Am laufenden Rand

Schweigen Thilo Sarrazin war der Mann des Jahres 2010. Warum der trotz gegenläufigem Hype keineswegs überholte Postkolonialismus daran etwas ändern sollte

Gesellschaftliche Themen durchlaufen, wenn sie in der Öffentlichkeit diskutiert werden, eine bestimmte Karriere. Sind sie einmal auf die Agenda der großen Medien gelangt, werden sie zumeist intensiv debattiert. Danach passieren sie entweder mühevoll die Hürden, die auf dem Weg zum Ende eines politischen Entscheidungsprozesses stehen. Oder, das ist die einfachere und häufigere Variante, sie geraten wieder an den Rand der Wahrnehmung, aus dem Fokus des öffentlichen Interesses. Der Hochzeit der Debatte kommt dabei eine nicht unbedeutende Funktion zu: In den Thematisierungsschüben stellen sich die Positionen und Akteure heraus, die dauerhaft in der Meinungs- und Willensbildung zu einer bestimmten Fragestellung gehört werden. Wer sich in diesem ungemein dichten Diskussionsmoment nicht äußert, wird es später schwer haben, die Kompetenz seines Beitrags und die Relevanz seiner Position zu behaupten.

Für den konkreten Fall – die jüngste intensive Debatte um „Integration“ und „Islam“ in Deutschland – heißt das: Man kann nun Bilanz ziehen, welche Stimmen durch die Debatten legitimiert worden sind. Und dabei fällt die Abwesenheit von Beiträgen kritischer Sozial- und Kulturwissenschaftler auf, insbesondere der in Deutschland neu etablierten postkolonialen Studien. Schaut man in andere Länder, nach Großbritannien, Frankreich oder in die USA, ergibt sich ein anderes Bild. Dort stellen die im Postkolonialismus fundierten Positionen einen zentralen Bestandteil der öffentlichen Diskussion zu Themen wie Migration, Rassismus oder Islam dar. Wieso ist das in Deutschland nicht so?

Die Erklärung für die politische Abstinenz des Postkolonialismus liegt sicherlich nicht in den analytischen Grenzen der Theorie selbst begründet. Denn Einwände aus postkolonialer Perspektive, die sich vorbringen lassen gegen die dilettantischen und unsicheren Streifzüge von Thilo Sarrazin und anderen Publizisten durch die komplexen Wissenschaftsfelder von Intelligenzforschung, Religionssoziologie oder Demografie, liegen auf der Hand. Ähnliche rechtspopulistische Tiraden wurden von Autorinnen und Autoren aus dem postkolonialen Lager in anderen Kontexten prägnant dekonstruiert und beispielhaft entkräftet. So kann man in Edward Saids 1978 erschienem Klassiker Orientalismus und in seinem politischen Engagement gegen den Irakkrieg Argumente finden, um die gegenwärtige Ethnisierung der Migranten als schlichtes Mittel zur (Re-)Konstruktion des Selbst, in diesem Fall „der Deutschen“ zu erkennen. Bei Said kann man weiterhin nachlesen, dass Orientalisierungs- oder Ethnisierungsversuche besonders dort virulent werden, wo die Grenzen zwischen dem imaginären „Wir“ und dem konstruierten „Anderen“ beginnen, unschärfer zu werden. Wenn also „arabische“ Rapper die deutsche Sprache für die Musik der „deutschen“ Jugend verwenden oder „türkische“ Kommissare im Tatort ermitteln, der medial-psychoanalytischen Großcouch der Nation, müssen Nationalisten die Grenzen wieder ziehen, um deutlich zu machen, wer wirklich „Deutscher“ ist.

Verweis auf die „Subalternen“

Weitere Argumente lassen sich leicht in neueren Untersuchungen von Soziologen wie Paul Gilroy und Jan Nederveen Pieterse über europäische (postkoloniale) Städte finden. Gegen Debatteure, die im rückwärtsgewandten Bild homogener Nationen verhaftet sind oder in multikulturellen Vorstellungen, die eine visuelle Vielfalt der Kulturen wie in Musikvideos oder Werbekampagnen aufrechterhalten wollen, zeigen diese Autoren, dass Multikultur (nicht Multikulturalismus!) das gegenwärtige Europa kennzeichnet. Und Multikultur schließt Rassismus und (Selbst-)Entfremdung selbstverständlich nicht aus. Dennoch entfalten sich im Alltag immer auch neue Formen des Miteinanders (conviviality), in denen angebliche ethnische Zugehörigkeiten keine wichtige Rolle mehr spielen.

Eine kritische Reaktion auf die aktuellen Angriffe, die angeblich „intergrationsunwillige“ Migranten in den Blick nehmen, kann sich überdies an vielen Studien der (postkolonialen) Rassismusforschung orientieren. Im Rahmen der Untersuchung zu whiteness in den USA oder zur „Rassialisierung“ von Differenzen in Lateinamerika ist das diskursive Schema schon lange beschrieben worden, auf das in der jetzigen Diskussion in Deutschland zurückgegriffen wird. Wenn „subalterne“ Gruppen eine Verbesserung ihrer Aufstiegschancen erfahren – und das ist eindeutig der Fall im Deutschland unserer Tage –, suchen die Profiteure der alten, ungleichen Chancenstrukturen nach neuen Begründungen für ihre Überlegenheit – weg von der sozialen und kulturellen Ebene, hin zu den biologischen Differenzen. Da diese angeblich unüberwindbar sind, verleiht der Biologismus dem Herrschaftsdiskurs die (scheinbare) Beständigkeit, die durch den Aufstieg der „Subalternen“ gefährdet wird.

