammen, nur handelt es sich eben um ... Teilarbeiten. Und zwar solche, deren gesellschaftliche Vermittlung institutionell einer Phase namens "Konkurrenz" unterworfen wird, in der die Teilarbeiten polemisch gegeneinander gestellt sind, nämlich durch den vorab institutionalisierten Zweck privater Bereicherung an der gesellschaftlichen Arbeit.
(3) "Diskrepanz zwischen Erfahrungen und Erwartungen" ist daher gegenüber der Scheinbegründung mit "Machen und Erkennen" ein gegenstandsloses, psychologisierendes Bla-Bla, ein "Diskurs", das sich den angegriffenen Post-Isten hübsch gemein macht.
(4) Und damit die Überleitung zu dem extremsten BlaBla semantisch vorbereitet, dem "Weltprozeß"
(5) Im Resultat hat Hump nicht begründet, aber nahegelegt, was ein Josef dank seiner gleichgelagerten Interessenlage sofort "frisst" und gegen TomGard verwendet:
Die Subjekte seien nicht Subjekte eines "Weltprozesses"
Boah!
Wer hätte das gedacht ...
Gott hilf ihnen ...
Denn DIEJENIGEN Subjekte, die sich mit der elitären Entsubjektivierung ihrer Mitmenschen zu Sprachrohren des Weltprozesses aufwerfen - im aparten Gegensatz zu den gehaßten Klassenbrüdern an den Schalthebeln der Macht, die als SACHWALTER desselben sich nicht nur wähnen, sondern es wirklich sind, nämlich soweit "Weltprozess" = Weltmarkt ist - sind ja zufrieden, daß IHNEN mit dieser Diagnose schon geholfen ist. Es ist wurscht, was sie treiben - solang sie es sich von den Pfründen wohl sein lassen können.

Ich bin mit Deinen Bemerkungen noch nicht fertig, befürchte aber, der Text wird zu lang ...

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tomgard 19.01.2011 | 18:07

Nachwort zu diesem Teil.

Es gewärtige sehr wohl, daß Du meine Verweise auf die Klassengesellschaft und die Klassenlage voraussichtlich wieder persönlicher (im Sinne von "privat") nehmen wirst, als sie gemeint sind und habe nicht vor, mich zu diesem Thema zu wiederholen (Thema "Charaktermaske" vs. "sinnliche ('sexuelle') Subjektivität")

Ich möchte stattdessen öffentlich eine halbprivate Notiz anschließen.
Ich hatte Dich mal aufgefordert, eines Deiner Postings zum Themenkreis Pöbel, faschistischer, Antisemitismus, aka angebl. "Nichtidentität" bürgerlicher Subjekte (eingesetzt in die "Spaltung", über die wir uns formell einig sind) usw. selbst noch einmal superkritisch zu lesen. Mein Hintergedanke dabei: Ich habe den deutlichen Eindruck, Du bist, abseits Deiner intellektuellen Kompetenz, vom Temperament her überwiegend "Künstler" und kein "Analytiker". Du seist da in eine "Geisterreich" abgedriftet, warf ich Dir vor. Persönlicher ausgedrückt hätte ich auch sagen können: Du verwendest Begriffe allzugern als Sinnbilder , formst aus Abstraktionen Allegorien.
Welchen ungenehmen Wahrheiten Du damit auch aus dem Wege gehst, schien mir nebenan anhand Deiner Entgleisung, von einem "arabischen Völkerzoo" zu reden, ziemlich deutlich. Es ist, wie ich schon einmal sagte, Dein ständischer Rassismus, dem "Kommunismus" als eine Art idealer "gated community" von Gleichgesinnten und Gleichartigen vorschwebt, vermittels geschichtlicher Extinktion des "Pöbels" und Verweis derjenigen an gebührende Plätze, die nicht über eine solche Hochleistungsmaschine im Schädel verfügen, wie Du sie zu besitzen meinst.
Das ist ein freund-licher Hinweis, tat-sächlich, und nur Du selbst vermagst zu ermessen, inwieweit er trifft - niemand sonst.