Das postkoloniale Repertoire verfügt über zahlreiche Instrumente, die bereits in ähnlichen Diskussionen ihre argumentative Effizienz bewiesen haben. Liest man zum Beispiel in der klassischen Auseinandersetzung der postkolonialen Studien um die Frage der Repräsentation der „Subalternen“ nach, stößt man bei Gayatri Chakravorty Spivak oder Ella Shohat unmittelbar auf Argumente, die die gegenwärtigen Versuche „deutscher“ Frauen und Männer, im Namen der Rechte der „Kopftuchfrauen“ zu sprechen, als grotesk entlarven. In solchen Fällen ermächtigt der Verweis auf die „Subalternen“ nur die Sprechenden selbst, während die Stimme der Unterdrückten verschwiegen wird.

Ein Schweigen, zwei Antworten

Man könnte die Aufzählung postkolonialer Anregungen zur aktuellen Debatte in Deutschland noch weiterführen. Man könnte die Ausführungen Homi K. Bhabhas oder Stuart Halls zur relationalen Konstruktion von Differenzen hinzuziehen oder die Arbeiten von Nilüfer Göle zum europäischen Islam der Einfachheit halber gleich wortwörtlich auf Deutschland übertragen. Aber dabei würde man nur feststellen: Ein Mangel an triftigen Argumenten herrscht keineswegs.

Und es ist auch keineswegs so, dass das Projekt des Postkolonialismus überholt sei. André Lepecki – ein in Brasilien geborener, in Portugal aufgewachsener, in den USA lebender und unter anderem in Deutschland arbeitender Kurator und Dramaturg, der zu den führenden postkolonialen Theoretikern mit Blick auf performative Künste zählt – hat unlängst darauf hingewiesen, dass es zwar modisch geworden sei, das zu behaupten (weil das akademische Feld wie alle anderen Bereiche unserer Gesellschaft der Unterscheidung von In/Out, der Vorstellung von Hypes unterliegt) – das wir tatsächlich aber in einer Zeit der Neokolonialisierung leben. Warum aber schweigt der deutsche Postkolonialismus weitgehend zur „Integrations/Islam-Debatte“? Ich kenne zwei Antworten.

Der erste Grund für das Schweigen ist institutioneller Natur. Die postkolonialen Studien haben sich in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen, asiatischen oder amerikanischen Ländern erst sehr spät konstituiert. Zwar gibt es heute bereits einige etablierte Zentren und Schriftenreihen in renommierten deutschen Universitäten beziehungsweise Verlagen. Wie die Soziologin Encarnación ­Gutiérrez-Rodríguez von der University of Manchester aber feststellt, entsteht der wissenschaftliche postkoloniale Diskurs völlig losgelöst von den postkolonialen sozialen Bewegungen. Dazu kommt, dass sich der akademische Postkolonialismus heute wie alle anderen wissenschaftlichen Strömungen um Anerkennung und Ressourcen im Rahmen einer reformierten Wissenschaft bemüht, die politisches Engagement nicht nur nicht belohnt, sondern es mitunter sogar bestraft.

Raus aus der Akademie

Die andere mögliche Antwort für die Zurückhaltung der deutschen postkolonialen Studien liegen im politischen Feld selbst. Als neu etablierter Forschungsbereich fällt es dem deutschen Postkolonialismus schwer, sich im diskursiven Minenfeld der Migrationsdebatte zu positionieren. Emanzipatorische und herrschaftskritische Argumente verlieren dabei ihre Eindeutigkeit, weil die Debatte Sachverhalte miteinander vermengt, zu denen die postkolonialen Studien dann als Aporien erscheinen können. Anders gesagt: Wenn der Postkolonialismus das Bild der homophoben muslimischen Männer nuancieren will, kann es ihm zugleich nicht darum gehen, Schwulen und Lesben ihren Freiraum zu entziehen. Wenn der Postkolonialismus die pauschale Kriminalisierung junger Migranten aufdecken will, darf er dabei das Gebot eines gewaltfreien Miteinanders nicht in Frage stellen.

Die postkoloniale Antwort auf diese zweifellos tückische Machtkonstellation kann jedoch in keinem Fall ein indifferentes Schweigen bleiben. Hier muss das postkoloniale Feld seine Fähigkeit auf die Probe stellen, Essenzialismen zu dekonstruieren, künstliche Polarisierungen aufzubrechen, um eine neue Begrifflichkeit auf die Tagesordnung zu setzen. Wie für den Marxismus oder für die Kritische Theorie, aus denen der Postkolonialismus in gewisser Weise hervorgeht, stellt das politische Geschehen der Nährboden dar, aus dem eine kreative und qualifizierte postkoloniale Wissenschaft wächst (oder eben nicht). Einem rein akademischen Postkolonialismus würde schnell die Luft ausgehen.

Sérgio Costa ist Professor für Soziologie und Direktor des Lateinamerika-Instituts der Freien Universität Berlin

14:45 17.01.2011

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