Tom

j-ap 19.01.2011 | 18:13

Was Du da als eine Anmerkung verstanden haben willst und auf Litsche hinweist, das ist hier durchaus Thema und sogar sehr dringend. Denn daran wird klar, daß Du an dem selben Problem herumlaborierst, an dem schon die antike Philosophie ewig saß, und es hilft Dir auch gar nichts, wenn Du das Problem via Litsche eine Ebene tiefer legst, nämlich hinein ins Zelluläre.

Fatalerweise gilt denn nach wie vor: all die bisher vorgeschlagenen Lösungen, dem infiniten Regreß (der auch bei Dir aktuell ist) zu entgehen, oder für das Problem, daß man den Grund, der etwas zum Gegenstand für das Erkennen werden läßt, nicht selbst zum Gegenstand werden lassen kann (und was es der kuriosen »Antinomien« mehr noch alles geben mag), gingen fehl. — Meines Erachtens eben mit Ausnahme der Lösung von Sohn-Rethel.

Wo das Denken Identität außerhalb des Tausches (auch und gerade als »Ich«-Identität!) gar nicht vorfindet, da sie dort keinerlei Konstanz, keine Dauer und damit auch keine Wirklichkeit haben könnte und dies sogar erst recht für Mathematik und Logik gilt, dort gibt es ein Denken nicht, das wie auch immer über irgendeiner Sache stehen, sich in Distanz zu ihr selbst begeben könnte.

Anschaulicher:
Das Identische etwa der zwei Seiten einer mathematischen Gleichung liegt immer in genau demselben Punkt, der sich im Tauschakt als das Identische in verschiedenen Waren erzeugt. Zwar kann man selbstredend diese Identität in der Mathematik vollkommen unabhängig von der Tauschabstraktion denken — und diese Kapazität ist ja nachgerade für Sohn-Rethel die Grundlage für die scheinbare Autonomie von Wissenschaft —, aber diese Wissenschaft besitzt im Unterschied zur Identität in der Warenform kein eigenes Medium, in dem sie sich jenseits und außerhalb des Tausches konstant auch materialistisch perpetuieren könnte. Das ist der Punkt.

Und deshalb findet auch und sogar mathematisches und naturwissenschaftliches Denken systematisch und die Gesamtgesellschaft erfassend erst statt, sobald die Gesellschaft Denk- und Warenform im Kapital auch historisch synthetisiert hat. — Dieser Zusammenhang von Waren- und Denkform ist der Kern des Sohn-Rethel'schen Radikalmaterialismus.

Der Rest Deiner Ausführungen, sei mir bitte nicht böse, ist galoppierende ML-Salbaderei, die immer noch nicht wahrhaben will, daß sich die Metaphysik der Klassen und das Lob der Arbeit längst erledigt haben.

j-ap 19.01.2011 | 18:33

(TomGard schrieb am 19.01.2011 um 17:07)

Nun haben sich unsere Kommentare wieder einmal überschnitten, ich habe den nämlich erst nach dem Absenden meines Schriebs gelesen. Komischerweise fällt mir jetzt eine Formulierung ein, die Du letztens selbst verwandtest: Zwischen den Mühlen zermahlen.

Aber na gut, dann eben auch hierzu noch ein Wort:

Mit dem »Völkerzoo« habe ich gemeint, was ich dort schrieb: Eine auf Basis völkischer Homogenität separierte Einweisung ins Gehege des Nationalstaats.

Das Attribut »arabisch« bedeutet nicht, daß es diesen Zoo nur bei den Arabern/Palästinensern (um die ging es ja, die im Gegensatz zu den »Störern« namens Israelis das Erstrecht auf Heimat geltend machten) gäbe. Den Völkerzoo gibt's auch und gerade in Europa und es gibt ihn gar auf globaler Skala, nämlich als UN-Völkerzoo und also überall, wo überhaupt an so eine Unmöglichkeit wie das »Völkerrecht« irgendetwas angeknüpft oder daraus abgeleitet wird:

Wo Völkerrecht, da Völkerzoo, egal ob lokal, regional oder global. Deshalb gilt es alles zu negieren und zu destruieren, und sei's durch Lächerlichkeit, was immer auch »Völker« zum Gegenstand hat. Es gibt keine Völker, sondern die eine Menschheit, und die wohnt auch gar nicht in diversen Herren Ländern oder gar auf Grundstücken, sondern auf dem einen Planeten. Der Rest ist Machination und wird von mir auch als solche denunziert.

Das hat nichts mit ständischem Rassismus oder dergleichen Halluzinationen zu tun; allerdings habe ich es mittlerweile aufgegeben, Dir das zu erklären. Ich bin bei Dir schon immer der Ständerassist gewesen und werde es auch — ganz naturalisiert — bleiben, daher ist kein Wort mehr darüber zu verlieren.

Nicht verstanden habe ich übrigens, was Du mit »Künstler« meinst: Artist oder Synthetiker (wofür der aufgemachte Gegensatz zum 'Analytiker' spricht)?

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tomgard 19.01.2011 | 18:34

"sobald die Gesellschaft Denk- und Warenform im Kapital auch historisch synthetisiert hat."

"Die Gesellschaft" "synthetisiert" Denkform und Warenform. Wie? "Historisch"!

Das ist just, was ich mit Denken in Allegorien und Sinnbildern meinte, da bleibt kein Atom mehr beim anderen ...
Fang mal mit der Rechengröße "eins" neu an. Und denk - wie ichs übrigens auch immer mal wieder tue, Herrn Hagelstein sei Dank - an Äpfel und Birnen ...
Sorry, Abbruch.

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mabli 19.01.2011 | 18:38

@ hump

Amüsant eher weniger, was vielleicht daran liegt, dass ich dieser akademischen Richtung etwas offener gegenüberstehe.
Und zwar ist das so, weil ich dem Autor des Artikels in seiner Aussage, dass postkoloniale Theorie etwas zu der Integrationsdebatte beitragen könnte zustimme. Sie kann sicher keine Patentrezepte oder einfache Lösungsansätze liefern. Ich habe mich bisher auch nur kurze Zeit und am Rande mit postkolonialer Theorie beschäftigt. Doch aus dieser kurzen Beschäftigung ziehen konnte, fand ich schon beachtlich.
Der Autor weist darauf hin, dass es in einer solchen Debatte wie der Integrationsdebatte viele Fallstricke gibt, welche eine Theorie, die sich mit der Konstituierung von (post-)kolonialen Subjekten / Identitäten befasst, erfassen kann.
Auch das Sprechen für Andere, für die man sich in deren Namen einsetzt wurde in diesem Kontext z.B. von Spivak oder Dhawan einer sehr ausführlichen und fundierten Kritik unterzogen.
Was ihre Kritik an der Theorie wegen ihrer Fixierung auf Texte / Textualität, Einschreibung und Geschichts„schreibung“ als dekonstruierbarer Momente betrifft, sei nur angemerkt, dass soweit ich das verstanden habe z.B. von Spivak darauf hingewiesen wird, dass der Begriff des Textes und der Textualität über den alltagssprachlichen Gebrauch weit hinaus geht und vielmehr eine Struktur im Sinne des Textilen, des Verwobenen bezeichnet.

j-ap 19.01.2011 | 18:53

»"Die Gesellschaft" "synthetisiert" Denkform und Warenform. Wie? "Historisch"!« — Erstens stimmt das nicht, weil ich geschrieben habe: auch (!) historisch, und zweitens schließe ich aus Deiner Bemerkung, daß es für TomGard die Zeit von 1933 bis 1945 nie gegeben hat, ansonsten er nämlich verstünde, was ich damit meine.

Vielleicht ist es wirklich besser, wenn wir hier abbrechen.